Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Weiterbildung

Kaum Jemanden im deutschen Mainstream der BNE ist aufgefallen, dass die BNE als ein „angebotsorientiertes Konzept“ für den formalen (abschlussbezogenen) Bildungsbereich entwickelt wurde. In zwei Bund-Länderprogrammen je über 4 Jahre wurden federführend von Gerhard de Haan wesentlich für den Schulbereich didaktische Beispiele entwickelt, das Konzept wurde ausdifferenziert als Hauptcharakteristikum zählen die Unterkompetenzen der Gestaltungskompetenz, etc. Salopp formuliert, kann man BNE beschreiben, als ein Bildungskonzept für Schüler, das ihnen Kompetenzen zu den Herausforderungen einer Gesellschaft auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen (nachhaltigen) Gesellschaft vermitteln soll.

Genau da liegt bzgl. der Weiterbildung der Hase im Pfeffer. Einem Schüler oder Studierenden kann man vorschreiben, welchen Kompetenzlevel er erwerben soll, welche Inhalte anzustreben sind, welche Methoden gewählt werden sollten. In der Weiterbildung dreht sich die Situation. Der Bildungsnachfragende hat ein Problem, das er nicht aus eigener Kraft lösen kann. Er sucht nach Angeboten, die seinem spezifischen Bildungsbedürfnis gerecht werden. Eine gute Weiterbildungseinrichtung muss am Markt vorfühlen, welche Bedarfe bestehen, und entsprechende Angebote planen.

Wer einem „Nachhaltigkeitsproblem“ gegenübersteht, verlangt nach einem entsprechenden Angebot.

Ein Beispiel:

Der Hausbesitzer Mayer verfolgt über Zeitung und Fernsehen seit längerem die Klimadebatte und kommt zu dem Entschluss, in seinem Hause Klimaschutzinvestitionen zu unternehmen, um damit sein persönliches Verhalten als ein „nachhaltiges“ auszuweisen, mit dem Nebeneffekt, langfristig Energiekosten zu sparen. Vorgespräche mit Handwerkern ergeben, dass der Installateur ihm eine neue Heizung aufdrängen will, der Schreiner will ihm Isolierfenster montieren, ein Bauunternehmer hält die Dachisolation für das Beste und ein Elektriker rät ihm zur Photovoltaik. Herr Mayer merkt, hier liegt ein komplexes technisch-wirtschaftliches Problem vor, wenn er das Ziel verfolgen will, die von ihm verursachten CO2-Emissionen mit seinen Mitteln optimal zu reduzieren. Er misstraut den Experten, und will sich selber zum Thema schlau machen. Weiterbildung ist angesagt. Er möchte gern wissen, welche Wirkungsgrade mit welchen Technologien zu welchem Preise in seinem Falle erzielt werden können, um einen optimalen Mix zu erhalten. Herr Mayer wählt das Angebot seiner Volkshochschule „CO2-Reduktion beim Häuserbau.“ Dieses Angebot wird unter dem Raster einer „Schul-BNE“ als rein umwelttechnisches „disqualifiziert“, weil es keinen Generationen-, keinen Eine-Welt-, keinen sozialen und keinen wirklich ökologischen Bezug enthält. Wir gelangen aus der Schulperspektive zu dem absurden Punkt: Herr Mayer hat ein Nachhaltigkeitsproblem mit Bildung gelöst, aber diese Bildung war gar keine Nachhaltigkeitsbildung!

Die Lösung dieses Dilemmas ist ganz einfach, die (Mainstream) Schul-BNE ist eine gute Sache, aber BNE in der Weiterbildung ist eine ganz andere Sache. Für die Weiterbildung macht es keinen Sinn, jedem Angebot einen Kompetenzkanon vorspannen zu wollen, der dabei erstrebt werden muss. D.h. die Gestaltungskompetenz als Leitmaxime der Schul-BNE, kann im Weiterbildungsfall nicht mehr leitend sein. Zur Planung von BNE-Angeboten in der Weiterbildung sind in erster Linie Bedarfsanalysen vorauszuschicken, was sind drängende Nachhaltigkeitsfragen in der Region, bei den Zielgruppen, und für diese muss tailorisiert nach den Fragestellungen Hilfestellung geboten werden. Ein Blick auf den Rohtext im Kapitel 36 Der Agenda 21 von Rio zeigt dazu, dass die BNE-Weiterbildung als Akteur in den Prozess einer lokalen Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit einzubinden ist. Das sind im Prinzip ganz andere Anforderungen, als sie sich einem Schullehrer stellen, der BNE vermitteln möchte.

Leider ist dieser Aspekt einer eigenen Ausprägung von BNE in der Weiterbildung öffentlich und in der Literatur viel zu wenig diskutiert, so dass großräumig ein Bewusstsein hierzu unter den Weiterbildungsexperten fehlt.

Ein Zwitterfeld ist die außerschulische Bildung. Ein Großteil außerschulischer Bildung vollzieht sich in Umweltzentren, die häufig nachgelagerte Schulbildungsbehörden sind, weil ihre Hauptklientel aus Schulklassen besteht, die darin Schulunterricht mit anderen Methoden und eben am anderen Ort erfahren. Solange ein außerschulisches Bildungsangebot dieser Einrichtungen auf das Curriculum der Schule abgestimmt ist, liege ich mit der Schul-BNE richtig. Wenn aber in einer solchen Einrichtung mit Angeboten Eltern, Familien, Berufszweige (besonders Vertreter der unteren Naturschutzbehörde) angesprochen werden sollen, dann betreibt sie Weiterbildung, und dann sollte sie die Gesetzlichkeit der „Weiterbildungs-BNE“ befolgen, wenn sie Erfolg haben will.

 
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Social Media und E-Learning

Googelt man nach „Social Software“ oder nach „Lernen 2.0“, dann findet man insbesondere auf Seiten von beruflich engagierten E-Learningexperten großes Lob, das Lernen wird revolutioniert, alles was vorher war, kann man vergessen, etc. Worum geht es? In Anlehnung an WEB 2.0 wird hier auf die hohe soziale Kommunikation im Internet verwiesen. Und wenn schon nach der jüngsten Internetstudie (JIM 2011) fast 90% der 12-19 jährigen sich in sozialen Communities bewegen, wieso sollte dann nicht der Lehrbetrieb an Schule, Hochschule und Weiterbildung auf dieser Welle mitschwingen, dass nicht nur mit bla, bla, bla getwittert wird, sondern dass man auch zu Goethes Faust interaktiv twittern könnte. Das ist theoretisch schön überlegt, denn moderne Lerntheorien favorisieren das selbstgesteuerte Lernen, wo im Maximalfall die Lernenden selbst entscheiden, welche Inhalte, sie mit welchen Zielen, welchen Methoden und an welchem Orte sich aneignen. Bislang hatte man das Lernen im Netz bzw. das Lernen mit interaktiven Medien bereits in dieser Richtung interpretiert, weil ein Netzlernender den Zeitpunkt, und die Lernaktion selbst bestimmen kann. Leider hat schon beim „klassischen“ E-Learning die Heilsversprechung, man habe es hier mit einer revolutionären Lernform zu tun, die alles Vorherige in den Schatten stellt, nicht richtig funktioniert. Zu Beginn des Jahrhunderts wurden große Forschungssummen aus heutiger Sicht „verbrannt“, denn fast nichts von dem, was da an Lernsoftware und Content (Lerninhalte) produziert wurde, ist heute noch brauchbar, und die Akzeptanz solcher Angebote war erschreckend niedrig. In der Mitte des ersten Jahrzehnts ruderte man mit dem neuen Konzept „blended learning“ etwas zurück, d.h. weil 100% E-Learning nicht klappen wollte, sollte es jetzt eine Mixtur aus Präsenz- und Onlineangeboten geben. Jede bessere Bildungseinrichtung kündet seitdem auf ihrer Homepage „Blended Learning“ an. Wenn man dann nachschaut sind diese Angebote meist marginal vertreten. Was sich bis heute zumindest an den Universitäten zunehmend aber auch an Schulen und Weiterbildungseinrichtungen durchgesetzt hat, ist E-Administration, bzw. E-Support. Ein Begriff, den man weniger googeln kann, weil ungern zugegeben wird, dass das moderne Internet mit all seinen Lernplattformen darauf wesentlich dazu da ist, Lernende zu verwalten, Skripte bereitzustellen, und Prüfungsaufgaben und Noten zu verschicken. Neuerdings versucht man dem Massenbetrieb bei Vorlesungen durch Videoaufnahmen zu unterstützen, die nach der Vorlesung von denen im Netz eingesehen werden können, die die Vorlesung verpasst haben, oder wegen Überfüllung nicht mehr hineingekommen sind. Alles schön, aber das ist keinen Lernen mit dem Netz.

Wegen dieser Stagnation im E-Learning musste wohl ein neuer Begriff her, damit wieder Schwung in den Laden kommt. Schaut man sich ein „virtuelles Klassenzimmer“ oder eine gut entwickelte Lernplattform, wie z.B. „Moodle“ an, dann enthält diese eine Vielzahl interaktiver, kommunikationsorientierter Instrumente. Die Lernenden können darauf Chatten, sie können auf Foren diskutieren, sie können gemeinsam an einem Dokument arbeiten (ein Wiki), sie können im Profil Bilder hochladen, es gibt eine Mailingliste der Eingeschriebenen, etc. ABER, und hier setzen die 2.0er an, die Instrumente sind fix vorgegeben, so wie eine Tafel im Klassenzimmer hängt, und im Zweifelsfall auch ein Beamer auf Bestellung eingefordert werden kann. Warum den Lernenden die vorgegebenen Instrumente, die nach Lehrbetrieb riechen, aufzwingen, wenn sie doch diese Instrumente bereits in ihrem Privatleben auf facebook und co. verwenden? Lautet der Einwand.

Es gibt eine sehr triviale Entgegnung. Jemand twittert, weil es ihm Spaß macht, sich mitzuteilen. Wer ein Lieblingsthema hat, und Schreibdruck verspürt, beginnt mit einem Blog, wer bunte Alltagskommunikation mit Freunden sucht, und nicht ausgeschlossen sein möchte, geht ins facebook, etc. Wer in die Schule geht, und ein Abitur anstrebt, weil das die Eintrittskarte ins bessere Leben ist, der diskutiert über einen Klassiker, weil der Lehrplan das vorschreibt. Die Lehrerin mag das ganz toll und zeitgemäß finden, aber für die Schüler ist es eine Zwangshürde auf dem Weg zum Abitur, die sie möglichst stressfrei überwinden möchten. Wenn die Lehrerin nun, 2.0-gläubig, einen Goetheblog kreiert, und ihren Schülern nahelegt, die Aufgaben in den Blog zu schreiben, und die Beiträge auch untereinander zu diskutieren, dann zwangsbloggen ihre Schüler, weil sie eine gute Note brauchen, aber mit „normalem“ bloggen, d.h. mit dem real existierenden WEB 2.0 hat das nichts mehr gemein, und der pädagogische Mehrwert dürfte gleich null sein.

Wenn eine Weiterbildungseinrichtung einen Kurs zum Thema: „Wir bloggen zur Geschichte unseres Stadtteils“ anbietet, dann kann das ein sehr erfolgreiches Konzept sein. Freiwillig kommen die Leute, die ein Interesse an der Stadtteilentwicklung haben, und die etwas zum Bloggen lernen wollen. In diesem Setting würde ich vermuten, kann eine Lehrende als echte Lernbegleitung auftreten, und die Lernenden werden hochgradig selbstgesteuert in die Blogsphäre eintauchen. Die Lehrende wird wie bei spielenden Kindern mehr auf gleichberechtigte Teilhabe als auf Inhalte achten müssen. Und die Leute werden sehr viel über ihren Stadtteil lernen, sie werden Stolz auf das Ergebnis sein und Spaß haben. Learning 2.0 kann schon gut sein, aber es ist mitnichten das Wundermittel gegen den erstarrten, zertifikatsorientierten Lehrbetrieb.

 
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Digitaler Klimawandel?

Im Zuge des Lernen 2.0 Hype sagen die progressiven Journalisten den Untergang des Buches gegenüber der Auferstehung der Clouds voraus. Martin Lindner beschwört am 7.12. in der taz „Das Buch verdunstet in der Wolke“ den Untergang des gedruckten Buches, wie einst der Untergang des Theaters gefürchtet wurde angesichts des aufkommenden Films. Taz-Chefpädagoge Christian Füller legt am 27.12. mit dem Kommentar „Vom Server lernen“ nach. Er kritisiert die Schulbuchtrojaner, die er als letzten hilflosen Versuch ansieht, das Buch (bzw. den Profit daran) in der Schule zu retten. Was wir bräuchten, sei die Inhalation verflüchtigten Wissens aus den Tiefen des Netzes, wo alles zu finden sei. Beide Autoren kritisieren zu Recht schlechten Unterricht mit Buchvorlagen in den Schulen. Sie schütten aber das Kind mit dem Bade aus, wenn mit dem angeblichen digitalen Klimawandel der Bildungssektor voll auf die digitale Seite verwiesen wird. Sie unterschätzen dabei die Bedeutung zusammenhängender Darstellungen, wie sie nun einmal in der Buchform, von einem guten Lektor redigiert, zwischen Deckel gebunden, möglich und nötig sind.

Wer ein profundes Fachwissen hat, kann mit dem Häppchenwissen aus der Wolke glänzend arbeiten, aber Lernende denen der Überblick fehlen, klicken bei Wikipedia, und müssen das glauben, was da steht. Die Aneignung neuen Wissens durch Netzrecherche ist ein ziemlich komplexer Vorgang, der eigentlich erst ab einem bestimmten Wissenslevel des Recherchierenden erfolgreich und produktiv verlaufen kann. Dieser kritische Einwand gilt gegen eine Buchlektüre nicht, weil in einem Buch, oder auch in einer Fachzeitschrift herrschendes Wissen, das auf Erfahrung der Autoren aufgebaut ist, gut konsumierbar geronnen wurde, so dass einem Leser sich so etwas wie eine ganzheitliche Welt zum Stoff aufbaut, was Orientierung ermöglicht. Im (guten) Buch kommt zwar auch nur die Gesamtschaut der Autorenerfahrung zum Ausdruck, aber das spannt ein Bedeutungsgebäude auf. Ein punktuelles Rechercheergebnis ist dagegen ein aus dem Kontext gezogenes Informationspuzzel, das in ein Wissensgebäude gehört, von dem der Recherchierende im Zweifelsfall keine Ahnung hat, bzw. das ihm keine Gesamtorientierung vermittelt.

Ich bin Betreuer und Gutachter vieler Masterarbeiten. Dabei sehe ich in der Regel, dass eine schlechte Masterarbeit, d.h. eine solche, die weder der Darstellung noch der Lösung einer Fragestellung gerecht wird, als Ergebnis ein hilfloses Puzzel von schlecht passenden Zitierungen darstellt. D.h. dem Schreibenden fehlt eine Orientierung im Fachfeld, die er sich offensichtlich in seinem Rumgewusel in der Cyberwolke  nicht verschaffen konnte.

Man könnte sagen, der hat eben noch nicht richtig recherchieren gelernt. Meine Gegenthese ist, zum richtigen Recherchieren bedarf es eines zusammenhängenden Hintergrundwissens, das ich mir durch die (ebenfalls nicht ganz triviale) verständnisvolle Lektüre von Büchern besser aneignen kann. D.h. das „Festwissen“ aus Büchern und die Bits aus der Cloud können und werden sich gut ergänzen. Wer Büchern den Tod ansagt, öffnet einer Idiotengesellschaft die Tür. Und wenn dann noch gegen Bücher in der Schule gewettert wird, wo soll dann überhaupt eine Kompetenz entstehen, Dinge in Zusammenhängen kennen zu lernen?

 
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Nachhaltigkeit in der FR

Im Artikel „Boom bremst ökologischen Fortschritt“ berichtet Bernd Salzmann in der FR vom 22.12.2011 über den Nachhaltigkeitsindex der KfW. Erfreulicherweise gibt es dazu auch die oben abgebildete „Erklärungsbox“ zum Begriff „Nachhaltigkeit“. Man braucht nur unter Nachhaltigkeit bei Wikipedia zu klicken, dann findet man die Quelle, auf die der Autor sich hier stützt (ohne das  zu nennen, aber seis drum). Auch wenn Wikipedia angeblich dem Brockhaus den Rang abgelaufen haben soll, so ist das eine Stelle, wo die Wikipediaautoren nicht von bester Fachkenntnis getragen sind.

Man schaue in meinen Blogbeitrag zur Nachhaltigkeit, da habe ich ausgeführt, dass der moderne Nachhaltigkeitsbegriff sich von  „Sustainable development“ herleitet, ein Konstrukt, das von der Brundtlandkommission 1987 als Kompromiss zwischen weiterem Wachstum und zukünftiger Begrenzung festgezurrt wurde. Als Meilenstein sollte dann Rio und nicht der Club of Rome genannt werden. Sowohl der Bezug auf die deutsche Forstwirtschaft, als auch der Bezug auf „Die Grenzen des Wachstums“ sind wesentlich ressourcengeleitete Ansätze, denen genau die Brisanz einer Austarierung von Ökonomie Sozialem und Ökologischem fehlen. Die Bedeutung der Club of Romstudie als erste weltweit verbreitete Warnung, „so gehts nicht weiter“, will ich gar nicht schmälern, aber die Kritik daran war, dass in der Simulation sozialpolitische und systemische Unterschiede z.B. in den Nord-Süd- und Ost-Weststrukturen überhaupt nicht berücksichtigt wurden.

Begreift man das Sustainable Development im Sinne von Frau Brundtland und von Rio als eine gesellschaftspolitische Aufforderung, alle Anstrengungen in Richtung einer „nachhaltigeren“ oder „zukunftsfähigeren“ Entwicklung auszurichten, dann belegt der  KFW-Nachhaltigkeitsindikator die Schwierigkeit quantitativer Indikatoren. Betrachtet man die Energiewende in Deutschland, die weltweit ein Novum darstellet, auf dessen Ausgang international bzgl. Nachhaltigkeit große Hoffnungen gesetzt werden, dann müsste man eigentlich das Jahr 2011 für Deutschland mit dem Prädikat A++ versehen, was aber dem KfW-Indikator nicht gelingt.

 
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Wer hat denn nun Recht?

Zum Artikel „Im Kampf gegen die Kremelbots“

In der heutigen taz (21.112.2011) beschreibt Alissa Starodub die wichtige Rolle des Netzes in Russland bei der neuen Erstarkung der Oppositionsbewegung gegen Putins Wahlbetrüge. „Blogs, soziale Netzwerke und andere Informationsseiten flogen bislang weitgehend unter dem Radar staatlicher Einflussnahmen oder Zensur – anders als Zeitungen oder TV – Sender.“ Man darf fragen, stimmt das? In der Kontroverse zwischen den internetkompetenten Bloggern Evgeny Morozow und Clay Shirky sagt ersterer, die Diktaturen lassen die Netzwerke (Blogs, Facebook, ..) deshalb laufen, weil sie darüber Kontrolle über die Bewegung haben, und letzterer bringt viele Beispiele, wo bei Unruhen versucht wurde, über Zensur die Medien abzuschalten, was ein Beleg dafür sei, dass die Unterdrücker die Macht dieser Medien fürchten. Der taz-Artikel macht die staatlichen Gegenmassnahmen zum Thema, d.h. Putinanhänger (bzw. bezahlte Büttel) überschwemmen Regimekritische Darstellungen mit Beschimpfungen, das ist aber im Zweifelsfall die harmlosere Variante der staatlichen Nutzung der sozialen Netze.

Vielleicht ist jeder Fall gesondert zu betrachten. Zum Tahirplatz sind Demonstranten erschienen, weil sie in Facebook davon erfahren haben, und es sind andere Demonstranten aufgrund anderer Kanäle dort erschienen, und haben dann erst angefangen zu twittern und Bilder auf facebook zu posten – es ist mengenmäßig sehr schwer einzuschätzen, was da die Oberhand hatte. Ich meine, man sollte die IT-Kompetenzen der russischen (und anderer) Geheimdienste nicht unterschätzen, und wäre sehr vorsichtig in der Frage, ob die sozialen Netze wirklich unterhalb der staatlichen Zensur fungieren. Im taz-Artikel läßt die Autorin eine Bloggerin sagen, es wären inzwischen so viele regimekritische Postings im Netz, dass die Polizei halb Moskau verhaften müsse – also bestehe keine Gefahr. Erstens ist mit Sicherheit nicht halb Moskau in sozialen Netzwerken kritisch aktiv, und zweitens pflegen in Diktaturen die Geheimdienste Daten in Akten zu sammeln, die sie dann erst bei Gelegentheit willkürlich hervorziehen, und nicht immer gleich nutzen.  Z.B. falls besagte Bloggerin sich demnächst als Journalistin bewirbt und abgewiesen wird, darf man vermuten, warum.

In der Frage, haben soziale Netze eine demokratische Sprengkraft oder nicht, bin ich bislang noch unentschieden, neige  aber etwas in Richtung des Internetkritikers Morozow.

 
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Skypevortrag

am 16.12.2011 halte ich (meinen ersten) virtuellen Vortrag mit Skype. Es handelt sich um ein Seminar in Belgrad, die Studierenden sind Lehramtskandidaten, das Thema ist „Von Rio zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland.“ Es ist eine professionelle Übersetzerin an Bord, die in Belgrad meine Ansage simultan übersetzt.

Wenn man in Skype den Bildschirm freigibt, dann sehen die Empfänger mich nicht mehr, und das Bild der WEB-Cam in Belgrad ist so klein, dass ich die Zuhörer auch nicht sehe. Damit habe ich das Problem, dass ich blind an eine Zuhörerschaft rede, von der ich nicht weiß, ob sie mitgeht, oder ob sie sich schon langweilt. Und nicht ich rede zu den Hörern, sondern meine Übersetzerin spricht zu ihnen. (Die Powerpointfolie hatten wir in serbisch übersetzt, so dass die Studies in ihrer Sprache mitlesen konnten.)

Nächstes Problem, das Thema war sehr weitgespannt, anspruchsvoll, so dass ich ziemlich abstrakt und gerafft vortragen musste. Auflockernde Scherze, sind mir dabei nicht gelungen, wahrscheinlich war das etwas tröge.  Und als ich dann am Schluss darum bat, mir Fragen zu stellen, habe ich zwar die Bildschirmübertragung wieder abgestellt, aber ich habe in der Aufregung auf meinem Bildschirm nicht mehr mein eigenes Bild gefunden, so dass ich nicht sehen konnte, wie ich gerade rüber komme. So ganz glücklich war ich nach den gut 40 Minuten (wahrscheinlich für eine fremdsprachige  Skypeeinlage bereits zu lange) nicht. Mein Partner mailte mir zurück, dass die Inhalte über die Übersetzung nicht so ganz einfach zu verfolgen waren, und der Vorwissensstand seiner Studierenden gering, aber er wolle gerne weiter mit mir experimentieren.

Immerhin, einen Flug, oder eine Zugfahrt gespart, d.h. der ökologische Fußabdruck dieser virtuellen Einlage war sehr viel geringer, als wenn ich da präsent erschienen wäre. Adieu, Vortragstourismus – Belgrad wäre sicher eine spannende Stadt gewesen.

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(Leider wird diese Präsentation in Slideshare nicht ganz richtig wiedergegeben, weil es nicht eine ppt von Microsoft, sondern weil es eine .odp von LibreOffice war.)

 

 
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facebook verlassen

Facebbok für Ältere?

Ich wollte nicht immer nur über Facebook lesen, von Facebook hören,  und habe mich angemeldet, um selbst einmal zu erfahren, was ist das Facebook?

Vom Homepagedenken her, und mehr als Schreiberling stelle ich fest, es geht viel mehr um Bilder, Ikons und Kommentare. Aus meinem realen Bekanntenkreis sind schon einige in Facebook, das werden meine ersten Freunde. Da stehen sie nun als Link, und was dann? Nichts. Meine Generation organisiert sich nicht über facebook, man macht höchst selten mal auf einen Link aufmerksam – eigentlich tote Hose für Oldies. Frage, warum sind die eigentlich drin? Ich unterstelle mal den Herdentrieb, man vor allem Mann will jung und modern erscheinen, man könnte was verpassen, will ja kein Grufti sein. Dann gibt es den, der gerne schreibt, aber kein Verlag will ihn haben. Also selbst veröffentlichen, Facebookseite anlegen und sich selbst bewerben. Schreibstube für die verkannten Autoren.

Dann fragt mich eine ehemalige Studentin und eine Tochter eines Freundes an. Jetzt kommt Jugend in die Bude. Mein täglicher Stream füllt sich plötzlich mit Partybildern, Spielzügen (ein obersimples, dämliches Facebookspiel) und Trallala, was mich gar nicht interessiert. Ich entdecke den segensreichen „hide“ Button. Ich exibitioniere mich selbst mit ein paar Bildern in der Fotogalerie. Beim Hochladen ist die Standardoption  Öffenlichkeit, ich finde es ätzend jedesmal aktiv für private Veröffentlichung sorgen zu müssen.

Dann kommen Anfragen früherer Weggefährten, die mich irgendwie entdeckt haben. Das ist ein echter Mehrwert, hier kann man an Verlorenes anknüpfen, ein bisschen Geschichte auffrischen (oder es auch sein lassen). Nun sehe ich, was die so treiben. Für Voyeursgelüste nicht schlecht. Auch Zufallsleute, weil es ja schick ist möglichst viele Freunde zu haben, erscheinen in der Kontaktsuche. Eine Anfrage aus den USA, sexy junge Frau (Profilbild), will mein Freund werden. Ich frage zurück, wieso sie mich ausgesucht hat. Es entwickelt sich ein simpler Dialog, wobei sie wenig von sich sagt und immer nur von mir etwas wissen will. Ich Lese gerade über „bots“ im Internet und bei facebook (das sind automatische Programme, die Dialoge vortäuschen), und frage sie auf Ihrer Seite, weil unsere Dialoge so mechanisch sind, ob sie einen bot organisiert habe, um traffic zu erzeugen? Sie ist stocksauer (fuck you etc.) war wohl nicht. Ich entschuldige mich – es ist nicht meine Welt.

Als ich von Constanze Kurz + Frank Rieger, Die Datenfresser.. lese, und erfahre, dass ein Mitglied dem Facebookwert um 25 $ steigert, und all die Debaten über den Datenklau dieser Konzerns verfolge, entschließe ich micht zum angeleiteten Austritt aus dem Verein. Im Keller bin ich dort noch gelagert, aber auf der Oberfläche bin ich restlos beseitigt.

Und nun habe ich keine Freunde mehr, kriege keine Anfrage einer sexy jungen Frau und sitze ganz allein vor meinem Blog, der z.Zt. völlig privat im Cyberraum dümpelt.

Ich habe aber auch schon die Alternative Google+ ausprobiert. Dieser Datenschluckkonzern ist natürlich um nichts besser als facebook, aber  cleverer. Das Imperium schlägt nun zurück und zimmert den Vielleicht-Facebook-Nachfolger. In Google+ gibt es für Leute, die mehr als Trallala wollen gute Werkzeuge.

Ganz begeistert hat mich das „hangout“, mit dem man Videokonferenzen zu mehreren (bei Skype kostet das Geld, hier ist es frei) machen kann, und der Clou, man kann im erweiterten Modus z.B. eine Worddatei einfügen, an der alle beteiligten im Hangout gemeinsam arbeiten können (application sharing). Das ist schon ein gutes Kommunikationswerkzeug. Die Circellösung, nach dem man mit einem Klick entscheidet, wer welche Postings einsehen darf, ist ebenfalls zu loben. Aber allein der Umstandt, aus Facebook lernen und es besser zu machen, wird facebook kaum verdrängen können. Wer anspruchsvolle tools einbaut, dem werden die Massen nicht die Bude einstürmen. Schade. Denn in Google+ dümpele ich schon zwei Monate, und noch hat mich niemand um Kontakte angefragt.

 

 
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Von Rio zur deutschen BNE

Bildung als Vehikel für SD-Umsetzung

Die voranstehnde Grafik zeigt, dass die Ausgangslage, die zu einem neuen Bildungsmodell, der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) führte, alles andere als rosig war. Die herrschenden Eliten der ersten und 3. Welt wollten Wachstum mit dem Argument, nur so könne man zu Wohlstand und Gerechtigkeit kommen. Die linken Oppositionen, die Nichtregierungsorganisationen (NGO) und die Naturschützer hielten das Raumschiff Erde für endlich und überlastet, sie wollten eine Abkehr vom reinen Wachstumsdenken, mehr Demokratie und mehr Umwelt. Die Brundtlandkommission erfand die Kompromiss-Formel der „nachhaltigen Entwicklung“, der alle zustimmten, ohne je festgezurrt zu haben, was das konkret bedeuten soll.

So traf man sich auf der Weltentwicklungskonferenz in Rio 1992. Wenn Kyoto, Kopenhagen und kürzlich Durban nur mühsam  Klimaverpflichtungen definieren konnten, so konnte Rio zu dieser Zeit zur Weltrettung rein gar nichts Konkretes erbringen. Es entstand neben anderen Papieren die Agenda 21, ein Papier, in dem die Atomlobby ebenso zu Wort kommt, wie Umweltschützer. Viele Autoren haben daran geschrieben und redigiert, am wenigsten wohl PädagogInnen. So entstand das Bildungskapitel 36 des Agenda 21-Pamphlets in dem sehr traditionell normativ der Bildung die Bürde aufgehalst wurde, den Bewußtseinswandel in der Bevölkerung voranzutreiben, wobei aus der Feder der beteiligten NGOs starke gesellschaftspartizipative, zivilgesellschaftliche Formulierungen eingebracht wurden. Damit ist das Urgestein BNE zwar pädagogisch veraltet (Postulatenpädagogik) aber politisch doch sehr aufgerüstet. Immerhin, das ist ein völkerrechtverbindliches Dokument, das die Beteiligten verpflichtet, es auch umzusetzen.

Schauen wir, was besonders in Deutschland daraus gemacht wurde:

 

Der linke Kasten zeigt, dass in den meisten wenig technisch und wirtschaftlich entwickelten Ländern der Antrieb für BNE als ein Grundbildungsgebot verstanden wurde. Schließlich brauchen die Länder mit hohen Analphabetenzahlen bzw. mangelhaften Ausbildungssystemen erst mal Bildung überhaupt, um die Grundbedürfnisse besser zu erfüllen.

In Deutschland haben sich idealerweise zu Beginn die Umwelt und die Entwicklungs NGO (BUND/Misereor) zusammengetan und die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ mit recht konkreten Leitbildern entwickelt, die auf eine massive gesellschaftliche Veränderung hinauslaufen, aber ohne dabei Bezug auf das Kapitel 36 zu nehmen, d.h. ohne Bildungsüberlegungen. Im selben Jahr wurde ausgehend vom Bildungsministerium, das unter internationalem Berichtsdruck stand, zu der Zeit aber auch einen ökologisch sehr passionierten hohen Staatsbeamten hatte, mit der BLK (damalige Bund-Länder-Kommission) ein Orientierungsrahmen entwickelt [da habe ich den Teil für die Weiterbildung geschrieben]. Wir Autoren aus den unterschiedlichen Berufsfeldern wußten mit den wenigen Vorgaben des Rio-Papiers wenig anzufangen und besannen uns, wenn schon neu – dann ordentlich pädagogisch neu, also reformpädagogisch zu formulieren. Den normativen Touch nahmen wir zurück, weil in der damaligen Bildungspolitik bereits die „Nachfrageorientierung“, das liberale Credo der Selbstbestimmung der Lernenden, das Lebenslange Lernen, der Konstruktivismus etc. en vogue waren. Immerhin, in diesem Papier war das Lernen noch auf gesellschaftliche Teilhabe ausgerichtet, d.h. auf Partizipation, wie sie auch in der Lokalen Agenda-Bewegung angedacht war.

3 Jahre später, wieder über ministeriellem Anschub erhielt Professor Gerd de Haan den Auftrag ein Grundlagenpapier für ein großes BLK-Programm zur BNE zu schreiben. Mit Frau Harenberg zusammen entstand damit der zweite BNE-Meilenstein in Deutschland, der den Orientierungsrahmen theoretisch mehr unterfütterte, nicht mehr in Bildungssektoren trennte, und die damals aufkommende Kompetenzdebatte einbezog, was mit dem selbstbestimmten Lernen angelegt war. Kompetenz zielt auf den Erwerb von Fähigkeiten und nicht von Sachwissen. Damit war das Papier auch aus dem Schneider, was seine normative Bestimmung aus Rio anbelangte. Die Lernenden werden nicht zum richtigen Bewußtsein erzogen (Rio), sondern zum kompetenten Handeln. Damit war die Gestaltungskompetenz mit all ihren Unterkompetenzen geboren, die die späteren Autoren durchweg übernehmen (oder abschreiben, weil ihnen nichts besseres einfällt..).

Allerdings wurde bei dieser Modernisierung BNE auch entpolitisiert. Und das Bauernopfer war die „alte“ Umweltbildung, die als katastrophenfixiert, und nicht lösungsorientiert in die Müsliecke verschoben wurde. Dem Herrschaftsanspruch der BNE konnten zunächst die Umweltbildner kaum etwas entgegensetzen, sie ignorieren meist in der Praxis das BNE-Gedöns und betreiben mal altbacken, mal ganz interdisziplinär flott „klassische“ Umweltbildung. Nur das entwicklungsorientierte Bildungslager, Eine-Weltgruppen, mit gutem Draht zum BMZ, ging seine eigenen Wege über das Konstrukt „Globales Lernen“, das im Jahre 2008 seinen späten ministeriellen Segen mit seinem eigenen Orientierungsrahmen erhalten hat. Nach Rio sollte die entwicklungsorientierte Bildung in der BNE aufgehen. Bei uns erblüht sie. Das erfreut z.B. besonders die Fernstudierenden der Universität Rostock, die einen Studienbrief zu Globalen Lernen und einen zur BNE durcharbeiten müssen, und hinterher nicht mehr wissen, was wie zueinander steht.

Eine wissenschaftlich ausgeführtere Publikation von mir mit dem Titel: „Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung“ erscheint in der „Enzyklopädie  Erziehungswissenschaft Online“ des Juventa Verlags

 
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Meine e-Learning Erfahrungen

Als early adopter habe ich bereits Ende der 90er an der Uni Marburg mit e-learning Angeboten bei den Erziehungswissenschaften Schwerpunkt Erwachsenenbildung angefangen.

Erster Versuch (1996): „Leute, wenn Ihr vertiefende Materialien haben wollt, dann schaut mal auf diese URL, da liegen Texte und da ist ein Forum zur Diskussion.“
Ergebnis: Niemand schaut auf die Texte, im Forum tote Hose.

Zweiter Versuch: „Wenn Ihr Euer Glück nicht wollt, dann muss ich Euch zwingen.“ Ganzsemestriges Online-Seminar auf meiner Homepage selbst eine kleine Plattform gestrickt mit Inhaltsblöcken, Foren und Mailingliste. 25 Interessenten zu Beginn, als die merken, dass mit wöchentlich gewünschten Beiträgen so ein Seminar richtig Arbeit macht, gibt es ein drop out von 70 %. Ein paar Begeisterte halten mir die Stange.

Etwas erfolgreicher, und vielleicht einmalig war (1999?) ein 14 tägiges Onlineseminar zum Thema „Stand der Umweltbildung“ ohne jegliche Präsenz. Das funktionierte wohl deshalb, weil die Teilnehmenden bundesweite Mitglieder der damals von mir moderierten „Umwelbildungsliste“ mit ca. 250 Teilnehmenden waren. D.h. die kannten sich und mich von den vielen Postings über fünf Jahre. So haben wir  den recht zeitverzögerten Mailinglistendiskurs einfach ins virtuelle Seminar getragen, wo hauptsächlich auf Foren kommuniziert wurde.

Bis 2005 wiederhole ich einmal im Jahr an unterschiedlichen Universitäten zu unterschiedlichen Themen meine Onlineseminare. Ich werde professioneller, entdecke die Plattform Moodle, mit der ich bis heute arbeite, aber immer ein ähnliches Ergebnis, zu Beginn noch eine ganz nette Teilnahme, dann reihenweise Abbrecher. Die Studierenden werden besser, sie haben inzwischen alle von zuhause aus schnellen Internetzugang, sind eigentlich das Internet inzwischen sehr gewöhnt (2005 gab es allerdings noch nicht die sozialen Netze).

Einmal probiere ich an der Universität Dortmund den Einstieg ins Onlineseminar mit einer Wochenend Zukunftswerkstatt. Thema war Multimedia in der Weiterbildung, und die Studies sollten ihre Fantasiephase und auch die übrigen Phasen sehr mediengestützt durchführen. Das war  spannend, alle lernten sich bei dieser Präsenz gut kennen, so dass ich glaubte, die kennen sich, die werden jetzt toll virtuell weiter arbeiten. Leider Fehlanzeige, auch diesesmal hohe Abbrecherquote, besonders die Frauen sind mir davon gelaufen.

Dann habe ich gedacht, ok, alles am selben Campus ist ja blöd, ich biete in Dortmund und in Giessen zum selben Thema ein Onlineseminar an, so dass im virtuellen Raum wirklich örtlich entfernte Studies waren. Das lief auch gar nicht so schlecht, es gab einen guten Austausch über die Studienbedingungen an den Unis und ich hatte als Methode mich mehr auf Projektarbeit gestützt, so dass die Gruppen „organischer“ zusammenarbeiten konnten. Es gab dann auch eine sehr schöne gemeinsame Abschluss-Präsens. Das hatte richtig Spass gemacht.

A propo Gruppenarbeit: Eigentlich ist eine Gruppenarbeit in einem Präsenzseminar eine einfache Übung. Der Leiter sollte eine präzise Aufgabe stellen, dann bilden sich Gruppen, die werkeln diskutierend 45 Minuten und erstellen am Schluss eine Spiegelstrichliste oder heute oft schon eine ppt mit ihren wesentlichen Ergebnissen, die in 5 Minuten vorgetragen werden. Nicht so im virtuellen Fall. Die Gruppen gebe ich als Leiter montags vor, weil der Findungprozess übers Netz viel zu lange dauern würde. Die Aufgabe steht auf der Lernplattform, und dann fangen die an, oder auch nicht an. Wer z.B. erst freitags zum ersten Mal auf die Plattform schaut, ist zu spät dran. Es passiert häufiger, dass ich donnerstags eine verzweifelte Mail bekomme, „in meiner Gruppe sind alle abgetaucht, niemand antwortet auf meine Mails“ – schlecht gelaufen, ich bekomme ein Arbeitsblatt von einem Gruppenmitglied. Falls die Gruppe zusammenbleibt, bekomme ich aber auch nicht immer eine Gruppenarbeit, sondern meistens unzusammenhängende Einzelstücke, nicht oder mühsam in eine Worddatei gepackt. Ein Ergebnis mit Gliederung, Hinweis, wer was gemacht hat, schön zusammenhängend – ist die große Ausnahme.
Ausserdem wird an der Gruppenarbeit meist zuviel gearbeitet, der Aufwand ist viel höher als im präsenten Fall.

Und dann hatte ich 2008 an der Uni Giessen ein online-Proseminar mit 60!! Teilnehmenden im Bachelor-Studiengang, erstes Semester, über 50% der Namen klingen nach Migrationshintergrund. Bachelor und brave Erstsemester heißt Pflichterfüllung. Die wollten alle einen Schein, was mir eine ganz geringe Dropoutrate beschert hat, und eine sehr fleißige Generation, die in diesem Seminar viel geschafft hat, und es bei der Evaluation um Weihnachten auch noch ganz gut fand. Warum?

Erstens, es gab Zwang, man muss dieses Seminar bestehen, um weiterzukommen. Meine früheren Seminare waren meist freiwillig, das Studium viel legerer organisiert. Zweitens ich habe aus meiner Erfahrung meiner frühren sehr kommunikationsorientierten Seminare gelernt, und bin etwas bescheidener und anspruchsloser methodisch/didaktisch abgestiegen, ich habe „materialorientiert“ gearbeitet. D.h. für eine Woche liegt ein Text oder ein spezieller Link im Seminarraum, dazu wird eine begrenzte Aufgabenstellung formuliert, und die muss bis Ende allein oder meist in Gruppenarbeit gelöst und hochgeladen werden.
Das ist offensichtlich für Beginner nötig, denn die Kids haben heute zwar bessere Internetkenntnisse und bessere Werkzeuge dazu in ihrem Hause, aber selbständig im Netz eine neue Fragestellung zu recherchieren, Quellen abzuwägen, daraus kritische Schlüsse zu ziehen, etc. das konnten allenfalls 20% der Studies.

Seit ein paar Jahren biete ich im Netzwerk Studienqualität Brandenburg e-Teaching Fortbildungen für die Lehrenden der Brandenburger Universitäten an. Es geht nicht um Softwareschulung, sondern um Überblickswissen zum e-Learning, zur Didaktik des e-Learning und zu Möglichkeiten, das Selbststudium mit e-Learning zu unterstützen. Die Hälfte der Angebote ist ausgefallen, und wenn eins zustande kommt, dann sind wir zwischen 6 und 12 Leutchen. Soviel zur Fortbildungsresitenz deutscher Professoren. Allerdings die, die kommen sind schon engagiert, und im Saldo ist es wohl so, es tut sich allmählich etwas im e-Teaching. An der Uni Frankfurt ist die sehr engagierte Claudia Bremer, die in mühevoller Kleinarbeit konstant einiges aufgebaut hat, wovon in Brandenburg noch keine Rede sein kann.

 
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Nachhaltige Entwicklung?

Man könnte „nachhaltig“ zum Unwort erklären, weil es in vieler mißbräuchlicher Munde ist, bzw. von Vielen gebraucht wird, ohne dass sie ein annäherndes Verständnis davon haben. Und selbst die, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, haben je sehr unterschiedliche Auffassungen von dem Gesamtkonzept: Nachhaltige Entwicklung (sustainable development).

Fälschlicher Weise beginnen etliche Texte im Bildungsbereich (auch in Wikipedia) mit dem deutschen Begriff der forstwirtschaftlichen Nachhaltigkeit (Hans Carl von Carlowitz, 1713), nach dem ein Wald so bewirtschaftet werden soll, dass man immer nur so viel Holz entnimmt, wie nachwachsen kann. Nachhaltigkeit wäre danach eine Ressourcennutzungsfrage, die man ökologisch, naturwissenschaftlich klar beantworten kann.

Der Bezugspunkt „nachhaltige Entwicklung“, bzw. original  „sustainable development (SD)“, auf den sich die moderne Bedeutung des Begriffs bezieht, ist aber nicht die deutsche Forstwirtschaft, sondern  das Ergebnis eines UN Kommissionsberichtes (Our Common Future) von 1987, der sogenannte Brundtlandbericht (nach der vorsitzenden norwegischen Premierministerin benannt), in dem als mühsamer, im Prinzip sehr unkonkreter Kompromiss die Formel SD geprägt wurde. Es heißt da: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ Wer Zeitzeugen dieser Kommission nicht kennt, und den Bericht nicht gelesen hat, mag da an unsere Waldnutzung denken, de fakto wollten aber die Länder der Einen Welt massives development, um sich damit aus ihrer Armut befreien zu können, während die westlichen Vertreter kräftig auf die Bremste treten wollten, denn wenn auch noch in Afrika und Asien die rauchenden Schlote exponentiell anwachsen, dann wird es mit dem Öl bald sehr knapp und die CO2-Emmissionen kollabieren. SD – und das wird in den meisten Abhandlungen darüber verschwiegen – ist von seiner Entstehung her bereits eine Kompromissformel, die eigentlich Unversöhnliches zu vereinen sucht. Immerhin, es wurde erstmals international von Begrenzung gesprochen, wobei es ganz klar eine Frage des politischen Kampfes der weniger entzwickelten Länder gegen die hoch entwickelten Länder bleiben würde, unter welchen Bedingungen, die einen noch wachsen, und die anderen noch Federn lassen dürfen. Wie schwierig dieser Konflikt auszutragen ist, zeigen die Weltkonferenzen von Kyoto bis Durban, bei denen es kaum gelingen wollte, international abgestimmte Ressourcenbegrenzungen auszutarieren.

Den Auftakt dieser Weltkonferenzen machte 1992 die Weltentwicklungskonferenz in Rio (United Nations Conference on Environment and Development, UNCED). Sie ist eine unmittelbare Folge des Brundlandtberichtes, als Novum tagten hier nicht nur Regierungsvertreter sondern auch NGO (Nichtregierungsorganisationen) aus aller Welt. Auf dieser Konferenz sollte die Marschroute für eine nachaltige Weltentwicklung gelegt werden. Die Formel vom SD war allgemein akzeptiert, gerungen wurde in den großen Konferenzreports darum, wie man zu SD kommt. Die starke Beteiligung der meist staatskritisch und „links“ eingestellten NGOs sorgte dafür, dass hier nicht ein völlig unbrauchbares Papier bedruckt wurde. Neu war z.B. in der „Agenda 21“, dass hier in 40 Kapiteln auf über 200 Seiten die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen zusammen diskutiert wurden. Im Umsetzungsabschnitt merkt man besonders die Mitarbeit der NGOs, hier werden „lokale Agenden“ gefordert, die ein Bündnis der lokalen Akteure (Wirtschaft, Politik, Bildung, Kultur,..) bilden sollen, und Leitbilder für ein sustainable development der Region entwickeln und umsetzen sollten. Das war basisdemokratisch kühn gedacht, die Nachhaltigkeit im lokalen Diskurs zu erringen, es funktionierte aber leider weder in den entwickelten Demokratien noch (und schon gar nicht) in den mehrheitlich vertretenen Diktaturen dieser Welt.

In Rio wurden also (und konnten auch gar nicht anders) keine Wachstumsbegrenzungsziele (Ressourcenemmissionsgrenzen) verbindlich formuliert, sondern man einigte sich verbindlich auf Visionen. Und wenn man schon nicht politisch handeln konnte, so hat man als Hauptvision die Bildung zum Vehikel erklärt, mit der künftig eine nachhaltige Entwicklung in allen Ländern betrieben werden sollte. Dazu mehr im Artikel „Von Rio zur BNE in Deutschland“

 
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