Das schleichende digitale Hiroshima

Joseph Weizenbaum hat in seinem ersten computerkritischen Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (1978) – wenn ich mich recht entsinne – das Heraufkommen der Computer mit der Entwicklung der Atombombe verglichen. Damals dachte ich, hier übertreibt der alte Herr etwas, aber aus heutiger Sicht lag er mit seiner Gefahreneinschätzung gar nicht so falsch. Er befürchtete, dass Expertensysteme menschliche Entscheidungen abnehmen werden, und damit eine Entmündigung der Gesellschaft, ein inhumanes Abhängigwerden von automatisierten Entscheidungen eintreten könne. Wenn Prisma oder andere Programme den Datenheuhaufen nach Stecknadeln durchsuchen, dann wird das nach heutiger Terminologie mittels „Algorithmen“ vollzogen, die sind nichts anderes als Expertensysteme zur Datenanalyse.

Dass heute die informationstechnische Durchforstung aller privaten Datenbestände global von allen Ländern letztlich befürwortet wird, und dass  z.B. in den USA nicht einmal in den großen Medien protestiert wird, und dass auch bei uns niemand auf die Straße dagegen geht, das ist schon ein Desaster der größeren Art. Später wird man rückblickend einmal sagen, ein schleichendes digtales Hiroschima! Sofortige Verstrahlungen wurden kaum bemerkt, aber die Halbwertszeit der angehäuften Datenbestände langt allemal für viele schlimme Verstrahlungen in der Zukunft.

Eine Ursache für die Datenspähtoleranz liegt in der assymetrischen Betroffenheit. Wie bei der Stasi kann der unpolitische, kulturell kaum interessierte Bürger – und das ist die wahlentscheidende überwältigende Mehrheit – zu recht sagen, ich habe nichts zu verbergen, mich juckt das nicht! Kritiker der herrschenden Regierungsformen, kulturelle Innovateure müssen das anders sehen. Aber es geht um noch mehr, als den Schutz der Privatsphäre. In der aktuelle Debatte werden vier Bedrohungen deutlich.

  • Aushebelung der Privatsphäre (Angebliche Terror- und anderer Kriminalitätsabwehr)
  • Aushebelung des Schutzes der Wirtschaftsbetriebe (Industriespionage)
  • Abschöpfung politischer Informationen großer politischer Organe (Parlamenarier, EU-Gremien, etc.) (Politspionage)
  • Vorbereitung möglicher Cyberwars (Systemspionage)

Die Daten eines Googleimperiums werden aus Wirtschaftsinteressen verwaltet. Dabei geht es nicht um den persönlichen Herrn Meier, sondern es geht um das Cluster Meier mit seinen Informationspräferenzen. Google saugt Daten und verkauft Zielgruppen. Oder wer bei Google Umsatzstärke zeigt, kann sich auch im Suchmaschinenindex hochkaufen, etc. Das ist alles schlimm genug und ist hinreichend beklagt worden. Sowie bei Google der Geheimdienst mit am Tisch sitzt, beginnt eine ganz andere Dimension. Herr Meier wird jetzt über IP-Adressinformation als Person von außen fassbar. Aus seinem persönlichen Datenprofil läßt sich vielleicht eine denunzierende Geschichte drehen. Falls er kritischer Blogger ist, kann die Adresse in der Suchmaschine liquidiert, oder nach hinten verschoben werden (virtuelle Hinrichtung), etc.

Das Prachtbeispiel des Cyberwar ist Stuxnet, hier hat der israelische und amerikanische (und andere?) Geheimdienst über massive Industriespionage einen Computer“wurm“ erzeugt, der die Maschinerie einer iranischen Urananreicherungsanlage zum Zusammenbruch führte. Im öffentlichen Bewusstsein steht damit Stuxnet für ein Schadprogramm gegen das böse Verlangen Irans nach Atombomben. Dass man mit dem selben Mechanismus Wasserwerke, Eisenbahnsysteme, Flugleitsysteme, etc. – alles zivile Anlagen – ausser Kraft setzen könnte, wenn man einen Cyberschlag gegen ein Land führt, scheint in den Köpfen weniger präsent zu sein. Diese Cyberwaffen zielen zentral gegen zivile Einrichtungen, es sind Flächenbombardements gegen überlebenswichtige Infrastrukturen der  Zivilbevölkerung, kann man das wollen!!?

Sollte aus der europäischen, und besonders deutschen Aufgeregtheit über diese Datenmacht in Geheimdiensthänden wirklich poltisches Handeln folgen, so muss unbedingt die Massendurchforstung privater Daten verboten werden. Nicht das Schleppnetz, sondern nur die Harpune mit richterlicher Genehmigung darf den Geheimdiensten gewährt werden. Und der Cyberwar, insbesondere die Vorbereitung potentieller Angriffe, gehört international sanktioniert.

Die individuelle Forderung, schützt Eure Daten besser, damit sie nicht so leicht abgegriffen werden können, halte ich für keinen massenhaft gangbaren Weg. Oder, zeige Dich nicht mehr in der virtuellen Öffentlichkeit, kann auch keine gute Empfehlung sein, zu sehr ist Netzpräsenz auch ein Ausweis für gesellschaftliche Teilhabe.

Gegen alle zu erwartenden Verfehlungen bleibt eine Hoffnung, dass die Algorithmen nicht das leisten, was ihre Auguren von ihnen hoffen. Denn das Heuhaufenprinzip heißt eben auch, astronomisch hohe Datenbestände automatisch auswerten zu müssen, weil es anders nicht geht. Das Kartell der „Bösen“ weiß das, und braucht nur in seiner Datennutzung intelligente Nebelbomben zu werfen, und schon sind die Algorithmen blind.

 

 
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Erfahrungsbericht zum Onlineseminar

 

An der Universität Gießen am Institut für Erziehungswissenschaften führe ich wieder im Sommersemester zwei Onlineseminare zu den Themen „Qualitätsentwicklung in der Weiterbildung“ und „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ durch. Der Anspruch besteht darin, die Methode des „selbstgesteuerten Lernens“ zu praktizieren, d.h. konkret, die Lernenden erhalten zu Wochenbeginn ein oder zwei wissenschaftliche Texte zum Thema, die sollen sie lesen und dazu eine Reflexionsarbeit erstellen. Dabei wird von mir eine Aufgabenstellung formuliert, die einen Vergleich zu anderen Konzepten, eine Analyse dieser Texte, zusätzliche Recherche oder auch eine exemplarische Recherche von Bildungsangeboten oder Einrichtungen sein kann.

Studenten bringen Karten an der Pionwand an

Studenten bringen Karten an der Pinwand an

Die Studierenden kennen das Themengebiet vorher nicht. Es gab nur zu Beginn eine Präsenzveranstaltung, in der im einen Fall eine Powerpointpräsentation als Rundum-Einführung ins Themenfeld geboten wurde, und im zweiten Fall haben wir am Wochenende eine präsente Zukunftswerkstatt durchgeführt, die eine Vorstellung von „nachhaltiger Bildung“ vermitteln sollte.

Die zu bearbeitenden Textauszüge sind nicht pädagogisch aufbereitet (wie z.B. Lehrbrieftexte), sondern es handelt sich um „normale“ wissenschaftliche Artikel aus Zeitschriften und Monografien zum Thema. Das Oberlernziel der Seminare besteht darin, dass sich die Studierenden aufgrund der partiellen Textlektüre und der dazu erstellenden Arbeiten, einen Einblick in das Themenfeld verschaffen sollen. Am Ende sollen Sie sich sagen können, ja, ich weiß jetzt, worum es in der Bildung für nachhaltigen Entwicklung geht, oder sie sollen bei der Qualitätsentwicklung verstanden haben, wozu Bildungseinrichtungen sich Qualifizierungsprozessen unterwerfen, was es da für verschiedene Verfahren gibt, und erste Einblicke in spezielle Verfahren, wie EFQM, ISO9000 oder LQW erhalten.

Als Lernoberfläche dient die an vielen Universitäten genutzte Plattform StudIP, die mir selbst nicht sonderlich gefällt, aber sie ist nun einmal in Gießen vorhanden. Die Aufgabenstellungen und dazugehörige Dateien finden die Lernenden in einem eLearning-Register. An selber Stelle befindet sich ein Link, um am Samstag die Aufgabe hoch zu laden. Ich als Lehrender finde dann die hochgeladenen Dateien, öffne sie, lese sie und gebe pro Arbeit eine persönliche Rückmeldung mit Benotung.

Man hat also in dieser Seminarform eine ganz simple one-to-one Beziehung. Der Lerner liest allein einen Text, schreibt einen kleinen Artikel dazu, schickt den mir, und ich gebe eine schriftliche Rückmeldung mit Note. Der Vorteil für die Lernenden: die Vorgehensweise ist zeit- und ortsflexibel. In gewissem Rahmen können sie sich das über die Woche einteilen.  Zuweilen gibt es Gruppenarbeit, da müssen die Lernenden sich zu Beginn der Woche untereinander abstimmen, was sie in welcher Aufteilung machen wollen, und mir das gemeinsame Ergebnis am Wochenende hochladen. Wenn ich Lust habe, produziere ich zu Beginn der Woche ein Video, in dem ich eine summarische Rückmeldung an die Seminarteilnehmenden gebe, wo ich meist etwas klarstelle, das nicht so rüber gekommen ist, wie ich es erwartet hätte.

Die Notengebung ist prekär für mich (und meine Studenten), denn die abgelieferten Arbeiten sind ja keine End-Leistungsnachweise, sondern erste Darstellungsversuche dessen, was sie nach ihrer Lektüre verstanden haben. Ich stehe vor dem Konflikt: belohne ich mit „gut“, dass der Student sich überhaupt an den Text gemacht hat, und versucht hat, einen Sinn abzuringen, und dies in eine halbwegs vernünftige Form zu bringen? Oder bewerte ich den erreichten Bearbeitungsstand angesichts der formulierten Fragestellung?

Diese Arbeitsform ist seitens des Lehrenden relativ aufwändig. Bei 30 Teilnehmenden bin ich schon einen guten Tag beschäftigt, allein Rückmeldungen zu erstellen (für ein 2-stündiges Seminar!). Die Vorbereitungen, Erstellung des Lernraums mit Dateien und Aufgabenstellungen geht auch zeitlich sehr zu Buche, wenn man das alles neu macht, und nicht im Turnus wiederholt. Im normalen Lehrbetrieb wäre das viel zu aufwändig. Als Lehrbeauftragter im Rentenalter mit Forschungsinteresse ist das noch möglich.

Durch die wöchentlichen schriftlichen Arbeiten erhalte ich allerdings auch einen recht intensiven Einblick in den Leistungsstand der Teilnehmenden (abgesehen von den Arbeiten, wo ein Studierender geschickt von einem anderen abkupfert, oder bei einer Gruppenarbeit nichts beiträgt). Für Unklarheiten unterhalten wir ein Forum, oder Studierende mailen mich direkt an, wenn sie etwas nicht verstanden haben.

Nach meiner Meinung sind die Leistungsunterschiede beachtlich. Es gibt Arbeiten, die würde ich nicht besser schreiben, da stimmt die Formulierungskompetenz mit dem Durchblick in der Sache perfekt überein. Und es gibt Arbeiten, wo ich denke, war meine Aufgabenstellung zu unklar, war der Text nicht gut gewählt, oder fehlen den Studierenden elementare Kenntnisse zur Textanalyse und zum selbständigen Erschließen neuer Inhalte?

Was mich interessieren würde, wie die Studierenden selber diese Seminarform einschätzen, was sie zu ihren Lernerfolgen sagen, zum Vergleich mit einem herkömmlichen Präsenzseminar, ob sie meine Rückmeldungen als lernförderlich empfinden, wie sie meine Benotung einschätzen, was sie von meinen Videorückmeldungen halten. Etc. Auch wenn die Rückmeldungen, um die ich meine Studierenden bitten werde, sich auf das von mir ausgerichtete Seminar beziehen, dürfte darin auch zum Ausdruck kommen, welche Chancen und Herausforderungen in dieser materialorientierten Onlineseminarform liegen.

 
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yes, we scan

Über Prism in einem Blog ohne tieferes Hintergrundwissen zu schreiben, ist eigentlich müßig, weil allerorten dieser jüngste Skandal der amerikanischen Geheimdienstes bestens beschrieben und kommentiert ist. Neben dem Scannen besonders der Daten von Ausländern auf Facebook, Google, Apple, etc. schlägt noch das Absaugen der atlantischen Glasfaserkabel zu Buche, wo so ziemlich alles, was weltweit kommuniziert wird, zu holen ist. Makaber, dass ausgerechnet die zensurwütigen Chinesen den Whistleblower Snowden (Prism-Enthüller) als Hüter der freien Information feiern. Schlimm ist, dass in der digitalen Welt über die Datenspuren den Geheimdeinsten extrem viel Macht zuwächst, weil sie relativ unkontrolliert in Jedermanns letzte Winkel spähen können.

Der kursierende aktuelle Slogan „Yes, we $can“ scheint mir beachtenswert, eine geniale Verballhornung Obams Versprechungen auf eine bessere Welt. Aber, schillernd, es ist auch ein Hinweis auf Banalität: Ja, wir scannen, alles, was wir kriegen können! Was sollen wir denn sonst machen, wenn wir wirkungsvoll unsere Gegner ausspähen wollen? D.h. es liegt in der Logik der Spionage, die technologischen Möglichkeiten des Spähens optimal zu nutzen. Wenn uns schon die Datenkonzerne bis aufs Hemd ausziehen, zeigen die staatlichen Geheimdienste (und Deutschland scheint da noch Nacholbedarf zu haben), dass sie uns unter die Hautporen schauen können. Man wird nicht Prism und andere Spähsoftware verbieten können, man wird die Überwachung der Überwacher zukünftig sehr viel stärker im Auge haben müssen.

 
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#Taksim – aus der Traum

Vom grünen Protest zur lokalen Kulturrevolte geht der Taksim-Platz in Istanbul seit Tagen durch die Medien. Da ich mit Freunden letztes Jahr Istanbul zum ersten mal besucht hatte, habe ich die Berichterstattung gerne gelesen. Manche kamen ins Schwärmen, welch schöne Demokratie da Kopftuchtragende mit Westgestylten vereinte, aber der Taksimplatz sei nicht der Tahrirplatz, wurde gewarnt. Die ärmeren, gläubigen Massen stehen näher an Erduan. Wann der Platz brutal geräumt werden würde, war nur eine Frage der Zeit, bereits erstaunlich lange ging es scheinbar gut.

FAZ (!) und Taz berichten heute montags ausführlich auf der Titelseite von der gewaltsamen Räumung, die Rundschau berichtet weiter hinten(!). „Ein Blick in Twitter mit dem Hashtag #Taksim zeigt, dass das deutsche Internetengagement doch relativ begrenzt ist.“ Korrektur: Dieser Satz ist leider meiner oberflächlichen Netzkenntnis geschuldet (offensichtlich doch, das Internet ist Neuland für uns!) und völlig falsch. Die folgende Liste gibt nur die Tops wieder, da kann man vielleicht sagen, das klingt nicht so spannend, aber wenn man ohne Tops recherchiert, kommen die Meldungen im Minutentakt und geben das Futter, aus dem Journalisten in den Printmedien erst die Speise bereiten.

Hier eine kleine Twitterdoko:

Taksim-Foto

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bildung für nachhaltige Entwicklung auf Wikipedia

Wikipedia gilt als das populärste Lexikon. Es ist eine tolle Sache, dass hier Fachwissen von der „Allgemeinheit“ zusammengetragen wird. Es hat höchste Aktualität, denn kaum hat sich etwas verändert, kann es sofort nachgetragen werden. Das hat aber auch einen Preis. Bei Themen, die öffentlichkeitsrelevant sind, gibt es politische Scharmützel, und die Lobbyschreiber sind an vorderster Front, um PR für die Sache zu machen.

In unserem Fall besteht die Lobby aus den offiziellen Repräsentanten der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), die ein Interesse daran haben, dieses politisch gewollte Konzept gut dastehen zu lassen.  Warum beginnt die Darstellung auf Wikipedia nicht mit einer Erklärung, was BNE ist, oder damit, wie es zustande kam? Z.B. findet man sehr weit unten, versteckt im Text: „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) versetze Menschen in die Lage, die Werte, Kompetenzen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, die heute für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft im Einklang mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung erforderlich seien.“ Das wäre doch schon mal was zum Erstverständnis gewesen. Nein, es wird unvermittelt die UN-Dekade „BNE“ beschrieben mit der Datierung 2005 bis 20014, so dass die schnellen Kopierer (SchülerInnen, StudentInnen) schon mal denken, BNE gibts erst seit 2005. Die UN-Dakade ist das Flaggschiff der deutschen BNE-Implementation, innerhalb der UN sind wir auch Musterknabe, kaum ein anderes Land macht so (relativ) viel dazu. Also muss es offensichtlich an die erste Stelle.

Als nächstes folgt eine lange Liste von Konferenzen, die mit 1972 beginnt, was eine reine Umwelterziehungskonferenz war. Ein unvoreingenommener Leser dürfte kaum wissen, was er mit diesen Konferenzen anfangen soll, solange er noch nicht weiss, was BNE ist.

Dann erst geht die Darstellung auf den Entstehungshintergrund ein. Dem ersten Absatz kann man zustimmen. Dann folgt allerdings eine sehr deutsche Begründung für die Notwendigkeit von BNE, die sich wesentlich auf das Programmpapier zum Bund-Länder-Programm der BNE aus dem Jahre 1999 stützt. BNE wird als Modernisierungskonzept der angeblich katastrophenlastigen Umweltbildung und der elendsszenarioverhafteten entwicklungsorientierten Bildung dargestellt. Das ist gängige Mainstreaminterpretation, wo ausgeblendet wird, was hinter Rio stand.

Zum Ursprung von BNE gehört der Brundtland-Bericht, in dem als Kompromiss der Begriff des  „Sustainable Development“(SD) formuliert wurde zwischen der damaligen „3.Welt“, die Wachstum und technologischen Fortschritt wollten, und den Industrienationen, die die Gefahr weltweiten Ressourcenverbrauchswachstums erkannt hatten, und Mäßigung wollten. Die folgende Konferenz in Rio 1992 startete also mit einer höchst brisanten Entwicklungsformel. Die in Rio mit starker Beteiligung internationaler Nichtregierungsorganisationen (NGO) entstandene und unterzeichnete Agenda 21 ist ein Konvolut, wo die Atomenergie genau so gefordert wird, wie erneuerbare Ressourcen, an vielen Stellen dominieren Thesen zur weiteren industriellen Entwicklung. In dem Papier werden Ökologie, Wirtschaft und Soziales abgehandelt, die jeweils auf ihre Berechtigung im Ringen um SD setzen. Daraus ist in der Deutschen BNE-Entwicklung die Rede vom „Agenda-Dreieck“ geworden, nach dem Ökologie, Ökonomie und Soziales im Einklang zu stehen haben. Im Wikipediatext (letzter Absatz des Abschnitts Entstehungshintergrund) dominiert etwas der Gerechtigkeitsaspekt, was aber nicht zum Verlust von ökonomischer Prosperität führen soll.  Das scheint die Feder eines Autors zu sein, der mehr hinter dem „Globalen Lernen“ steht (dazu später). Im Kapitel 36 der Agenda 21 wird der Bildung eine überagende Beutung für die Umsetzung der Gestaltung der Welt zu einem Sustainable Development (nachhaltige Entwicklung) zugewiesen. Man muss diese Zuordnung ganz deutlich vor dem Hintergrund sehen, dass hier zum ersten mal  Regierungschefs und Umweltminister fast aller Länder zu einem so wesentlichen Zukunftsthema versammelt waren, dass sie keinerlei Legitimation hatten, geltende Beschlüsse z.B. zum Ressourcenschutz, zur CO-Reduktion, zu Sozialstandards, etc. zu fassen. Man denke, wie schwer und wenig es bei allen späteren Welt-CO2-Konferenzen voran geht. Wenn man weder Schutzstandards noch Entwicklungsgelder beschließen kann, so kann man aber beschließen, die Bildung solls lösen, da gab es keinen Widerspruch, das tut nicht weh, da schaut man auch nicht so auf die Details. D.h. die Geburtsstunde der BNE hatte von Anfang an einen gewaltige Hypothek, das Problem wurde weg von der Politik zum Individuum delegiert.

Pädagogisch gesehen, gründet das Kapitel 36, auf die Umwelterziehungskonferenz von Tiflis (1977), wo die Grenzen des Wachstums auch schon bekannt waren, und wo der Impetus darin bestand, dass in den Schulen die Schüler zum umweltbewußten Verhalten erzogen werden sollen. Das nennen wir heute altbackene Pädagogik, denn dass die Erziehung so nicht funktioniert, weiss man spätestens nach Bildungsminsterin Margot Honeckers hoffnungslos gescheitertem Versuch, aus den DDR-Bürgern wahre Kommunisten zu machen.

Wohl aus der Feder der beteilgten NGOs werden aber im Kapitel 36 der Bildung gesellschaftspolitische Impulse aufgenötigt wie Partizipation am gesellschaftlichen Geschehen. Schulen sollen sich öffnen, die Bildung soll Allianzen mit anderen Akteuren eingehen. Forschungsprogramme sollen eigens zu Entwicklungsfragen aufgelegt werden, etc. Im Text steht auch, dass die klassische Umweltbildung mit der entwicklungsorientierten Bildung unter ein Dach, nämlich der BNE zusammengeführt werden solle, und dass im Laufe weniger Jahre das gesamte Bildungssystem unter die Prinzien der BNE-Entwicklungsorientierung gestellt werden soll. Wer die Bildungstanker Schule und Hochschule in aller Welt kennt, musste hier ob soviel Naitvität schmunzeln, oder irrirtiert sein. So weit (und kurz) die Intention des Kap.36 der Agenda 21. Wozu in Wikipedia kaum etwas zu finden ist.

Der folgende Abschnitt Entwicklung von BNE in Deutschland beschreibt im ersten Absatz äußere Entstehungsdaten und widmet der Frage, wo liegen die Unterschiede der deutschen Realisierung zum Rio-Kapitel 36 keine einzige Zeile! Dazu kann man kurz sagen, die deutsche Realisierung ist pädagogisch moderner. In den späteren 90ern kam in der Bildung die Kompetenzdebatte auf, man qualifizierte nicht mehr, weil das so schnell veraltete, sondern man befähigte, man entwickelte besonders Selbstlernkompetenzen. Ein wesentliches Merkmal der deutschen BNE besteht im Erwerb von Gestaltungskompetenzen. Damit  setzen sich die Begründer ganz deutlich vom Erziehungsansatz in Rio ab. Allerdings handeln sie sich auch ein Problem ein, man kann Kompetenzen eigentlich nicht allgemein formulieren. Z.B. heißt eine Teilkompetenz „Empathie für andere zeigen können“. Ich kann eine große Empathie für meinen Haustierchen haben, und gleichzeitig blind gegenüber sozialer Unterdrückung in Schwellenländern sein.

In Punkto Partizipation ist die deutsche wesentlich für Schulen entwickelte  BNE ein politisches Kastrat. Man will in der Schule keinen Ärger. Partizipation am Lernprozess ja, aber an der Gesellschaft? Nein. In vielen Publikationen wird vom Individuum gesprochen, dass sich verändern soll, ein Aufruf, die lokalen Verhältnisse anzupacken, und dort zu wirken, findet sich nicht. Druck von der Strasse auf diePolitik auszuüben, soziale Netze zu nutzen – Fehlanzeige.

Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Umsetzung der BNE in Deutschland  (und in allen anderen Ländern vielleicht noch mehr) – gemessen an dem, was Rio wollte – extrem gering vollzogen ist. BNE ist eine Nische, die im allgemeinen Bewußtsein überhaupt nicht vorhanden ist. Es gibt gerade mal eine Professur für BNE an allen deutschen Universitäten! In den Schulen dürften reine BNE-Angebote sich im einstelligen %-Bereich bewegen, in der beruflichen Bildung unter 1 % , etc…

Der 2. Absatz in diesem Kapitel geht vollends in die Vertuschung des an sich aberwitzigen deutschen BNE-Sonderwegs. In Rio hieß es, Umweltbildung und entwicklungsorientierte Bildung unter ein Dach zu bringen. In Deutschland hat der „Umweltflügel“ über das Bildungsministerium Ende der 90er die BNE kreiert, während der entwicklungspolitische Flügel (Eine-Welt, VENRO) emsig daran arbeitete, ein eigens Konzept, das Globale Lernen zu erhalten. Persönliche Animositäten, und eine frühe Kritik an der zu unpolitischen und zu ökolastigen BNE führten zum Sonderweg. So hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) die Entwicklung eines Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung voran getrieben, in dem ebenfalls der Kompetenzansatz vorherrscht, nur der Schwerpunkt mehr auf Eine-Welt ausgerichtet ist, und in dem an keiner Stelle auch nur eine Literatur zum BNE-Konzept zitiert wird, obwohl man sich verbal auch auf BNE bezieht. Wikipedia verschweigt die Ministerienkonkurenz und schiebt die KMK als beschließendes Organ vor, denn das Papier hat Wirkung auf die Schulcurricula der Länder. Fazit, wir haben kein Dach, sondern zwei Häuser in Deutschland, eine Ressourcenverschwendung und Irritation für alle, die sich in diesem Lernfeld bewegen.

Also ein Ruhmesblatt ist der BNE-Eintrag in Wikipedia nicht, aber fairerweise muss man dazu sagen, dass die gesamte BNE-Mainstreamliteratur unterreflexiv ist, weil der Ursprung von Rio in aller Regel nicht reflektiert wird.

 
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Die Jagd – wie der Journalist Füller versucht, Cohn-Bendit einen Pädophilenstempel aufzudrücken

 

Taz- und FAS-Leser können mit fetten Lettern und Großfoto nachlesen, wie geradezu manisch der TAZ-Journalist Christian Füller Cohn-Bendit als Pädophilen verdächtigt. Der erste Anwurf erfolgte in der TAZ vom 19.04. (http://www.taz.de/!114644/), dann an vorderer Stelle (nicht im Feuilleton) in den beiden letzten Sonntagsauflagen der FAZ. Man braucht nur zu googeln, oder Herrn Füller auf Twitter zu folgen, wo überall noch Attacken geritten werden mit entsprechenden Leserbriefschmutzkübeln.

Worum geht es? Im Trikont Verlag ist 1975 das Buch „Der große Basar“ von Cohn Bendit erschienen, das Passagen zu seiner Kinderladentätigkeit enthält, die kontextfrei aus heutiger Sicht unerträglich sind. Der entsprechende Auszug ist allerdings keine Enthüllung des Herrn Füller, sondern war u.a. 2001 in der Emma abgedruckt worden (http://www.emma.de/index.php?id=2860). Im gleichen Zusammenhang schreibt Alice Schwarzer in der Emma eine umfassende Kritik an Cohn-Bendits Äußerungen zu seiner Vergangenheit, denn in Deutschland wurde wesentlich nur Joschka Fischer wegen seiner Gewaltbereitschaft zur 68er Zeit diskutiert, und in Frankreich war das Thema „sexuelle Revolution“ mit Dany an der Tagesordnung. (http://www.emma.de/hefte/ausgaben-2001/maijuni-2001/in-der-vergangenheit-liegt-die-gegenwart/). Frau Schwarzer beginnt mit dem Satz: „Selbstverständlich ist Daniel Cohn-Bendit, 56, kein Pädophiler.“ Sie macht genau das, was Cohn-Bendit während der Heuss-Preisverleihung gefordert hat, sie kritisiert die „Theorie“ bzw. das Gesagte, aber erhebt nicht den Tatvorwurf gegen die Person.

Fakt ist, dass auch nach jahrelangen sich wiederholenden Debatten und jüngster heftigster Füller-Recherche mit nächtlichen Anrufen bei ehemaligen Eltern kein einziger Zeitzeuge zu finden ist, der einen Grenzüberschreitungsvorwurf gegen Cohn-Bendit mit den ihn unterstellten Kindern erhebt. Es ist auch keineswegs so, dass ein Entlastungsbrief der Eltern als fälschlich entlarvt worden sei. Es ist zwar richtig, dass die Verfasserin des Entlastungsbriefes, Thea Vogel, selbst keine Kinder in Danys Kinderladen hatte, sondern zum Freundesumfeld gehört, aber es haben viele tatsächliche Eltern unterschrieben, und alle stehen heute noch zu ihren Unterschriften. Füller bezichtigt in der FAS vom 5. Mai die damaligen Eltern der Gesinnungsklüngelei, so dass ein uninformierter Leser den Eindruck gewinnen muss, hier sei ein ganzer Pädophilenclan am Werke. Das ist schon äußerst infam. In der FAS der Woche zuvor wird eine Sondernummer zur Sexualität aus dem Pflasterstrand als Zeugenschaft für Cohn-Bendtis unsittliches Verhalten aus der Vergangenheit hervorgeholt, dessen Mitherausgeber er war. Der Pflasterstrand war eine Alternativzeitung, die jeglichen Regeln seriöser Berichterstattung bewusst zuwider lief. Wie heute im Internet, konnte jeder Idiot, der sich irgendwie alternativ outete, darin seine Texte unterbringen. Die Redaktionsverantwortung nach dem bürgerlichen Gesetzbuch war hier ausgehebelt, um experimentierend ein unzensiertes Sprachrohr zu unterhalten. Der Preis der Freiheit dieses Blattes war, dass darin interessanten und dümmlichen, aber auch kriminellen Verlautbarungen Raum gegeben wurde. Neben bei bemerkt war der Pflasterstrand eine Journalistenschule ersten Ranges.

Was Füller hier treibt, ist übelster Schmierenjournalismus. Er hat nichts in der Hand, außer Kleinkram, wer wann welchen Brief dann vielleicht doch zu schnell in welcher Fassung abgesendet habe, und stellt aber ununterbrochen Cohn-Bendit in die Täternähe. Das bekannte Motto, dieses Genres: Du musst nur genügend Dreck schmeißen, da wird schon was dran hängen bleiben.

Dass es Pädophile gab, die bei der Gründung der Grünen, und eben auch auf der Plattform des Pflasterstrandes, und übrigens auch in den Spalten der taz versuchten, ihr Süppchen revolutionsverbrämt zu kochen, ist unbestritten. Aber seriöserweise muss man einen Unterschied machen, zwischen krankhaft veranlagten Trittbrettfahrern und den Hauptakteuren der damaligen links-antiautoritären Szene. Wie bei Alice Schwarzer nachzulesen ist, haben die damaligen Aktivisten im Zuge der sogenannten sexuellen Befreiung die Machtstellung Erwachsener gegenüber dem Kinde nicht gesehen – bzw. ignoriert. Auch wenn, wie in der Erzählung Cohn-Bendits, ein Kind aus unbefangener Neugier von sich aus an einem Hosenlatz zu schaffen macht, muss eine ganz klare verantwortete Grenze vom Erwachsenen als Schutzbefohlenem gezogen werden. Das sehen alle damaligen Eltern und auch Cohn-Bendit heute ebenso. Dass das in den ersten Jahren der „Alternativbewegung“ ein grenzwertiges Experimentierfeld war, kann man aus heutiger Sicht verstehen, ohne es gut zu heißen. Cohn-Bendit hat sich von den Buchstellen distanziert, er stellt sie als Fiktion oder Provokation dar. Alice Schwarzer wirft ihm vor, dass das ein Kneifen sei, und nicht genügend Verurteilung der fehlerhaften „sexuellen Revolution“, die damals kolportiert wurde. Auch dass Cohn-Bendt sich nicht zum Eklat um die Odenwaldschule geäußert hat, obwohl er in der Zeit vor Becker dort Schüler war, wird ihm besonders von Füller übel nachgeredet als weiteres Indiz der früheren Täterschaft. Für Cohn-Bendit wsar die Odenwaldschule seine Heimat, zu seiner Zeit sind keine pädophilen Fälle bekannt, das erschwert ihm, sich in den Chor der Gerechten einzureihen. Wir kennen das aus dem Islam, wenn aus den hirnrissigen Tätergruppen  eine Bombe gezündet wird, sollen sich die Islamverbände distanzieren, und sie distanzieren sich nie genug.

Ich habe als Kind (ich weiß nicht mehr, wie alt ich da war) auf dem Sofa verträumt an meinem Pimmel gespielt. Das muss mein Vater durchs Fenster beobachtet haben. Er kam ins Zimmer geschossen und hat mir eine so harte Ohrfeige geknallt, dass ich noch am Abend eine errötete Wange hatte. Das war die Sexualerziehung meiner Zeit, gegen die die 68er aufbrachen, um es anders zu machen. Leider gibt es keine Betriebsanleitung, wie die Alternative zur Sexualunterdrückung auszusehen hat. Das Ziel jedenfalls, Kindern mehr Freiheit zu gewähren, ihnen bei der Selbstbestimmung zu helfen, und mehr Zärtlichkeit als Gewalt in die Eltern-Kind-Beziehung zu bringen, ist nicht falsch gewesen und hat unser Eltern-Kind-Verhältnis kulturell insgesamt nachhaltig zum besseren verändert. Der Gestus, der jetzt mit der Jagd auf Dany als Kinderschänder durch gewisse Blätter rauscht, ist ein rückwärts gewandter. Mit dem, was an Aufklärung geleistet wurde, setzt man sich nicht auseinander, stattdessen wird eine persönliche Diffamierung versucht, um das Ganze zu diskreditieren. Schwer zu verstehen ist allerdings, dass ausgerechnet ein aus der linken Szene stammender Journalist hier so obsessiv zur Jagd bläst, obwohl ihm die Umfeldlage sagen müßte, da war nichts und da ist nichts. Beschwörend redet uns Füller ins Gewissen: „Warum hat niemand nachgefragt?“ Weil die Tätervermutung absurd ist – basta.

 
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Suchen und wenig finden in OER, zumindest in der Weiterbildung (#COER13)

Die zweite Woche im offenen Onlinekurs OER steht unter dem Motto: Suchen und Finden. Wir Teilnehmenden sollen lernen, wie man an öffentlich nutzbares Lehrmaterial kommt. Wo findet man?

  • natürlich bei Wikipedia, das kennt ja jede/r
  • bei Wikibooks mit z.Zt. 682 deutschsprachigen Büchern zu Wissenschaft, etc.
  • bei Wikiversity Lernen und Lehren hat wesentlich Lehr-/Lernmaterialien für Schule und Hochschule.
  • bei TIBS (Tiroler Bildungsserver) in der Regel Schulmaterial
  • bei L3T 2.0 Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien
  • bei OER Commons englischsprachlich über 44.000 OERs.
  • bei WikiEducator auch englisch free elearning content, collaborative oriented.

man kann auch nach OER googeln, das geht so:

google1

google2In Google den Suchbegriff eingeben, und rechts ganz versteckt ist ein Zahnrädchen, darunter findet man „Erweiterte Suche“

Dann geht ein großes Fenster auf, wo sich ganz unten der Reiter „Nutzungsrechte“ befindet, dort öffnet sich ein Fenster, wo „frei zu nutzen oder weiterzugeben“ dem gebräuchlichsten CC entspricht.

Auf „Erweiterte Suche“ klicken, und dann kommen die „frei nutzbaren“ Dokumente.

Auch bei flickr „Erweiterte Suche“ ist die Option für Creative Commons ganz unten anzuklicken.

OER-SucheViele gute weitere Suchtipps sind auf der Uni-Darmstadt zu finden

 

Ich muss zugeben, obwohl ich seit Jahrzehnten Vortrags, Seminar- und Lehrmaterial zusammenstelle, habe ich mich um „creative commons“ nie gekümmert. Die o.g. Seiten sind mir neu, und die Suche im erweiterten Suchmodus kannte ich auch nicht. Also schon mal was gelernt im MOOC. Danke.

Aber in meinem Bereich der Weiterbildung und der Bildung für nachhaltige Entwicklung bin ich im ersten schnellen Durchstöbern erst einmal sehr, sehr wenig fündig geworden. Ich habe den Eindruck, dass das gut beackerte Feld die Schulmaterialien sind, die Hochschule viel nachrangiger und das kleine Gebiet Erwachsenenbildung / Umweltbildung ist  völlig unentwickelt. Und – die englischsprachlichen Anbieter sind viel umfangreicher, aber wohl auch etwas schullastig. Wenn man unter CC-Bedingung googelt, kommt auch häufiger „minderwertiges“ Material, d.h. da findet man Aufbereitetes, wo man Kenner sein muss, um dessen Qualität einschätzen zu können.

Z.B. in einem universitären Onlineseminar zur Weiterbildung suche ich auch kaum nach didaktisiertem Lehrmaterial. Ich möchte, dass meine Studierenden lernen, die Fachliteratur zu verstehen, sie sollen die Originale, die Platzhirsche der Disziplin kennen lernen, und deren Texte lesen. Die OER-Lösung kann hier nur sein, dass die Professoren bei der Publikation ihrer Forschungsarbeiten und Lehrbücher sofort mit den Verlagen und Zeitschriftenherausgebern verhandeln, dass neben der Papierform kapitelweise pdf-Files unter CC angeboten werden. Das wird den Verlagen nicht schmecken, denn die Art von Qualitätskontrolle, die sie über mehr und weniger strenge peer reviews leisten, kostet Geld, das Drucken und verbreiten sowieso, und kommt dann noch genügend Geld herein, wenn alles auch als pdf kostenfrei runter ladbar ist?

 

 

 

 
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Lost in MOOC! Einführungswoche in #COER

Klar, aller Anfang ist erst einmal neu, und für eine „normale“ Lern- und Lehrsozialisation ist es verwirrend, keinen virtuellen Raum mit persönlichem Stuhl zu haben, wo mein sein Zeug hinlegt, und wo von vorne die Inhalte rüberrieseln. Es gibt zwar ein Verwaltungsgebäude, wo die Organisatoren sitzen, und wo auch Lehr-Material verbreitet wird, und wo man seine eigenen Arbeitsergebnisse selber hintragen muss, aber das wesentliche Lernen ist irgendwo draußen in Parks, auf Plätzen, in Strassen, wo man sich verabreden kann (oder nicht) oder es gibt Verkaufsstände (blogs), wo einzelne ihre Gedanken feilbieten, aber wieder nicht etwa schön in einer Passage, sondern über die ganze Region verbreitet. Die Leute, die auch im Kurs sind, sitzen nicht neben meinem Stuhl, sie laufen irgendwo in der Stadt rum, und ich muss sie suchen. Es gibt eine Pfeife (Twitter) über die kann man mit bestimmten Zeichenn Gleichgesonnenne anlocken, und es gibt im Verwaltungsgebäude ein Blackboard, wo man Zettel dran heften kann, um bekannt zu machen, wofür man sich interessiert, und was man gerne kaufen würde. Erst mal hängen andere Zettel daneben, aber es passiert noch kein aufeinander Zugehen.

So ungefähr ist ein Massive Open Online Course organisiert. Keine Lernplattform vereint die Lernenden, sondern auf vielen Plattformen, die die Lernenden selber suchen müssen, gibt es Lerngelegenheiten, die von den Organisatoren nur angeregt, aber von den Lernenden selbst ergriffen werden müssen. Die Philosophie des selbstgesteuerten Lernens pur: Der Lerner bestimmt selbst, was er wann, wo, wie lernen will.

Die Einführungswoche hatte auch ein Forum, auf den die Teilnehmenden sich selber vorstellen sollten. Ich gesellte mich zur Gruppe der Hochschulinteressierten, und da haben ein Dutzend Leutchen sich nett mit ihren Interessen präsentiert – aber das wars dann auch. Nach MOOC-Philosophie müßte eine hergehen und sagen, kommt, ich richte auf google+ einen Arbeitskreis ein, da versuchen wir uns mal zu arrangieren, Gemeinsames zu finden, und zu versuchen, woran wir (oder Untergruppen) am liebsten arbeiten wollen. Ich habe mich nicht zum Moderator aufgeschwungen, ich habe leider die folgenden Wochen nicht viel Zeit zur „massiven“ Teilnahme.

Nächste Möglichkeit ich schaue bei Twitter unter dem Haschtag #coer13 nach, wer da so was twittert. Da gibts schon ne große Menge, die einen Anfänger sicher erschlagen kann, wo hängt man sich rein? Ich folge einem Verweis von Martin Lindner ein in der E-Learningszene bekannte Figur, der hat auf Google+ schon mal eine durchaus kritische Diskussion zu COER13 initiiert. Da gehts famliär zu, nicht so einbfach, sich da einzuklinken.

Auf News im Hauptgebäude werden bereits die einzelnen erschienen Blogbeiträge zu COER13 veröffentlicht. Wie viel und völlig ungeordnetes Zeug, wo steigt man da ein?

Etc. Also mein Problem war, eigene Orientierungslosigkeit und Datenoverload schon in der ersten Runde. Hätte ich ein ganz klares Ziel, wäre es sicher leichter, aber mal so eben in COER13 reinzuschlittern, und denken, da blicke ich dann schon schnell durch, ist nicht so.

Trotzdem, ich mache weiter, es war ja erst die Einführung. Und ich bin besonders gespannt, wie sich das notwendige Zusammenfinden von teilnehmenden gestalten wird.

 
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Auftakt #COER13

COER13Heute habe ich zum ersten mal an einem MOOC (massive open online course) teilgenommen, mit den Problemen, die man da wohl generell noch zu erwarten hat. Auf der Plattform Adobe Connect, wurden über 100 Teilnehmende begrüßt und in das Kurskonzept eingeführt, aber da ruckelte das Video, und selbst nach Abschalten kamen bei mir nur Bruchstücke des Tons und der gezeigten Seiten an. Immerhin aus dem begleitenden Chat und dem, was ich verstand, konnte ich mir einen Reim machen. Unsere Moderatoren kommen von verschiedenen Einrichtungen (Österreich und Deutschland) mit unterschiedlichen Bandbreiten, und wo das zusammengeführt wird war es dann wohl zu eng in der Bandbreite angesichts der (relativ) großen Teilnehmendenzahl (insgesamt sind schon über 900 eingetragen). Die Veranstalter versprachen Verbesserung.

Beim Thema OER geht es um „Open Educational Ressources“, also der Frage, wie kann man heute offen zugängliches Lehrmaterial generieren? In Einführungsvideos wird darauf hingewiesen, dass die gängige Praxis an Universitäten, Teile von orignalen, copyright geschützten Texten in den Seminaren oder auf Onlineplattformen zur Verfügung zu stellen, nur grenzwertig legal ist. Es herrscht wohl weit über die Piraten hinaus relativer politischer Konsens, dass öffentlich produzierte Forschungsergebnisse auch öffentlich und möglichst leicht verfügbar sein sollen. Aber wie man das macht, und gleichzeitig die Qualitätsstandards der klassichen Publikationsriten (z.B. peer-review) einhält, das ist wohl keine einfache Frage. Ich bin im sozialwissenschaftlichen Feld bislang immer ein Gegner von „Content“ (=Lehrinhalte) Erstellung für pädagogische Zwecke gewesen. Um die Jahrhundertwende wurde mit großem Steuermittelaufwand viel Geld verbrannt, in dem unsinnig Content produziert wurde, den dann doch keiner haben wollte. Der klassische Schul- und Hochschullehrer pfriemelt eben doch seine Unterrichtsmaterialien gerne selbst zusammen, und nutzt dazu nur, was seinem Stallgeruch Genüge tut. Aber die Zeiten der Arbeitsblätter sind vorbei. Die Neuen Medien bringen ganz andere Möglichkeiten und neue Dimensionen in das Lehrmaterial, die Ansprüche steigen, die Anzahl der zu bedienenden Lernenden wächst, etc. d.h. es muss hier neu gedacht werden.

Aus pädagogischer Sicht bin ich heute noch der Meinung, wenn unsere Lernenden in die Arbeitswelt entlassen sind, müssen sie ihre Probleme ohne Lehrmaterial lösen können. Sie werden am Arbeitsplatz lernen, im Netz recherchieren, face-to-face Netze nutzen, etc. da müssen sie sich immer mit Originalen auseinander. Also sollten sie bereits im Lernprozess mit den Originalen konfrontiert werden.

So gibt es wohl zwei Stränge in der OER-Bewegung, der erste besteht darin, dass die wissenschaftlichen Materialien so publiziert werden, dass sie mit bestimmten Lizenzbedingungen frei zugänglich sind, d.h. wir dürfen die Originale legal im Lehrprozess nutzen. Der zweite Strang zielt darauf, pädagogisch aufbereitete Materialien herzustelln, die dann gleich unter „creative commons“ publiziert werden, so dass sie im Lehrkontext nutzbar sind. Vor allen in den Naturwissenschaften, oder immer dann, wenn  Theorien zum besseren Verständnis illustriert werden können, ist ein pädagogisch aufbereites Material wohl sinvoller, als die mühsame Lektüre einer Forschungsarbeit dazu.

Unabhängig vom Thema bin ich auch sehr gespannt, wie das MOOC, d.h. das offene Lernen auf ganz unterschiedlichen Medien, in Teilnetzen, jedenfalls ungebunden an einen einzigen (virtuellen) Klassenraum, vonstatten gehen wird. Ich werde dazu weiter berichten. Erfahrungsbeiträge sind willkommen.

 
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Wir nennen es Politik

Marina Weisband Neumuenster 20120418Maria Weisband, bis April 2012 politische Geschäftsführerin der Piraten. Mediale Vorzeigefrau, talkshowverwöhnt, Studentin der Psychologie hat ein Buch geschrieben, das biografische Züge aufweist, und leidenschaftlich für einige der Grundanliegen der Piraten plädiert: Mehr Partizipation, mehr Chancengleichheit mehr Transparenz und mehr Bildung. In der Besprechung der Süddeutschen wird zu recht moniert, dass die Piraten im Buch gar nicht mehr so richtig vorkommen, dass die gesellschaftspolitischen Passagen eher phrasenartig flach sind, und die bescheidene Zurücknahme („Nehmen Sie dieses Buch nicht zu ernst“ ist der erste Satz) im Widerspruch zur Aussage steht, dass in der Demokratie alle etwas zu sagen haben. Eine richtig gehässige Besprechung findet sich im Blog Der Freitag.

Mir hat die Lektüre dennoch gefallen. Die Herkunft aus Kiew, geboren im Einzugsbereich der Tschernobyl-Katastrophe, bildungsbeflissene Mutter, Vater Programmierer, Flüchtlichsdasein in Deutschland, erste Internetkontakte als 14 Jährige und die Begegnung mit der lokalen Pirtaenparteiortsgruppe  sind spannend und aufschlussreich. Wie internetaffine Jugendliche in den Bann dieser politischen Bewegung gezogen wurden, läßt sich hier authentisch nachvollziehen. Wie mit kleiner Basisarbeit zum Wahlkampf begonnen wurde, und wie viellleicht zufällig der kometenhafte Aufstieg in der Partei begann.

Nach dieser biografischen Introduktion folgen  Kapitel mit großen Überschriften:

  • Politische Systeme
  • Über Macht
  • Feste Regeln
  • Dynamische Systeme
  • Transparenz
  • Menschen in der Politik
  • Aktive Politiker
  • Passive Politiker
  • Schlusswort

Der Lektor hätte hier empfehlen sollen, Frau Autorin, übernehmen sie sich nicht. So dicke Bretter kann man nur dünn bohren. Dennoch will ich den Inhalt nicht nur als naive Politträumerei abtun. Frau Weisband setzt darauf, dass das Internet die Gesellschaft verändert, dass wir Informationsüberflutung haben, hochkomplexe Fragestellungen, und dass das aktuelle Politiksystem dieser Lage zunehmend unbefriedigend gerecht wird. Der Gegenentwurf dazu seien die hohen Partizipationsmöglichkeiten im Internet. Lesenswert wird beschrieben, wie beim Twittern Relevanzselektion erfolgen kann, es wird pädagogisch gut erklärt, wie in der in Berlin entwickelten Software Liqid Feedback über das Delegationsprinzip möglich gemacht wird, große Menschenzahlen an Partizipationsprozessen zu beteiligen, wobei auch berücksichtigt wird, dass sich nicht jede oder jeder für alles interessiert, und alle auch unterschiedliche Kompetenzen besitzen. Schön und gut, diese Werkzeuge existieren und werden noch verbessert, aber – und das gibt sie zu – selbst bei den Piraten nutzen nur um die 15% der Parteimitglieder diese Werkzeuge. Woher nimmt sie die Hoffnung, dass sich das in Zukunft verbessern wird? Ihre Antwort ist, mehr Bildung! Historisch hatte schon einmal die SPD auf den „Genossen Trend“ gesetzt, je mehr Bildung die Arbeiter bekommen, desto mehr Stimmen bekommt die SPD. Das hat sich historisch allerdings nicht bewährt. So wie das Internet die Gesellschaft verändert, so verändert die Gesellschaft  auch das Internet.

Werkzeuge allein und Appelle zu deren Nutzung garantieren nicht ihre Anwendung. Im Internet existieren hervorragende „Tools“ z.B. zum kollaborativen Lernen, aber aus meiner Lehrpraxis weiß ich, dass die meisten Studierenden diese nicht kennem und auch keine Lust haben, sie zu nutzen.

Das größte soziale Netzwerk Facebook ist ein Geschäftsmodell, das den Aktionären Gewinn ausschütten soll. Da wird zum Konsum erzogen, es wird Reflexion auf den „like-button“ reduziert. Partizipation ist Bildchen hochladen, Alltagskommunikation, die im Kontext zu kaufender Güter steht, wird von den Softwaredesignern in erster Linie befördert. Der Konkurrent Google hat zwar in seinem Netzwerk google+ wirklich produktive soziale kollaborative Werkzeuge eingebaut (z.B. das hang out), aber die werden nach meiner Erfahrung kaum genutzt, bzw. sind selbst in gebildeten Kreisen unbekannt.

Die spannende Frage an Frau Weisband ist für mich, warum haben Facebook und Twittern eine so eine hohe Akzeptanz, und Liquid Feedback hat sie nicht? Bzw. bei welchen Bedingungen habe ich Lust, mich für mehr Partitipation in meiner sozial-politischen  Umwelt einzusetzen? Der von Weisband zitierte Wutbürger ist leider kein neues Phänomen. Wir wissen schon lange, dass sich Bürger immer nur dann massenhaft in Initiativen auch sehr kreativ organiseren, wenn eine persönliche starke Betroffenheit ansteht, die man vom Halse haben will. Sobald das Problem gelöst ist, ist das Engagement vorbei. Und für gestalterische Fragen, für Zukuftsvisionen, die keinen konkreten Konfliktcharakter haben, gibt es nur marginale Initiativen.

Die Meinungen der Bürger sind im Netz, man kann Twitter als einen Meinungsteppich ansehen, Blogs sind Referenzen auf die offiziellen Medien, aber statt dass diese Meinungen eine aktive Rolle in der politischen Gestaltung spielen, scheinen sie mir mehr von Marketingstrategen ausgebeutet zu werden. Das Potential, die Möglichkeit partizipierender Politikformen ist da, ja Frau Weisband, aber wie man der zu mehr Geltung verhilft, das ist in Ihrem Buch mit dem Hinweis auf mehr Bildung nicht befriedigend beantwortet.

 

 
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