Chaos Computer Club Frankfurt – ein Besuch

Jeder kennt den Chaos Computer Club e.V. (CCC) , der die die größte europäische CCC1Hackervereinigung darstellt und seit über 30 Jahren Vermittler und Politikberater im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen ist. Aber wer kennt CCC-Aktivitäten in Frankfurt? Der lokale Ableger, der CCC-Frankfurt (ccc-ffm.de) existiert als eingetragener Verein seit April 2010. Im September 2010 wurde der Verein Erfa-Kreis des CCC, d.h. er ist als lokale Vertretung des CCC anerkannt und organisiert regelmäßige Erfahrungsaustauschtreffen, in denen Projekte, Aktionen, Soziales untereinander vorangetrieben wird. Z.B. engagieren sich etliche Mitglieder beim Frankfurter Freifunk, der die Flüchtlingsaufnahmestellen bei der Einrichtung von freien WLAN-Zugängen unterstützt.
Die Mitglieder treffen sich jeweils donnerstags im „Hackerspace“, dem Hackquarter, Häusergasse 2 Frankfurt. (Nicht zu verwechseln mit dem Hackerspace FFM, über den ich hier auch schon berichtet habe, der inzwischen seinen Sitz nach Oberursel verlegt hat.) In den Räumlichkeiten (160 m²) gibt es einen Sessel-Sofa-Bereich zum Chillen, zwei längliche Tische mit Stühlen zum bequemen Laptop-Hacken, eine kleine Küchen-Ecke zum Pizza-Wärmen mit Säften, Cola, etc. und in einem Nebenraum stehen 3D-Drucker, Oszillograph, Lötkolben, etc. alles, was ein Bastlerherz begehrt. Als ich eintrete, ist das Licht gerade auf „U-Boot“ geschaltet, d.h. das mehr schummerige Licht beleuchtet spärlich etliche stehend diskutierende oder vor ihren Laptops sitzende junge Männer. Das erinnert mehr an eine Kneipe als an einen Hackerspace, wobei aber eine hohe Quote von Laptopbestückung und einzelne technische Gadgets im Raum auf letzteres deuten. Mich begrüßt freundlich ein ca 35 Jähriger, dem ich mich als Neuling anvertraue, und der mir auch gleich eine kleine Führung anbietet. Er zeigt mir an einem Pfosten im Raum QR Codes, die eingescannt zur Steuerung des Raumlichts benutzt werden können. Das bringt uns auf das Thema „smart home“. Ich frage, wie man im CCC zu dieser Problematik stehe, wo doch mit der Hausüberwachungssteuerung (smart home) wieder weitere persönliche Daten anfallen, die die Industrie zur Ausschnüffelung der Haushalte nutzt. Er meinte, man darf das eben nicht der Industrie überlassen, und kann sich ja die Steuerungsmechanismen selber bauen, so dass die anfallenden Daten nicht über die Clouds der Konzerne führen. Wie steht es mit IT-ideologische Debatten im CCC? Die Politik wird mehr in Berlin gemacht, dort herrscht eine andere Kultur, da gibt es mehr Leute, die mehr Zeit haben, hier in Frankfurt wird mehr malocht, da kann man neben dem Job nicht so tief einsteigen, es dominieren praktische Projekte und Erfahrungsaustausch, höre ich. Wir stehen am Tisch, wo ein junger Mann einen blinkenden Stick an seinem Laptop hat. Ich frage ihn, was machst Du da? Er erzählt, dass er neulich einen Vortrag gehört hat, wie man dieses Gerät unabhängig von der Firmensoftware selber steuern kann, und das probiert er gerade hier zu vollziehen. Wenn es klemmt, kann er einen Kumpel fragen. Er ist Elektrotechniker, und im Softwarebereich nicht so firm, wie IT-Kollegen. Hier gibt es kein „Edutainment“, sagt er mir, wer kommt, muss sich selber einbringen, ein Problem mit bringen, und dann kann ihm geholfen werden. Inzwischen übernimmt mich ein anderer CCC-Kollege und führt mich zum Sicherungskasten. Hier befindet sich ein digitaler Zähler mit einem Impulsgeberausgang, der über einen angeschlossenen Raspberry (Minicomputer) den anfallenden Wattverbrauch speichert, so dass man an den Verbrauchskurven, die er mir in seinem Smartphone zeigt, das Verbrauchsverhalten bei der Raumnutzung ablesen kann. Man kann an den Kurvenzacken Einzelgeräte erkennen, man kann sehen, ob jemand im Raum ist, wann Kaffee gekocht wurde, ob der Kühlschrank sich nicht abschaltet, man sieht seine Verbrauchskosten. Auch hier wird unser Gespräch „datenpolitisch“. Der „smarte“ Zähler wird bald in allen Haushalten stehen, darf unser Energielieferer unsere persönlichen Daten absaugen, oder ist es nicht besser, wenn nur Summendaten eines Viertels oder einer Stadt abgegriffen werden dürfen, damit der Energiebedarf besser prognostiziert werden kann, um das System insgesamt besser zu optimieren, was nicht nur Kosten spart, sondern auch ökologisch sinnvoll ist. Der Kollege spricht sich eindeutig gegen das Haushaltsdatensammeln aus, preist aber die Möglichkeit, sich selbst zu überwachen. Am Eingang werden mir noch zwei weitere Objekte gezeigt, die liebevoll konstruiert mehr als pädagogisch-ästhetische Anwendungen computerisierter Steuerungselektronik anzusehen sind.
Kurz nach 20 Uhr wird in die Hände geklatscht, Vereinssitzung. Im linken Bereich, wo die Sofas stehen, ist inzwischen der Beamer eingeschaltet. Kein Powerpoint sondern eine Wiki-Oberfläche zeigt recht kryptisch fünf Themenzeilen mit Links darunter an. Die eingetragenen Vereinsmitglieder kennen diese Seite bereits und konnten da auch eigene Anliegen eintragen (basisorientierte Tagesordnung) für mich als Gast ist das weniger informativ. Auch wegen der Kürzel verstehe ich nicht viel.
Gut gefallen hat mir das lockere Prozedere. Es ist keine „Sitzung“. Es gibt vorne kein Sitz- oder Stehpodest. Der Inhalt wird von der Seite vorgetragen, rundum aus dem Raum wird kommentiert, es stehen mehr an der Seite, als auf den Sofas mittig sitzen. Das ganze ist mehr ein kurzer Break zwischen Chillen und Computern. Am Schluss preist jemand einen nostalgischen, funktionsfähigen, aber raumgreifenden Spielautomaten an. Wollen wir den? Wohin stellen? Es wird schnell entscheiden, das Ding zu übernehmen. Nach 15 Minuten ist die Versammlung zuende, der Beamer wird abgeschaltet, der Club geht wieder in seinen normalen Rhythmus über.
Ich nehme meine Klamotten von einem Kleiderhaufen auf (einen Kleiderständer gibt es nicht) gehe zum Ausgang, wo sich gerade wieder ein paar Raucher nach innen bewegen, und schwinge mich auf mein Rad zur Heimfahrt. Alles Nerds? Kaum jemand sah so aus, als würde er nur Chips essenderweise und Cola trinkend Tag und Nacht vorm PC verbringen. Im Hacker-Bastelraum hatte ich einen CCC-Kollegen getroffen, den ich schon vom Freifunktreffen kannte. „Hallo, ich wollte mal Eure Kommunikationskultur beobachten“. „Kommunikationskultur?“, wiederholt er lachend, „was ist denn das?“

CCC2Ich denke radelnd rückblickend, dass die ganz ok ist. Wenn man hier her kommt, wird man angesprochen, es wird die Chance geboten, nicht im Regen zu stehen, man ist offen und drängt weder weg, noch nötigt man zum Beitritt. Wer der IT-Technik auf Bastel- oder Programmierebene nahe steht, kann gut hierher kommen. Mit 20 Euro Monatsbeitrag ist er dabei und fördert ein gutes Projekt lebenslangen Lernens.

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