Makers Movement

Wer sich mit Neuerungen im Internet befasst, die in aller Regel aus den USA kommen, der wird unvermeidlich auf die Begriffe Maker, FabLabs, hackerspace stoßen. Das sind Anglizismen, die eine Ideologie des Bastelns beschreiben. Ich habe in den 50er Jahren bereits mit Leidenschaft gebastelt, ohne das Wort do it yourself, oder ganz stylig DIY zu kennen. Die erste Phase meines DIY bestand im Auseinandernehmen technischer Geräte, um sie dann mehr und weniger erfolgreich wieder zusammenzusetzen. Die zweite Phase war dann schon kreativer, Dinge selbst bauen, die es vorher nicht gegeben hat. Funktionstüchtige „Seifenkisten“, d.h. rollende, autoähnliche Wägen mit abenteuerlichen Brems- und Lenkvorrichtungen, aber auch abstrakte „Schaltbretter“, die nur den Zweck hatten, per Transformator niedrigvoltige Lampen und Klingeln mit Schaltern zu aktivieren, dass es wie ein Schaltzentrum aussah. Diodenempfänger, Röhrenverstärker und eine nie funktionierende Fernsteuerung waren die Exzellenzprodukte nach mehrjähriger Bastelerfahrung. Es gab keine mikrochips, kein Internet, kein facebook und keine „Bewegung“, und ich hatte in der damaligen DDR keine Fischerkästen oder Legotechnik. Letzteres schenkte ich viel später meinen Söhnen, wohl auch, um selbst das Basteln noch einmal aufnehmen zu können. Mein DIY war individuelle naturwissenschaftlich-technische Neugierde und Faszination, aber auch handwerkliche Grundbildung, die ich mein Leben lang gut einsetzen konnte.

Heute liegt es auf der Hand, dass Basteln nicht individuell und nicht analog bleibt. Man informiert sich über Netzwerke, es bilden sich Grüppchen, es wird hippig. Das rein Handwerkliche wird über „Interfaces“ ans Digitale gekoppelt, so dass z.B. die Weichen einer elektrischen Spielzeugeisenbahn schon lange nicht mehr per Kippschalter, sondern per Mikrochip mit Software gesteuert werden. Was zunächst im neuen Berufsbild Mechatroniker und in hoch spezialisierter Zusammenarbeit zwischen Hardware-Entwicklung und Computerprogrammierung seinen Ausdruck fand, und zum Inhalt der gesamten modernen Technologieentwicklung wurde, findet heute eine Nische in einer Bastlerbewegung, die – wie sollte es anders sein – ihre Wiege an der Westküste der USA hat. Die Makers stellen inzwischen eine Subkultur dar, die über die Grenzen der USA sich weltweit verbreitet. Es gibt zahlreiche „Maker Faires“, eine sogar in Kairo im Jahre 2011. Diese Messen werden in der Regel von großen Technologieunternehmen gesponsert, d.h. auch die Großen haben bereits ein Auge auf dieses Phänomen geworfen. Das Zentralorgan, das Make Magazin erinnert stark an das in Deutschland von 1953 bis 1991 erschienene „Hobby Magazin“, das  den Sprung in die sozialen Netzwerke nicht mehr packen konnte. Aber der naturwissenschaftlich pädagogische Impetus ist der Gleiche und es dient als Ideengeber und sozialen Markt für die Maker-Community.

The Economist schreibt, dass die Maker Bewegung eine Antwort auf die digitale Kultur sei. Möglich wird sie, weil es viele leicht zugängliche Komponenten gibt, mit denen die physikalische und die digitale Welt verwoben werden kann. Es wird unterstellt, dass Menschen, die den ganzen Tag nur Bits am Bildschirm bewegen, die reale Welt wiederentdecken, und Freude an der Entwicklung realer Objekte entwickeln. Es hat mit Hardware begonnen, auf die das Prinzip des „open source“ angewendet wurde, d.h. Konstruktionspläne wurde offen gestellt und zur Nachahmung und Modifikation empfohlen. Ein weiterer Impuls kommt von den online communities, die open source Programme entwickeln, die auch Nichtprogrammierern leichte Steuerungsfunktionen bestimmter Hardwareteile ermöglichen. Als dritte Triebfeder nennt The Economist die Bereitschaft des Teilens (sharing economie), dass Ideen, Software und Hardwareteile untereinander ausgetauscht und gemeinsam genutzt werden.

Die Kultmaschine der Makers ist der 3D-Drucker. 3 D steht für dreidimensional. Gedruckt wird über eine horizontal und vertikal bewegliche Platte mit einer Düse, die einen feinen Kunststofffilm aufträgt, so dass mit Layer über Layer ein dreidimensionales Gebilde geschichtet wird. Der Vorgang ist computergesteuert (wie bei einem „normalen“ Drucker) wobei die Steuerungssoftware in der DIY-Bewegung als Open Source zur Verfügung gestellt wird, so dass man auf einschlägigen WEB-Seiten sich die Software für Produkte jeglicher Art runterladen kann, und per Mouse-Klick die „Produktion“ beginnen kann. Den Drucker gibt’s auch bei Amazon zu 1.700 Euro. In der Diskussion war das Druckprogramm für einen Revolver, mit dem man sogar schießen kann, was die ethische Frage aufwarf, was darf alles open source sein? Eine Versprechung dieser Maschine besteht darin, dass Jeder seine eigenen Produkte nicht mehr im Laden kauft, sondern selber druckt, aber auch das start-up ist im Gespräch. Zwei Studenten haben eine Brillengestellfertigung mit ihrem Drucker kommerziell sehr erfolgreich in Szene gesetzt.

Spezielle Workshops, die sgn. „hackerspace“ werden organisiert, um den Ideenaustausch voranzutreiben und die Subkultur zu pflegen. Auch Frankfurt hat sein hackerspace. In diesen Kontext gehört  die „FabLab“, eine High-Tech-Werkstatt, in der ein 3D-Drucker, computergesteuerte Drehmaschinen, etc. zur Verfügung stehen, die öffentlich zugänglich und zur Förderung strukturschwacher Regionen gedacht sind, die sich teure Entwicklungslabors nicht leisten können. In diesen FabLabs können Einzelstücke gefertigt werden (Ersatzteile), die es nicht mehr gibt, oder die man als Prototypen zum ersten mal bereitstellen will. Auch die FabLabs sind eine Bewegung mit Satzung und weltweiter Verbreitung.

Einer der Chefideologen des Maker-Movements ist Chris Anderson, Herausgeber des Technologieorgans Wired. Sein Buch trägt den nicht unbescheidenen Titel: Makers: The New Industrial Revolution (2012) und wurde ein halbes Jahr später bereits ins Deutsche übersetzt. Die These lautet, es gäbe einen Megatrend zur Eigenproduktion mit neuem Konsum- und Produktionsverhalten, was die gesamten industriellen und gesellschaftlichen Strukturen verändern werde.

Man sollte vorsichtig sein, diese neuen Möglichkeiten zu belächeln. Denkt man an die irrwitzigen Fortschritte im IT-Bereich in den letzten Jahrzehnten, dann kann auch der 3D-Drucker in den nächsten Jahren heute für nicht möglich gehaltene Potentiale entfalten. Das ist eine Frage der Technik. Aber die Frage der ideologischen Hülle, wie sie Chris Anderson aufwirft, scheint mir äußerst bedenklich. Den Massenkonsum durch Persönlichkeitskonsum zu ersetzen, potenziert noch die Ressourcenfrage. Es ist leider so, dass eine Zeitung, die über eine Druckmaschine gejagt wird, in dieser Massenproduktion sehr viel weniger Ressourcen braucht, als wenn sich jeder seine Zeitung zuhause ausdruckt. Das nachhaltige Gebot der Stunde heißt nicht noch mehr (Persönliches) zu produzieren, sondern weniger zu verbrauchen. Hinzu kommt die neoliberale Lüge vom Einzelnen, der über alles bestimmen kann und dann alles selber zu seinem maximalen Vorteil erreicht. Die Verallgemeinerung und Stilisierung der Technologie-startups aus der Garage ist so irreal, wie der Tellerwäscher, der zum Millionär wird. Der normale Tellerwäscher bleibt Tellerwäscher, und die Maker in den Garagen werden mit fortschreitendem Technologiepotenial letztlich outgesourcte Entwicklungsbüros, die das Entwicklungsrisiko voll tragen, während Risikokapitalgeber das Geschäft machen. Es gab schon mal eine Maker-Bewegung, an die wohl  Anderson weniger dachte, das waren die Heimarbeiter. Wird es ihnen wirklich besser ergehen, wenn der Webstuhl computergesteuert ist und die Webmuster auf Tauschbörsen von creativen Nerds zum zum Nulltarif bereitgestellt werden? Wenn der 3D-Drucker kostenlos wäre, keine Energie und keine Ressourcen bräuchte, ja dann könnte er das Eigenheim, die Nahrung und die Kleidung drucken, dann hätten wir das Paradies. Wer heftige Knieprobleme hat, druckt sich seine Prothese selber aus, und lässt sich im nächsten medizinischen FabLab mit Open Source-Software das Ding einoperieren. Ein Psycho-App im iPhone wird ihm helfen, den seelischen Schock über den Verlust seines gesunden Knies zu überwinden. Schöne neue Welt, wer daran glaubt.

 

 
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