Vom HOMO S@APIENS zum HOMO DEUS

[sorry, für den langen Riemen, aber das zu besprechende Buch Homo Deus von Harari hat über 500 Seiten]
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Prognosen über ca. 100 Jahre zu stellen, sind unmöglich. Niemand weiß heute, wie die EU 2050 aussehen wird, schreibt Yuval Noah Harari in seinem 2015 erschienen Buch „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“, das kürzlich im Beckverlag auf Deutsch erschien. Was ihn aber nicht daran hindert, Szenarien zu entwickeln, die für absehbare Zeit nichts Geringeres behaupten, als den Wandel vom Homo Sapiens zum Nichtmehr-Sapiens. Zufällig entdecke ich in meinem Schrank einen ähnlich dicken Wälzer von Ray Kurzweil, „Homo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?“, der 1999 geschrieben wurde (The Age of Spiritual Machines) und letztlich zum gleichen Ergebnis kommt. Kurzweil ist berühmter Computerpionier am MIT. Er schreibt technisch und versucht durch die Analyse modernster Technologien diese weiterzudenken. Das macht ihn angreifbarer. Für das Jahr 2019 prognostiziert er Computer (für 1000 Dollar), die annähernd die Rechenleistung des menschlichen Gehirns haben, deren Interaktion mit dem Menschen über Gesten und natürlich gesprochene Sprache stattfindet, etc. Vieles davon liegt nicht schlecht, aber der Gehirnvergleich scheint doch etwas gewagt, auch wenn es noch 2 Jahre bis 2019 sind. Im 12 Kapitel, im Jahr2 2099 wird das menschliche Denken mit der ursprünglich vom Menschen erschaffenen Maschinenintelligenz verschmelzen. Auf erweiterten Modellen der menschlichen Intelligenz basierende Maschinen definieren sich als menschlich. (S.358ff.)

Noah Harari ist Geschichtswissenschaftler, er hat sich das technologische Wissen angelesen und unterfüttert seine Thesen historisch philosophisch, allerdings reichlich gespickt mit interessanten Beschreibungen technologischer Errungenschaften der Biotechnologien, Neurowissenschaften und Informationstechnologien. Im 1. Kapitel, Die neue menschliche Agenda, frappiert er den Leser mit seiner nicht schlecht belegten Feststellung, dass wir in der besten aller Zeiten leben. Über Jahrhunderte verfolgten die Menschen auf der ganzen Erde große Hungersnöte, Seuchen, Kriege, wobei jedes mal erhebliche Prozentsätze der Menschen großer Regionen ausgerottet wurden. Die einzige Waffe, die sie hatten, war, zu Gott zu beten, was rückblickend wenig erfolgreich war. Mit der industriellen Revolution, der Entwicklung der Wissenschaft, einhergehend mit dem Aufkommen des Humanismus, des freien Individuums, das nicht mehr Gott gehorchte, sondern seinem Selbst, wurden die Werkzeuge entwickelt, mit denen Hungersnot, Kriege und Epidemien wirklich bekämpfbar wurden. Wenn wir sie heute noch in Teilen der Erde haben, dann sind das nicht Naturgewalten oder Gottesstrafen, es ist schlicht menschliches Versagen, fehlgeleitete Politik, die diese „alten Probleme“ immer noch in Grenzen virulent erscheinen lassen.

Wer über die „wirklichen“ zukünftige Entwicklungen nachdenken will, sollte den IS, die Flüchtlingskrise und den aufkeimenden Nationalismus vergessen, die Herausforderung kommt von den modernen Biotechnologien, den Algorithmen der Computerwissenschaften, den Neurowissenschaften. Wenn heute noch zig Millionen Muslime und andere Religiöse den Koran oder die Bibel lesen, dann ist das deren Fehler, sie sollten sich besser mit Biowissenschaften befassen. Auch das riesige autokratische Zarenreich wurde von einer Handvoll Kommunisten hinweggefegt, die verstanden hatten, dass Dampfkraft und Elektrifizierung der Zug zur neuen Entwicklung ist.

Im Teil I wird zunächst die Entwicklung des Menschen vom Sammler und Jäger bis zur Neuzeit nachgezeichnet, wobei Harari hier die Begrifflichkeit der „Religion“ als Leitmodus nutzt, was mich bei der Lektüre ziemlich irritiert, bis nervt. Die Sammler und Jäger befinden sich noch auf der Tierstufe, sie leben seiner Meinung nach in Achtung vor und gleichberechtigt mit Pflanzen und Tieren. Die Agrarrevolution wird dann bereits als erste religiöse Bewegung dargestellt. Hier beginnt Homo Sapiens sich das Tier zu domestizieren, es auszubeuten. Es entsteht das Muster von Herr und Knecht. Mit den Schriftreligionen kommt der eine Gott, als Oberherrscher, es kommen die Versklavung, Untermenschen und Tierausrottung. Die These des Buches wird immer wieder mit wechselnden Bildern eingeblendet: „Archaische Jäger und Sammler waren nichts weiter als eine Tierart unter vielen. Bauern betrachteten sich als Gipfelpunkt der Schöpfung. Wissenschaftler werden uns zu Göttern erheben“(S.137)
Wenn mittels theistischer Religion sich der Mensch über das Tier erhebt, entsteht die Frage, was zeichnet ihn aus, wo es doch nach jüngsten Untersuchungen sehr viel Ähnlichkeiten genetisch und verhaltensmäßig zwischen Menschen und Tieren gibt? Dass der Mensch eine Seele haben könnte, scheidet Harari aus. Sie wurde durch keine Untersuchung gefunden und sie widerspräche der Evolution. In der Evolution entwickeln sich die Arten durch Abspaltung, geringe Genveränderung. Dieses ständige Teilen widerspräche einer Entität. Ob das stichhaltig ist, weiß ich nicht. Auf S.143f. zitiert Harari die extreme Gläubigkeit in den USA an den Kreationismus. Nur 15% glauben, der Mensch sei durch natürliche Auslese entstanden, 32% glauben, der Mensch habe sich über Jahrmillionen aus früheren Lebewesen entwickelt, aber Gott habe das dirigiert. Und 46% meinen, Gott habe den Menschen in den letzten 10000 Jahren erschaffen, wie das in der Bibel steht. Das ist unabhängig vom Bildungsgrad. Warum haben die Amerikaner Angst, die Evolution zu akzeptieren, während sie problemlos die viel verrücktere Relativitätstheorie nicht bezweifeln? Der Grund sei die Angst, mit der Anerkennung der Evolutionslehre auch die Seele verwerfen zu müssen. Dieser Argumentation mag ich nicht folgen. Schließlich ist auch Europa relativ christlich gläubig, und der Kreationismus spielt hier kaum eine Rolle.
Wenn der Mensch keine Seele hat, so hat er doch einen bewussten Geist, das ist ein Strom subjektiver Erfahrungen wie Schmerz, Freud e,.. (S.148). Über viele Seiten versucht der Autor darzulegen, dass Geist und Bewusstsein das Ergebnis neuronaler Prozesse seien, die über Algorithmen aufgebaut sind, über die wir aber noch sehr wenig wissen (S.151). Der Unterschied zwischen Tier und Mensch könne darin bestehen, dass das Tier „nicht-bewusstes“ Erleben hat, während der Mensch bewusstes Erleben hat. Also auch Tiere, bei denen man Empathie beobachtet, könnten dies in Folge vorgegebener Algorithmen entwickeln, ohne dass dahinter eine vielleicht moralische, bewusste Entscheidung liegt. Auch könnten Menschen im Unterschied zum Tier flexiblere Kooperationen eingehen, was eine Überlegenheit hervorbringe. Schließlich wird noch die Sinnebene diskutiert über intersubjektive Kommunikation werden Handlungen Sinn zugeteilt.

Im Teil II wird ausgiebig dargelegt, wie der Homo Sapiens in Gestalt der „Humanistischen Religion“ der Welt subjektiv einen Sinn gibt, während zur religiösen Zeit die Sinngebung von Gott als gegeben angesehen wurde. Zunächst wird das Verhältnis von Wissenschaft und Religion beschrieben. Es scheint ein Kampf gegeneinander zu sein. Der Religion geht es um Ordnungen, der Wissenschaft geht es um Macht (S.272). Solche Sätze sind mir zu plakativ, man könnte genauso das Gegenteil behaupten. Dann erfolgt ein Exkurs über den Kapitalismus, dessen Streben nach immer mehr Wachstum die Bevölkerung reich gemacht habe, nur die Gefahr der Ökokrise, durch zu viel Ressourcenabbau und schädliche Emission wird als ernst bezeichnet. Dass der Kapitalismus die Welt auseinander treibt in Ausgebeutete (besonders in der 3. Welt) und in immer reicher werdende, verliert sich im Text. Wenn die Marktgesetze ziellos sind, und die Religion als Sinngebung verschwunden ist, wieso entwickelt sich das System dann nicht in ein Chaos? Etwas zynisch fragt der Autor, warum im gottesfürchtigen Syrien mehr Gewalt herrsche, als in den atheistischen Niederlanden? Der Grund liegt in der humanistischen Religion (S.302f.) In moralischen Fragen lautet das humanistische Motto: „Wenn es sich gut anfühlt, tue es“ (S.313) Bei einer demokratischen Wahl stimmen die Wähler nach ihrer inneren Stimme ab, und sorgen so dafür, dass eine Partei gewählt wird, die ihnen gut tut. Kunst sei, was Menschen für gut halten (S.314). Diese Setzungen scheinen mir sehr plakativ. Hier hätte Harari wenigstens den Kantschen Imperativ heranziehen können, dann wäre aber ein Grundmuster gewesen, dass der Sinn in der Verfolgung der Vernunft liege. Immerhin ist das ein mächtiges Sinngebungsprinzip, das ebenfalls ohne Gott auskommt. Was Kunst ist, darüber entscheiden nicht Gefühle von Menschen, sondern Preise auf Auktionen, Manipulationen von mächtigen Galerien oder wirkungsmächtige Experten /Kunstgurus. Auch der Konsumerismus, als Steuerungsorgan für die Güterverteilung wird von Harari zu plakativ, nach neoliberalem Lehrbuchmuster abgehandelt. Der Konsument als freier Entscheider bei transparenter Marktinformation, und der Anbieter als Reakteur auf diese Entscheidungen steht so im Lehrbuch, ist aber in der Praxis nicht zu finden. In Hararis Diktion könnte man sagen, das großartige Internet gibt es nur, weil es die Konsumentenmanipulation gibt, denn ausschließlich mit der machen Facebook und Google ihre Profite, und stellen dafür ihre riesigen Serverfarmen auf. Gerade weil der Konsument kein freier Entscheider ist, funktioniert das BigData Buisiness.
Der humanistischen Bildung wird unterstellt, dass sie Erziehung zum selbst denken sei. Das unterscheidet sie wohl von der Koranschule, wo nur auswendig gelernt wird. Wichtiger ist aber in der modernen Gesellschaft, dass die Schüler das Lernen lernen.
Der autonomen Selbstsetzung des Individuums im Humanismus vermag ich nicht ganz zu folgen. Harari sagt, wenn heute jemand an Gott glaubt, dann sei das seine eigene Entscheidung, während in der vorhumanistischen Zeit der Gottglaube gesetzt gewesen sei. Nach dem Konstruktivismus, der von Hatrari an keiner Stelle erwähnt wird, ist alles, was wir denken aus uns selbst heraus konstituiert. Jede Geschichte, die ein Mensch erzählt, fußt auf einer inneren Rekonstruktion der Inhalte, d.h. auf eine eigene Entscheidung für diese Geschichte, die sich aus früheren Erfahrungen des sozial-kulturellen Umfeldes ergibt. M.a.W. auch der mittelalterliche Mensch hat sich entschieden, an Gott zu glauben, das war ihm bloß nicht bewusst.

Die humanistische Revolution hat drei Strömungen hervorgebracht. Alle humanistischen Sekten glauben, dass die menschliche Erfahrung die oberste Quelle von Autorität und Sinn sei (S.336). Der orthodoxe Zweig behauptet, jeder Mensch sei ein einzigartiges Individuum. Der Wille des Individuums solle deshalb mehr Gewicht haben als staatliche Institutionen. Im 19. und 20 Jahrhundert entsteht der „sozialistische Humanismus“, zu dem die kommunistischen und sozialistischen Bewegungen zählen, und der „evolutionäre Humanismus“, zu dem die Nationalsozialisten gehören. Dem sozialistischen Humanismus wird unterstellt, dass er auf der Gleichheit aller Individuen bestehe, womit hier indirekt der Kantische Imperativ bestätigt wird, denn man soll bei seinen Entscheidungen darauf achten, dass andere nicht dadurch geschädigt werden (S.341). Der evolutionäre Humanismus dagegen strebt die Optimierung des Individuums an, er sucht technologisch den Übermenschen. Was bei den Nazis zum Holocaust geführt habe.
Sätze wie „Der Liberalismus stellt noch immer individuelle Freiheiten über alles und glaubt noch immer ganz fest an den Wähler und den Konsumenten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Weltsicht konkurrenzlos.“(S.362) sind typisch für Harrais Argumentationsstil. Er zieht die ganz großen Verallgemeinerungen, ohne Bezug darauf, wer diese Position eigentlich wirklich so vertritt, oder ob sie praktikabel ist. Darf man das? Wo in jeder modernen westlichen Demokratie, jeweils auf sehr unterschiedliche Weise individuelle Freiheiten durch Rahmengesetze eingeschränkt sind, dem Wähler nicht einfach vertraut wird, und der Konsument in großen Teilen das manipulierte Objekt der Firmenwerbung ist?
Harari braucht dieses Freiheitskredo der humanistischen Revolution, weil er im Teil III mit moderner naturwissenschaftlicher Argumentation aufzeigen will, dass die Entscheidungen der Menschen gar nicht frei sind, der Mensch also der Kontrolle über sein Selbst beraubt ist. Über die deterministische Steuerung der Neuronen im Gehirn bahnt sich dann der Weg an, sie mit Computerchips zu verbinden und an BigData zu koppeln, so dass dann die Entscheidungen nicht mehr vom individuellen Selbst, sondern vom „System“ allen vernetzten Wissens und künstlicher Intelligenzen kommen.
„Die elektronischen Abläufe im Gehirn, die in einem Mord münden, sind entweder deterministisch oder zufällig oder eine Mischung aus beidem – aber sie sind niemals frei.“(S.380) Mit solchen Aussagen schlägt sich Harari unkritisch auf die Seite der Neurowissenschaftler, die in jüngster Vergangenheit die Freiheit menschlicher Entscheidungen aufgrund ihrer Forschungen zu neuronalen Abläufen bestreiten. Das Konzept, alles auf neuronaler Basis erklären zu wollen, ist jedoch auch kritisiert worden, am meisten haben sich Philosophen und Soziologen gewehrt, weniger die Politiker oder die Justiz. (vgl. dazu die gut lesbare Zusammenfassung der Problematik von Peter Hucklenbroich). Bei dem deutschen Neurowissenschaftler Wolf Singer kann man nachlesen, dass mit diesem Freiheitsverlust Erziehung und kulturelles günstiges Umfeld nicht überflüssig geworden sind, denn diese vorgehenden Erfahrungen äußern sich auch in dem feuernden Neuronenbündel, das zur Entscheidung kommt. Die neuronale Determination ist also nicht ganz unabhängig vom Erfahrungsumfeld des Handelnden. Insofern ändere sich gar nichts an unserem Erziehungs- und Rechstsystem, man müsse nur die Betrachtungsweise von Entscheidungen verändern, sie werden vom Individuum (nach der Neuroforschung) erst nachdem sie gefällt sind, interpretiert.
Die im 21. Jahrhundert voranschreitende Roboterisierung/künstliche Intelligenz mache die meisten Arbeitenden obsolet. Der Arbeiter wird zur nutzlosen Klasse. Auch diese These wird nicht belegt, und die Empirie spricht z.Zt. noch gegen sie. Technologisch argumentiert hier Harari etwas fortgeschrittener als Kurzweil, denn inzwischen gibt es BigData, das über bloße Mustererkennung mit riesiger Datenauswertungen zu immer besseren Ergebnissen kommt, ohne dass dabei eine „echte“ künstliche Intelligenz vorhanden sein muss. In Spezialgebieten sind die Leistungen entsprechender Algorithmen heute bereits sehr groß, so dass die Hypothese, dass ein Algorithmus, einen Arbeiter ersetzen kann, ja nicht einen Universaltätigen ersetzen muss, sondern eben nur eine arbeitsteilige Nische im Arbeitsfeld, nicht von der Hand zu weisen ist. Welche Jobs aber drumherum entstehen, ist schwer prognostizierbar.
Der Glaube an den alles könnenden Algorithmus ist so groß, dass der Autor es für möglich hält, dass ein externer Algorithmus über das einzelne Individuum besser Bescheid weiß, als es selbst über sich, dass dieser Algorithmus sich in Kunst und in der demokratischen Wahlen besser auskennt, etc. so dass in der Konsequenz die ohnehin determinierten internen neuronalen Algorithmen durch diesen externen ersetzt werden können (S.444). Das wäre das Ende des Homo Sapiens. Als Beleg für die aktuelle Leistungsfähigkeit der BigData-Algorithmen wird Kosinsky (Cambridge Analytics) zitiert, der angeblich in seinem psychometrischen Algorithmus die politischen und persönlichen Neigungen an Hand der „Likes“, die eine Person vergibt, bestens voraussagen könne (S.459). Überprüfungen ergaben, dass die Prognosen mit den Likes jämmerlich sind (vgl. meinen vorletzten Beitrag). Es mag ja sein, dass das in 20 Jahren anders aussieht, es mag aber auch nicht sein! Als weitere Quelle für das zunehmende Wissen der Algorithmen bezieht sich der Autor auf das e-Book-Lesen in den USA, wo mehr E-Books als Printbücher gelesen werden. „Schon bald werden Bücher Sie lesen, während Sie diese Bücher lesen“ (S.464). Das bezieht sich darauf, dass beim Lesen ein Tracking möglich ist, wo die Unterstreichungen, die Lesepausen, die Lesedauer, etc. „mitgelesen“ wird, so dass in Datenbanken sehr genaue Informationen vorliegen, wie statistisch ein Buch gelesen wird, an welchen Stellen es weg gelegt wird, etc. Daraus könnten Anweisungen zum Umschreiben oder eben Schreibempfehlungen folgen, und der Algorithmus weiß, was der Lesende spannend findet. Beim Kindelbook gibt es eine einfache Option, wo man dieser Trackingfunktion zustimmen kann, oder sie ablehnt. Die Bereitschaft vieler Menschen, im Netz hemmungslos Spuren zu hinterlassen, kann in den nächsten Jahren sinken, und es können politisch ziemlich einschneidende Datenschutzbeschränkungen erlassen werden, die dem BigData-Buisiness einen Riegel vorschieben. Die Algorithmenmächtigkeit ist erstens nicht bewiesen und zweitens nicht einfach da, es gibt eine Gesellschaft die mehr und weniger ja oder nein dazu sagen kann, auch das sollte in Zukunftsvisionen einbezogen werden.
Ein interessanter Gedanke ist die „Optimierte Ungleichheit“ (S.467f.), d.h. die große Masse, die ja zunehmend „unnütz“ wird, könnte sogar so behandelt werden, wie zur Zeit der Mensch die Tiere behandelt. „Im 20. Jahrhundert zielte die Medizin darauf ab, die Kranken zu heilen. Im 21. Jahrhundert ist sie zunehmend darauf ausgerichtet, die Gesunden zu optimieren.“(470) Um biologisch aufzusteigen, sind sehr teure Genanalysen notwendig. Wer seine Kinder genetisch auswählt, wer seine Alterung hinausschieben will etc., wer die besseren Chipimplantate mit mehr Datenzugang nutzen will, braucht viel Geld. Durch biologische Akkumulation wächst eine Kaste von Übermenschen heran, die allen anderen mehr überlegen sind, als früher die Kaiser den Bauern. Das liest sich wie eine dystopische Entwicklung.
Die Ideologie nach den humanistischen Religionen werden als Techno-Religionen bezeichnet mit der Aufspaltung in den „Techno-Humanismus“ und die „Datenreligion“.
Der Techno-Humanismus hält an vielen humanistischen Werten fest, er strebt aber ein höherwertiges menschliches Modell an, das einen erweiterten Erfahrungshorizont hat. Durch ein paar kleinen Veränderungen in der Gen-Zusammensetzung käme eine zweite kognitive Revolution auf uns zu. Wie man sich das vorzustellen hat, wie erweitertes Bewusstsein auch durch Psychopharmaka geschaffen wird, ist angedeutet, ich konnte das nicht ganz nachvollziehen – aber es ist ja auch Zukunftsmusik.
Der „Dataismus“, der gerade im entstehen ist, sei die interessanteste Religion, die weder Götter noch Menschen verehrt – sie huldigt den Daten. (S.497f.) In diesem Abschnitt rekurriert Harari noch einmal auf die neoklassische Theorie. Er unterstellt die volle Transparenz der Märkte, die als verteilte Systeme mit der „unsichtbaren Hand“ die optimale Regulierung der Güterverteilung erschaffen würden. Als Analogie zieht er das Netz heran, dass in seiner nicht hierarchischen Struktur diesem Mechanismus ähnele, so dass die über verteilte Zustände agierenden BigData-Algorithmen im Prinzip die beste Optimierungsmöglichkeit für das Gesamtsystem seien. Individuen braucht es nicht dazu, man delegiert sein Selbst in die Datenströme. „Da sowohl Menge als auch Geschwindigkeit der Daten zunehmen, könnten altehrwürdige Institutionen wie Wahlen, Parteien und Parlamente obsolet werden – nicht weil sie unmoralisch wären, sondern weil sie Daten nicht effizient genug verarbeiten“ (S.506). Es fragt sich hier nur, wer verarbeitet denn die Daten, der sich selbst verwaltende Algorithmus? Auf der nächsten Seite scheint mir der Autor sich selbst ein Bein zu stellen: „Noch nie in der Geschichte wusste eine Regierung so viel über das, was auf der Welt vor sich geht – und doch wenige Imperien haben auf so dämliche Weise Mist gebaut wie die heutigen Vereinigten Staaten. Sie sind wie ein Pokerspieler, der genau weiß, welche Karten seine Gegner in der Hand haben, und es trotzdem schafft, eine Runde nach der anderen zu verlieren“ (S.507). Ja, würde ich sagen, das zeigt doch die Grenzen vin BigData und aller Algorithmen dazu, deren die USA sich bedienen, wie wenig die Daten allein für politische Lösungen taugen.
Natürlich wird auch das „Internet der Dinge“ einbezogen, das es zu Kurzweils Zeiten noch nicht gab. Ein Gebot des Dataismus sei, alles soll mit dem System verbunden sein. Die Optimierung funktioniere nur, wenn alles mit allem kommunizieren kann. Das erfordere „die Freiheit der Information“ (515f.) . Damit sei nicht der liberale Begriff der Meinungsfreiheit gemeint. Was aber dann? Das faszinierende an der digital vermittelten Information ist, dass sie beliebig oft transformiert, mit Lichtgeschwindigkeit transportiert und gespeichert werden kann, aber muss sie frei sein??
Zum Internet meint Harari etwas sehr mechanistisch: „Dieser unablässige Datenstrom führt zu neuen Erfindungen und Verwerfungen, die niemand plant, steuert oder begreift“ (S.521) Da melde ich heftigen Widerspruch an. Der Datenstrom für sich führt zu nichts. Erfindungen, die aus Datenströmen resultieren, mussten zuvor durch Risikokapital oder Crowdfunding bewertet und dann gesponsert werden, da sitzen reale Menschen, die entwickeln auf Ziele hin, von denen sie sich einen Gewinn oder Nutzen versprechen, wo ist da Zukunftsmusik?

Als Grobprognose notiert Harari auf der vorletzten Seite (536): Kurzfristige Probleme lösen wir wie gehabt, aber langfristig gelte:
1. Die Wissenschaft konvertiert zu einem allumfassenden Dogma, das behauptet, Organismen seien Algorithmen und Leben sei Datenverarbeitung.
2. Intelligenz koppelt sich vom Bewusstsein ab.
3. Nicht-bewusste, aber hochintelligente bAlgorithmen könnten uns schon bald besser5 kennen als wir uns selbst.
Mit folgenden Fragen solle man sich nach der Lektüre beschäftigen:
1. Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
2. Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
3. Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir selbst?

Haben sich 537 Seiten Lektüre mit viel Redundanz aber auch netten Beispielen gelohnt, um zu diesen Fragen zu kommen? Ich musste mich etwas quälen.

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Eine Antwort auf Vom HOMO S@APIENS zum HOMO DEUS

  1. monika voelker sagt:

    informativer Text in der Rezension; es wird einmal nicht der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen

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