Auf der Demokratie Trumpeln

Weinende Freiheitsstatue

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Das Internet – Sargnagel der Demokratie?

Eine Demokratie wird dadurch gekennzeichnet, dass alle Macht vom Volke (und nicht von einem Despoten) ausgeht. Wesentliches Merkmal sind freie Wahlen. „Da die Herrschaft durch die Allgemeinheit ausgeübt wird, sind Meinungs- und Pressefreiheit zur politischen Willensbildung unerlässlich“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratie)

Wenn ein Wahlergebnis zum Wohle der Allgemeinheit ausfallen soll, setzt es den informierten Bürger voraus, der über die Zusammenhänge wesentlicher Grundsatzfragen einigermaßen informiert ist, und es müssen Kandidaten antreten, denen man in den Fragen vertrauen kann, über die man selbst nicht genügend Information hat. Wenn ein Kandidat maßlos lügt, dann muss es die freie Presse geben, die mit sachlicher Gegenargumentation den Lügner bloßstellt. In Fragen von Lösungen für komplexe Sachverhalte versagt die Kategorie Lügen in modernen Gesellschaften schon eine Weile. Ob z.B. die EZB mit Ihrer Politik der Geldschwemme letztlich Europa wieder auf Kurs bringt, oder ob sie damit auf eine schärfere Finanzkrise zusteuert, darüber haben Experten unterschiedliche Meinungen. Da lässt sich nicht mehr eine Position als Lüge und die andere als Wahrheit deklarieren. Der moderne informierte Bürger blickt selbst in ganz vielen Fragen nicht mehr durch, aber er kann wenigstens die Herkunft von Positionen einordnen. Die analogen Medien sind ein zuverlässige Partner in der Positionierung. Nachrichten, die wir aus der taz, der FAZ, der Süddeutschen, aus öffentlichen und privaten Fernsehsendungen entnehmen, sind von professionellen Redaktionen nach ihrem Weltbild gefiltert, man kann sie als Leser/Zuschauer einordnen. Allerdings erfordert das Einordnen von Nachrichten ein nicht unerhebliches gesellschaftliches Metawissen, das vielen Bürgern abhanden gekommen ist, bzw. die es nie hatten. Es gibt eine gewisse Tendenz, Positionszuordnungen grobschlächtig zu treffen, oder sie ganz auszublenden. Je komplizierter die Zusammenhänge, in denen wir stehen, desto schwieriger werden Positionszuweisungen. Ein konservativer CDU-Wähler hatte früher ein relativ klares Feindbild zwischen „linken“ und „rechten“ Positionen. Heute, wo seine eigene Parteivorsitzende in der aktuell hoch brisanten Flüchtlingsfrage Positionen vertritt, die auch typische „Linke“ vertreten, stürzt seine einfache Positionswelt zusammen. Bürgern, die bisher eher unpolitisch gedacht und gehandelt haben, fehlt die Positionierungserfahrung grundsätzlich, es fehlt die Erfahrung, dass „richtig“ und „falsch“ kaum mehr moderne Entscheidungsgrundlagen darstellen. Wenn da aus dem Bauch ein Unsicherheitsgefühl hoch steigt, sind sie sehr schnell ein Opfer der Populisten, die gerne noch die „richtige“ Welt von der “falschen“ trennen wollen. Differenzierte Presseberichterstattung wird zur „Lügenpresse“ erklärt.
Welche Rolle spielt unsere zunehmende Digitalisierung in diesen, die Demokratie fundierenden Prozessen?
1. Wesentlich geändert hat sich die Informationsbeschaffung.
Die meisten Jugendlichen, aber auch zunehmend Erwachsene lesen keine Zeitung mehr, hören nur Musiksendungen und ignorieren das Fernsehen. Wer sich informieren will, zückt sein Smartphone und googelt danach. Eingefleischte Facebookianer suchen nicht im offenen Internetraum, sonder sie suchen direkt in Facebook. Was sie da auf Anhieb finden, ist weder von einer Redaktion gefiltert, noch irgendwie beliebig objektiviert. D.h. es ist eine Nachricht der das „klassische“ Positionssiegel fehlt, deren Zuverlässigkeit für einen medial wenig Kompetenten nicht einschätzbar ist. Was der Suchende findet, wird vom Algorithmus, den Google oder Facebook implementiert hat, bestimmt. Damit der suchende Kunde von Google oder Facebook möglichst schnell bedient wird, sorgt der Algorithmus dafür, dass die Antwort auf die gesuchte Nachricht möglichst nahe an dem Umfeld liegt, das der User vorher schon befragt hat. Der Suchende befindet sich bzgl. der Suche in einem „Echoraum“ bzw. in einer „Filterbubble“. Wer eine AfD-Homepage angeklickt hat, einige „likes“ auf flüchtlingskritische Informationen gegeben hat, trifft bei weiterer Recherche Ähnliches, womit sich sein Profil im Algorithmus schärft.
Das Filtern von Informationen ist allerdings keine Erfindung des Internets. Auch in der analogen Welt fühlt sich ein Bürger dahin gezogen, wo seine politische/kulturelle/soziale Heimat liegt. Sei es der Freundeskreis, die Konsumwelt oder die kulturelle Betätigung, das sind alles Echoräume, die unsere tradierten Bindungen festschreiben. Wenn Algorithmen diesen Prozess nachahmen, ist das eine Prinzipienübertragung, aber nicht unbedingt eine Manipulation. Was uns der Algorithmus anbietet, das müssen wir nicht akzeptieren. Letztlich entscheidet immer noch das Subjekt, ob es mit dem Suchergebnis zufrieden ist, oder weitersucht. Wer einen besonders engen Echoraum hat, ist eben auch ein besonders engstirniger Mensch, was hier Ursache und was Folge ist, ist schwer aufzudröseln. Johann Schloemann zitiert in seinem ausgewogenen, SZ-Artikel „Was hinter der Angst vor Big Data steckt“) den digitalen Psychometriespezialisten Michal Kosinski, der in einem Interview sagt, „the magic is in the data.“ Das heißt so viel wie, man zaubert nichts hinein, sondern holt es nur heraus.
Fazit: Die Informationsbeschaffung ist über das Internet extrem erleichtert worden, führt zur Veränderung der medialen Landschaft und ist in der Einschätzunmg weniger transparaent als die Information, die über klassische Medien bereit gestellt wird. Das ist ein Problem, aber nicht das Ende der freien Meinungssuche.

2. Bei der Informationsbereitstellung
zeigt die jüngste Debatte über die angebliche Entscheidung durch Big Data beim Trump-Wahlsieg, dass auch hier Vorsicht bei vorschnellen Internetverdikten angebracht ist. In der Neuen Züricher erschien am 3. Dezember ein Artikel von Hannes Grassegger und Mikael Krogerus, in dem Trumps Wahlsieg auf das Wirken der Firma „Cambridge Analytics“ zurückgeführt wurde, die auch beim Brexit Zugange war. Die Werkzeuge stammen von dem Psychometriker Kosinski, der selbst aber die Zusammenarbeit mit Cambridge Analytics abgelehnt hat. Seine psychometrischen Untersuchungen sind inzwischen so verfeinert, dass aus Netzdaten sehr passgenaue Persönlichkeitsdaten gezogen werden können, so dass man, wenn man Netzprofile kennt, auf Personenprofile zurückschließen kann. Diese Techniken sind von Cambridge Analytics übernommen worden und massiv für die Wahlwerbung in den sozialen Netzen aber auch in der Straßenbewerbung angewendet worden. Z.B. gibt es eine App, mit der ein Tramp-Wahlwerbeteam vor einer Haustüre die Adresse eingeben kann, dann teilt Ihnen die App mit, welcher Wählertypus im Haus wohnt, und wie man ihn ansprechen sollte, so dass die Wahlhelfer ihre Argumentation entsprechend darauf einstellen können. Im Netz kann man mit den Personenprofilen „Ad-Targeting“ betreiben, d.h. der Werbeslogan bzw. der Wahlspruch wird auf die Persönlichkeit abgestimmt. Ein Afroamerikaner bekommt andere Botschaften als ein 65 jähriger weißer konservativer Mann. Es wird angedeutet, dass das Ad-Targeting oder auch „Mikrotargeting“ eine erheblich größere Wirkung habe, als das „normale“, kontextorientierte Werbeeinsprengsel. Die Widersprüchlichkeit der Trumpschen öffentlichen Aussagen hat hier den Vorteil, dass jeweils die „richtige“ Aussage an den dafür geeigneten Adressaten gebracht wird. So dass für jeden etwas im Wahlportfolio bereit liegt.

Dieser Beitrag liest sich beängstigend, und es gibt etliche Pressemeldungen, die auf diesem Beitrag beruhen, so z.B. auch der zweiseitige Artikel „Wie Trump gewann“ in der Sonntags-FAZ vom 11. Dezember von Volker Zastrow. Auch die deutsche Politik springt auf die Warnung, dass mit Big Data Wahlen gewonnen werden könnten voll auf, indem sie eindringlich vor den russischen Hackern warnt, deren mögliche schädliche, oder fälschliche Enthüllungsnachrichten in den Netzen Schaden anrichten könnten.

Inzwischen werden aber die Aussagen des NZ-Artikels zum Trumpsieg, bzw. zur Leistungsfähigkeit von Cambridge Analytics nicht zuletzt in der NZ selbst kritisiert. Die beiden wichtigsten Argumente in der Kritik sind, dass auch Hillary Clinton mit ganz ähnlichen Mechanismen ihren Wahlkampf organisiert hat, so dass man zumindest fragen müsste, wieso helfen die Algorithmen dem einen mehr als der anderen? Und dass selbst über die sgn. „dark posts“ (Zielgruppen gesteuerte Werbung in den Facebookstreems) immer an einer so lancierten Botschaft die Werbung kenntlich ist, d.h. der Facebooknutzer erhält keine persönliche Nachricht, sondern er erkennt die Botschaft als Werbebeitrag von TRump. Dennis Horn, WDR, „Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?“  weist den NZ-Artikel schon deshalb zurück, weil er zu gut und zu glatt eine simple Erklärungsstory für den Trump-Sieg abliefere. Er zweifel u.a. mit Belegen die Leistungsfähigkeit der Psychometrie an, dass die Profilbestimmungen doch lange nicht so gut gelingen, wie deren Autoren glauben machen.
Fazit: Auch die Informationsbereitstellung durch das Internet mittels Big Data hat deutliche Grenzen in der Treffsicherheit, und wieweit das selbst bestimmende Subjekt sich Werbeslogans, und seien sie noch so personalsiert, sofort zu eigen machen muss, darf Gott sei Dank noch angezweifelt werden. Ein Nachweis für den Erfolg sucht man bei Cambridge Analytics vergeblich. Aber so lange solche Firmen die Leistung von Big Data hoch halten, so lange erzielen sie mit diesem neuen Geschäftsfeld hohe Umsätze.

3. Kommen wir zur Sargnagelfrage zurück.
In das Internet wird sehr viel hineinprojiziert, von den Befürwortern wie von den Gegnern. Ohne Frage wird unsere Gesellschaft auch durch das Internet verändert. Der fürs funktionieren einer Demokratie notwenige „informierte Bürger“ wurde bei „analogen“ Wahlkämpfen auch mit massiven Täuschungsmanövern übersät, nun bei fortschreitender Digitalisierung werden für die Täuschungen neue Werkzeuge erfunden oder es ergeben sich neue Konstellationen, die sich kompensieren, wenn sie sich alle zunutze machen können. Die Nutzungsformen sind immer ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft und nie Motor ihres Unterganges oder ihrer Auferstehung.

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Jarett Kobek, der gut situierte Wutbürger

Das jüngste bereits übersetzte Internetbashingbuch kommt vom kanadischen Autor Jarett Kobek und trägt den Titel: „Ich hasse das Internet. Ein nützlicher Roman“ (Fischer Verlag, Frankfurt 2016). Ich habe mir einige Rezensionen angeschaut, die mich nicht zum Lesen dieses Buches animiert haben.

Die Frankfurter Rundschau titelt ihre Rezension: „Ironische Abrechnung mit dem Netz“ (von Klaus Göpfert).Man erfährt, dass hier eine bissig, ironische Abrechnung mit dem Kapitalismus und dem Internet vorliegt, die für unterhaltsam erklärt wird.

Spiegel ONLINE 15.10.16, von Wolfgang Höbel: Referiert mehr anerkennend den Inhalt, weil das Buch im Selbstverlag von der New York Times hoch gelobt und ein Massenerfolg wurde. „Tatsächlich ist Kobeks Buch ein Reiseführer durch das Silicon Valley und durch den Technologiekosmos von Google, Apple und Twitter – und eine gut 350 Seiten lange Wutrede gegen die Menschheitsmanipulation durch große amerikanische Konzerne und die amerikanische Politik“

Einen Verriß liefert die taz am 24.10.16 von Adrian Schulz  „Dieser Text handelt von einem schlechten Roman. Dass er schlecht sei, behauptet der schlechte Roman, von dem dieser Text handelt, sogar selbst. Das macht ihn aber auch nicht besser….Statt Spannung aufzubauen, werden mit enzyklopädischem Eifer und dem Impetus eines YouTube-Kommentators sämtliche Verfehlungen der weißen, männlichen, heterosexuellen Mittel- und Oberschicht (und aller anderen Bevölkerungsgruppen) rekonstruiert, gesammelt und geordnet. “  Der Autor bezieht sich in seiner Kritik stärker auf die Stilform, Roman, wobei er die Figuren, blaß und simpel überhöht findet.

Bei der FAZ fand ich keine Rezension, dafür den Autor selber mit einem Gastbeitrag, den er als Rede zur Eröffnung der Buchmesse am Stand der FAZ gehalten hat. Titel: „Sie haben die bürgerlichen Werte in Trümmer gelegt„.

Man lese diesen Beitrag, und hat damit wohl die Quintessenz seines Buches. Es äußert sich hier ein Wutbürger der gehobenen Art, der als Oberkulturpessimist gegen so ziemlich alles schimpft, sei es der Neoliberalismus, die Globalisierung, gegen Eliten, gegen Linksintellektuelle. Alles ist scheinheilig, und das übelster Werkzeug in diesem Kontext ist das von den Großkonzernen Google, Facebook, Appel, etc. beherrschte Internet. Auch Kobek bezieht sich mit ein, sein Buch wurde von Maschinen gedruckt, die von ausgebeuteten, versklavten Arbeitern in der 3. Welt produziert wurden. Diese Rede ist vor Trumps Wahlsieg gehalten, und was die Einschätzung der scheinheiligen amerikanischen Linksliberalen, die sich vor allen für ihr eigenes Wohl einsetzen, anbelangt, und wie er die Trumpwähler einschätzt, darin liegt Kubek nicht einmal schlecht.
Dieses Pauschalbashing kommt beim Leser gut an, Kobeks Buch ist Bestseller, und die deutschen Rezensionen mit Ausnahme der taz sind wohlwollend anerkennend.

Sucht man nach der Lösung dieser vom Internet mit verursachten Weltuntmisere, dann preist Kobek die mit Gutenbergtechnik erstellte Buchproduktion. Wenn Lösungen kommen, dann nur von den Werken unabhängiger Buchhandlungen!? Ist diese Lösungsandeutung nur ein running gag, weil Kobek ja von Buchhändlern, die ihm den Flug von Kanada hier her bezahlt haben, eingeladen wurde, und er ihnen wohlfeil sein will? Jemand, der glaubt, eine sehr scharfe Gesellschaftsanalyse geleistet zu haben, sollte doch erkennen, wie stark der Buchbetrieb selbst von Netzwerbung, Onlinezuarbeit, etc. durchdrungen ist, und wie wenig Bedeutung heute das gedruckte Wort auf 350 Seiten am realen Gang der Geschichte noch hat. Naivität pur? Es scheint mir, dass Kobek weiß, mit Internetbashing und Kulturpessimismus kann man  gut Geld verdienen. Differenzierungen, und Abwägungen finden sich nicht im Frankfurter Text, es wirtd bloß gepoltert. Und das scheint im Buch insgesamt der Fall zu sein. Wenn schon AfD, Le Pen, Trump und Konsorten die Welt simplifizieren, dann ist ein linker Intellektueller schlecht beraten, diese Methode auf seine Gesellschaftskritik anzuwenden. Und darum kaufe ich mir sein Buch nicht.

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Online Lehren – Eindrücke 2016

In sozialwissenschaftlichen Fachbereichen sind Onlineseminare immer noch die Ausnahme. Auch der Hype um „blended learning“ hat da wenig verändert. Ich habe auf meinem Blog etliche, mehr durch Frust gezeichnete Erfahrungsberichte zum Onlinelehren vorgelegt. Rückblickend kann ich sagen, der Netzkompetenzgrad hat sich über die große Verbreitung der Aktivitäten in Sozialen Netzen weiter gesteigert. Das „Learning 2.0“ ist Realität. Meine Teilnehmenden organisieren ihre Gruppenarbeit durchweg über WhatsApp. Sie probieren Facebook-Seiten als Gruppenbasis und kommunizieren über Google Docs und Etherpad, das sind Werkzeuge außerhalb der Moodle-Plattform.

In meinem Onlineseminar im Sommersemester zum Thema „Selbstgesteuerets Lernen“ habe ich 9 ausführlich formulierte sehr positive Feedbacks zur Veranstaltungsform und deren Durchführung erhalten. Es gab kein negatives Feedback. Meine zeitnahen Rückmeldungen zu jeder eingesendeten Aufgabe wurden am meisten geschätzt, gefolgt von der Einsicht, dass eine kontinuierliche Mitarbeit zwar etwas arbeitsintensiv, aber doch sehr viel lernintensiver sei, als das gelegentliche Mitmachen in Präsenzseminaren. Auch meine fast wöchentlichen Videofeedbacks zum jeweiligen Gesamtergebnis kamen gut an. Kritisiert wurde meine offene Aufgabenstellung, als bisweilen verwirrend. Etlichen hat die häufige Gruppenarbeit nicht geschmeckt, und eine Teilnehmerin bekannte, dass sie keine Onlinelernerin sei, es wäre eine interessante Erfahrung gewesen, aber sie wird zukünftig Präsenzen bevorzugen. Bei 39 Teilnehmenden hat zwar nur ein Viertel rückgemeldet, aber da es dafür keine Noten gab, die Lehrveranstaltung schon zu ende war, und gerade zu Semesterende die Studierenden unter Prüfungsstress stehen, ist das ein gutes Ergebnis.

Gefühlt hatte ich den Eindruck, dass – wie üblich – ca. 1/3 sehr gut bei der Sache war, und der Rest gerade mit reflexiven Anforderungen, Positionen vergleichen, Texte einzuordnen, etc. ziemlich beschäftigt war. Im Notenbild spiegelt sich das nicht so ganz wider. Ich habe die schwächeren Kandidaten immer etwas mehr mit Gnade ausgestattet, weil ich denke, dass die Lernmotivation sinkt, wenn man den Lernenden ihre Schwächen zu stark spüren lässt. Gerade im selbstgesteuerten Lernen finde ich Notengebung heikel. Ich frage ja nicht vorgekautes Wissen ab, sondern ich muss den Prozess der Wissenserarbeitung der Studierenden bewerten, wo Irrtümer und Missverständnisse mit zum positiven Lerneffekt gehören. Es gab 17 „Einsen“ und 22 „Zweien“, wobei jeweils mehrheitlich, schwache Einsen (13 Punkte) und mittlere Zweien (11 Punkte) vergeben wurden.

Neues Spiel: im Wintersemester zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung mit meist Erstsemestern eines Bachelors. Ich habe folgenden Kompetenzspiegel erfragt:

onlinekompetenz

nachhaltigkeit

 

 

 

 

 

 

bne

Die Onlinekompetenz (Selbsteinschätzung) moderner Studierender ist relativ hoch. Insbesondere aus dem Umgang mit Sozialen Netzen ist die virtuelle Kommunikation, das Empfangen und Senden von Dateien geschult. Bei dem Wissensstand zur Nachhaltigkeit erweist sich, dass dieser Begriff natürlich von allen schon mal gehört wurde, und eine ungefähre Vorstellung vorliegt. Zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, das eigentliche Seminarthema, liegt nur wenig Wissen vor. 14% der Studies hat etwas davon in der Schule gehört – das spricht nicht gerade für einen Bildungserfolg der BNE an deutschen Schulen. Wie mir von einer Studentin versichert wurde, sind die meisten nicht wegen des Themas, sondern wegen der Lernform, oder weil nichts anderes mehr frei war, zu mir gekommen.

Ob wirklich die Lernform ein großer motivationstreibender Faktor war, bezweifele ich etwas. An einem Freitag Vormittag gab es eine Präsenzveranstaltung zur Einführung in das Thema und in die Lernform. An diesem Tag haben die Studierenden erst den Zugang zur Plattform (Moodle) erfahren. Man könnte ja vermuten, dass noch am Nachmittag oder doch zumindest bis zum Wochenende jeder mal schnell die Anmeldedaten eintippt, um zu schauen, wie diese Plattform, auf der sie das ganze folgende Semester tätig sein sollen, denn nun aussieht. Gerade mal 30% haben sich noch am selben Tag angemeldet, und selbst eine Woche später, bei der zweiten Präsenzsitzung, waren immer noch 7 von 30 Teilnehmenden nicht eingetragen. Als kleine Einstiegsaufgabe war gewünscht, dass sich die Eingeschriebenen in ihrem Profil kurz vorstellen, und vielleicht ein Foto hochladen, damit wir gegenseitig sehen können, wie unsere Kommunikationspartner und Mitstudierende aussehen. (Auf die Plattform hat Google keinen Zugriff, Geschlossenheit ist gewahrt). Nur 6 haben sich in ihrem Profil beschrieben und 8 haben ein Foto von sich hochgeladen. Als große Onlinebegeisterung kann man diese Daten nicht interpretieren. Andererseits halte ich es mit Karlheinz A. Geißler, „Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte“, der sehr schön beobachtet, wie Anfangssitzungen von Seminaren Unsicherheitsräume sind, wo die Lernenden zögern, erst einschätzen wollen, was passiert. Meist weiter hinten sitzen und nicht sofort aktiv werden. Das lässt sich ganz bestimmt ebenso auf eine Anfangssituation im Onlineseminar übertragen.

Die 30%-Klausel bestätigt sich auch im Aktivitätsprofil der ersten Woche. Es ist Gruppenarbeit für 14 Tage Abgabetermin angesagt, und ich hatte bei der Einführung sehr deutlich auf die Herausforderung des Zeitmanagements beim Onlinelernen hingewiesen. Zwar gibt es die Freiheit, sich die Zeit des Arbeitens im Abgabezeitraum selbst zu wählen, aber im Falle einer Gruppenarbeit sollte man montags, bis spätestens dienstags auf die Plattform schauen, die Aufgabenstellung überfliegen, und einschätzen, was da auf die Gruppe zukommt, und wie man das über die 14 Tage gut verteilen kann. Die Plattform Moodle meldet in der Teilnehmerliste immer den letzten Zugriff eines Teilnehmers, woran ich ablesen kann, dass erst 10 Leutchen von 30 Teilnehmenden vom Montag bis zum Dienstag Abend die Plattform besucht haben. Hinter dieser Beobachtung steht das Standardstudiendilemma: was nicht unmittelbar gemacht werden muss, wird nach hinten verschoben. Aus der Freiheit, die Arbeitszeit in der Woche auswählen zu können, wird so der Zwang, sie an den letzten beiden Tagen vor der Abgabe schnell erledigen zu müssen. In allen Onlineseminaren, wo ich eine Endabgabe meist samstags 18 Uhr vorgebe, werden auch ca 80% der Arbeiten erst samstags hochgeladen.

Inzwischen urteile ich solche Erfahrung nicht mehr als Frust. Was für den Lehrenden spannen ist, kommt dem Lernenden als ein Angebot unter vielen entgegen. Ich biete selbstbestimmt an, die Studierenden müssen fremdbestimmt abnehmen, da ist es schon gut, wenn 30% darunter gesteigertes Interesse zeigen.

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David gegen die Goliaths Google & Co

Fugel David gegen Goliathw

Wir nutzen (fast) alle das Internet und meckern (fast) alle über den Datenmissbrauch der entsprechenden Servicedienstleister Google und Konsorten. Kann man nichts dagegen tun?

  • Man könnte verzichten. Wirf das iPhone weg, sagt Harald Welzer (Die smarte Diktatur)
  • Man könnte verbieten. Das wäre die staatliche Lösung gegen den Kapitalismus. Ob das besser ist, angesichts 2/3 Diktaturen und Korruptstaaten in der Welt?
  • Man könnte sich anonymisieren, d.h. die eigenen Spuren unsichtbar machen, so dass die Datenkrake im Dunklen fummelt. Ist aber ziemlich umständlich.
  • Man könnte den Konzernen eine Gewinnbeteiligung auferlegen, jeder Klick von meiner IP-Nutzung bringt mir 1 Cent. Das ist das Modell Jaron Lanier, das klappt aber wohl auch nicht so einfach.
  • Man könnte doch aber auch das Geschäftsmodell der Konzerne torpedieren. Mich wunderts, dass darüber so wenig gesprochen wird, dabei ist es so naheliegend.

Der große Geldfluss der Konzerne kommt ganz wesentlich über die Werbeeinnahmen im Internet. Wir werden normalerweise ausspioniert, nicht weil die NSA nach Terroristen sucht, oder auch unserer Geheimdienst gerne mitmengt, nein, der Hauptgrund besteht darin, die Internetwerbemodelle mithilfe von Bigdata zu perfektionieren. Das Geschäftsmodell ist bekannt. Die Konsumunternehmen haben die Erfahrung machen können, dass Werbekampagnen in Zeitungen, auf Plakaten oder im Fernsehen relativ ineffizient sind. Die Baumarktwerbung vor der Tagesschau interessiert weder Jugendliche (falls die überhaupt Tagesschau ansehen), noch Juppies, noch die vielen Frauen und älteren Damen, die sehr wohl noch die Tagesschau ansehen. Viel Geld wird da verheizt, das nur für einen Bruchteil der Zielgruppe zuständig sein sollte. Das hat sich mit den Techniken im Internet massiv verändert, was ja auch der wesentliche Mitgrund für das Zeitungssterben ist: man pumpt die Werbemittel ins Internet und nicht mehr in den Printmarkt.
Wer in Google nach einem Grillapparat recherchiert, bekommt sofort auf seine Ergebnisseite Anzeigen von Grillhersteller, Grillzangen, Grillbücher etc. geschaltet. Diese Werbekästen und Anzeigenlinks kann ich systematisch vermeiden, ich muss nur etwas genauer hinschauen, was ich suche, kommt dann schon noch. Denn jedes mal, wenn ich eine Anzeige anklicke, schenke ich Google ein Umsatzplus. Die zweite Einnahmequelle für Google ist, dass es sich das Ranking, d.h. welche Nennungen zuerst erscheinen, bezahlen lässt. Auch dieses Geschäftsmodell kann ich etwas torpedieren, indem ich mir die vorderen Plätze sehr genau anschaue, und in der Regel vermeide. Die Belohnung besteht darin, dass bei späteren Nennungen häufig die preiswerteren Angebote erscheinen.

Die Auftraggeber zahlen natürlich an Google nur solange, wie sie selber analysieren können, dass die Anzeigenschaltung wirkt. Da die meisten umworbenen Produkte Onlineprodukte sind, kann man wieder mittels Bigdata analysieren, ob es Zusammenhänge zwischen der so umworbenen Klientel und den gekauften Artikeln gibt. Aus den riesigen Werbeeinnahmen der Netzbetreiber muss man schließen, dass die Auftraggeber zufrieden sind, und daraus darf man schließen, dass die Großzahl der Netznutzer „so blöd“ sind, auf diese ganzen Mechanismen hereinzufallen. D.h. das Geschäftsmodell der „kontextorientierten Werbung“ und ihrer Verfeinerungen funktioniert.

Würde der Internetkonsument ein echt werbekritisches Surfverhalten an den Tag legen, sollte mittelfristig herauskommen, dass die kontextorientierte Werbung im Netz nicht mehr bringt, als die Werbung in den Printmedien, und das wäre der Absturz der Datenkonzerne, denn die Serverfarmen, und er ganze andere Krempel, der an Infrastruktur bereitstehen muss, ist sehr teuer.

Leider ist Goliath vielleicht so mächtig, dass diese nette werbekritische Steinschleuder kaum noch langt. Was Algorithmen heute wirklich können, das ist eng gehütetes Betriebsgeheimnis. Der Witz – oder vielleicht bald nicht mehr Witz dazu lautet, dass Google heute schon weiß, was ich morgen kaufen werde. Diese Prognose sollte man nicht ganz so ernst nehmen, denn die prognostischen Möglichkeiten mit den neuen Bigdata-Techniken mögen zunehmen, aber das soziale, kulturelle und politische Verhalten der Einzelnen wird allein wegen der Lebensvielfalten auch immer komplexer und schwieriger zu prognostizieren. Dennoch dürfte bereits zutreffen, dass durch extensive Analyse des Kaufverhaltens der Kunden von Supermärkten prognostiziert werden kann, welche Waren zu welchen Tagen und Uhrzeiten und Wetterbedingungen besonders nachgefragt werden. „Was wirst Du kaufen?“, ist im statistischen Mittel in Grenzen bereits prognostizierbar. Diese Technik wird sicherlich auch bei der Internetwerbung genutzt, d.h. der User braucht gar nicht mit einem Begriff den Kontext anzutriggern, sondern, auch wenn er z.B. nicht nach „Grillen“ surft, weiß der Algorithmus, dass „Grillen“ angesagt ist, und blendet die entsprechenden Produkte dazu ein. Je geschickter ein Werbeimpuls gesetzt wird, desto größer ist sein Wirkungseffekt. Die Algorithmen werden schnell auch die Gruppe der „werbekritischen“ Nutzer ausspähen, und dann z.B. eben das bezahlte Produktsegment nach unten in der Ergebnisliste verschieben. Heino Apel der kritische Konsument, ist ausgetrixt, ohne dass er es merkt!

Wenn Algorithmen immer das einspielen, was aus dem Vorverhalten erschließbar ist, dann dient das der Werbeeffizienz, hat aber auch einen schwerwiegenden Kollateralschaden. „Eine Welt, die aus dem Bekannten konstruiert ist, ist eine Welt in der es nichts mehr zu lernen gibt … [weil] es eine unsichtbare Autopropaganda gibt, die uns mit unseren eigenen Ideen indoktriniert.“ schreibt Eli Pariser in seinem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden“ bereits 2011. Bei den Suchanfragen, oder bei den gepuschten Angeboten wird technisch (mit Algorithmen) versucht, dem Nachfragenden möglichst schnell das zu bieten, was er sucht. Im Werbefall wird uns das Produkt aufgedrückt, das wir in dem Kontext nachfragen könnten, bei einer rein begrifflichen Suche erscheinen die Erklärungen, die zu dem vorher gesuchten passen. Das hat eine angenehme Seite, wir müssen nicht über hundete Links durchforsten, um zu dem zu kommen, was wir suchen, sondern wir finden unsere Suche schon unter den ersten Links.

Die negative Seite wird aktuell gerade im politischen Kontext deutlich. Da ich mit einem linksliberalen Milieu befreundet bin, werde ich z.B. in Facebook nur mit positiven Beiträgen zur Willkommenskultur berieselt. Kein einziges AfD-freundliches Statement ist mir begegnet. Meine Facebookwelt gaukelt mir lauter Gutmenschen vor, und ich könnte mich fragen, wo sind denn die ganzen Hassbotschaften? Gibts die überhaupt? Dieser Filtereffekt gilt natürlich ebenso für einen AfD-Anhänger, er wird unter seinen Botschaften in Facebook keinen einzigen Beitrag finden, der Angela Merkel verteidigt, oder das Wort gegen den Begriff „Lügenpresse“ erhebt. Gleiches gilt für IS-Anhänger. Mehrmals intensiv in der Szene gesurft und in Youtube entsprechende Videos markiert – und schon steht er unter medialem IS-Beschuss.

Bei Twitter habe ich folgende Erfahrung gemacht. Ich nutze diesen Dienst, um meine Blockartikel unter die Zielgruppe meiner Leser zu bringen. Ökologie, E-Learning und Internet allgemein sind meine Themenschwerpunkte. Da ich in letzter Zeit am „Freifunk“ interessiert war, habe ich drei Artikel dazu verfasst, und mit meinen Tweets beworben. Da es bei manchen Freifunkern eine Personalunion zur Piratenpartei gibt, wurden meine Freifunkbeiträge von Piratenleuten retweeted, und ich habe wohl mindestens einen Follower aus dieser Partei – und plötzlich erhalte ich im Pushdienst von Twitter auffällig viele Tweets, die #Piraten im Hashtag haben. Nimmt man meine e-learning-Beiträge dazu, dann hat mich der Algorithmus ins Profil eines Piraten(Anhängers) gepackt.
Vielleicht sind die Algorithmen einfach nur „blöde“ aber die simple Profilvereinfachung kann bei ohnehin etwas wirklichkeitsfremden Fanatikern fatale politische Folgen haben. Das Internet macht den persönlichen digitalen Kleingarten zur Welt, in die nichts mehr eindringt, was das eigene Denken kritisch hinterfragen könnte.

Die Chancen, dass die Steinschleudern den Riesen wirklich treffen, stehen sicher nicht sehr hoch, was aber den Reiz, sie zu nutzen, erhöhen sollte. Meine Empfehlungen:
– Wähle immer den eigenen Weg bei einer Suche, vermeide den vorgezeichneten, denn hinter dem steckt eine Übertölpelungsabsicht
– vermeide das Anklicken von Werbefenstern
– nutze Werbeblocker wie z.B. Adblock auf Deinem Browser
– deaktiviere oder lösche ständig Deine Cookies, denn diese Plätzchen transportieren den Nährstoff für Bigdata
– melde Dich immer von Facebook ab, wenn Du etwas nachgeschaut hast, denn Facebook kann unabgemeldet über Cookies Dein Surfverhalten mit notieren.
– vermeide den „like“-Button, der ist ebenfalls eine komplexer Container Deiner Daten
– sei Dir klar, dass Dein Smartphone die größte Datenschleuder ist.
– brauchst Du einen Vokabeltrainer, der Zugang zum Adressverzeichnis haben will? Dann schicke ihn in den Orkus.
– usw.

Der in Unsichtbarkeit verhüllte Netznutzer soll dabei nicht das Ziel dieser Überlegungen sein. Ein soziales Netz von Anonymen widerspricht dem Gedanken partizipativer Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, die ich in meinem vorigen Beitrag noch gepriesen habe. Aber der Netznutzer muss über sein Profil, mit dem er sichtbar im Netz vertreten sein will, selber entscheiden können. Wir müssen alles dazu tun, dass uns das nicht aus der Hand genommen wird. Neben dem hier vorgeschlagenen individuellen kritischen Werbeverhalten bedarf es zusätzlich staatlicher Rahmensetzungen, wie z.B. deutliche Verschärfungen in den Datenschutzauflagen beim Goliath.

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Neue Medien und Nachhaltigkeit

Die Frage, wie verhalten sich Neue Medien und Nachhaltigkeit, ist schon wegen der begrifflichen Unschärfen schwer zu taxieren. Ich habe im Blog breits einen Band des Grimme-Instituts dazu besprochen, und es wird im Jahrbuch des FORUM Umweltbildung, Wien, ein Beitrag von mir erscheinen. Angesichts der massierten Infragestellung der Neuen Medien durch die jüngsten anti-Flüchtlingsauswüchse im Netz versuche ich hier noch eine Klarstellung.

Man kann die „Neue Medien“ rein technologisch definieren als digitale Träger von Kommunikation, bzw. als digitale Träger für Text-, Bild-, Ton- und Videobotschaften. Mit der Zusatzbedingung, dass Bearbeitung und Austausch der Medien vernetzt über jegliche Raumgrenzen möglich ist. In diesem Sinne sind die Neuen Medien die computergestützte Hardware der modernen Kommunikationsmaschinen. Kassettenrekorder, Overhead-Projektor oder das alte analoge Telefon gehören danach zu den „alten“ Medien.
Man kann unter den „Neuen Medien“ aber auch die internetbasierten „Sozialen Netzwerke“ verstehen, die mehr eine gesellschaftliche Nutzungsform der computer- und internetbasierten Hardware darstellen.
Man kann als Drittes postulieren, dass Hardware und Nutzung untrennbar verwoben sind und erst in Ihrer Einheit die Neuen Medien darstellen.

Will man die Nachhaltigkeitskriterien für Neue Medien diskutieren, kommen die Aspekte ressourcenschonend, sozial- und wirtschaftsverträglich ins Spiel. Ein sehr simples Mobiltelefon mag gegenüber einem analogen Festnetztelefon bzgl. der aufgewendeten Ressourcen im Vorteil sein, da aber die halbe Menschheit inzwischen so ein Ding in der Tasche trägt, während nur ein Bruchteil der Menschen ein Festnetztelefon besitzen, verschwindet der Ressourcenvorteil wegen des Mengeneffektes. Dieses einfache Beispiel zeigt, man wird der Nachhaltigkeitsfrage nicht gerecht, wenn man nur die einzelne Hardware analysiert, man muss sie im Kontext ihrer Nutzung sehen, um den Gesamteffekt beurteilen zu können. Dem negativ zu bewertenden Ressourceneffekt kann man aber einen sozial positiver Effekt zur Seite stellen. Ist es nicht gut, dass mittels Mobiltelefon (fast) alle Menschen Zugang zur Kommunikation mit anderen haben, während zur Festnetztelefonzeit besonders in Entwicklungsländern nur wenige Privilegierte diese Möglichkeit hatten? Was bedeutet die gesteigerte Kommunikationsmöglichkeit? Sind die Menschen heute glücklicher, wenn sie jeden anderen an jedem Ort zu jeder Zeit erreichen können?
Wie steht es mit der wirtschaftlichen Seite des Mobiltelefons? Es wird wesentlich in Asien produziert. China und die „Tigerstaaten“ produzieren nicht besonders sozialverträglich, aber relativ zum vorindustriellem Stand leiden die Massen heute weniger Not, die Pro/Kopf-Einkommen zeigen eine positive Entwicklung.
Wollte man bei diesem einfachen hier nur gröbst gezeichneten Telefon-Beispiel ins Detail gehen, käme sehr schnell heraus, dass man zu jedem Nachhaltigkeitskriterium auf Wertungsfragen stößt, zu denen es keinen Konsens gibt. Man kann also im Grunde zum Komplex „Neue Medien“ keinen wissenschaftlich stichhaltigen Nachhaltigkeitsdiskurs führen, man kann diese Frage nur „politisch“, bzw. subjektiv bewertend angehen.

Wem ein grünes, leicht wertkonservatives Herz schlägt, der wird sehr schnell bzgl. der Neuen Medien zu einem vernichtenden Nachhaltigkeitsurteil kommen. Unbestritten ist, dass die Hardware der Neuen Medien eine erhebliche Ressourcenbelastung darstellen. In Mikrochips, Platinen, Kühlaggregaten, etc. sind wertvolle Rohstoffe verbaut, die meist unter ökologisch und sozial fragwürdigsten Bedingungen gehoben und verarbeitet werden. Die Produkte haben allein wegen des ständigen Fortschritts extrem kurze Lebenszyklen und werden nur völlig unzureichend recycelt.

Auf der sozialen Nutzungsseite wimmelt es nur so von Kollateralschadensberichten.
Sei es, dass das Gehirn verdumme, sei es, dass wir sozial verkümmern, sei es, dass sich die Kluft zwischen Wissenden und Unwissenden vergrößere, sei es, dass mit der Verfügung über die schnellsten Rechner (Sirenenserver), sich die globalen Machtverhältnisse verschieben, sei es, dass unsere Privatsphäre verdampfe, sei es, dass in der Filterbubble unsere Kreativität ertränkt wird, etc.
Keines dieser Argumente ist völlig falsch, es lassen sich für alle Belege aufführen. Dennoch wird man allein mit diesem Negativkatalog dem Phänomen „Neue Medien“ nicht gerecht. Es gibt ebenso einen „Positivsaldo“, ohne den sich die Neuen Medien überhaupt nicht ausgebreitet hätten. „Schlechte“ Phänomene sind häufig die Kehrseite einer „angenehmen“ Nutzung. Wer sich freut, dass er von überall jederzeit unendlich viel Informationen ziehen kann, der darf sich nicht wundern, dass er damit auch selbst jederzeit erreichbar und im Kontext von Arbeitsverhältnissen auch einsetzbar ist. Wer sich über die Filterbubble (in Suchanfragen wird das beantwortet/gefiltert, was vorher im Prinzip bereits erfragt war) beklagt, muss sich fragen lassen, was wäre, wenn eine Suchanfrage ungefiltert, einfach in alphabetischer Reihenfolge über den Bildschirm tanzen würde? Wer mit Blick auf den computersüchtigen Nerd auf die soziale Verarmung weist, der ignoriert, dass soziale Netze ebenso reale soziale Beziehungen generieren können.
Eine Nutzungsform ist nicht einfach technologiebedingt da, sondern sie wird teilweise erzeugt oder es gibt indirekte Mechanismen, die dazu führen können, dass sich diese Form gesellschaftlich durchsetzt, bzw. von der überwältigenden Mehrzahl der Nutzer genutzt wird. Dann ist es allerdings schwer, sich als Einzelner gegen diese Nutzungsform zu stellen. Nachdem die Lohntüte gesellschaftlich gestorben war, wurde das Bankkonto das allgemeine Geldtransfermittel. Ein Bankkonto ist damit nicht mehr eine Technologie, die ich aus freier Entscheidung wählen kann, sondern ich muss es akzeptieren, oder sehr große Einschränkungen in Kauf nehmen.

Allen Unkenrufen zum Trotz sehe ich ein hohes demokratisches Potential in den Nutzungsformen der Neuen Medien, das sich allerdings nicht von selbst einstellt, sondern das auch nur in Verbindung mit einer demokratischen Gesellschaft funktioniert. Wenn das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung eine Gesellschaft ist, die nicht nur ein gutes naturverträgliches Maß erreicht hat, sondern auch eine freie Entfaltung seiner Individuen mit einer hohen gesellschaftlichen Partizipation unter humanen Arbeitsbedingungen, dann sind die Neuen Medien eine adäquate Verkehrsform. Die Netztechnologie erlaubt es, dass wir sehr effizient aus dem globalen Fundus Information zu politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ereignissen ziehen können. Darüber hinaus kann jeder sein Wissen, seine Neigungen, seine Teilhabe veröffentlichen, d.h. persönlich geschützt oder offen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Der Netzbürger ist nicht bloßer Informationsempfänger, er ist auch Sender. Damit das auch „befriedigend“ funktioniert, muss die Netzinfrastruktur stimmen, und es muss eine Kultur der Teilhabe entwickelt sein. Beides ist bislang in Ansätzen entwickelt.

Die für die Neuen Medien wesentliche Netzinfrastruktur ist privatisiert. Dass zu einer Suchanfrage im Netz zu einem Kochrezept in einer Zehntelsekunde höchst relevante Informationen auf dem Bildschirm erscheinen, kommt nicht von Ungefähr. Bei Google wird dazu in zwei Serverfarmen parallel mit ausgebufften Suchalgorithmen operiert, die aus unglaublichen Datenmengen so schnell die Treffer holen. Eine solche Anlage hat die Größe einer Fabrikhalle mit dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Das kostet richtig viel Geld. Die Informationen, die da gezogen werden, müssen zuvor von Menschen aufbereitet und irgendwo abgelegt sein. Noch wird das Wissen im Netz meist frei von Bürgern oder Institutionen zur Verfügung gestellt. Die Inhaltsaufbereitung im Internet ist eine geistige Vergesellschaftungsmaschine, was nachhaltig betrachtet sehr zu begrüßen ist. Die Hardwarekosten holt sich der private Konzern über Datenklau und Datenvermarktung herein, womit er ein sehr profitables Geschäftsmodell unterhält. Genau an diesem Punkt sitzt allerdings die „Nichtnachhaltigkeitsstelle“, denn mit der privaten Verfügung über die Datenkommunikation gewinnt der Konzern ein Wissen über seine Nutzer, das um so mächtiger wird, je mehr Netznutzungen der Einzelne vornimmt (Recherche, Käufe, Zahlungen, Kontakte im Netz, etc.). Der bekannte Witz, dass Google heute schon weiß, was ich morgen im Netz kaufen werde, ist nicht so absurd, wie er klingt. Die mit „BigData“ bezeichneten Analysen sondieren ungeheure Datenmengen, indem sie statistisch, heuristisch oder neuronalnetzbasiert Muster extrahieren, die für Nutzerklassen bis hin zum Individuum immer bessere Verhaltensprognosen erzeugen können. Wenn der Markt weiß, welche Entscheidungen der Kunde vornehmen wird, kann er sich darauf einstellen. Von Amazon weiß man inzwischen, das es schwankende, individuell taxierte Preise für seine Produkte offeriert. Die unabhängige Marktwahl ist damit gefährdet, die Freiheit des Konsumenten beschnitten. Dieser Ausschlachtungsprozesse der Nutzerdaten betreibt nicht nur Google, sondern auch Facebook, Microsoft, Apple, Amazon, etc. ebenso.

Kommen wir zur Kultur der Teilhabe. Sieht man davon ab, dass die sozialen Netze Facebook, Google+, Twitter, WhatsApp, etc. von Datenkraken betrieben werden, dann sind die technischen Möglichkeiten, die diese Plattformen bzgl. sozialer Kommunikation bieten, gar nicht so schlecht. Man kann die aktuellen schlimmen Nutzungsbeispiele der übelsten Hasstiraden z.B. zur Flüchtlingsfrage, oder das Mobbing von Schülern und Lehrern, oder die pädophilen Nischen im Netz oder die Verherrlichung terroristischer und nationalsozialistischer Ideologien, etc. nicht den Betreibern anlasten. Einer Hass-Dumpfbacke ist es egal, ob eine Serverfarm genossenschaftlich, staatlich oder privat geführt wird. Was früher am Stammtisch ausgekotzt wurde, postet man heute ins Netz. Wenn eine Strömung politisch salonfähig wird, postet man auch mit eigenem Namen, wenn die Gesellschaft eine Strömung richtig sanktioniert, verschwinden die Kommentare wieder. D.h. das Netz ist der Spiegel des gesellschaftlichen Zustandes. Wer sich darüber mokiert, dass in Facebook Katzenfotos und -Filmchen einen Spitzenrolle einnehmen, darf das nicht den sozialen Medien anlasten, es ist das, was die Basis am meisten interessiert. Wem das für ein kulturell nachhaltiges Niveau nicht ausreicht, der sollte die Bildung im Lande verbessern, aber nicht gegen die Medien wettern.
Facebook kennt Partizipationsbeispiele, die man sich auch als Nachhaltigkeitsapostel besser gar nicht vorstellen kann. In einer herunter gekommenen Straße Bolognas hat eine kleine Initiative begonnen, die Bürger auf einer Facebook-Nachbarschafts-Seite einzuladen, um dort die lokalen Probleme und persönlichen Fragen der Anwohner zu diskutieren und anzupacken. Mit Hilfe dieses virtuellen Netzwerkprojektes wurden reale Nachbarschaftsfragen und die lokale Lebensqualität spürbar verbessert. Virtuell kommunizieren und vor Ort real umsetzen, war dort eine Einheit. Man sollte sich eigentlich wundern, wieso es nicht Millionen solcher Facebook-Initiativen gibt? Es liegt nicht an Facebook, sondern an einer mangelnden Kultur der Teilhabe – hier gibt es noch sehr viel zu entwickeln! Auch der in medial konservativen Kreisen viel geschmähte Twitter-Dienst ist zwar „nur“ als Kommunikationswerkzeug für „beiläufiges Gezwitscher“ entwickelt worden, und man mag bissige Glossen über dümmliches Geplänkel von Stars und Politikern mit ihren Millionen Followern schreiben, dessen ungeachtet ist mit dem Hashtag-Mechanismus ein sehr mächtiges Werkzeug für gesellschaftliche Teilhabe entwickelt (vgl. mein Blog-Beitrag dazu) worden. Man muss das nur nutzen! Die Werkzeuge Etherpad oder GoogleDocs sind die adäquaten Formen, um in einer globalisierten Welt sehr effizient gemeinschaftlich Texte zu entwerfen oder zu redigieren. Usw., usw.

Wer die Neuen Medien somit unter dem Leitbild nachhaltige Entwicklung subsumieren will, wird sich nun fragen, welche Strategien gibt es, das partizipative Potential der Neuen Medien mehr zu heben, und die Ressourcenschädlichkeit mehr einzudämmen?

Schon lange führt der Markt mit seinen Rohstoff- und Energiekosten zu tendenzieller Einsparung. Gäbe es den „Bumerangeffekt“ nicht (die mit der Miniaturisierung und Verbilligung erzeugte massenhafte Verbreitung), dann hätten wir längst einen Rückgang im Ressourcenverbrauch. Google baut Serververfarmen in Finnland in alte Papierfabriken neben Wasserkraftwerke, womit nicht neu versiegelt, weniger gekühlt und erneuerbare Energie genutzt werden kann. Bei Vielen hat das Tablet den früheren Desktopcomputer oder das Notebook abgelöst mit dramatisch geringerem Energieverbrauch. Die Recyclingverfahren sind verbesserungsfähig, und es ist eine technologisch neue Prozessorgeneration in der Forschung, die noch kleiner sein wird und nicht das Wärmeproblem haben wird. Schutz der Umwelt und bessere Lebensbedingungen für die Arbeiter stehen in den asiatischen Ländern auf der Agenda, auch da ist Besserung in Sicht. Ressourcenseitig muss man nicht bange sein.

Sehr viel schwieriger ist die Frage zu klären, unter welchen Bedingungen das Netz nicht mehr die Perversion seiner selbst sein bräuchte. Zur Frage des „Dataminings“ sehe ich keine Lösung in der Verstaatlichung oder der Nationalisierung. Wenn man Staaten zu den Betreibern der großen Datenbanken und sozialen Netzwerke macht, dann ist in mindestens 2/3 der Welt das Internet als freier Bewegungsraum gestorben, denn die Mehrheit unserer Staaten sind von korrupten diktatorischen Eliten geführt – dann lieber doch Google! Auch widerspräche ein jeweils nationales oder kontinental administriertes Netz dem Anspruch der Globalität. Wenn ich recherchiere, will ich nicht nur deutsches, oder europäisches Wissen ziehen können, der Reiz liegt im globalen Zugriff. Denkbar ist vielleicht ein Angriff auf die Konzerne, indem man kleinere Serverfarmen genossenschaftlich gegen Gebühren betreibt, und diese sehr intelligent global vernetzt. Technologisch und vielleicht auch ökonomisch ist das machbar, aber was ist mit der genossenschaftlichen Serverfarm im Iran oder in China?? Wenn diese Farmen global vernetzt sind, müssen nur in einer die schmutzigen Finger des Geheimdienstes involviert sein, um damit auch überall involviert zu sein. Mit den Konzernen leben, und den Datenschutz stärker regulieren ist eine realpolitische Chance.

Wie steht es mit der Kultur der Teilhabe am sozialen und politischen Leben? Da muss zuerst mit dem Irrglauben aufgeräumt werden, man könne mit sozialen Netzen Revolutionen machen, oder sie würden die Demokratisierung vorantreiben (hierzu hat Morozov genügend geschrieben). Eine freie Meinungsäußerung im Netz zu öffentlichen Angelegenheiten braucht den Schutzraum der Meinungsfreiheit in einer funktionierenden Demokratie. Aber auch die freie Äußerung im Netz hat Grenzen. Noch bevor der Begriff „soziale Netze“ auftauchte, gab es in Fachforen die heute altmodisch anmutende „Netiquette“, in der Regeln für respektvolles Kommunizieren festgeschrieben waren. Man hat offensichtlich sehr früh bemerkt, dass Anstandsschranken schnell fallen können, wenn der Partner, mit dem man kommuniziert, nicht leiblich gegenüber steht. Virtuelle Kommunikation und gemeinsames virtuelles Zusammenarbeiten will gelernt sein, so wie auch ein realer angenehmer menschlicher Umgang und Teamarbeit gelernt wird. Vieles Üble im sozialen Netz ist der Unwissenheit und der Unfähigkeit, eine Netzkommunikation zu vollziehen, geschuldet. Wer einen Tweet mit dem Haschtag #Deutschland und dem Zusatz „hängt die Volksverräterin Merkel“ ins Netz schickt, der hat nicht mit der Öffentlichkeit kommuniziert, sondern nur eine ungebremste Wutemotion ausgekotzt. Der Ruf nach dem Galgen und der Begriff aus der nationalen Mottenkiste kennzeichnen den „Wutbürger“ als wenig gebildet, er kennt nicht den Artikel 1 des Grundgesetzes „die Würde des Menschen ist unantastbar“ und er hat sich nicht ernsthaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Die Anzahl so denkender Menschen kann man mit einem guten Bildungssystem und einer relativ ausgewogenen Einkommensverteilung in einer demokratischen Gesellschaft gering halten. Wenn sie in sozialen Netzen „hochgespült“ werden, sollte man das gelassen nehmen.
Was die gesellschaftliche Teilhabe an nachbarschaftlichen oder kommunalen Projekten anbelangt, so kann die nicht über ein soziales Netz initiiert werden. In der Regel muss erst eine real agierende Gruppe da sein, und etwas vorantreiben. Dann kann die virtuelle Kommunikation diesen Prozess effizient unterstützen, weitere Interessierte gewinnen und Aufgaben übernehmen. Wer z.B. mit einer Idee im Kopf ein Crouwdfunding startet, wird schnell merken, dass ihm niemand etwas spendet. Er muss schon real etwas auf die Beine stellen, es gut darstellen, eine eigene Vernetzung bereits haben, und dann steigen vielleicht die virtuellen Förderer ein. D.h. unter Nachhaltigkeitsperspektive kann man nicht vom Netz erwarten, dass es Partizipation erzeugt, es kann diese nur sehr effizient unterstützen.

 

Die Neuen Medien sind weder per se „nicht“-nachhaltig und haben keinen Automatismus zur Nachhaltigkeit inhärent. Man muss sie intelligent nutzen, und dazu haben sie großes Potential.

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4. BilRess-Tagung (8. Mrz. 2016)

Als ich den Flyer, bzw. die e-Mail-Einladung zur 4. Netzwerktagung von BilRes: Bildung für Ressourcenscenschonung und Ressourceneffizienz zum ersten mal sah, habe ich den Kopf geschüttelt. Wie kann man ein so enges Fachfeld zu einer Bildungskategorie erklären, das eindeutig unter das Dach der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gehört? Auch auf der Homepage von BilRess  ist von BNE erst einmal nichts zu lesen. Es geht darum, mit einer Bildungsstrategie einen Beitrag zur Umsetzung der aktuellen Ressourcenpolitik in alle Bildungsbereichen zu leisten. Man will also offensichtlich nicht ein neues Bildungsfeld aufmachen, sondern einen fachlichen Schwerpunkt, der bislang im Bildungssystem und auch in der Öffentlichkeit mehr vernachlässigt ist, auf die Spur bringen.
Wer sich mit Nachhaltigkeit generell beschäftigt, weiß natürlich, dass wir unseren Rohstoffkonsum beschränken müssen, dass wir als exportierende Nation besonders viele Rohstoffe aus Gebieten beziehen, wo diese unter ökologisch und sozial katastrophalen Bedingungen abgebaut werden, und zudem noch den meist korrupten Staatschefs und windigen Rohstoffkonzernen die Kassen füllen. Aber welche Strategien gibt es, das genauer festzustellen, und ein Umlenken einzuleiten? Fehlanzeige, darüber weiß ich bislang sehr wenig. Das Verschwinden der Ressourcen bei anhaltendem Überverbrauch ist weniger sichtbar als der Klimawandel. Rohstoffpreise werden über Spekulationsbörsen gemacht und spiegeln nicht die tatsächlichen Gestehungskosten, so dass man an ihrer Entwicklung nicht deren Knappheit ansehen kann. Es gab bislang keinen Knappheitstornado, der die Welt aufgeschreckt hätte, die Prozesse sind der Öffentlichkeit im wesentlichen nicht zugänglich, weshalb es auch kaum ein „Ressourcenbewußtsein“ in der Bevölkerung gibt.
Das Wuppertalinstitut hat die Ressourcenfrage und ihren Zusammenhang mit wirtschaftlicher Entwicklung wohl federführend beforscht, so war es konsequent, es zum Projektträger von BilRess zu machen. Die Bundesregierung hat im Kontext ihrer Nachhaltigkeitsstrategie 2002 ein hehres Ziel formuliert. Sie möchte die Rohstoffproduktivität bis 2020 (bezogen auf 1994) verdoppeln. Unter Rohstoffproduktivität versteht man, wie viel Bruttoinlandsprodukt (BIP) je eingesetzte Tonne abiotisches Primärmaterial eingesetzt wird. Wenn also das BIP steigt, ohne dass wir mehr Rohstoffe dafür einsetzen, haben wir auch eine gestiegene Produktivität. Folgende Tabelle zeigt, was bisher in Deutschland passiert ist.

Rohstoffproduktivität
Nach der roten Kurve sieht es so aus, als hätten wir die Rohstoffproduktivität um 49% gesteigert. Ohne Inflation sieht das schon schlechter aus (blaue Kurve). Wenn man aber auch die Rohstoffe einberechnet, die wir mit den importierten Waren bezogen haben, dann verzeichnen wir einen Produktivitätsrückgang!
Im Bericht „Deutsches Ressourceneffizienzprogramm II“ des Umweltbundesamtes  wird für die Felder Rohstoffversorgung, Produktion, Produkte und Konsum, Kreislaufwirtschaft sehr gut dargestellt, was alles nötig ist und getan werden kann, wie hier die Effizienz, bzw. der Minderverbrauch angegangen werden kann. Politische Vorschriften oder wirtschaftliche Steuerungsmaßnahmen werden allerdings nicht gefordert. Das UBA bleibt hier gegenüber der Industrie und des individuellen Konsums in seiner Rolle des zahnlosen Tigers. BilRess soll es richten.

CarolinBaedekerDr. Carola Beadeker, Leiterin von BilRess referierte die vier Handlungsansätze:
– Informieren, sensibilisieren und aktivieren
– Lehrende und Lernende unterstützen
– Anreize für Projekte und Forschung schaffen
– formelle Verankerung im Bildungssystem vorantreiben.
Diese Punkte werden über Netzwerke in allen Bildungssektoren verbreitet.
KoraKristofDr. Kora Kristof vom Umweltbundesamt erklärte in ihrem Kurzbeitrag die oben schon angedeutete Ressourcenpolitik des frisch veröffentlichen Effizienzprogramms II. Interessant war eine Folie (ich finde sie nicht im Netz), auf der man den Anstieg des Materialverbrauchs in den letzten beiden Jahrzehnten sehen konnte, während die Lohn(stück?)kosten im selben Zeitraum gesunken sind. Diese Grafik signalisiert, hier liegt ökonomisches Einsparpotential, so dass man die Nachhaltigkeitsforderung mit Gewinnsteigerung koppeln könnte. Vom Publikum kam dann sogleich die Frage, warum man keine Ressourcensteuer anstrebe, die wäre doch ein glänzendes Druckmittel, den Primärmaterialeinsatz gering zu halten. Wie bei der CO2-Steuer konterte die UBA-Frau mit dem Standardargument, wenn das nicht alle machen, können wir das auch nicht machen.
Es folgten Positivbeispiele des Projektes und u.a. eine moderierte Diskussionsrunde zu Erfolgsfaktoren zur Umsetzung von BilRess, bei der mir nichts haften blieb.

HAP_3227Vor und während des Essens gab es eine Kunsteinlage. Ein New Yorker Künstler, der sich sofort von Trump distanzierte, fotografiert ressourcenschädliche Objekte in wunderschönen Fotos. Das soll als cognitive Dissonanz den Betrachter jenseits rationalistischer Überlegungen stimulieren. Die Lichtverhältnisse im Raum waren zu schlecht, um diese Fotos richtig würdigen zu können.
Nach dem guten Essen auf der edlen Empore des fein renovierten Gründerstilprachtsaales des Palmengartens mussten wir einen Vortrag des UNESCO-Büros zur Situation der BNE global und in Deutschland ertragen, der die institutionelle Nichtangebundenheit der Runden Tische der BNE-Dekade glorifizierte, anstatt sie zu tadeln.

ErfahrungLehrendeIm Schlussteil referierten Lehrende in Kleingruppen aus den Bildungsbereichen best practice zur Ressourcenbildung. In der Hochschulgruppe imponierte mir das Modell eines betriebswirtschaftlichen Bachelor und Masterstudienganges „Ressourceneffizienz-Management“ des Teams um Prof. Mario Schmidt. Die Philosophie: sie bieten einen echten Betriebswirt an, der ab der Hälfte seines Studiums den Schwerpunkt Ressourceneffizienz setzt. Es wurde viel Werbung bei der umliegenden Industrie gemacht, Praktikanten wurden vermittelt, so dass dieser Studiengang auch eine Akzeptanz bei den Betrieben fand. Die Frage, ob das für die Republik verallgemeinerbar war, wurde sehr vorsichtig beantwortet. Dem Professor war es gelungen, nicht nur den neuen Studiengang genehmigt zu bekommen, sondern es wurden vom Ministerium entsprechende Stellen bewilligt. Fazit: ohne politische Unterstützung wird es keine Ressourcenschutzbildung in größerem Maße geben.

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Chaos Computer Club Frankfurt – ein Besuch

Jeder kennt den Chaos Computer Club e.V. (CCC) , der die die größte europäische CCC1Hackervereinigung darstellt und seit über 30 Jahren Vermittler und Politikberater im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen ist. Aber wer kennt CCC-Aktivitäten in Frankfurt? Der lokale Ableger, der CCC-Frankfurt (ccc-ffm.de) existiert als eingetragener Verein seit April 2010. Im September 2010 wurde der Verein Erfa-Kreis des CCC, d.h. er ist als lokale Vertretung des CCC anerkannt und organisiert regelmäßige Erfahrungsaustauschtreffen, in denen Projekte, Aktionen, Soziales untereinander vorangetrieben wird. Z.B. engagieren sich etliche Mitglieder beim Frankfurter Freifunk, der die Flüchtlingsaufnahmestellen bei der Einrichtung von freien WLAN-Zugängen unterstützt.
Die Mitglieder treffen sich jeweils donnerstags im „Hackerspace“, dem Hackquarter, Häusergasse 2 Frankfurt. (Nicht zu verwechseln mit dem Hackerspace FFM, über den ich hier auch schon berichtet habe, der inzwischen seinen Sitz nach Oberursel verlegt hat.) In den Räumlichkeiten (160 m²) gibt es einen Sessel-Sofa-Bereich zum Chillen, zwei längliche Tische mit Stühlen zum bequemen Laptop-Hacken, eine kleine Küchen-Ecke zum Pizza-Wärmen mit Säften, Cola, etc. und in einem Nebenraum stehen 3D-Drucker, Oszillograph, Lötkolben, etc. alles, was ein Bastlerherz begehrt. Als ich eintrete, ist das Licht gerade auf „U-Boot“ geschaltet, d.h. das mehr schummerige Licht beleuchtet spärlich etliche stehend diskutierende oder vor ihren Laptops sitzende junge Männer. Das erinnert mehr an eine Kneipe als an einen Hackerspace, wobei aber eine hohe Quote von Laptopbestückung und einzelne technische Gadgets im Raum auf letzteres deuten. Mich begrüßt freundlich ein ca 35 Jähriger, dem ich mich als Neuling anvertraue, und der mir auch gleich eine kleine Führung anbietet. Er zeigt mir an einem Pfosten im Raum QR Codes, die eingescannt zur Steuerung des Raumlichts benutzt werden können. Das bringt uns auf das Thema „smart home“. Ich frage, wie man im CCC zu dieser Problematik stehe, wo doch mit der Hausüberwachungssteuerung (smart home) wieder weitere persönliche Daten anfallen, die die Industrie zur Ausschnüffelung der Haushalte nutzt. Er meinte, man darf das eben nicht der Industrie überlassen, und kann sich ja die Steuerungsmechanismen selber bauen, so dass die anfallenden Daten nicht über die Clouds der Konzerne führen. Wie steht es mit IT-ideologische Debatten im CCC? Die Politik wird mehr in Berlin gemacht, dort herrscht eine andere Kultur, da gibt es mehr Leute, die mehr Zeit haben, hier in Frankfurt wird mehr malocht, da kann man neben dem Job nicht so tief einsteigen, es dominieren praktische Projekte und Erfahrungsaustausch, höre ich. Wir stehen am Tisch, wo ein junger Mann einen blinkenden Stick an seinem Laptop hat. Ich frage ihn, was machst Du da? Er erzählt, dass er neulich einen Vortrag gehört hat, wie man dieses Gerät unabhängig von der Firmensoftware selber steuern kann, und das probiert er gerade hier zu vollziehen. Wenn es klemmt, kann er einen Kumpel fragen. Er ist Elektrotechniker, und im Softwarebereich nicht so firm, wie IT-Kollegen. Hier gibt es kein „Edutainment“, sagt er mir, wer kommt, muss sich selber einbringen, ein Problem mit bringen, und dann kann ihm geholfen werden. Inzwischen übernimmt mich ein anderer CCC-Kollege und führt mich zum Sicherungskasten. Hier befindet sich ein digitaler Zähler mit einem Impulsgeberausgang, der über einen angeschlossenen Raspberry (Minicomputer) den anfallenden Wattverbrauch speichert, so dass man an den Verbrauchskurven, die er mir in seinem Smartphone zeigt, das Verbrauchsverhalten bei der Raumnutzung ablesen kann. Man kann an den Kurvenzacken Einzelgeräte erkennen, man kann sehen, ob jemand im Raum ist, wann Kaffee gekocht wurde, ob der Kühlschrank sich nicht abschaltet, man sieht seine Verbrauchskosten. Auch hier wird unser Gespräch „datenpolitisch“. Der „smarte“ Zähler wird bald in allen Haushalten stehen, darf unser Energielieferer unsere persönlichen Daten absaugen, oder ist es nicht besser, wenn nur Summendaten eines Viertels oder einer Stadt abgegriffen werden dürfen, damit der Energiebedarf besser prognostiziert werden kann, um das System insgesamt besser zu optimieren, was nicht nur Kosten spart, sondern auch ökologisch sinnvoll ist. Der Kollege spricht sich eindeutig gegen das Haushaltsdatensammeln aus, preist aber die Möglichkeit, sich selbst zu überwachen. Am Eingang werden mir noch zwei weitere Objekte gezeigt, die liebevoll konstruiert mehr als pädagogisch-ästhetische Anwendungen computerisierter Steuerungselektronik anzusehen sind.
Kurz nach 20 Uhr wird in die Hände geklatscht, Vereinssitzung. Im linken Bereich, wo die Sofas stehen, ist inzwischen der Beamer eingeschaltet. Kein Powerpoint sondern eine Wiki-Oberfläche zeigt recht kryptisch fünf Themenzeilen mit Links darunter an. Die eingetragenen Vereinsmitglieder kennen diese Seite bereits und konnten da auch eigene Anliegen eintragen (basisorientierte Tagesordnung) für mich als Gast ist das weniger informativ. Auch wegen der Kürzel verstehe ich nicht viel.
Gut gefallen hat mir das lockere Prozedere. Es ist keine „Sitzung“. Es gibt vorne kein Sitz- oder Stehpodest. Der Inhalt wird von der Seite vorgetragen, rundum aus dem Raum wird kommentiert, es stehen mehr an der Seite, als auf den Sofas mittig sitzen. Das ganze ist mehr ein kurzer Break zwischen Chillen und Computern. Am Schluss preist jemand einen nostalgischen, funktionsfähigen, aber raumgreifenden Spielautomaten an. Wollen wir den? Wohin stellen? Es wird schnell entscheiden, das Ding zu übernehmen. Nach 15 Minuten ist die Versammlung zuende, der Beamer wird abgeschaltet, der Club geht wieder in seinen normalen Rhythmus über.
Ich nehme meine Klamotten von einem Kleiderhaufen auf (einen Kleiderständer gibt es nicht) gehe zum Ausgang, wo sich gerade wieder ein paar Raucher nach innen bewegen, und schwinge mich auf mein Rad zur Heimfahrt. Alles Nerds? Kaum jemand sah so aus, als würde er nur Chips essenderweise und Cola trinkend Tag und Nacht vorm PC verbringen. Im Hacker-Bastelraum hatte ich einen CCC-Kollegen getroffen, den ich schon vom Freifunktreffen kannte. „Hallo, ich wollte mal Eure Kommunikationskultur beobachten“. „Kommunikationskultur?“, wiederholt er lachend, „was ist denn das?“

CCC2Ich denke radelnd rückblickend, dass die ganz ok ist. Wenn man hier her kommt, wird man angesprochen, es wird die Chance geboten, nicht im Regen zu stehen, man ist offen und drängt weder weg, noch nötigt man zum Beitritt. Wer der IT-Technik auf Bastel- oder Programmierebene nahe steht, kann gut hierher kommen. Mit 20 Euro Monatsbeitrag ist er dabei und fördert ein gutes Projekt lebenslangen Lernens.

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Klimagipfel in Paris

Der Weltklimagipfel in Paris beginnt am 30. November in Paris. Delegierte aus 196 Ländern kommen, 150 Staats- und Regierungschefs werden erwartet, 14000 Regierungsbeamte, Vertreter von NGOs und 3000 Journalisten sind auf dem Konferenzgelände Le Bourget bei Paris versammelt. Das Ereignis wird medial bestens begleitet. Alle Nachrichtensender, Zeitungen und Internetportale berichten nicht nur, sondern glänzen mit pädagogisch gut aufbereiteten Erklärungsmodellen zum Treibhauseffekt, zum Meeresanstieg, zu den politischen Herausforderungen, etc. wozu darüber noch bloggen?

Für die Vision einer „nachhaltigen Entwicklung“ (sustainable development) ist diese Konferenz ein wichtiges Zeugnis, wie die Politik und Gesellschaft mit der Zukunft der Menschheit heute umzugehen vermag. In Rio 1992 fand die erste globale Weltkonferenz dieses Typs statt. Damals einigte man sich auf eine schonende Weltentwicklung mit sehr weichen Formulierungen und verabschiedete neben anderen Absichtsdokumenten eine Klimarahmenkonvention, die auf die Analysen des bereits 1988 gegründeten UN-Klimagremiums Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gründete. Gleichzeitig versuchte man, die Herkulesaufgabe einer zukunftsfähigen Weltgestaltung an die Bildung zu delegieren. Aus dem großen Ansatz, das gesamte Bildungssystem auf nachhaltige Entwicklung einzutrimmen (vgl. Kapitel 36 der Agenda 21, Rio 1992), ist ein winziges Bildungssegmentchen „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ entstanden, das in den Bildungsbereichen Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Weiterbildung jeweils mehr oder weniger um 1% der Angebote dümpelt. Von einer ersten Weltkonferenz gleich global durchschlagende Entschlüsse zu verlangen, wo es gar keine wirkmächtigen globalen Gremien gibt, und die Mehrheit der Regierungen in den dafür zuständigen Vereinten Nationen aus Diktaturen und korrupten Regimen besteht, ist naiv, bzw. unpolitisch gedacht. Wichtig war bereits in Rio 1992, dass man sich überhaupt über alle Anschauungsgrenzen hinweg an einen Tisch setzte und gemeinsam um verträgliche Lösungen rang. Wichtig für Rio war auch, dass bei der Federführung der entstandenen und ratifizierten Dokumente zum ersten mal Nichtregierungsorganisationen mitschreiben durften.

Klimakonferenzen
Der erste Meilenstein, bei dem nicht nur Absichten verkündet, sondern auch Zahlen genannt und Strategien verabschiedet wurden, stellte die Klimakonferenz in Koyto 1997 mit dem Abschlussdokument des Kyoto-Protokolls dar, das 2005 in Kraft treten sollte. Die USA waren das einzige Industrieland, das dieses Abkommen nicht ratifiziert hatte. In den Folgekonferenzen (Bali 2007, Posen 2008, Kopenhagen 2009, Cancún 2010, Durban 2011, Doha 2012, Warschau 2013, etc.) stellte sich heraus, wie schwierig es ist, globale Einigungen zu erzielen.

Was steht an?

  • Ein wesentliches Problem besteht im legitimen Nachholbedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer. Um sich aus Armut und Abhängigkeit zu befreien, ist in diesen Ländern ein industrieller Entwicklungsgang nötig, der nicht ohne Ressourcenverbrauch und großem Energiebedarf mit entsprechenden klimaschädlichen Emissionen zu haben ist. Wenn man diese Entwicklung klimaschonender möchte, dann bedarf es hoher Kapitalinvestitionen in erneuerbare Energien. In den Verhandlungen geht es um Finanztransfer, wo die alten Industrienationen, die seit einem Jahrhundert das Klima belasten, in der Bringschuld stehen, Investitionskosten in den Klimaschutz im Süden zu übernehmen, die bislang das Klima überhaupt nicht belastet haben. Es gibt diverse Modelle, wie man so etwas machen kann, aber am wenigsten weiß man wohl, wie man national die politische Zustimmung erhält, und wie man erreicht, dass die aufgewendeten Mittel wirklich dem Klimaschutz und nicht den Privatkonten der korrupten herrschenden Eliten zugute kommen.
  • Ein weiteres  Problem besteht in der jüngsten Vergangenheit im Verfall der Energie- und Rohstoffpreise. Viele rohstoffreiche Diktaturen finanzieren ihren unproduktiven Staatsapparat und ihre Wahlgeschenke an ihre gekaufte Klientel mit dem Rohstoffausverkauf ihres Landes. Je mehr die Preise fallen, um so mehr müssen sie exportieren, um nicht zusammenzubrechen, was weiter die Preise drückt. Mit billiger Kohle und alten Kraftwerken lässt sich noch eine ganze Weile preiswert den Energiehunger stillen, aber eben auf Kosten des Klimaschutzes. Auch die großen Energiekonzerne im Gefolge ihrer Regierungen und Gewerkschaften haben kein Interesse daran, dass die Weltmarktnachfrage nach fossilen Energieträgern zusammenbricht, denn das bedeutet nicht nur Einnahmerückgang, sondern auch Wertverlust der Reserven, die größtenteils in den bereits erworbenen Schürfrechten auf die noch nicht gehobenen Bodenschätze liegen.
  • Als drittes umstrittenes Problem kann man unseren Lebensstil anprangern. Im Mainstream ist das Wohlfühlen mit einer Verfügung über viele schöne Dinge, über viel Mobilität verbunden. Je mehr Du davon hast, desto höher ist Dein Status und Dein Selbstbewusstsein. Dieser Lebensstil globalisiert sich gerade, selbst die Saudis mit ihrer absolut mittelalterlichen Staatsreligion frönen dem materiellen Glücksstreben. Die klimagünstige Devise „weniger ist mehr“ fristet dagegen – wenn überhaupt – ein Nischendasein. Wer auf ein eigenes Auto „verzichtet“, weil es in einer stau- und parkplatzgestressten Großstand keinen Sinn mehr macht, der schont die Umwelt nicht, wenn er mit den frei gewordenen Mitteln mehr Fernflüge unternimmt. So gilt der triviale Schluss, je höher das Einkommen, desto größer die Klimabelastung auf persönlicher wie auf nationaler Ebene.

Bezogen auf Verbrauche und Emissionsmengen liegt der Löwenanteil der aktuellen Klimabelastung in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Selbst wenn die Bundesrepublik ihren Anteil an Erneuerbaren in der Energieproduktion in 5 Jahren verdoppeln würde, ändert das an den global viel zu hohen Wachstumsraten des CO2-Gehalts in der Atmosphäre spürbar wenig. Dennoch ist eine nationale Anstrengung nicht unsinnig. Die hoch industrialisierten Länder sind das Entwicklungsmuster für die Entwicklungsländer. Wenn bei uns gezeigt werden kann, dass eine Ökonomie auch noch blüht, wenn im ganzen Land keine fossilen Rohstoffe mehr verbrannt werden, dann wird das Schule machen.

Was tun?
Der globale Protest gegen zu wenig Klimaschutz hatte sich auf vielfältige, große Aktionen vorbereitet, das haben die kürzlichen Terroranschläge gründlich vermasselt. Die Hohe Konferenz findet im Hochsicherheitstrakt Paris unter Beschneidung der öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen statt. Ich betrachte den Aktionismus gegen Großtagungen skeptisch, je größer die Randale, desto weniger Raum wird in der öffentlichen Eventverarbeitung den Inhalten gegeben.
Politikschelte gegen Klimasünden ist leicht zu haben, ein Gegenmodell dazu sehr viel schwieriger.
Nehmen wir den deutschen Automobilbau. Aus Klimasicht ist ein leichtes, sparsames, modulartig kombinierbares Fahrzeug angesagt, dessen Materialien gut recycelbar sind, möglichst mit erneuerbarem Antrieb. Ein solches, lifestyl-abgespecktes Gerät kann in Afrika, Südamerika oder Asien zu geringeren Kosten als in Deutschland hergestellt werden. Der globale Durchmarsch dieses Autotyps wäre der Tod der deutschen Automobilindustrie mit ungeheuren sozialen Folgen, wenn das in kurzer Zeit geschähe. Nach ökonomischer Logik braucht Deutschland das PS-bepackte HighTech-Kultauto, das selbst einparken kann, lautlos schnurrt, mit dem Internet agiert etc. Wie soll dann unsere Kanzlerin in Brüssel als große Umweltschützerin auftreten, und die CO2-Begrenzungsmarken so hoch hängen, dass es Schluss ist, mit den deutschen Flaggschiffen auf den Straßen der Welt? Man muss sich über die VW-Ingenieure aufregen, die mit betrügerischem Aufwand den wahren Emissionsausstoß verschleiern. Zugleich sollte man sich aber die Nachfragekurve nach ressourcenfressenden Limousinen anschauen, da sieht man den Druck von der wohlhabenden Straße auf unsere Autopolitik.
Es heißt, richtiges handeln in falschen Strukturen sei unmöglich. Dagegen gilt, falsches Handeln produziert falsche Strukturen!

Also, klimastrategisch gewendet ist das kleinere Auto oder gar kein Auto, ein Fernflug weniger und dafür mehr Nahentdeckung, das richtige Handeln, das die Republik verändert, andere Politiken produziert.
Gut ist, dass bis auf die Republikaner der USA kein politisch relevanter Akteur weltweit die menschliche Verantwortung für einen rasanten Klimawandel mehr bestreitet. Auch wenn das Schlussdokument mager ausfallen wird, Paris ist als Erinnerungsspektakel notwendig. Unsere Enkel können nun sagen, Ihr habt es gewusst, warum habt ihr nicht gehandelt? Vielleicht handeln wir ja doch noch und lernen einzusehen, dass ein klimafreundlicher Pfad keine Verzichtsgasse, sondern eine Gewinnpromenade sein kann.

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Abaaoud

Abdelhamid AhaaoudIch wollte Dich verstehen (voriger Beitrag). Ich habe etwas mehr verstanden. Meine Sozialthese der Desintegration ist vielleicht etwas linksromantisch. Dein Vater sagt, wir haben Belgien viel zu verdanken. Du hattest belgische Freunde, die Integration war nicht soo schlecht.  Aber Du hattest zusätzlich kriminelle Energie. Kleine Überfälle zum Lebenserwerb. Deine sich weggesprengte Cousine war im Drogenmilieu tätig. Religiöser Fantatismus, Fehlanzeige? Deine gut bürgerliche Zukunft hattest Du früh verspielt, hattest Dich schon aufgegeben, da kam das Jobangebot der IS-Komplizen: gutes Geld, Waffen und kostenlose Flüge für terroristische Aktion, und danach aus! In Syrien entstanden Videos, wo Du mit unmenschlichem Handeln grinsend prahlst. Schlechte Integration + krimminelle Energie + Aussichtslosigkeit  sind der Zündsatz für das Einwilligen in bezahltes Morden.

Als Anführer der IS-Söldnertruppe brauchtest Du auch das Märtyrerspiel des Wegsprengens nicht zu spielen. Du solltest Terrorsoldat bleiben. 5000 Polizeikugeln haben das beendet. Die überwältigende Mehrheit der Muslime lehnen Dich ab. Sogar die Salafisten nennen das Sünde,  wehrlose Jugendliche niederzuballern. Wenn das Nachahmungswillige abschreckt, war Dein Tod doch nicht ganz sinnlos.

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