Fotomanie – knipsen wir die Welt weg?

Mit dem Titel “Schwer überbelichtet”  schreibt Arno Frank in der heutigen sonntaz eine interessante, ziemlich kulturpessimistische Philippika gegen das milliardenfache digitale Fotografieren, das unsere Festplatten vollmülle, und den Blick auf das Eigentliche nur verstelle. Ereignisse werden nur noch als Fotogelegenheiten wahrgenommen, und ist das Ereignis erst abgelichtet, kann es der Fotografierende nicht richtig erlebt haben – so entrinnt uns die Welt nach Arno Frank. In der Tat, die Wahnsinnsfotografiererei besonders an touristischen Orten hat etwas Groteskes, manisch Triebhaftes. Das Festhalten wollen des Flüchtigen per Fotoapparat hat etwas Penetrierendes, wie beim Sex, schreibt Frank. Die Konsequenz dieser Analyse erspart uns der Autor, sie kann eigentlich nur heißen, schmeisst diese ganzen Gatgets in dem Müll und schaut künftig nur noch mit euren eignenen Sinnen um so genauer und intensiver hin!

Das aber wäre meines Erachtens die falsche Botschaft. Ebenso könnte man sagen, vergiss das Internet, er ergießt nur Ströme dümmlichster Tweets, hasserfülter Kommentare und dämlichster Katzenfotos über die Bildschirme. Mögen 95% Schrott und Werbung sein, die 5 bleibenden Prozent haben ein Potential, ein Füllhorn an Möglichkeiten, das allemal die Massenergüsse in den Schatten stellt. Wir erleben z.Zt. die vielleicht schmerzliche Demokratisierung des Mediums Fotografie, denn die Software der Bildbearbeitung in den Kameras ist inzwischen so gut, dass der größte Idiot ein technisch sauberes Foto erzielen kann, wenn er den Apparat nicht völlig daneben hält oder maßlos verwackelt. Das Ablichten ist entprofessionalisiert, jeder kann es. Auch der Übergang vom Aufnahmeapparat zur Sichtbarmachung als Bild ist so automatisiert, dass z.B. bei den meisten Providern für Smartphones die Bilder ohne zutun des Besitzers in der Standardeinstellung unmittelbar nach dem Fotografieren, oder zuhause per WLAN auf einer Plattform landen. Man muss kein Album mehr bekleben, das Album ist virtuell bereits da. Und wer als Album Facebook wählt, erspart sich den Diaabend, zur Vorführung seiner Urlaubsfotos. Das ist kulturkritisch betrachtet die totale Entmündigung des Fotografierenden, das Medium scheint die Botschaft zu sein.

Die Frage sollte erlaubt sein, ist das ein Zwangsmechanismus? Ich sehe das etwas gelassener als der taz Autor.  Ein Bild war füher als Bote einer spanneden Nachricht etwas Besonderes. Noch zu Zeiten des Vietnamkriegs gingen wenige Bilder um die Welt, die eindringlich zeigten, was dort passiert war. Dazu musste ein Pressefotograf vor Ort sein, ein Negativ mußte um die Erdkugel verschickt werden, bevor es auf Zeitungsspalten und in Illustrierten erscheinen konnte. Heute kommt das Bild mit dem toten Kind im Arm der verzweifelten Mutter in Echtzeit vom Gazastreifen global ins Internet und in die Fernsehanstalten. Noch erliegen wir dem Authentizitätsgehabe dieser Bilder, auch weil sie emotionaler aufgenommen werden als beschreibende Texte. Wer sich in seinem Fernurlaub vor einem Landessymbol ablichtet, glaubt noch, damit seine Statusbotschaft belegen zu können. Wenn erst einmal massenhaft durchgesickert ist, dass Bilder auch lügen können, dass sich Hinz und Kunz per Photoshop (oder per sehr viel einfacherer automatischer Software) vorm Eifelturm ablichten können, ohne da gewesen zu sein, dann kann das fieberhafte Ablichten schnell wieder erlöschen. Wir befinden uns gerade in der Kinderstube der digitalen Bildwelt, deshalb auch der kindliche Umgang.

Medien so einzustezen, dass sie einen echten Mehrwert für einen selbst erbringen, will gelernt sein, ist eine Kulturtechnik, die eine Weile braucht. Unser Problem ist heute, dass die Technologien viel schneller sich entfalten, als die entsprechende Kulturtechnik mithalten kann. Gegen Bilderverblödung muss man Aufklärung setzen. Je schneller die Technologien über die Märkte gejagt werden, desto wichtiger ist die mentale Vorbereitung auf den damit verbundenen Wandel. Es ist ein Privileg, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich in der Welt bleibe, und nicht zum digitalen Gadget greife, und wann ich den Beobachter spiele und Prozesse abspeichere, um sie nachträglich um so intensiver nachspüren zu können.

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Teilhabe 2.0 – digitale kommunalpolitische Partizipation?

Die VHS Schwäbisch Hall hatte mich zu einem Vortrag zum Thema “Teilhabe 2.0″ eingeladen. Wir haben uns nicht besonders abgestimmt, und ich habe das Thema mehr im Sinne der großen politischen Linien, Facebookrevolution ja oder nein, und politische gesellschaftliche Partizipation in Netzen interpretiert. Hier meine Gliederung:

1. Elementares zu 2.0
2. Partizipation am Netz
3. Partizipation im Netz
4. Gesellschaftliche Partizipation durch Netzcommunities

Internetkritiker, wie Evgeny Morozov, sehen in den Tweets und Facebookbildern ein interessantes Beiwerk bei laufenden Revolten aber keinesfalls ihre Auslöser oder wesentlichen Verstärker. Diese eher kritische Sicht zu politischer Partizipation in großen Fragen habe ich übernommen, wenngleich man je nach Situation die Rolle der sozialen Medien konkret bewerten sollte und nicht pauschal beurteilen.

Mein Auftraggeber war aber weniger an der medialen Verstrickung an den Revolten gegen nordafrikanische Diktaturen interessiert. Er vermutet ein Erblühen digitaler Partizipation in der kommunalen Politik. Meine Nachrecherche zeigt in der Tat, dass sich neben der aus dem Umfeld der Piraten enstandenen Software zu “Liquid Democracy” einiges an deutschen Kommunen zur digitalen Bürgerbeteiligung getan hat. Die Stadt Bonn hat 2011 und 2012 ihren Haushaltsentwurf mit online Bürgerbneteiligungen zur Diskussion gestellt (http://www.bonn-packts-an.de). Es gibt eine Seite “Bürgerhaushalt” in der eine Großzahl deutscher Kommunen gelinkt sind, die Bürgerbeteiligung anbieten, aber wohl nicht alle digital. Die Stadt München hat vom März bis Mai 2012 eine Onlinebeteiligung “MitDenken” zu Stadtentwicklungskonzepten angeboten, bei der die Mitdenkenden Präferenzen zu ihren Entwicklungsschwerpunken angeben konnten, Ideen einbringen, und Lob&Kritik äußern durften. In “Frankfurt fragt mich” werden Bürger online aufgefordert, Schwachstellen am Mobilitätskonzept zu benennen, und Entwicklungsvorschläge zu machen. Last but not least stellt der Verein Liquid Democracy e.V. die Mitbestimmungsplattform “Offene Kommune” mit dem open Source Programm Adhocracy  ins Netz. Das Konzept von OffeneKommune baut auf dem zunehmenden Bedürfnis der BürgerInnen nach Beteiligung an kommunalen Entscheidungsfindungsprozessen auf. OffeneKommune ist eine neutrale kommunale Internetplattform, die von Kommunen für Online-Diskurse und niedrigschwellige ePartizipationsverfahren eingesetzt werden kann. OffeneKommune für frei zugänglich und lädt alle gesellschaftlichen Akteure ein, an Diskussionen und Entscheidungsprozessen teilzunehmen. (zitiert aus der Startseite).

All diese Aktivitäten zu mehr direkter Demokratie wollen nicht die gewählten Parlamente ersetzen, sondern sie zielen darauf, den Bürger mehr ins Boot zu holen, ihn an den Prozessen zu beteiligen, Vorschläge und Kritik zu äußern, so dass ingesamt mehr Transparenz vorherrscht und der Politikverdrossenheit vielleicht entgegen gearbeitet werden kann. Das ist eine sehr schöne Idee, die im Prinzip sehr unterstützenswert ist, ob sie aber real Bestand hat, da habe ich meine Zweifel.

Es fällt auf, dass diese Initiativen in der Zeit erstarkten, als die Piraten eine ernsthafte Bedrohung für das Wählerpotential der herrschenden Parteien war. Jetzt 2014, nach dem Niedergang der Piraten sind etliche Beteiligungsprojekte auch schon wieder beendet. Zu wenig Erfolg?

Zuerst müßte man verstanden haben, wie in Massendemokratien politische Willensbildung sich vollzieht, um dann zu fragen, welche Onlineschritte muss ich vorsehen, um diese Prozesse zu unterstützen. Ein online Partizipationswerkzeug hinzustellen (wie in “Offene Kommune”) und zu sagen, so jetzt partizipiert mal schön  – funktioniert nicht. Wenn Politikverdrossenheit und Partizipationsunwilligkeit vorherrscht, kann  mit Software keine Partizipation evoziert werden. Das bestätigt zumindest ein grober Blick in all die schönen oben genannten Beispiele. Die Teilnahmezahlen und Vorschlagseingaben sind gemessen an den Millionen Bürger in den Städten eben doch sehr niedrig. Da, wo halbwegs respektable Beteiligungen erzielt wurden (Bonn, München) sind Moderatorenstäbe engagiert wurden, um die Beteiligung durch zeitnahe Rückmeldungen und Support zu beflügeln. Wer nur eine Software hinstellt, und vielleicht eine studentische Hilfskraft zur Betreuung, wird mit Sicherheit eine “tote” Plattform erleben.

Ein Problem scheint mir in der “Massenfrage” zu liegen. Wegen der Wahlmechanismen reagieren Politiker heute immer nur dann, wenn hinter einer Forderung sichtbar eine große Teilnehmerzahl steht. Wenn ein mitgliedsstarker Verband seine Lobbystimme erhebt, oder wenn über eine Petition mit einer halben Million Stimmen gewunken wird, dann glauben Politiker, reagieren zu müssen. Wenn in einem kommunalen Beteiligungsforum ein qualitativ guter Vorschlag fünf psitive Bewertungen erhält, ist das allein wegen der geringen Zahl eine politische Nullnummer.

Warum gibt es in diesen Beteiligungsplattformen nur relativ wenig Beteiligung? Einfach deshalb weil es 99 von 100 Menschen völlig unsexy finden, sich abends ihr digitales Endgerät zu nehmen, sich einzuloggen, und per rationaler Kopfarbeit ein politisches Statement zur Kommunalpolitik zu posten. Vergleicht man diese Aktion mit einer Stimmabgabe bei einer der Kampagnenseiten im Netz, dann gibt es eine deutliche Schwellendifferenz. Stimmt man z.B.  bei AVAAZ.org gegen Genmaisanpflazung in XY, dann braucht man kaum nachzudenken. Die Organisation hat schon gedacht, der Text ist vorgefertigt, ich gebe nur meine Unterschrift, wenn ich sowieso gerade meine Mails checke, und weiss, 100.000 tun das auch, das wird die Wirkung verstärken, und mit meiner Eingabe habe ich ein gutes Werk getan, ich bin politisch entlastet. Bei einer Bürgerbeteiligung muss selbst gedacht werden, man macht es auch nicht so nebenbei, es ist ein eigenständiger Akt, und man weiss sehr wenig, ob es etwas bringen wird – also viel hochschwelliger.

Ich persönlich bin eigentlich ganz zufrieden, wenn viele Dinge des öffentlichen kommunalen Alltags von der Behörde vernünftig entschieden werden. Direkte Demokratie heißt im strengen Sinn, ich bin plötzlich für ganz viele Dinge direkt mit verantwortlich. Natürlich wäre es aus meiner Sicht gut, der Radweg auf der Bockenheimer in Frankfurt wäre breiter. Aber die Umsetzung dieser Forderung zieht die Verschmälerung der Straße oder das Fällen der Bäume und ein Loch im Budget nach sich. Muss ich mir den Kopf darüber zerbrechen, mich einarbeiten, um für eine komplex tragfähige Entscheidung votieren zu können? Und was ist mit hundert anderen Entscheidungen aus anderen Sachgebieten? Alles delegieren? Ja, ich habe diese Entscheidungen mit der repräsentativen parlamentarischen Demokratie delegiert, ohne Liquid Democracy. Und wenn Planungsfehler in einer Legislaturperiode zu eklatant werden, wird man andere Tools brauchen, als einen braven Änderungsvorschlag auf einem Beteiligungsforum.

 

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Selbstgesteuertes Lernen – noch lange kein Selbstläufer

In der modernen pädagogischen Literatur gehört es seit ca. 20 Jahren zu den Selbstverständlichkeiten, dass wir keinen Unterricht mehr planen, sondern Lernräume gestalten, lehrzentrierte Lernformen sind out, der Lehrende ist ein Coach, und am besten wird selbstgesteuert gelernt, denn der Konstruktivismus lehrt uns ja, dass ein Lerner „unbelehrbar“ ist (Siebert). So weit die Theorie. In meinem letzten Beitrag zum VHSBarCamp habe ich vom autonomen Lerner berichtet, der nur noch das Raumsetting braucht und alles andere selbst einbringt.  Allerdings, wenn man z.B. in der psychologischen Pädagogik genauer nachliest, heißt es, dass selbstgesteuertes Lernen nicht voraussetzungslos ist. Gabi Reinmann,  Heinz Mandel (Unterrichten und Lernumgebungen gestalten 2006) präferieren da eher den „Pragmatismus“, der ein auf die Teilnehmenden zugeschnittenes Austarieren von Fremd- und Selbststeuerung, bzw. Instruktion und Konstruktion verlangt. Hier gelten aber nur Faustformeln nach dem Motto, so viel Instruktion, wie nötig, um Lernprozesse an Zielsetzungen auszurichten, aber so viel Loslassen, wie möglich, um der Selbststeuerung der Lernenden Raum zu geben.

In der Präsenz eines berufsbegleitenden Fernstudienganges experimentiere ich im Team seit Jahren an einer Lehreinheit zu Multimedia in der Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Selbststeuerungsanspruch. Es geht um einen Wechsel von Exkursion im Gelände, Materialerfassung und mediale Ergebnispräsentation in Seminarräumen oder auf einer WEB-Plattform. Die Studierenden sollen dabei die Lerneinheiten selbst durchführen, um diese kennen zu lernen, damit sie sie später in ihrer Praxis anwenden können. Zwei Gruppen führen biologische Gewässeruntersuchungen an zwei Flussstellen durch, zwei Gruppen interviewen Bürger in der Stadt. Die Gruppen lernen mit fachkundiger Hilfestellung, die Qualität des Gewässers zu bestimmen, wobei sie ihre Befunde mit Fotos und Videos dokumentieren. Was sie dann allerdings aus den Befunden machen, welche Fragen sie sich stellen, welche Geschichte sie über die Untersuchung in ihrer Präsentation erzählen sollen, können (müssen) sie selbst entscheiden. Auch die Interviewgruppe hat das Oberthema „Nachhaltigkeit in der Stadt“, aber, was sie dazu fragen, was sie konkret herausfinden, und dann als Ergebnis präsentieren wollen, ist ihre selbst zu bestimmende Zielsetzung.

Erstaunlicherweise führt dieser kleine Selbststeuerungsfreiraum bei den Teilnehmenden gleich zu Beginn und im Prozess zu teilweise großen Frustrationen. Ich als „Coach“ beziehe Prügel, weil die Teilnehmenden den Frust, erst einmal nicht zu wissen, was sie nun genau machen sollen, an mir auslassen. Das Verlangen, dass der Lehrende einem sagt, wo es lang gehen soll, ist uns so einsozialisiert worden, dass ein Abweichen erst einmal auf Ablehnung stößt. Diese Teilnehmenden haben im Masterstudiengang zuvor eine Didaktikeinheit absolviert, in der Konstruktivismus und andere Lerntheorien fein säuberlich besprochen wurden. Ich habe in diesem Jahr extra zu Beginn des Seminars ein Rekurs auf die Didaktikkonzepte als Brücke zu unserer Veranstaltung geschlagen, wobei ich besonders die Methode des selbstgesteuerten Lernens präsentiert und präferiert habe – da gab es keinen Widerspruch. Nachdem die Gruppen aufgeteilt waren, habe ich noch einmal extra ein Prozedere empfohlen, wie man vorgehen sollte. Dabei war der erste Punkt: Zuerst eine Zielsetzung in der Gruppe finden, unter der das Material gesammelt und präsentiert werden soll. Was mir als Arbeitsanleitungs-Zaunpfahl erschien, war von manchen Teilnehmenden schlicht nicht wahrgenommen worden. „Ja, hätte man uns von Anfang an gesagt, dass wir das Ziel zuerst überlegen sollen,..“ oder „jetzt habe ich erst begriffen dass die Methode Selbststeuerung hier ausprobiert wurde, das hätte man mir zu Beginn sagen sollen…“ Diejenigen, die mir das gesagt haben, waren keine tumben, uninteressierten Teilnehmende, sie waren engagiert, und haben sehr gute Arbeit geleistet. Das zeigt um so mehr, wie schwer es ist, aus eingefahrenen Gleisen heraus zu kommen. Wenn man bedenkt, dass es einen EU-Beschluss gibt, der informelles Lernen (das ja selbstgesteuert verläuft) gleichrangig mit dem Lernen in formalen (Schule, Hochschule) und non-formalen (Weiterbildung, außerschulische Bildung) Kontexten stellt, dann ist doch erstaunlich, wie weit Theorie und Praxis auseinander klaffen.

Zum Glück war das Lernsetting nicht umsonst. Der Funke sprang über, dass Selbststeuerung zwar Frust bringen kann, aber dann doch eine sehr anregungsreiche, Kreativität hervorbringende Lernmethode ist, wurde mehrheitlich im Schlussfeedback geäußert.

 

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VHS BarCamp „Impulse für das Lernen 2.0“ in Köln

 

Über hundert „Teilgeber“ aus VHS und anderen Einrichtungen haben sich in Köln am 16. und 17. Mai 20014 zu einer methodisch speziellen Konferenz getroffen, um sich über Themen des Lernens im Netz und über online-Marketing auszutauschen. Die Konferenzform „BarCamp“ ist der Methode des Open Space nachgebildet, nur mit dem Unterschied, dass das Einbringen von Themen durch die „Teilgebenden“ und deren Selbstdarstellungen bereits im Vorlauf auf einer Netzplattform möglich war. In Köln waren fünf Räume reserviert, und es gab im Stundentakt (45 min Session, 15 min Pause) über den Tag verteilt 5 Sequenzen, so dass maximal 25 Sessions an einem Tage durchgeführt werden konnten. Die Festlegung der Themen und Raumzuweisung erfolgte innerhalb einer viertel Stunde zu Beginn des Tages.

Die Schlange der Teilgebenden vor Ihrer Kurzvorstellung

Die Schlange der Teilgebenden vor Ihrer Kurzvorstellung

Die Ideengeber sollten ihre Vorstellung mit drei Sätzen bewerkstelligen. Die Sessions wurden selbstorganisiert ohne Auflagen durchgeführt. Reine Gesprächsrunden, Powerpointvortrag mit Diskussion, oder Vorführung eines Videos wechselten miteinander ab. Die Teilgebenden waren gebeten, ihre mobilen Netzgeräte mit zu bringen, so dass während einer Session ein entsprechend vorbereitetes Dokument angeklickt werden konnte, in das unmittelbar Thesen und Teilergebnisse protokolliert wurden. Das funktionierte erstaunlich gut, die obligate Frage, wer schreibt das Protokoll, musste nicht gestellt werden.

 

Teilgebende studieren den Sessionplan

Teilgebende studieren den Sessionplan

Das Raumangebot war nicht zu üppig geplant, es fanden 45 Sessions statt. Es gab generelle „WEB“-Themen, wie „informelles Lernen im Web 2.0, oder „Trends der betrieblichen Weiterbildung“, es gab Projektvorstellungen, wie „Blended Learning / Projekt xpert Fibu“, oder „Aufbau eines Fotoblogs“, es gab vhs-interne Organisationsthemen, wie „Perspektiven und Herausforderungen für Dozent_innen“ oder „wie kann ich das barcamp spirit in meine vhs tragen?“. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass von den 5 parallel angebotenen Fragestellungen immer mindestens eine dabei war, die ich spannend fand. Ein Barcamp zielt mehr auf Expertenaustausch, als auf Theorievermittlung, insofern war der Beteligungsgrad der Teilgeber sehr viel höher als auf einer „normalen“ Konferenz. Die reichlich geplanten Pausen gaben genügend Raum für weiteres Diskutieren, und für die Entscheidung, in welche Session man als nächstes wollte. Im letzten Einladungsschreiben des Mitorganisators Karlheinz Pape wurde auf lockere Kleidung, „Du“ als Konferenzsprache und und „gleiche Augenhöhe“ aller Beteiligter hingewiesen. Das kam gut an, die Atmosphäre war sehr entspannt, und am Samstag war sogar noch eine Zunahme an Diskussionsbeteiligung zu bemerken. Rundum hörte ich viel Zustimmung zu diesem Konferenzformat. Die Kölner VHS hat den Rahmen großartig organisiert. Mit Sponsoring und einem kleinen Tagungsbeitrag konnte ein reichhaltiges Catering mit steter Getränkeversorgung vorgehalten werden, was sicher auch zur guten Stimmung beitrug.

 

Die Session Karleinz Pape zur Betrieblichen Weiterbildung

Die Session Karleinz Pape zur Betrieblichen Weiterbildung

Die Diskussionsstränge in den Session verliefen zwischen Euphorikern, offen Eingestellten und Kritikern, was die Zukunft und die Nutzung von WEB 2.0 im VHS-Kontext betrifft. Man darf davon ausgehen, dass von den VHS natürlich die natzaffinen anwesend waren, so dass insgesamt doch eine recht erwartungsfreudige Stimmung auf neue Möglichkeiten von webbasierten, bzw. webunterstützen Formaten in VHS vorherrschte. Kontroverse diskutiert wurde z.B. zur Frage des lernenden Subjekts. Die Webeuphoriker preisen den autonomen Lerner und predigen, dass man den Lernenden viel mehr zutrauen, und nicht in die Wahl ihrer Ziele, Methoden und Inhaltswünsche einschreiten sollte. Während die mehr pädagogisch orientierten den autonomen Lernenden so nicht akzeptieren wollten, sondern für notwendige Stützen beim Lernenden für ein Heranführen an Selbstlernkompetenz plädierten. Dass informelles Lernen EU-weit als gleichberechtigt neben formalem und non-formalem Lernen gestellt wird (Session mit Dehnbostel), kennzeichnet die Tendenz des Outsourcens aus organisierten Bildungsveranstaltungen, was man als eine Befreiung des autonomen Lern-Subjektes feiern kann, aber auch als Rationalisierungsmaßnahme der Wissensgesellschaft, die die gesellschaftliche Verantwortung für das Lernen dem Markt übergibt. Diese und viele andere Thesen wurden in den Sessions gut diskutiert, das ergab viele Impulse, und natürlich keine unmittelbaren Antworten. (vgl. auch Blogbeitrag des Teilgebers Friedrich-A. Ittner zum Thema „Lernkultur“).

Insgesamt gilt Lob den Veranstaltern und den begeisterten Teilgebenden. Das nächste BarCam wurde bereits fürs nächste Jahr beschlossen. Veranstaltungsort ist die VHS Leipzig. Wer twittert kann mit dem Hashtag #vhscamp14 viele positive Tweets nachlesen.

Ganz informativ ist folgendes slideshare von Stefan Everts:

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Bildung für nachhaltige Entwicklung – Definitionen

Vor gut einem Jahr habe ich mich hier kritisch mit der Begriffsbestimmung von BNE in Wikipedia auseinandergesetzt. Wie ich sehe, ist auf Wikipedia der Beitrag inzwischen  überarbeitet. Die Autoren zählen mehr zum “Nicht-de Haan-Umfeld”, es wird relativ breit zitiert. Ich kann dem nun halbwegs zustimmen. Was ist meine Position zur Definitionsfrage?

Es gibt weder national noch international ein einheitliches Begriffsverständnis. Am ehesten eint die Definitionsmenge die Forderung, die Lernenden mit ökologischen, ökonomischen, sozialen und teilweise zusätzlich kulturellen Interdependenzen bei einer zukünftigen Entwicklung vertraut zu machen. Wie in Agenda 21,  Kapitel 36 (der Ursprung für BNE), postulieren viele einen normativen, erzieherischen Ansatz (Bewußtseinsweckung) mit einem deutlichen Kompetenzverweis, d.h. die Lernenden sollen befähigt werden, nicht nur einzusehen und bewusst zu werden, sondern auch nachhaltig zu handeln. Auch ein partizipatives Element liegt in den meisten Ansätzen, wobei in der Agenda21 sehr stark eine politische Partizipation gefordert wird (Allianzen mit Stakeholdern der Gesellschaft bilden), während in der Mainstream-BNE de Haanscher Prägung häufig nur Partiziaption an den Lerninhalten versprochen wird. Wer BNE zum Gestaltungskompetenzerwerb für nachhaltiges Handeln erklärt,  schreibt den Lernenden vor, was sie zu tun haben, d.h. er vertritt ein angebotsorientiertes, für die formale Bildung passendes Konzept. Dass man es in der non-formalen (Erwachsenen)bildung den Teilnehmenden überlässt, welche Kompetenz sie sich aus ihrem Lebenskontext aneignen wollen, ist in der reinen Gestaltungs-BNE-Ortodoxie nicht vorgesehen.

Es ist müßig, bzw. unsinnig, von “richtigen” und “falschen” Definitionen zu sprechen. In der Ursprungsquelle, dem Text von Rio,  sind mit stark normativen Touch die Mehrdimensionalität, das Politische und die Kompetenzförderung angelegt. Die Länder wurden später in Johannesburg beauftragt, sich ihre BNE jeweils zu konkretisieren. Und dass dabei in einem Lande mit Bildungsförderalismus und einer breiten Einrichtungsvielfalt unterschiedliche Definitionen in Umlauf kommen, ist selbstverständlich.

Unabhängig vom BNE-Diskurs glaube ich nicht daran, dass Pädagogen bei Lernenden Bewusstsein, bzw. Werteeinstellungen “installieren” können. Ob sich jemand entscheidet, sich politisch oder persönlich für ein “nachhaltiges Handeln” einzusetzen, hängt von vielen Faktoren ab, wobei das Wissen über nachhaltige Entscheidungswege meist nicht ausschlaggebend ist. Die Aufgabe der Pädagogik besteht m.E. darin, Handelnde zu stärken, und nicht darin, Leute zum Handeln zu überzeugen. Wer z.B. ein Bildungsangebot über “Nachhaltige Mobilität in der Stadt” plant, kann sich die Überzeugungsarbeit schenken, es werden nur die Teilnehmenden kommen, die bereits eingesehen haben, dass nachhaltige Mobilität ein sinnvolles und notwendiges Verkehrslenkungskonzept ist. Insofern sind mir normative BNE-Konzepte suspekt. Ich halte mit Hinblick auf Teilnehmerorientierung auch nichts davon, in ein Angebot alles packen zu wollen: generationsübergreifend, global interdependent, sozial, ökonomisch, kulturell und ökologisch – nein, ein solches Angebot wird m.E. an seiner Überfrachtung scheitern.

Beispiele:

Wikipedia (15.3.2014):

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine Bildungsoffensive.
- Sie soll es dem Individuum ermöglichen, aktiv an der Analyse und Bewertung von Entwicklungsprozessen mit ökologischer, ökonomischer und sozio-kultureller Bedeutung teilzuhaben,
- sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren
- und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen.

BNE-Portal (15.3.14):

Was ist BNE?
“Bildung für nachhaltige Entwicklung” vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln.
Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und abzuschätzen, wie sich eigene Handlungen auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirken.”

UNESCO

Education for Sustainable Development allows every human being to acquire the knowledge, skills, attitudes and values necessary to shape a sustainable future.

Kommentar: Die Wikipediadefinition hat alles: kompetenz-, handlungs- kongnitiv und etwas normativ orientiert. Die BNE-Portaldefinition ist ein ziemliches Wischi-waschi, da sollte mal jemand nach schärfen. Die UNESCO-Definition ist kurz und knackig, aber auch eine Eier legende Wollmichsau.

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Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Fragt man danach, was Nachhaltigkeit im Kontext der Klimaveränderung oder des Ressourcenabbaus bedeutet, dann ist eine Antwort relativ klar, wir müssen den kommenden Generationen eine lebensfähige Mitwelt hinterlassen. Wie steht es aber mit der Digitalisierung und ihren aktuellen und zukünftigen Konsequenzen?

 Spätestens, wenn man in einer U-Bahn sitzt, und den größten Teil der Fahrgäste auf ihre Smartphones starren sieht, wird einem klar, dass kleine Geräte mit ihrem Funktionsumfang eine Gesellschaft verändern können. Vor einem Jahrzehnt hätten zwei jugendliche Freundinnen miteinander geplaudert, gekichert und sich gegenseitig berührt, heute sind sie im Zweifelsfall in ihre Smartphones versenkt, als gäbe es da einen Schatz zu heben, dessen Bergung keine äußere Störung erlaubt. Werden diese Freundinnen des digitalen Miteinanders als Erwachsene anders sein, als ihre Vorgängerinnen, die noch das analoge Miteinander pflegten? Und wenn sie anders sein sollten, ist das Andere dann „schlechter“ als das Vergangene?

 Eine solche Frage lässt sich nicht „objektiv“ beantworten. Will man sich nicht beliebig einem „waltenden“ Prozess aussetzen, muss man ihn mitgestalten, muss ein Werturteil beziehen und dafür eintreten. Aber verstehen wir die Entwicklungen überhaupt, und haben wir Kriterien, um zukünftige Entwicklungen zu bewerten?

 Wir brauchen zur eigenen Meinungsbildung Experten. Gesellschaften, die sich im Transformationsprozess befinden, haben jedoch immer ihre Kulturpessimisten und ihre Utopisten. Folgen wir dem Neurologen Spitzer, dann führt uns die Digitalisierung in die massenweise Verdummung. Folgen wir der Sozialwissenschaftlerin Sherry Turkle, dann hat sie uns 2006 empfohlen, die sozialen Netze, in denen sich die Jugend tummelt, als eine positive Entwicklung zu sehen, die zu mehr sozialer Nähe, zu mehr Bindungsmöglichkeit, zu mehr Selbstbestimmung führe. Und im Jahre 2012 aufgrund ihrer aktuellen empirischen Analysen kommt sie zum gegenteiligen Schluss und schreibt vom Terror und von individueller Verwüstung, die die sozialen Netze bei ihren untersuchten Jugendlichen anrichten. Folgt man dem Informatiker und Sciencefiction-Autor Suarez, dann führen die Datenvernetzung, Algorithmen und digitale Steuerungstechnologie zu automatisch kämpfenden Kriegswaffen, die zu globaler Unterdrückung und Entmenschlichung führen. Ausgerechnet die Kritiker vom Chaos Computer Club schwärmen von der Befreiung der Arbeit und einer schönen Neuen Welt, wenn die Digitalisierung konsequent zu Ende entwickelt wird.

 

Expertenlektüre ist wichtig, um halbwegs über den aktuellen Stand und Entwicklungstendenzen informiert zu sein. Die Bewertung müssen wir selber leisten. Hilfreich ist in jedem Falle eigene Erfahrung. Man kann nicht über Facebook vom Leder ziehen, wenn man dieses Netzwerk gar nicht aus eigener Anschauung kennt. Man urteilt blind über jugendliches Kommunikationsverhalten, solange man nicht selbst versucht, deren Perspektive einzunehmen und zu verstehen.

 

Wenn man denn glaubt, verstanden zu haben, worum es geht, kann man Kriterien wählen. Und als aufgeklärter Mensch, ist mein Kriterium nicht, ob mich ein Gadget von Gott entfremdet, sondern ob es meine Selbstbestimmung erhöht, ob es zu sozialem Ausgleich beiträgt, ob es keine Naturzerstörung impliziert, etc. An diesem Kriterienbeispiel wird deutlich, dass hier eine politische Wertung gefällt werden muss. Ein religiös-orthodox orientierter, oder ein Wertkonservativer wird andere Kriterien wählen, als ein Fortschrittsgläubiger, als ein Liberaler, etc.

 

Ob die Phänomene, die mit der als „Digitalisierung“ beschriebenen Prozesse einhergehen, in die „falsche“ (nicht zukunftsfähige = nicht nachhaltige) Richtung laufen, kann ich anhand meiner Kriterien für mich entscheiden. Und wenn ich das beobachte, kann ich versuchen, entgegen zu steuern. Wenn die ganze Zivilgesellschaft, per Druck auch die Politik, oder engagierte Unternehmen gegensteuern, wird sich die zukünftige Entwicklung verändern. Nachhaltiges, bzw. zukunftsfähiges Handeln ist immer eine Option auf eine mögliche „bessere“ Entwicklung, an der ich arbeiten muss, für die ich mich einbringen muss. Es ist aber auch Resultat politischen Austauschs. Es bedarf Mehrheitsfindungen zumindest bei den Entscheidenden, um relevantes Handeln zu ermöglichen.

 

Auf der politischen Ebene hat der Abhörskandal der NSA, ausgelöst durch den Whistelblower Snowden (im Sommer 2013) eine katalytische Wirkung. Dass wir unablässig Datenspuren hinterlassen, die abgegriffen werden, mit Algorithmen gebündelt und interpretiert werden können, ist schon lange bekannt. Einschlägige Literatur dazu ist vorhanden (z.B. Die Datenfresser von Constanze Kurz, Frank Rieger), aber es bleibt folgenlos. Die Teilnehmerzahlen am sozialen Netzwerk Facebook wachsen jährlich. Das Smartphone, bzw. die mobilen Geräte werden zu systematischen Datenräubern ausgebaut, was ihrer Beliebtheit allerdings keine Schranken setzt. Mit der NSA-Affäre ist das Thema wieder stark in die Medien gerückt. Und das Enthüllungsmaterial ist so riesig, dass über Monate immer wieder neue schockierende Offenlegungen über staatlich geheimdienstlichen Datenmissbrauch erfolgen.

 

Was tun? Es gibt eine kleine Parallele zur Ökobewegung. Ich kann individuell handeln. Ich kann mein persönliches Verhalten ressourcenschonender arrangieren. Weniger Fliegen, weniger Autofahren, weniger Fleisch essen, mehr Naherholung pflegen, mehr Langsamkeit genießen, mehr Stress abbauen, etc. Gesellschaftlich kann ich mich für eine bessere Strukturpolitik, für die Durchsetzung der Energiewende, für sozialen Ausgleich mit den Ländern des Südens einsetzen, etc. Bei der Digitalisierung entspricht dem individuellen Verhalten die persönliche Verriegelung meiner Internetpforten. Threema statt Whatsapp, Textsecure statt offener SMS, PGP-verschlüsselte Mails statt der offenen Postkartenmail. Aus Facebook austreten, das gmail-Konto liquidieren, Google nicht mehr als Suchmaschine nutzen, den Browser mit No-skript verriegeln, und vielleicht noch mit Tor oder Winsweep die IP-Adresse verunkenntlichen. Diese Abschottungen haben einen Preis, der mit der kleinen Schadenfreude, dass die NSA und die Datenkraken nun etwas mühsamer an mein Profil kommen, wenig kompensiert wird. Das Verschlüsseln ist mindestens so umständlich, wie ein Bügelschloss an Radrahmen und Zaunpfahl anzubringen, das Vorderrad umschließen und den Sattel sichern… Wer alles verrammelt, der erhält keinen Besuch mehr. Wenn ich nicht mehr Auto fahre, kann ich die Fußgänge, die neue Sicht auf meine Umgebung, den Zuwachs an Bewegung genießen. Wo bleibt der kompensatorische Genuss bei der Verschlüsselung meiner Kommunikation mit der Welt? Hört hier die Parallele zur Ökobewegung auf? Der persönliche „Zweikampf“ mit der Datenausspähung kostet Kraft, Kompetenz und viel Komforteinbuße und ist genauso unangenehm, wie das Verrammeln der Häuser gegen den Diebstahl.

 

Allerdings sind die genannten Schritte nicht nur präventiv, sie enthalten das aktive Element des Einsatzes gegen Machtkonzentration und Monopolisierung im Internet. Ein weiterer Aktivposten ist die mündige Netznutzung. Google und Co. wollen den Werbebotschaften empfangenden, den in seinem eigenen Denken bedienten (Filter bubble) zahlungs- und kaufwilligen Netzkonsumenten. Das nachhaltige Gegenbild dazu ist die sich einbringende Netzcommunity. Mit Blogger und Twitterinnen (#aufschrei) aus der Basis heraus Öffentlichkeit schaffen zu Themen, die im Mainstream unterzugehen drohen. (Informationelle) Selbstbestimmung ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie, die Voraussetzung für einen allgemein verantwortlichen Umgang mit den Naturressourcen ist. Wenn schon eine Demokratie nur in Gesellschaften funktioniert, die über eine solide Mittelschicht und ein entwickeltes Bildungssystem verfügen, so setzt aktive Netztätigkeit um so mehr einen guten Bildungsstand breiter Bevölkerungsschichten voraus. Auf Facebook Privatfotos zu posten, schafft jeder Schulabbrecher, aber eine valide Recherche zu einer politischen Frage oder auch zu einem Alltagsproblem durchzuführen, setzt einen gewissen Bildungsstand voraus, aufgrund dessen erst eine gescheite Frage formuliert, und die Internetquellen entsprechend bewertet werden können.

 

Auch bei der Wahl der Programme, der man sich bedient, besteht eine Gestaltungsmöglichkeit. Kommerzielle Software hat ihre Berechtigung in hoch spezialisierten, beruflichen Anwendungen, wo sie Teil des kapitalistischen Verwertungsprozesses ist. Wenn allgemein benötigte Internetwerkzeuge, wie Textverarbeitung, Bildbearbeitung, Browser, Mailprogramme, alle Sorten von Hilfstools, etc. kommerziell produziert werden, unterliegen sie schon aus Gründen der allgemeinen Kompatibilitätsforderungen einer Monopolisierungstendenz. Wie eine nichterneuerbare Ressource verlieren sie mit der Zeit an Wert und müssen durch eine neue Variante ersetzt werden, die auch wieder einen Kaufpreis erfordert. Wie bei der Nutzung fossiler Ressourcen schädliches CO2 anfällt, birgt die Nutzung der Software der Global Players den Verlust der Privatsphäre. Die Geheimdienste der Länder marschieren ein und aus, Kriminelle greifen Monopolsoftware gerne an, denn eine einmal gefundene Lücke ermöglicht den Zutritt zu Millionen. Dagegen ist Open Source mehr eine erneuerbare Quelle. Sie wird sozial erzeugt, und von einer Gemeinde stetig weiterentwickelt. Die anfallenden Kosten können über Spenden getragen werden, weil keine Profit erwirtschaftet werden muss und die Produktentwicklung sich auf Viele verteilt, die teilweise aus Eigennutz entwickeln, und das Ergebnis sozialisieren. Da der Quellcode offen ist, können Experten überwachen, ob verbotene Türen die Software zur Madeware machen. D.h. Open Source ist eine erneuerbare Ressource bzgl. der digitalen Nachhaltigkeit.

 

Betrachtet man den Zugang zu Ressourcen, der für alle Schichten und alle Länder im nachhaltigen Sinne gleich gerecht verteilt sein sollte, dann gibt es noch viel zu tun. Die aktuelle Ungleichverteilung der (materiellen) Ressourcen in der Welt spiegelt sich im Netz. Amerika als reichster Standort beherrscht die Spitzenforschung der Welt, mit der Konsequenz, dass der innovative Motor der Welt einen angelsächsischen kulturellen Bias hat. In der Pharmaindustrie wird nur entwickelt, was langfristigen Profit verspricht. So wird viel Risikokapital, das vor allem in den reichsten Ländern steckt, nur für solche Entwicklungen investiert, die Gewinn versprechen, etc. Das Netz ist nicht der Ursprung dieser Probleme, ab er es verteilt und verstärkt sie. Die Antwort darauf kann nicht sein, das Netz zu nationalisieren, über gezielte Netzpolitik muss für offene Zugänge gekämpft werden, die Schwachen bedürfen der Unterstützung.

 

Digitalisierung, das klingt so materielos, ist es aber nicht. Um Zugang zum Netz zu bekommen, werden Milliarden Geräte mit Bedarf an seltenen Metallen gebaut, um Informationen zu speichern entstehen riesiger Serverfabriken mit gewaltigem Energiehunger. Auf Nachhaltigkeit konzipierte Geräte sollten eine andere Struktur haben, energiesparsam, sozial gerecht erzeugt, materiearm und nicht den Moden unterworfen. Die Entwicklung vom stromfressenden PC zum Tablet-Computer, und schließlich zum Smartphone als Allrounder ist an sich richtig, wenn da nicht die großen Anzahlen dahinter stünden. Künstliche Veralterung einberechnet, das wahnsinnige Entwicklungstempo, und der Sozialdruck des „Habenmüssens“ führen dazu, dass nahezu jeder Einwohner eines wohlhabenden Landes pro Jahr mindestens ein Smartphon durch ein neues ersetzt, ohne dass es vernünftige Recyclingmöglichkeiten für die ausgedienten Geräte gäbe. Das „Fairephone“ ist in Ansätzen da, das Teilen und leihen von Geräten muss noch entwickelt werden.

 

Sorry, so lange sollte der Beitrag nicht werden – und dennoch ist das Meiste nur angerissen.

 

 

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Die verlorene Unschuld von Adblog?

Vorspann: Als “normaler” Internetuser sollte/könnte man wissen, dass es für die Browser (Explorer, Firefox oder Safari) mit denen wir ins Internet gehen, kleine Zusatzprogramme (Plugins und Add-ons) gibt, die dem Browser zusätzliche Eigenschaften verleihen. Wer sich z.B. davor schützen will, dass beim Besuch einer Seite Manipulationen am Browser vorgenommen werden, über die die Seitenbetreiber Informationen von uns abziehen, kann  das Plugin No-Script installieren. Das hat aber leider Bequemlichkeitseinbußen zur Folge, weil auch beim Homebanking oder bei Ticketbestellungen übers Internet das Plug-in ausbremst, so dass man es per Hand temporär freischalten muss.

AdblockAdblock Plus  ist ein solches Add-on, das Werbebanner aus der Browserdarstellung ausfiltert, so dass wir relativ werbefrei surfen können. Es zählt zur open source, d.h. jeder kann es einsehen, und es kann kostenfrei bezogen werden. Auf der ABP Homepage wird behauptet, dass dies die beliebteste Browsererweiterung mit 200 Millionen downloads sei.

 

Zur Sache: In einem sehr langen Beitrag “Adblock Plus Zahltag – $30 Mio. von Amazon, Ebay, Google und Yahoo” von Sascha Pallenberg (Mobile Geeks) inklusive Kommentare erfährt der Leser, wie das werbeverhinderne Add-on Adblock Plus für Browser eben doch “nicht aufdringliche Werbung” zulässt, dafür Geld von den großen Werbekonzernen verdient, und dass mit dem Zulassen spezieller Werbung eine verzerrte Wahrnehmung entsteht, denn die bezahlten Platzhirsche können um so wirkungsvoller auf dem Bildschirm erscheinen, wenn lästige Konkurrenz ausgeblendet wird. Wer sich das Teil runter läd und installiert, kann allerdings unter “Einstellungen” den Balken “Filtereinstellungen” anklicken, dann sieht er im neuen Fenster ganz unten ein Häckchen bei “Einige nicht aufdringliche Werbung zulassen”. Dieses Häckchen kann man deaktivieren, dann ist auch diese Extrawerbung weg, aber leider wird beim nächsten automatischen Update das Häckchen wieder automatisch aktiviert.

Der Autor Pallenberg kritisiert heftig und ausführlich den Sachverhalt, dass die Betreiber einer open source Software, die aus ehrenamtlichen Engagement von vielen unbezahlten Unterstützern entwickelt wurde, Geld kassieren, für einen Service, den sie eigentlich abstellen wollen. Adblock rechtfertigt sich mit dem Hinweis darauf, dass bei so vielen Nutzern eine so aufwändige Pflege notwendig sei, dass das nicht mehr ehrenamtlich zu stemmen sei, dass man nach Einnahmequellen suchen muss. Und schließlich könne man ja als Nutzer die Ursache für die Geldquelle abschalten.

Hinter dieser Kontroverse steht die netzpolitische Frage: Wie halte ich es mit der Werbung – kann ich sie als Bezahlung der für mich sonst freien Nutzung von Internetdienstleistungen tolerieren? Eine gut funktionierende Open Source Software, die ständig gepflegt wird, und mehrere Millionen Nutzer hat, kostet Manpower, Serverplatz,  Büroräume. Zwangsläufig stellt sich dann die Frage nach dem Geschäftsmodell. Ich kenne keine Untersuchungen, welche Beiträge Entwickler von Open Source über Spenden einnehmen, ob sich damit leben lässt, oder nicht. Ich bin auch nur ein spärlicher Spender. Wenn man den Einfluss der digitalen Global Player eindämmen will, braucht man ein Bezahlmodell. Und es braucht eine Akzeptanz fürs Zahlen, die Transparenz voraussetzt.

Ich habe mich lange gefragt, was ist so schlimm an der Werbung? Man kann sie doch ignorieren!? Ich persönlich bin in meiner Jugend antikapitalistisch sozialisiert. Werbung war mir immer ein Gräuel. Wenn sie im Fernsehen einsetzt, zappe ich reflexhaft ins nächste Programm (wo einem dann meist auch Werbung begegnet). Beim googlen ignoriere ich grundsätzlich den rechten Spaltenteil, wo die Werbung inzwischen kontextspezifisch erscheint. Ich will selbstbestimmt sein, und ich suche nur aktiv nach einem Produkt, aber ich lasse es mir nicht aufschwätzen. Google weiß von mir, dass ich resistent bin, denn es gibt von meiner IP-Adresse keine Klicks auf nebenher platzierter Werbung. Aber was ist, wenn Google zurück schlägt, und solche werberesistenten Typen schlechter und langsamer bedient? Oder, was bereits der Fall ist, dass bei meiner Suchanfrage bei den ersten Treffern bezahlte Produktangaben lanciert werden. Ich glaube persönlich, ich suche aktiv nach einem Produkt, dabei liefert mir meine Anfrage die Produktvertreiber zuerst, die bei Google bezahlt haben, d.h. ich bin bereits mit Werbung konfrontiert, wo ich es gar nicht merke. Ein Nebenprodukt der Werbung, die wir tolerieren, ist der Monopolisierungseffekt. Z.B. Amazon kann sich über die Internetwerbung ständig weiter ausbreiten und Konkurrenten ausschalten. Die hohen Einnahmen erlauben es dem Konzern, einen qualitativ hochwertigen Service zu bieten, den kleine Konkurrenten nicht  erbringen können. Es kommt der “Aldieffekt”, d.h. Produktanbieter werden gnadenlos gedrückt, wenn man erst einmal dominierende Marktmacht hat. Amazon ist inzwischen so stark, dass es mit seiner Ankündigung, in den USA noch am Bestelltag ausliefern zu wollen, die gesamte Einzelhandelsbranche in Panik versetzt hat. Wo wäre Amazon ohne Internetwerbung?

So lange kein massenwirksames Gegenmodell bekannt ist, hilft nur das aufgeklärte Surfen. Es hilft nur, kritische Medienbildung, kritische Konsumbildung, die einen Einblick, und damit ein reaktives Handeln im Reich der Daten erlauben. Ich kann den Adblock-Entwicklern nicht verdenken, dass sie ihre Marktchance nutzen, wenn sie das – zwar versteckt , aber eben doch noch zugänglich, – dem Nutzer transparent machen.

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Der Tod des Internet?

Als massiver TodInternetInternetnutzer frage ich mich, wie es mit dem NSA-Skandal durch die  Snowden-Enthüllungen des Jahres 2013 weiter gehen wird. Dazu brauche ich natürlich nur ins Netz oder in die Zeitung zu schauen. Fangen wir mit der FAZ vom 12.Jan.2014 an, da feuilletonisiert Sascha Lobo über die digitale Kränkung des Menschen. Er habe immer auch die Netzwerke gegen Kritiker hochgehalten, das Internet für einen Hort der Demokratieverbreitung angesehen – und nun kam der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne. Er muss einsehen, er war naiv, jetzt habe sich alles verändert. Wer als Experte für eine Sache einen großen Irrtum zur Sache einräumt, ist ehrenwert.

WIREDEr denkt das nicht allein, bei WIRED (Link des nebenstehenden Logos) wird weniger psychisch, dafür mehr sachlich auch über Naivität des Experten und von Balkanisierung des Internet (ein Spruch von Zuckerberg) gesprochen. Der WIRED-Autor Steven Levy rekapituliert die amerikanische Story, wie nach der Snowden-Enthüllung erst mal die großen Internetgiganten geleugnet haben, wie dann über Nachfragen aber doch zutage kam, dass sie alle ihre Datenströme der NSA übergeben, und das aufgrund der amerikanischen Gesetzgebung (FISA Amend­ments Act von 2008), wobei die Geheimdekrete ihnen sogar verbieten, darüber zu reden. WIRED geht es weniger um Moral und Kränkung, sondern um ökonomische Kollateralschäden einer wahnwitzigen Terrorbekämpfung, denn ein wesentliches Kapital, dass die Nutzer ihre Daten auf Amiserver schicken, besteht im Vertrauen. Und wenn dieses zerstört ist, ziehen die Firmen ihre preiswerte Datenlagerung in Clouds zurück. Die Kunden werden misstrauisch und verlassen vielleicht die amerikanisch betriebenen Plattformen. Und wenn sich gar durchsetzen würde, was in Brasilien, Malaysia, Frankreich und in der EU angedacht wird, das Internet zu nationalisieren (“Splinternet”), dann wäre das der Tod des Internets, denn der aktuelle Gewinn liegt ja gerade darin global Zugang zu allen Daten zu haben. Wer dann in Brasilien im Hotel ins Netz geht, wird seine Mails aus Deutschland nicht mehr abrufen können. In Facebook gäbe es keine ausländischen Freunde mehr. Skypen über die Kontinente, nicht mehr drin! Von den Einschränkungen, die dann z.B. die deutsche extrem exportabhängige Investitionsgüterindustrie hätte, und den Einschränkungen im Finanztransfer ganz zu schweigen. Wegen der großen Vernetzungsabhängigkeit ist eigentlich ein “Tod des Internets” überhaupt nicht vorstellbar (das sieht auch Lobo so). Die potentielle Schlagkraft des digitalen Spähens (falls sie denn überhaupt richtig besteht), ist relativ leicht zu brechen. Jeder Terrorist und anderer Großkrimineller wird künftig grundsätzlich das Handy und das Internet zu seinem Business vermeiden, und analoge Kommunikationstechniken aufbauen, die dann wieder nur mit ganz klassischer Geheimdienstarbeit aufzuspüren sind. Der NSA-Datenwahnsinn, der sicher nicht billig ist, könnte wegen Ineffektivität auch wieder beendet werden.

Dann bleibt allerdings immer noch die Industriespionage, die dann besonders ärgerlich wird, wenn der große Bruder über die besten Technologien verfügt, d.h. wenn die Amis ein Mehrfaches spionieren können als alle kleinen Brüderchenstaaten zusammen. Dass man seitens deutscher Wirtschaftsverbände nicht viel stärker gegen das Ausspähen durch die angelsächsischen Geheimdienste protestiert, ist wohl ein Zeichen von deren Naivität und Ahnungslosigkeit. Zukünftig wird man mehr Geld und Know-How in die Spionageabwehr der Industrie investieren müssen mit dem bitteren Gefühl, man schafft es doch nicht.

Welche Perspektive habe ich als einer, der von Internetöffentlichkeit lebt? Aus Facebook austreten, das Google-Konto löschen, Verschlüsselungstechniken anwenden und den Browser vor Ausspähung abschotten, ist so umständlich, wie mehrere Schlösser an der Haustüre anbringen. Die wollen immer zugedreht und wieder geöffnet werden, wenn ich mit der Außenwelt Kontakt aufnehme. Im Rückblick ist die Snowdenenthüllung so umwerfend nun auch wieder nicht. Bei Evgeny Morozov konnte man schon lange nachlesen, dass die Geheimdienste der Diktaturen die Netzwerkplattformen zur politischen Ausspähung nutzen, so dass ein Saldo zwischen Demokratisierungseffekt und Diktaturstärkung schwierig ist. Das Datamining der Konzerne ist so massiv, dass sich auch ohne NSA die Frage stellte, kann ich da noch mitmachen? Eine gewisse Beruhigung lag darin, dass nur Google weiß, was ich surfe, was ich im Netz kaufe, was ich recherchiere. Und nur Facebook weiß etwas genauer, in welchen Netzen ich mich bewege, wer Vertrauensperson ist, und nur mein Provider weiß, mit wem ich alles Mailkontakte habe. Diese kleine Illusion, dass ein Betreiber immer nur einen Teil von mir weiß, der nicht aus langt, meine volle Person zu umfassen, gilt nun auch nicht mehr. Die NSA hat, wenn sie will, “alles”.

Wohin geht das Internet also? Sterben wird es sicher nicht, und ob die Schnüffelei schlimmer ist, als die stetig wachsende Kapitalisierung und die Ausuferung in alle gesellschaftlichen Bereiche mag ich nur schwer abzuschätzen.

  • Die Inwertsetzung von Information wird heute noch wesentlich von der Werbeindustrie bzw. von den Mechanismen, diese zu befriedigen, bedient. Wie beim Privatfernsehen wird der Service, den wir nutzen über Werbung finanziert. Nehmen wir mal Wikipedia aus, dann liefert die Suche nach einem Begriff in aller Regel erst mal ein zu kaufendes Produkt, und sei es das Sachbuch zu dem Begriff. Der meist gesuchte Link,  wandert in der Priorität nach oben, ohne Bezug auf dessen Informationsqualität.
  • Der Suchende bekommt vom Anbieter einen persönlichen Algorithmus geschneidert, hinter dem zuallererst kommerzielle Interessen stehen, als zweites persönliche Bequemlichkeit (d.h. es wird nach dem gesucht, was wir früher schon suchten).
  • Darüber hinaus ist das Internet der ideale Ort des Outsourcing, d.h. der Nutzer muss alle Leistungen selber übernehmen, die früher beim Dienstleister lagen. Das Buchen von Reisen, das Geldüberweisen, die Eintragung beim Melderegister, die Bezahlung von Parkplaketten. Etc. Weil hier ständig Geldbeträge fließen, ruft das die Internetkriminellen auf den Plan. Nur mit großer Mühe hält man sich die pausenlosen Betrugsversuche vom Hals. Etc.
  • Das aufkeimende “Internet der Dinge” wo Waren und Dienstleistungen unabhängig von persönlicher Kontrolle miteinander im wirtschaftlichen Interesse Dritter agieren, macht das Internet zum Mündigkeit raubenden Steuerungsraum.

Es wird kein zweiter Snowden kommen, der plötzlich entlarven könnte, was da passiert, denn es geht schleichend voran. Wenn die NSA in unsere Computer dringt, merken die meisten das nicht,  wenn aber Kriminelle eindringen, ist plötzlich das Konto geräubert, ungewollte Zahlungsverpflichtungen entstehen etc. Copyright Verletzungen und Angst der Bürger rufen die Politik auf den Plan, die wird mit Regulierung kontern, was das Netz weiter von dem entfernt, für das wir es heute noch halten.

Ich vermute, die Gefahren für das Internet als einem unbeschwerter Ort der Kommunikation und Wissensrecherche liegen weniger in der Bedrohung durch die Spähtechnologien der Geheimdienste als in diesem schleichenden Prozess der Kapitalisierung und Übergriffigkeit seiner Daten. Auch das wird sicher nicht zum Ende des Internet führen, es erschwert aber die produktive Nutzung des Systems und führt zu verstärktem digital Gap. Damit nicht nur den Privilegierten  die Wissensnutzung vorbehalten bleibt und die überwältigende Mehrheit zum Konsumentenvieh des Internetmarktes wird, muss noch viel gegen gesteuert werden, was trotz Snowden z.Zt. kaum sichtbar ist.

PS: Nachtrag vom 17.01.: In den Blogs geht die Post auf Lobos FAZ-Beitrag ab, meist wird negativ auf Lobo reagiert. Ganz differenziert mit optimistischem Beiklang ist z.B. Martin Lindner.

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Sharing Economy ein Flop?

Neben den Lobpreisungen der Sharing Economy häufen sich, besonders in FAZ-Artikeln, Kritiken an diesem Deal. Das ist gut so, denn nichts ist törichter, als unreflektiert jedem neuen Trend zu folgen. Mit seiner Tirade gegen die Sharing Kultur in dem Beitrag „Der Terror des Teilens“ von Harald Staun in der FAZ vom 22.12.13 wird aber m.E. das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die journalistische Methode, zu der leider auch der berühmte Internetkritiker Morozow etwas neigt, besteht darin, das meist noch unentwickelte Gedankengebäude der neuen Begriffswelt als Ideologie (bei Morozow: Wohlfühl-Welt“) zu brandmarken und Einzelbeispiele überhöht aus dem Kontext zu ziehen. Sharing Economy bedeute, so der Journalist, dass das Eigentum seinem Ende zuneige. In Zukunft wird alles zum Wohle der Umwelt geteilt. Und das Internet senke die Kosten dieser Transaktionen auf ein rentables Niveau. Carsharing wird so interpretiert, dass es rentabel würde, weil man sich nicht mit Tanken, Reparaturen und Versicherung nerven muss, man steigt irgendwo mit seinem Chip ein und verlässt es sorgenfrei, das sei doch nur eine Potenzierung des Mobilitätskonsum. Und bei Airbnb, der Wohnungsagentur, gibt es in New York schon Großverdiener, die sich weder um Hotelauflagen sorgen, noch Steuern zahlen wollen. Mitfahrdienste sind nur neue Einmann-Jobs, die gegen wehrlose Taxiunternehmen konkurrieren. Etc.

Etwas differenzierter beschreibt die FAZ-Redakteurin Melanie Mühl in „Geteiltes Glück als gutes Geschäft“ (22.10.13) genau die Fälle, wo Sharing Economie nichts anderes als ein neues Geschäftsmodell ist. Wann Amazon bei Airbnb finanziell einsteigt, muss man dazu auch kaum noch etwas sagen. Fazit: Wie steht es mit dem Teilen?

Schauen wir aufs Car Sharing, das ist nicht aus der Idee des sorgenfreien Auto-Hoppings entstanden. Das Auto von Otto Normalbesitzer steht über 90% parkend auf der Straße. Es hat bei der Produktion extrem viel Energie verbraucht. Wenn 10 Leute sagen, ich verzichte auf einen Autobesitz, und leihe mir in der Tauschbörse eins aus, wenn ich es brauche, dann sind 9 Autos weniger parkend auf der Straße, und das Leihauto wird intensiver genutzt. Der statistisch nachgewiesene Nebeneffekt, diese Autoleiher fahren nach dem Übergang ins Kooperationsmodell insgesamt weniger Auto als früher. Weil das so ist, darf man auch nicht einfach die großen Autovermieter mit dem Carsharing gleich setzen, denn die Vermieter sprechen vor allem die Zielgruppe an, die kein oder gerade kein Auto (im Urlaubsfall) besitzt, womit überhaupt nicht weniger Autos auf der Straße sind, sondern im Prinzip mehr. Diese wesentlichen Feinheiten sollte man bitte schön doch beachten, wenn man gegen Sharing pauschal wettert. Dass mit dem Leiheffizienzzuwachs durch das Internet die Carsharer zu Vielfahrern werden, scheint mir mehr der Fantasie von Herrn Staun zu entspringen, als real nachgewiesen. Selbst wenn dann gleichviel, wie mit Autobesitz gefahren würde, wären dadurch immer noch viele Ressourcen wegen des geringeren Autobestandes eingespart.

Und was ist so schlimm dabei, wenn über das Teilen der Markt nicht ausgehebelt ist? Sind alle Anhänger der Sharing Economy Kommunisten? In Frankfurt wird der Sperrmüll so entsorgt, dass man einen Abholtag beantragt, und am Abend zuvor seine nicht mehr gebrauchten Gegenstände auf den Bürgersteig stellt. Ganz ohne Internet fahren da am besagten Abend private Kleinlaster durch die Straßen, nicht um persönlich eine Zweitnutzung anzutreten, sondern das sind Händler, die dieses Dinge auf dem nächsten Trödelmarkt gegen Geld verhökern. D.h. fast immer wenn ich ein Gut freigebe, gibt es in unserer kapitalistischen Gesellschaft jemand der den Tauschwert entdeckt, und diesen zu Geld zu machen versucht. Mir gefällt diese Option, weil meine entsorgtes Gut jemandem zu einen Kleineinkommen hilft, und das Gut letztlich weiter verwendet wird. Was einen Neukauf erspart.

Wenn es denn wirklich einen Wertewandel zu weniger besitzen wollen gibt, dann ist das im Sinne einer nachhaltigeren Lebensweise zu begrüßen. Gegen den Raubbau an den Ressourcen, auf die auch kommenden Generationen gerne noch zugreifen wollen, hilft wesentlich, weniger konsumieren. Da sind wir noch lange nicht beim Kommunismus, wenn das Teilen von Gütern als eine Lösung betrachtet wird.

Fraglich ist aber leider, was die Motive für diesen Wandel sind. Wenn es nur Mangel an Kaufkraft ist (prekäre Arbeitsverhältnisse, Einkommensumverteilung, Krise, etc.), hat es gar nichts mit Ideologie zu tun. Und wenn die Autobegeisterung zurückgeht, weil die Straßen verstopft und gewünschte Plätze damit kaum zugänglich sind, und man dafür sein Geld lieber in Smartphones und Internetdienste steckt, dann ist das leider auch nicht besonders nachhaltig.

Ob da jeder Ansatz immer vernünftig ist, und dem nachhaltigen Ziele wirklich nutzt, muss gegebenenfalls geprüft werden. Wer eine Kaffeetasse gegen einen Korkenzieher auf einer Internetbörse tauscht, und dafür zwei Päckchen durch die Republik schickt, der hilft vielleicht dem Transportgewerbe aber gewiss nicht der Umwelt. Wenn das Auto, wie Untersuchungen belegen, bei Jugendlichen an Attraktivität einbüßt, dann ist zu prüfen, ob der Alternativkonsum, in den das nicht verwendete “Autogeld”  wandert, ressourcensparender und sozial verträglicher ist.

Immerhin – den Kritikern sei Dank, die Sharing-Kultur ist kein Blankocheck in eine Wohlfühl-Welt.

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Lehrfrust – oder normales Lernverhalten?

Meine letzte Rundum-Mail an meine Onlinestudierende:

Liebe Studierende,
nach der großartigen Beteiligung bei der Gruppenaufgabe 4 sind viele von Ihnen offensichtlich in die Ruhephase gegangen. Auch das Videofeedback dazu  haben sich bislang nur wenige angeschaut. Bei der letzten Aufgabe 5 vorige Woche gab es 7 eingereichte schriftliche Lösungen. Für mich ist das angenehm, ich brauchte dann nur 7 Feedbacks zu verfassen. Aber Sie hatten doch den schönen Vorsatz, auch ohne Aufgabenpflicht in dieser “selbstgesteuerten Übung” am Ball zu bleiben. Ich ermuntere Sie, schauen Sie wenigstens mal die neue Aufgabe 6 für diese Woche an, es ist wirklich nur etwas, das man auch so machen sollte, wenn man einen Text liest. Ich erinnere Sie an unser Rechenspiel: mindestens 1 1/2 Stunden würde Ihnen die Präsenz kosten – und die sollten Sie unbedingt auch online investieren.

Das Resultat dieser papahaften Ermahnungsmail waren 8 eingereichte Aufgaben bei 27 Seminarteilnehmenden.
Hintergrund: Es geht um das Thema “Selbstgesteuertes Lernen”. Jede Woche gibt es dazu ein bis 3 kurze Texte, die gelesen werden sollen, und eine Reflexionsaufgabe (oder Gruppenaufgabe), die am Ende der Woche hochgeladen werden kann. Die letzte gestellte Aufgabe kann auch als Unterforderung interpretiert werden, es ging darum, die Aussagen eines Textes in einer Tabelle zu visualisieren, was für mich der Nachweis war, dass der Text gelesen wurde, und für die Studierenden eine Erinnerungsstütze an den Text sein sollte.
Rahmenbedingungen: Es ist ein Masterstudiengang, wobei für dieses Seminar nur 3 Creditpoints vergeben sind, was der Anforderung der Abgabe eines Seminarprotokolls entspricht. Formal ist es möglich, wenn es ein Präsenzseminar wäre, einmal zu erscheinen, und dazu ein Protokoll hinknäulen, und schon hat man ein weiteres Seminar “hinter sich gebracht”. Die Studentenschaft hat die Anwesensheitspflicht abgelehnt, was nach Entschulung klingt, ob das aber gut ist?
Ich könnte ja vermuten, dass die Studierenden hohen Arbeitsdruck wegen der übrigen Seminare, wo mehr verlangt wird, haben. Und dass sie deshalb nur die Texte lesen, ohne zu einer kleinen Ausarbeitung dazu zu kommen. Aber auch diese Vermutung ist falsch. An den Logfiles der Lernplattform (Big Brother is waching) kann ich sehen, wie viel Leute sich die Aufgabenstellung angeschaut, und wie viele die Aufgabentexte angeklickt, oder herunter geladen haben. Unb siehe da, die Aufgabenstellung haben sich nur 6 Leute angeschaut und 11 Leute haben die Texte dazu angeklickt. Das heißt, die große Mehrheit ignoriert das Angebot schlichtweg.

Nach meinen früheren Erfahrungen im Fachbereich Erziehungswissenschaften interpretiert eine Mehrheit das Studium als eine Scheinerwerbsveranstaltung, wo man versucht, mit geringem Einsatz möglichst viele Punkte zu sammeln. Auf die Einstiegsfrage, “warum kommen Sie in mein Seminar?” wird mit gesenkten Blicken reagiert. Sie kommen, weil sie den Schein brauchen, aber ob Sie das Thema interessiert? Mal sehen!

Ich habe in einem anderen Onlineseminar (Bachelor-Studiengang), wo die Teilnahmepflichten gößer waren, zu jeder Wochenaufgabe ein persönliches Feeedback mit Verbesserungsvorschlägen geschrieben. Am Ende des Semesters sollten alle Einzelbeiträge mit Inhaltsverzeichnis und Literaturangaben zu einer Datei verarbeitet werden mit dem Hinweis, wer seine Note verbessern will, sollte die Texte entsprechend den Anmerkungen korrigieren. Damit leistet der Studierende seine Hausarbeit, und er hat zugleich auf seinem Rechner eine reflektierte Dokumentation des ganzen Seminars. Diese gewünschten Verbesserungen der eignen Texte haben nur ein Bruchteil (10-20%) ausgeführt, der große Rest hat einfach die unkorrigierten Beiträge zusammengestellt. Da frage ich mich natürlich als Lehrender, wozu gebe ich eigendlich die Feedbacks, wenn diese ignoriert werden? Viele Studierende beklagen sich zu recht, dass sie bei den meisten abgegebenen Arbeiten nur spät eine Note erhalten aber keine weiteren Rückmeldungen, aus denen sie etwas lernen könnten. Wenn ich nun die Feedbacks gebe, werden sie nur von wenigen geschätzt – das kann schon frusten, denn für 40 Arbeiten Feedbacks schreiben, kostet einen Teil des Wochenendes, den ich als Lehrbeauftragter überhaupt nicht vergütet bekomme.

Die Frage bleibt, ist das das “normale” Lernverhalten der Studierenden? War das früher anders? Liegt es an den strukturell sehr schulisch gelegten Leitplanken der Studieningänge? Haben die Studies schon in der Schule das selbständige, mit Interesse ausgestattete Lernen verlernt? Habe ich die Aufgabenstellungen, die ausgewählten Texte pädagogisch unzureichend erstellt (langweiliger Lernraum animiert nicht zum Lernen)? Ist es die Massenuniversität, wo in vielen Elternhäusern meiner Studierenden keine Bücherschränke stehen, keine geistig interessanten Tischgespräche geführt werden?

Etc. Es ist sicher von allem etwas. Immerhin, der engagierte Teil der Studierenden kann selbständig arbeiten und bringt auch gute und kreative Ergebnisse zutage. In meinem Beitrag Erfahrungsbericht haben “die 20%” spannende Kommentare geschrieben. Pauschale Studentenschelte ist unangebracht – aber die Aufgabe bleibt, Qualität an den Universitäten zu halten, wir brauchen keine paukende Lernmaschinen, wir brauchen mehr die selbstverantwortlich Lernenden, denn ohne Motivation am Stoff, ohne den Wunsch, sich mit Inhalten/Theorien auseinanderzusetzen, wird auch kein Engagement im Berufsleben entfaltet werden können. In den Fitnessstudios steht niemand am Rande und schaut einfach zu, und sagt, komm, mach mal für mich. Wer seinen Body trainieren will, geht selbst in die Bütt. Wenn in der Schule einer mehr tut, als der Lehrer verlangt, wird er als Streber beschimpft – ist es diese Altlast, die unsere Studierenden beim selbstgesteuerten Lernen ausbremst??

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