B3 – Biennale des bewegten Bildes – eine Wahrnehmungsüberforderung?

Die Zuschauersicht
Bei einem Museumsbesuch, wo ich von Objekt zu Objekt schreite (meist Bilder, weniger Statuen, sehr wenige Videoinstallationen), gibt es meist einen „ersten Eindruck“, wenn der positiv ausfällt, schaue ich etwas genauer nach, und dann habe ich innerhalb gefühlt einer Minute den Eindruck, etwas Interessantes, oder aber Langweiliges gesehen zu haben. Häufig gehe ich einfach vorbei und scanne einen Raum beim langsamen Durchgehen. Das wird irgendwie abgespeichert, weiter geht’s, und nach zwei Stunden tut mir der Rücken weh, das Gehirn ist overloaded. Ich habe das Gefühl, die ganze Ausstellung gesehen zu haben, und etwas Spannendes davon mitgenommen zu haben. Ab zum Café. Auf großen Kunstausstellungen, wie z.B. der Dokumenta ist das nicht grundsätzlich anders, es dominieren statische Installationen, die mit dem „ersten Eindruck“ wahrnehmbar sind. Man schiebt sich durch das Fridericianum, weiß so ungefähr, was drin ist, und legt in einem Café mit Auenblick erst mal eine längere Ruhepause ein.

Auf der B3 Biennale 2017 in Frankfurt (im Folgenden beziehe ich mich nur auf den Videoteil im 1. Stock und den Fulldome im Nebengebäude) schreitet man schon einmal nicht durch große lichtdurchflutete Hallen, sondern man befindet sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank mit langen Fluren die rechteckig einen Innenhof umsäumen, und geht von Büroraum zu Büroraum. Die braunen Holztüren und die Wandschränke assoziieren die Macht des großen Geldes, die hier noch mehr über Schreibtische und weniger über Computer dirigiert wurde. Das Mobiliar ist allerdings weg. In einer oder mehreren Ecken stehen auf Alugestellen von Canon gesponsorte Industriebeamer für den Dauerbetrieb, die ein oder mehrere Leinwände in dem relativ engen Raum bespielen. Hier werden aber nicht mehrere Filme eines Künstlers gezeigt, sondern den technologischen Möglichkeiten entsprechend, finden sich hier Multiscreen-Installationen, die das Spiel mit mehreren Sichtfeldern mehr und weniger gekonnt ausloten. Die mediale Botschaft, der künstlerische Kern, vermittelt sich kaum mehr durch einen „Ersteindruck“. Was man zuerst sieht, ist ein relativ enger, abgedunkelter „Kino“-Raum, und man nimmt das mediale Arrangement wahr: nur eine Leinwand, zwei nebeneinander, drei Leinwände auf eine Blickachse gestellt, oder die Leinwände rechtwinklig getrennt voneinander, so dass der Blick springen muss, um dem Gesamtkunstwerk folgen zu können. Es flimmern Bilder über die Schirme, die sich beim ersten Blick kaum erschließen. Und man hört schon vom Flur her meist sphärisch, modernistische Soundtracks. Nase  reinstecken, kurz gucken und hören, und weitergehen, geht nicht, denn es fehlt ein bleibender Eindruck der sich zu einem Ganzen addieren könnte, aus dem man schließt, die Ausstellung halbwegs gehen zu haben. Nach so einem unergiebigen Hineinschnuppern befindet man sich wieder im Flur, dessen Architektonik langweilig, monoton und wegen des Alters des Baus auch etwas vergammelt wirkt.

Also musst Du umschalten, Du bist hier nicht in einem Museum, Dir wird mediale Kunst präsentiert, die eine eigene Wahrnehmungslogik hat. Am ehesten ist das vergleichbar mit einem Filmfestival, bei dem aus aller Herren Länder Filme laufen. Allerdings werden die Filme dann nur auf eine Leinwand projiziert und man geht in der Regel zum Filmbeginn „ins Kino“. Auf den B3-Fluren springt man auf den fahrenden Zug, nur durch Zufall betritt man einen Raum, in dem gerade ein Film beginnt. Was Du beim Betreten eines Raumes siehst, hat schon eine Geschichte, hat eine Gestaltungslogik, die erst erschlossen werden muss. Sich einlassen auf das Arrangement, in die Handlung eintauchen, die Formsprache und Soundunterlegung aufspüren, etc. Es braucht da schon mehrere Minuten, bis ein erster Eindruck sich formt, der einen zum Verbleiben oder zum Verlassen des Raumes rät. Wer sich nicht häufig mit experimentellen Kurzfilmen befasst, der hat die Gestaltungsform des modernen Kinofilms als Muster im Kopf. Der Kinofilm erzählt eine Story, die Protagonisten sprechen, d.h. ohne die Sprache würden wir ihn kaum verstehen. Genau diese Erfahrung, eine gut bebilderte Geschichte erzählt zu bekommen, wird in der medialen Kunst in der Regel zertrümmert. Nur die Bilder „erzählen“. Ihr Auftauchen, Ihr Verschwinden, Ihr Überblenden sind die Geschichte. Der Soundtrack verstärkt oder kontrastiert die Gefühlswelt. Das bewegte Bild ist die Erzählung.
Das heißt nicht, dass die Bilder keine Inhalte transportieren wollen. Bei einem einzigen Bild (Kunstfoto) wird in großartiger Weise ein Moment festgehalten bzw. erst zum Ausdruck gebracht. Beim bewegten Bild hat man dazu ein Doppeltes, es wirkt in seinem momentanen Arrangement wie ein Foto und bringt eine Szene zum Ausdruck (zur Bedeutung). Aber dann kommt das Weitere, es findet in der Zeit ein Übergang zu einem veränderten Bild statt, wobei uns die Art des Übergangs, die Art des Wechsels der im Bild zu sehenden Objekte eine zusätzliche Botschaft vermittelt. Liegt nun ein Multiscreeninginszenierung vor, hat man noch eine dritte Botschaftsebene, nämlich was spielt sich zwischen den Schirmen ab, welche Zusammenhänge entstehen in der vergleichenden Betrachtung und sich ändernden Bewegungen?
Ein B3-Erstwahrnehmungsbeispiel
In einer 3er-Installation („The Winter of 13 Storms“ von Clare Langan) taucht eine junge Frau mit fliegenden Haaren und flatternden Rockstoff meist zusammengekauert oder in einer schiebenden Bewegung auf einem Schirm relativ groß am Boden wühlend, dann wieder auf einem anderen Schirm mehr in einer Ecke, hinter ein Tür auf. Der Raum, der auf allen drei Schirmen zu sehen ist, ist schwer definierbar, irgendwie eine schrottige Gartenlaube, Haken an der Decke. Dann fliegen Blätter über die Wände von einem Schirm zum nächsten, die selbe Frau taucht wieder auf. Schließlich die Frau mittig im Zimmer, Schleier wild um sich wedelnd. Die Botschaft, die bei mir ankam, war eine schöne Frau, die auch aus einem Modejournal kommen könnte, in gekauerter Haltung irgendwie verloren, einsam, bedroht. Die Herbstblätter könnten Vergänglichkeit bedeuten, etc. Das empfand ich lyrisch, milde Grautöne, eine Verzweiflung, die mehr gezeichnet ist, nicht schreierisch, nicht kitschig, eine ernste Beklemmung auslösend. Die Bilder spannend, nicht langweilig, neugierig, wie es weitergeht, der Künstler hat mich in seinen Bann genommen. Dann geht es aber weiter die Musik bedeutungsschwanger. Der Schleier stellt ein Bindeglied zur nächste Szene (Wintersturm?) dar, es taucht ein Partner auf. Er und sie meist rechts oder links im Triptychon versuchen vor dunklem Felsgestein zusammenzufinden, wobei ihre Körper mit der Gravitation und einer unbändig drohenden Natur kämpfen, und das Zusammenkommen ausweglos, verzweifelnd erscheint. Das Widernatürliche wird teils mit Rückwärtsfahrten oder verdrehter Kamera erreicht. Sicher ist hier kunstvoll geschnitten worden, aber in meiner Wahrnehmung kam zu viel Pathos rüber, um nicht zu sagen Gefühlskitsch. Und die politische Botschaft, die Natur beherrsche uns, halte ich für reaktionär, wir sind es die die Natur beherrschen und zunichte machen. Zu den Anforderungen einer Wahrnehmung bewegter Bilder im Multiscreening kommt noch das Voranschreiten einer Story, die meine persönliche Bewertung gekippt hat.

Nächstes Beispiel:
„An den Saal“. Ich habe inzwischen kapiert, dass ich nicht im Museum bin und erwarte hinter jeder neuen Tür eine Videoinstallation, bei der eine oder mehrere Leinwände bespielt werden. Aber hinter besagter Saaltür ist etwas anders, es sieht im Dunkeln wie ein Kino aus mit Polstersitzreihen, die nach hinten ansteigen. Eine Großprojektion wirft ein Bild an die Frontwand, das über die Vorhänge geht (falsch eingestellt?) und gleichzeitig wird passgenau in drei hohe Seitenfenster projiziert und vorne wird ein Podest getrennt bespielt, das sich später als der Aufbau erweist, hinter dem die Vorstandsvorsitzenden residierten. Hier laufen (Kinoassoziation) mehrere verschiedene Filme hintereinander, die aber auf diese spezielle Anordnung zugeschnitten sind. Ein Film „Der Zug“ macht den Raum zum Zugabteil, an den Fensterprojektionen flitzt die durchfahrene Landschaft vorüber, die Front hat eine andere Erzählung. Zufällig werden wir Zuschauer, nachdem ich drei Filme durchrauschen sah, aufgefordert zu bleiben, es findet eine Diskussion mit den Produzenten der Filme statt (Filmuniversität Babelsberg). Ich erfahre, dass diese Filme ausschließlich für diesen Raum produziert wurden, dass es sich um den Plenarsaal des Vorstandsgebäudes handelt. Zuerst war der Raum mit seiner historischen Trächtigkeit da, dann wurde überlegt, welche Flächen wieviel kanalig dabei sinnvollerweise bespielt werden können, und das ist nun dabei herausgekommen. Die sich ergebende Projektionsstruktur zwingt den Filmen, bzw. ihrer Komposition den Rhythmus der Raumanordnung auf. In der Wahrnehmung wird also noch eine weitere Dimension abverlangt, dass diese Filme sich in die Raumstruktur einfügen sollten. Dieses Kriterium war mir zu Beginn so nicht bewusst. Ich habe mir einen Tag später noch weitere Filme in dem Saal angeschaut, da hatte ich das „richtige“ Kriterium, fand aber auch, dass einige Filmchen schwächelten. Nicht nur die Wahrnehmung ist anspruchsvoller, auch die Produktion findet hier eine hohe Herausforderung, wenn das überzeugend gelingen soll.
Letztes Beispiel
Die Fulldome Filme. In einer mobilen leicht schrägen Kuppel wird mit mehreren Beamern eine 360 Grad Projektion im Horizont (rundum) und 180 Grad im Zenith (Kuppelwölbung) realisiert und gleichzeitig kann ein 360 Grad Soundteppich ausgebreitet werden (auf der B3 im Bankgebäude war es leider nur 2-kanalig). Diese Technik wurde wohl in den USA zuerst entwickelt und wird besonders in Planetarien angewendet, weil man dort die Kuppel schon hat (Das Planetarikum Jena hat diese Technik und ist berühmt für seine FulldomeFestivals). Man liegt am besten unter der Kuppel, und schaut in sie hinein, um dann Bilder von unglaublicher Tiefenwirkung, stärker als bei 3 D-Animationen zu erfahren. Am stärksten wirken rein computerisierte Realisierungen, wo Hochhäuser in schwindelnde Höhen wachsen, und man im Schwenk aus dieser Höhe wieder in die Tiefe blicken kann. Galaxen sausen in die Ferne und Kometen fliegen einem entgegen. Unsere Sehgewohnheit fährt Karussell bei dieser Technik. Produzieren hier Computernerds Vexierbilder? Geht es bloß um die optischen und akustischen Effekte, oder haben wir hier eine neue mediale Kunstform? Neben den Computeranimationen (z.B. „Isometric“) gibt es aber auch „Realfilme“. Wenn gefilmt wird, kommen sehr weit winklige Objektive zum Einsatz, dass sich die Bilder wölben. Wenn in der Bildmitte ein Pfosten noch senkrecht nach oben zeigt, beginnt er sich bei einem Schwenk zur Seite stark zu biegen. Der Rundumblick ist offensichtlich nur mit einem Verzerrungseffekt zu haben. Wenn das mediale Modewort „immersiv“ eine Bedeutung hat, dann hier, weil über das Medium natürliche Wahrnehmungen von Raumtiefe und dreidimensionaler Objektrepräsentation in einer „eindringenden“ Weise übersteigert werden. Realer als real wird ein Drohnenflug aus einem gefühlt 1000 Meter hohen Haus in die Tiefe, obwohl unsere Kuppel vielleicht nur 6 Meter hoch war. Spannend sind Mischformen, wenn halb Realfilm mit Computeranimation kombiniert wird. Ein Film versuchte den Terror der NSU-Mörder zu zeigen, Täter- und Opferperspektive waren bedrohlich reaslisiert, d.h. auch im Fulldome gibt es bereits nicht nur ästhetische Spielereien sondern auch politische Filme.
Mein Fazit
Der riesige Aufwand an technischem Gerät hätte mehr Zuschauer verdient, damit die vielen spannenden, natürlich nicht alle gleich aussagekräftigen internationalen Videoinstallationen den Stellenwert erhalten, den sie verdienen. Dieser mediale Schub wird nicht das klassische Kino mit seiner 2-dimensionalen, einzigen Leinwand verdrängen, aber am Rande und über den Rande unserer Sehgewohnheiten hinaus entwickelt sich eine Kunstform, die unserer Zeit entspricht. Die Modernisierung des Medium Film bleibt nicht beim Wandel von der Filmrolle zur digitalisierten Festplatte stehen, es passiert noch mehr, und davon konnte man in Frankfurt einiges wahrnehmen.

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Nachhaltig campen?

Als Kind habe ich mehrere Baumhäuser gezimmert, die mir außerhalb unserer Wohnung ein kleines eigenes Reich bescherten. Die Kombination aus Höhle, Schutzraum und autonomen Heim erzeugten Glückshormone von vielleicht phylogenetischen Ursprungs. Als Jugendlicher bis zum Eltern-mit-Kind-Alter war Zelten die „natürliche“ Urlaubsform, die mit größer werdenden Kindern zum Ferienwohnungsurlaub sich veränderte. Den Wunsch nach eigener Domaine außerhalb des Wohnraums verlegte ich aufs Wasser. Ein allmählich größer werdendes Gummiboot mit Motor, das noch in den Kofferraum passten musste, versprach das Gefühl von Freiheit und Inselerschliessbarkeit. So, wie uns das Zeltaufbauen mit dem ganzen lebensnotwendigem Krempel zu viel geworden war, so wurde mir auch der ganze Stress des Bootsaufbaus und des Ankerplatz Findens irgendwann zu viel – Ade, du schöne Küstenbootsfahrzeit. Mein persönliches mobiles Reich wurde dann das Fahrrad, mit dem sich weite Gelände erschließen lassen.

Irgendwie lebte meine Kindheitserinnerung ans enge, kuschelige Häuschen im Rentenalter wieder auf. Das Zelt, das man nicht auf- und abbauen muss, und dennoch an naturnahen Stellen flexibel verorten kann, ist das Wohnmobil. Für dessen Anschaffungskosten hätte ich viele, viele Hotel- und Ferienhausurlaube verbringen können, aber das wäre nicht mein Kindertraum gewesen.

Was sagt das Nachhaltigkeitsexpertengewissen zu dieser Anschaffung? Am ressourcenschonendsten ist der Urlaub auf Balkonien, und die geringste Ökobilanz hat die am Existenzminimum lebende Rentnerin. Nachhaltigkeit lebt man nicht im totalen Verzicht. Dieser Begriff versucht gerade in der Erweiterung des reinen Naturschutzgedankens den Lebensraum nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und kulturell austarierend zu erhalten. Wenn man daher das Reisen mit Fernaufenthalten als eine wichtige Form des kulturellen Austauschs in den modernen Gesellschaften akzeptiert, akzeptiert man auch die damit einhergehende Ressourcenbelastung. Allerdings, im Sinne des Austarierens, darf diese nicht das Gesamtsystem gefährden. Wer nach China reist, um dieses aufstrebende Land in Augenschein zu nehmen, hinterlässt einen sehr viel massiveren CO2-Abdruck als jemand, der sich den Spessart mit Zug und Rad erschließt. Nachhaltig leben heißt, die eigenen Ansprüche, die mit Umweltverzehr verbunden sind, so abzuwägen, dass man das Gefühl hat, noch im grünen Bereich zu sein, mehr ist eigentlich nicht drin. Denn wenn man mit Ökobilanzen beginnt, ist das nur sehr grob kalkulierbar, und man muss immer auf Überraschungen gefasst sein.

Zum Wohnmobilurlaub habe ich z.B. einmal eine Ökobilanzrechnung im Vergleich zum Hotelurlaub gelesen (und finde leider diese Quelle nicht mehr). Da wurde so argumentiert, dass zwar das Wohnmobil inklusive seiner Innenausstattung bei der Produktion eine höhere Materialbilanz ausweist als der PKW, mit dem man in Urlaub fährt, aber im Urlaubsverbrauch sei der Ressourcendurchsatz im Hotel (Infrastruktur erhalten, ständig neu Wäsche und Geschirr waschen, hoher Stromverbrauch, Essen wird nicht weiter verwertet, etc.) sehr viel höher als im Wohnmobil, wo man die eigene Bettwäsche viel länger nutzt, im Wasserverbrauch sparsam ist, weil es knapp ist, man bewusst regional einkaufen kann, etc. Nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich solchen Berechnungen gegenüber skeptisch, denn wie viel Ressourcendurchsatz tatsächlich erfolgt, hängt eben doch sehr vom Lebensstil und den Verhaltensweisen der Beteiligten ab. Wer mehrere Jahre meist autonom übernachtet, eine Solaranlage auf dem Dach hat, seine Einkäufe lokal auf Märkten mit dem mitgebrachten Rad erledigt, der hat im Saldo sicher eine bessere Bilanz als ein Hotelurlauber, der vor Ort vielleicht noch etliche Besichtigungstouren mit dem eignen PKW unternimmt. Die Ressourcenrücksicht kommt dabei über die Knappheit zustande. Man lernt bei nur 100 Liter Frischwasser für mehrere Tage im Tank sehr sparsam zu spülen, sich spärlich zu waschen, den Kühlschrank sofort wieder zu schließen, die Ledlampen mäßig zu brauchen, und bei Kälte die Heizung nur moderat zu nutzen. Wer natürlich die großen Campingplätze mit Stromzugang anfährt, sich ebenso häufig duscht, wie im Hotel, üppig sein Geschirr spült, etc. , der wird kaum einen Hotelurlauber ressourcenmäßig schlagen, wenn dieser sich vor Ort ebenfalls umweltschonend verhält. Wie man ökologisch etwas sanfter campieren kann, ist hier  gut nachzulesen.

Ich gehöre mit einem knappen Jahr Praxis und ca. 6000 km Campingerfahrung zu den Anfängern der Zunft. Es gibt nicht „den Campingplatz“ oder „den Stellplatz“. Wie ich lernen konnte, prägt die Landschaft, die Anlage oder ein lokales Ereignis den Typus und die Nutzerstruktur eines Platzes. Vorigen Herbst an einem kleinen Ortsrand am Mont Ventoux dominierten die meist jugendlichen bis mittelalten Radfreaks den Platz. Morgens um halb neun, als ich noch auf den Klappstühlen am Campingtisch das köstliche Frühstück mit meiner Frau genoss, setzten sich schon die edel gedressten Nachbarn auf ihren Rennrossen oder Mountainbikes in Marsch. An den braunen muskulösen Waden war der Tagestripp von ca. 1700 Höhenmetern zu erahnen. Schweizer, Briten, Niederländer, natürlich Franzosen, kaum Deutsche. Wer hier war (außer uns), war nicht zum ersten mal da, um den berühmten Berg zu bezwingen. Da wird die steile Route genommen, während wir den flachsten Anstieg wählten, und dennoch scheiterten.

Eine andere, ziemlich homogene Zielgruppe wies der Campingplatz in den Fuldaauen in Kassel zur Dokumenta14 auf. Die meisten Camper trafen wir in den Ausstellungen wieder.

Liegt ein Platz an großen Achsen, wo man auf der Strecke zum Süden, oder Norden nur übernachtet, um am nächsten Tag weiter zu fahren, dann ist das Publikum natürlich inhomogener und internationaler. Es wird ein Stück Europa gelebt. Allerdings fehlt der Ostblock. Ich habe noch kein Wohnmobil mit polnischem oder rumänischem Kennzeichen gesehen. Das ist wohl mehr eine Geld- als eine Neigungsfrage. Gefühlt sind die Niederländer die stärkste Campingnation (was nicht stimmt), dünner bestücken sie nur die Campingplätze in der Provinz der neuen Bundesländer.

Es gibt auch den Campingplatz an der Loreley, wo man sich fragen mag, was hier noch schön sein soll, wenn in der Hochsaison das gesamte Rheinufer dicht an dicht zugepflastert ist mit den weißen Kisten. Ein Blick in den Reisemobil-Stellplatz Führer 2017, lässt den Verdacht aufkommen, dass der Durchschnitscamper den voll gestellten Platz mit Kiste an Kiste ohne größere Zwischenräume zu lieben scheint, sonst würden die Anbieter nicht so viele Abbildungen von eng gefüllten Plätzen (im Sonnenschein) darin zeigen. Vielleicht frönt das der Philosophie, dass ein volles Lokal ein gutes Lokal sein soll – mich schreckt das ab, und ich habe dafür keine Erklärung.

Neben dem mobilen Campertyp, der seine Kiste nur als Bed & Breakfast nutzt, um im selteneren Falle abends auch eine Kleinigkeit zuzubereiten, gibt es häufig auch das immobile Rentnerpaar, das von morgens bis abends unter der Markise vor dem Mobilteil sitzt, und das soziale Treiben vor seinen Augen verfolgt. Die haben sehr komfortable Klappsessel, freuen sich, wenn sie gegrüßt werden, und verbreiten das angenehme Gefühl, dass immer einer aufpasst, wenn die anderen weg sind.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Wohnmobildichte am größten in Finnland ist, gefolgt von Schweden, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Italien und Großbritannien. International dominiert Nordamerika mit doppelt soviel Zulassungen wie Europa im Jahre 2013. Das Durchschnittsalter des deutschen Wohnmobilisten beträgt 51 Jahre (Prof. Lohmann, ReiseAnlyse, 2015 ).

Die soziale Seite stellt sich auf dem Campingplatz sicher positiver dar, als im Hotel. Man kommt sehr leicht ins Gespräch, und es dominiert eine hilfsbereite, kumpelige Grundeinstellung zwischen den Campern. Mir scheint auch eine Zuordnung zum „Spießer“ nicht zu funktionieren, zu unterschiedlich waren die Menschen, die ich bislang getroffen habe. Als Novize frage ich gerne meine Nachbarn nach ihren Erfahrungen, und lerne so ständig dazu. Ist ein Stellplatz ohne Umzäunung klausicher? Da habe ich z.B. überwiegend positive Antworten erhalten. Wie geht man mit der Bordtoilette um? Wer macht wie Wintercamping?

Sieht man den Campingplatz als eine geborgene Nische an, wo einem die Platzstruktur eine eigene, bisweilen durch Büsche abgeteilte Enklave bietet, ist der Stellplatz meist ohne sanitäre Anlagen, seltener aber auch an Wiesen gut mit Grün bestückt, in der Regel ein offenes Gelände, wo man sich ohne jemanden fragen zu müssen, da hin stellt, wo es einem gefällt. Und anschließend muss man an einer Parkuhr seinen Tagesobulus entrichten. Ich frage nach den Modalitäten, wie ist es mit den Stellplätzen, und erfahre, dass gerade die Freiheitsgeister, die den Platzwart mit Anmeldeprozedur und Ausweisnummernnennung nicht mögen, den Stellplatz bevorzugen. Morgens leeren sich die Stellplätze zügig und abends füllen sie sich wieder, diese Fluktuation ist am Campingplatz weniger ausgeprägt. Ein Stellplatz ist wegen der fehlenden sanitären Anlagen preiswerter als ein Campingplatz. Ich hatte mich immer gewundert, dass extrem teure Wohnmobile auf Stellplätzen an lauten Verkehrsstraßen stehen, nur um vielleicht die Differenz von ca. 10 bis 15 Euro zum Campingplatz zu sparen. Nun weiß ich, es ist auch die schnellere Erreichbarkeit, die Unverbindlichkeit für einen Eintagesstopp, die dem Stellplatz den Vorzug einräumt.

Kommen wir zur Nachhaltigkeit zurück. An den meisten Plätzen, die ich besucht habe, gibt es im Abfallbereich getrennte Tonnen. Das ist gut so, das ökologische Denken ist angekommen. In meinem Mobil ist es aber sehr eng. Ich stolpere schon immer gegen den einen kleinen Müllbehälter. Sollte ich drei davon unterstellen? Was wir noch schaffen, ist die getrennte Entsorgung von Zeitungen, Wein- und Wasserflaschen. Mit dem Solarstrom habe ich auch noch nicht die optimale Lösung gefunden. Ich habe auf meinem Dach eine 140 Watt Panel montiert, das lädt kräftig nach, wenn die Sonne drauf scheint. Aber wenn es viel Sonne gibt, will man lieber unter einem Baum stehen, und schon sinkt der Ladenachschub beträchtlich. Der größte Verbraucher ist unser Kühlschrank mit 45 Watt, auch der zieht bei Wärme mehr als wenn es kühler ist. Zu Beginn hatte ich ein mobiles Panel, das ich mit einem 15 Meter Kabel immer dahin stellen konnte, wo die Sonne gut hin schien. Aber dieses Verfahren birgt das Risiko, dass nach einer Radausfahrt das teure Panel nicht mehr da ist, und außerdem hat man zusätzlichen Räum- und Stauaufwand. Da der Abwassertank bei der Wärme leicht wegen seiner organischen Bestandteilen stinkend zu gären beginnt, spülen wir auf Plätzen immer in den Sanitärräumen, oder wir wischen das Geschirr mit Papier sauber, bevor es dann im Wagen gespült wird. Das gemeinschaftliche Spülen auf dem Platz gibt Einblicke in das bürgerliche Spülverhalten. Gefühlt mehrheitlich wird dabei Wasser verschwendet. Besonders Männer spülen gerne jedes Einzelteil unter laufendem Hahn, auch wenn dieser sich nach einer Weile von selbst abstellt, und wieder gedrückt werden muss. Dank des Kühlschrankes und praktischer verschließbarer Kleinbehälter verrotten bei uns keine Nahrungsmittel, was übrig bleibt wird eingepackt und weiter verwendet.

Zur Chemie im Mobilteil. Bei mir gibt es eine Chemietoilette mit 25 Liter Volumen, einen Frischwasser- und einen Abwassertank mit je 100 Liter Fassungsvermögen. Der reine Campingplatznutzer kann diese Utensilien minimal nutzen, und verhält sich damit am umweltverträglichsten. Die Chemietoiletten brauchen fäkalienlösende Zusätze, die beim Ausleeren der Tanks verhindern, dass Fäkalienklumpen die Rohre verstopfen und den Gestank reduzieren. Wir brauchen die Toilette besonders nachts, und vermeiden das „große Geschäft“, wodurch man mit der Dosierung herunter gehen kann, was auch schon umweltschonend ist. Es gibt „Bio“-Zusätze, die rührend vom Blog camping-checker  getestet wurden, wobei die getesteten Produkte alle nicht von einer wissenschaftlich unabhängigen Institution analysiert wurden, und die Hersteller mit den Angaben der Wirkungsweise der Zusatzstoffe hadern. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass bei höheren Außentemperaturen angeblich die Biozusätze mit den „harten“ Zusätzen nicht mithalten könnten. Grundsätzlich sollte man, so der Blogbetreiber, die Tanks auch mit Biozusätzen niemals in der freien Landschaft entleeren, der Weg über die Kläranlage durch die Toilette zuhause oder die Entsorgungsstation an den Plätzen ist ein Muss.

Leider neigt auch unser Abwassertank in letzter Zeit zu Geruchsbildung im Fahrzeug und besonders stinkt er beim ablassen, d.h. auch hier ist eine chemische Reinigung nötig, bei der ich wieder auf die Suche nach umweltverträglich(eren) Mitteln gehen muss. Selbst das Frischwasser kann zu keimen beginnen, wenn längere Zeit bei warmen Wetter das Wasser im Tank steht – wieder eine Chemiekeule zur Lösung. Fazit, im sanitären Wohnmobilbereich ist Umweltbelastung angezeigt, wobei aber auch hier der Vergleich zum Hotel zu relativieren ist, denn mit welchen chemischen Mitteln da geputzt und gewaschen wird, wissen nur die Götter.

Zur Chemie gehört auch der Spritverbrauch. Dafür, dass ich einen 3 Tonner mit einer Höhe von 2,80 Meter bewege, liege ich mit 9 ½ Liter bei moderater Fahrweise (um die 110 km/h) nicht zu schlecht im Vergleich mit anderen motorisierten Fortbewegungen. Leider habe ich einen Diesel mit der Euronorm4, d.h. da kommt noch einiges NOX heraus, was geringer sein könnte, wenn ich die neueste, nicht gemogelte Technik hätte.

Nicht zu vergessen, die Kiste steht mehr auf unserer Straße vor unserer Tür ungenutzt herum, als dass sie bewegt wird. Das ist eine Beeinträchtigung des freien Innenstadtraums.

Also eine doch heftige Umweltbelastungsbilanz. Steht sie im Verhältnis zu dem „sozial-kulturellen“ Gewinn, muss das sein? Natürlich nicht. Ich kann mich aber weiter rechtfertigen, und feststellen, dass die Wohnmobile den Besuchsraum lokal einschränken. Man fährt nicht nach Ägypten oder Nordafrika. Ich stelle fest, wie viel schöne Gegenden Deutschland hat, und wenn ich ein Land Europas aufsuche, dann bedingt die lange Fahrt dahin auch das Verhalten, dort länger zu weilen. Zeit für die lokalen Angebote zu haben, Kultur und Menschen besser kennen zu lernen. Und wenn wir weiterziehen, haben wir die lokale Ökonomie unterstützt, unser Stellplatz ist ein minimaler Eingriff in die Landschaft, nicht vergleichbar mit Ferienhaussiedlungen oder Hotelketten, die ganze Uferregionen verschandeln. Die Balance, aus spartanischer Einrichtung, leben (und schlafen) auf engstem Raum bei gleichzeitig selbst zubereiteter bester Essenskultur, wunderschönen Radtouren, Flussfahrten auf geliehenen Kajaks, beim Winzer gekaufte Weine für die Rückfahrt – all das lässt uns bei der Sache bleiben mit dem Versuch, dabei im gegebenen Rahmen die Umwelt zu schonen.

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Vom HOMO S@APIENS zum HOMO DEUS

[sorry, für den langen Riemen, aber das zu besprechende Buch Homo Deus von Harari hat über 500 Seiten]
Bill Gates, Mark Zuckerberg, and Barack Obama all recommend this book

Prognosen über ca. 100 Jahre zu stellen, sind unmöglich. Niemand weiß heute, wie die EU 2050 aussehen wird, schreibt Yuval Noah Harari in seinem 2015 erschienen Buch „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“, das kürzlich im Beckverlag auf Deutsch erschien. Was ihn aber nicht daran hindert, Szenarien zu entwickeln, die für absehbare Zeit nichts Geringeres behaupten, als den Wandel vom Homo Sapiens zum Nichtmehr-Sapiens. Zufällig entdecke ich in meinem Schrank einen ähnlich dicken Wälzer von Ray Kurzweil, „Homo Sapiens. Leben im 21. Jahrhundert – was bleibt vom Menschen?“, der 1999 geschrieben wurde (The Age of Spiritual Machines) und letztlich zum gleichen Ergebnis kommt. Kurzweil ist berühmter Computerpionier am MIT. Er schreibt technisch und versucht durch die Analyse modernster Technologien diese weiterzudenken. Das macht ihn angreifbarer. Für das Jahr 2019 prognostiziert er Computer (für 1000 Dollar), die annähernd die Rechenleistung des menschlichen Gehirns haben, deren Interaktion mit dem Menschen über Gesten und natürlich gesprochene Sprache stattfindet, etc. Vieles davon liegt nicht schlecht, aber der Gehirnvergleich scheint doch etwas gewagt, auch wenn es noch 2 Jahre bis 2019 sind. Im 12 Kapitel, im Jahr2 2099 wird das menschliche Denken mit der ursprünglich vom Menschen erschaffenen Maschinenintelligenz verschmelzen. Auf erweiterten Modellen der menschlichen Intelligenz basierende Maschinen definieren sich als menschlich. (S.358ff.)

Noah Harari ist Geschichtswissenschaftler, er hat sich das technologische Wissen angelesen und unterfüttert seine Thesen historisch philosophisch, allerdings reichlich gespickt mit interessanten Beschreibungen technologischer Errungenschaften der Biotechnologien, Neurowissenschaften und Informationstechnologien. Im 1. Kapitel, Die neue menschliche Agenda, frappiert er den Leser mit seiner nicht schlecht belegten Feststellung, dass wir in der besten aller Zeiten leben. Über Jahrhunderte verfolgten die Menschen auf der ganzen Erde große Hungersnöte, Seuchen, Kriege, wobei jedes mal erhebliche Prozentsätze der Menschen großer Regionen ausgerottet wurden. Die einzige Waffe, die sie hatten, war, zu Gott zu beten, was rückblickend wenig erfolgreich war. Mit der industriellen Revolution, der Entwicklung der Wissenschaft, einhergehend mit dem Aufkommen des Humanismus, des freien Individuums, das nicht mehr Gott gehorchte, sondern seinem Selbst, wurden die Werkzeuge entwickelt, mit denen Hungersnot, Kriege und Epidemien wirklich bekämpfbar wurden. Wenn wir sie heute noch in Teilen der Erde haben, dann sind das nicht Naturgewalten oder Gottesstrafen, es ist schlicht menschliches Versagen, fehlgeleitete Politik, die diese „alten Probleme“ immer noch in Grenzen virulent erscheinen lassen.

Wer über die „wirklichen“ zukünftige Entwicklungen nachdenken will, sollte den IS, die Flüchtlingskrise und den aufkeimenden Nationalismus vergessen, die Herausforderung kommt von den modernen Biotechnologien, den Algorithmen der Computerwissenschaften, den Neurowissenschaften. Wenn heute noch zig Millionen Muslime und andere Religiöse den Koran oder die Bibel lesen, dann ist das deren Fehler, sie sollten sich besser mit Biowissenschaften befassen. Auch das riesige autokratische Zarenreich wurde von einer Handvoll Kommunisten hinweggefegt, die verstanden hatten, dass Dampfkraft und Elektrifizierung der Zug zur neuen Entwicklung ist.

Im Teil I wird zunächst die Entwicklung des Menschen vom Sammler und Jäger bis zur Neuzeit nachgezeichnet, wobei Harari hier die Begrifflichkeit der „Religion“ als Leitmodus nutzt, was mich bei der Lektüre ziemlich irritiert, bis nervt. Die Sammler und Jäger befinden sich noch auf der Tierstufe, sie leben seiner Meinung nach in Achtung vor und gleichberechtigt mit Pflanzen und Tieren. Die Agrarrevolution wird dann bereits als erste religiöse Bewegung dargestellt. Hier beginnt Homo Sapiens sich das Tier zu domestizieren, es auszubeuten. Es entsteht das Muster von Herr und Knecht. Mit den Schriftreligionen kommt der eine Gott, als Oberherrscher, es kommen die Versklavung, Untermenschen und Tierausrottung. Die These des Buches wird immer wieder mit wechselnden Bildern eingeblendet: „Archaische Jäger und Sammler waren nichts weiter als eine Tierart unter vielen. Bauern betrachteten sich als Gipfelpunkt der Schöpfung. Wissenschaftler werden uns zu Göttern erheben“(S.137)
Wenn mittels theistischer Religion sich der Mensch über das Tier erhebt, entsteht die Frage, was zeichnet ihn aus, wo es doch nach jüngsten Untersuchungen sehr viel Ähnlichkeiten genetisch und verhaltensmäßig zwischen Menschen und Tieren gibt? Dass der Mensch eine Seele haben könnte, scheidet Harari aus. Sie wurde durch keine Untersuchung gefunden und sie widerspräche der Evolution. In der Evolution entwickeln sich die Arten durch Abspaltung, geringe Genveränderung. Dieses ständige Teilen widerspräche einer Entität. Ob das stichhaltig ist, weiß ich nicht. Auf S.143f. zitiert Harari die extreme Gläubigkeit in den USA an den Kreationismus. Nur 15% glauben, der Mensch sei durch natürliche Auslese entstanden, 32% glauben, der Mensch habe sich über Jahrmillionen aus früheren Lebewesen entwickelt, aber Gott habe das dirigiert. Und 46% meinen, Gott habe den Menschen in den letzten 10000 Jahren erschaffen, wie das in der Bibel steht. Das ist unabhängig vom Bildungsgrad. Warum haben die Amerikaner Angst, die Evolution zu akzeptieren, während sie problemlos die viel verrücktere Relativitätstheorie nicht bezweifeln? Der Grund sei die Angst, mit der Anerkennung der Evolutionslehre auch die Seele verwerfen zu müssen. Dieser Argumentation mag ich nicht folgen. Schließlich ist auch Europa relativ christlich gläubig, und der Kreationismus spielt hier kaum eine Rolle.
Wenn der Mensch keine Seele hat, so hat er doch einen bewussten Geist, das ist ein Strom subjektiver Erfahrungen wie Schmerz, Freud e,.. (S.148). Über viele Seiten versucht der Autor darzulegen, dass Geist und Bewusstsein das Ergebnis neuronaler Prozesse seien, die über Algorithmen aufgebaut sind, über die wir aber noch sehr wenig wissen (S.151). Der Unterschied zwischen Tier und Mensch könne darin bestehen, dass das Tier „nicht-bewusstes“ Erleben hat, während der Mensch bewusstes Erleben hat. Also auch Tiere, bei denen man Empathie beobachtet, könnten dies in Folge vorgegebener Algorithmen entwickeln, ohne dass dahinter eine vielleicht moralische, bewusste Entscheidung liegt. Auch könnten Menschen im Unterschied zum Tier flexiblere Kooperationen eingehen, was eine Überlegenheit hervorbringe. Schließlich wird noch die Sinnebene diskutiert über intersubjektive Kommunikation werden Handlungen Sinn zugeteilt.

Im Teil II wird ausgiebig dargelegt, wie der Homo Sapiens in Gestalt der „Humanistischen Religion“ der Welt subjektiv einen Sinn gibt, während zur religiösen Zeit die Sinngebung von Gott als gegeben angesehen wurde. Zunächst wird das Verhältnis von Wissenschaft und Religion beschrieben. Es scheint ein Kampf gegeneinander zu sein. Der Religion geht es um Ordnungen, der Wissenschaft geht es um Macht (S.272). Solche Sätze sind mir zu plakativ, man könnte genauso das Gegenteil behaupten. Dann erfolgt ein Exkurs über den Kapitalismus, dessen Streben nach immer mehr Wachstum die Bevölkerung reich gemacht habe, nur die Gefahr der Ökokrise, durch zu viel Ressourcenabbau und schädliche Emission wird als ernst bezeichnet. Dass der Kapitalismus die Welt auseinander treibt in Ausgebeutete (besonders in der 3. Welt) und in immer reicher werdende, verliert sich im Text. Wenn die Marktgesetze ziellos sind, und die Religion als Sinngebung verschwunden ist, wieso entwickelt sich das System dann nicht in ein Chaos? Etwas zynisch fragt der Autor, warum im gottesfürchtigen Syrien mehr Gewalt herrsche, als in den atheistischen Niederlanden? Der Grund liegt in der humanistischen Religion (S.302f.) In moralischen Fragen lautet das humanistische Motto: „Wenn es sich gut anfühlt, tue es“ (S.313) Bei einer demokratischen Wahl stimmen die Wähler nach ihrer inneren Stimme ab, und sorgen so dafür, dass eine Partei gewählt wird, die ihnen gut tut. Kunst sei, was Menschen für gut halten (S.314). Diese Setzungen scheinen mir sehr plakativ. Hier hätte Harari wenigstens den Kantschen Imperativ heranziehen können, dann wäre aber ein Grundmuster gewesen, dass der Sinn in der Verfolgung der Vernunft liege. Immerhin ist das ein mächtiges Sinngebungsprinzip, das ebenfalls ohne Gott auskommt. Was Kunst ist, darüber entscheiden nicht Gefühle von Menschen, sondern Preise auf Auktionen, Manipulationen von mächtigen Galerien oder wirkungsmächtige Experten /Kunstgurus. Auch der Konsumerismus, als Steuerungsorgan für die Güterverteilung wird von Harari zu plakativ, nach neoliberalem Lehrbuchmuster abgehandelt. Der Konsument als freier Entscheider bei transparenter Marktinformation, und der Anbieter als Reakteur auf diese Entscheidungen steht so im Lehrbuch, ist aber in der Praxis nicht zu finden. In Hararis Diktion könnte man sagen, das großartige Internet gibt es nur, weil es die Konsumentenmanipulation gibt, denn ausschließlich mit der machen Facebook und Google ihre Profite, und stellen dafür ihre riesigen Serverfarmen auf. Gerade weil der Konsument kein freier Entscheider ist, funktioniert das BigData Buisiness.
Der humanistischen Bildung wird unterstellt, dass sie Erziehung zum selbst denken sei. Das unterscheidet sie wohl von der Koranschule, wo nur auswendig gelernt wird. Wichtiger ist aber in der modernen Gesellschaft, dass die Schüler das Lernen lernen.
Der autonomen Selbstsetzung des Individuums im Humanismus vermag ich nicht ganz zu folgen. Harari sagt, wenn heute jemand an Gott glaubt, dann sei das seine eigene Entscheidung, während in der vorhumanistischen Zeit der Gottglaube gesetzt gewesen sei. Nach dem Konstruktivismus, der von Hatrari an keiner Stelle erwähnt wird, ist alles, was wir denken aus uns selbst heraus konstituiert. Jede Geschichte, die ein Mensch erzählt, fußt auf einer inneren Rekonstruktion der Inhalte, d.h. auf eine eigene Entscheidung für diese Geschichte, die sich aus früheren Erfahrungen des sozial-kulturellen Umfeldes ergibt. M.a.W. auch der mittelalterliche Mensch hat sich entschieden, an Gott zu glauben, das war ihm bloß nicht bewusst.

Die humanistische Revolution hat drei Strömungen hervorgebracht. Alle humanistischen Sekten glauben, dass die menschliche Erfahrung die oberste Quelle von Autorität und Sinn sei (S.336). Der orthodoxe Zweig behauptet, jeder Mensch sei ein einzigartiges Individuum. Der Wille des Individuums solle deshalb mehr Gewicht haben als staatliche Institutionen. Im 19. und 20 Jahrhundert entsteht der „sozialistische Humanismus“, zu dem die kommunistischen und sozialistischen Bewegungen zählen, und der „evolutionäre Humanismus“, zu dem die Nationalsozialisten gehören. Dem sozialistischen Humanismus wird unterstellt, dass er auf der Gleichheit aller Individuen bestehe, womit hier indirekt der Kantische Imperativ bestätigt wird, denn man soll bei seinen Entscheidungen darauf achten, dass andere nicht dadurch geschädigt werden (S.341). Der evolutionäre Humanismus dagegen strebt die Optimierung des Individuums an, er sucht technologisch den Übermenschen. Was bei den Nazis zum Holocaust geführt habe.
Sätze wie „Der Liberalismus stellt noch immer individuelle Freiheiten über alles und glaubt noch immer ganz fest an den Wähler und den Konsumenten. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Weltsicht konkurrenzlos.“(S.362) sind typisch für Harrais Argumentationsstil. Er zieht die ganz großen Verallgemeinerungen, ohne Bezug darauf, wer diese Position eigentlich wirklich so vertritt, oder ob sie praktikabel ist. Darf man das? Wo in jeder modernen westlichen Demokratie, jeweils auf sehr unterschiedliche Weise individuelle Freiheiten durch Rahmengesetze eingeschränkt sind, dem Wähler nicht einfach vertraut wird, und der Konsument in großen Teilen das manipulierte Objekt der Firmenwerbung ist?
Harari braucht dieses Freiheitskredo der humanistischen Revolution, weil er im Teil III mit moderner naturwissenschaftlicher Argumentation aufzeigen will, dass die Entscheidungen der Menschen gar nicht frei sind, der Mensch also der Kontrolle über sein Selbst beraubt ist. Über die deterministische Steuerung der Neuronen im Gehirn bahnt sich dann der Weg an, sie mit Computerchips zu verbinden und an BigData zu koppeln, so dass dann die Entscheidungen nicht mehr vom individuellen Selbst, sondern vom „System“ allen vernetzten Wissens und künstlicher Intelligenzen kommen.
„Die elektronischen Abläufe im Gehirn, die in einem Mord münden, sind entweder deterministisch oder zufällig oder eine Mischung aus beidem – aber sie sind niemals frei.“(S.380) Mit solchen Aussagen schlägt sich Harari unkritisch auf die Seite der Neurowissenschaftler, die in jüngster Vergangenheit die Freiheit menschlicher Entscheidungen aufgrund ihrer Forschungen zu neuronalen Abläufen bestreiten. Das Konzept, alles auf neuronaler Basis erklären zu wollen, ist jedoch auch kritisiert worden, am meisten haben sich Philosophen und Soziologen gewehrt, weniger die Politiker oder die Justiz. (vgl. dazu die gut lesbare Zusammenfassung der Problematik von Peter Hucklenbroich). Bei dem deutschen Neurowissenschaftler Wolf Singer kann man nachlesen, dass mit diesem Freiheitsverlust Erziehung und kulturelles günstiges Umfeld nicht überflüssig geworden sind, denn diese vorgehenden Erfahrungen äußern sich auch in dem feuernden Neuronenbündel, das zur Entscheidung kommt. Die neuronale Determination ist also nicht ganz unabhängig vom Erfahrungsumfeld des Handelnden. Insofern ändere sich gar nichts an unserem Erziehungs- und Rechstsystem, man müsse nur die Betrachtungsweise von Entscheidungen verändern, sie werden vom Individuum (nach der Neuroforschung) erst nachdem sie gefällt sind, interpretiert.
Die im 21. Jahrhundert voranschreitende Roboterisierung/künstliche Intelligenz mache die meisten Arbeitenden obsolet. Der Arbeiter wird zur nutzlosen Klasse. Auch diese These wird nicht belegt, und die Empirie spricht z.Zt. noch gegen sie. Technologisch argumentiert hier Harari etwas fortgeschrittener als Kurzweil, denn inzwischen gibt es BigData, das über bloße Mustererkennung mit riesiger Datenauswertungen zu immer besseren Ergebnissen kommt, ohne dass dabei eine „echte“ künstliche Intelligenz vorhanden sein muss. In Spezialgebieten sind die Leistungen entsprechender Algorithmen heute bereits sehr groß, so dass die Hypothese, dass ein Algorithmus, einen Arbeiter ersetzen kann, ja nicht einen Universaltätigen ersetzen muss, sondern eben nur eine arbeitsteilige Nische im Arbeitsfeld, nicht von der Hand zu weisen ist. Welche Jobs aber drumherum entstehen, ist schwer prognostizierbar.
Der Glaube an den alles könnenden Algorithmus ist so groß, dass der Autor es für möglich hält, dass ein externer Algorithmus über das einzelne Individuum besser Bescheid weiß, als es selbst über sich, dass dieser Algorithmus sich in Kunst und in der demokratischen Wahlen besser auskennt, etc. so dass in der Konsequenz die ohnehin determinierten internen neuronalen Algorithmen durch diesen externen ersetzt werden können (S.444). Das wäre das Ende des Homo Sapiens. Als Beleg für die aktuelle Leistungsfähigkeit der BigData-Algorithmen wird Kosinsky (Cambridge Analytics) zitiert, der angeblich in seinem psychometrischen Algorithmus die politischen und persönlichen Neigungen an Hand der „Likes“, die eine Person vergibt, bestens voraussagen könne (S.459). Überprüfungen ergaben, dass die Prognosen mit den Likes jämmerlich sind (vgl. meinen vorletzten Beitrag). Es mag ja sein, dass das in 20 Jahren anders aussieht, es mag aber auch nicht sein! Als weitere Quelle für das zunehmende Wissen der Algorithmen bezieht sich der Autor auf das e-Book-Lesen in den USA, wo mehr E-Books als Printbücher gelesen werden. „Schon bald werden Bücher Sie lesen, während Sie diese Bücher lesen“ (S.464). Das bezieht sich darauf, dass beim Lesen ein Tracking möglich ist, wo die Unterstreichungen, die Lesepausen, die Lesedauer, etc. „mitgelesen“ wird, so dass in Datenbanken sehr genaue Informationen vorliegen, wie statistisch ein Buch gelesen wird, an welchen Stellen es weg gelegt wird, etc. Daraus könnten Anweisungen zum Umschreiben oder eben Schreibempfehlungen folgen, und der Algorithmus weiß, was der Lesende spannend findet. Beim Kindelbook gibt es eine einfache Option, wo man dieser Trackingfunktion zustimmen kann, oder sie ablehnt. Die Bereitschaft vieler Menschen, im Netz hemmungslos Spuren zu hinterlassen, kann in den nächsten Jahren sinken, und es können politisch ziemlich einschneidende Datenschutzbeschränkungen erlassen werden, die dem BigData-Buisiness einen Riegel vorschieben. Die Algorithmenmächtigkeit ist erstens nicht bewiesen und zweitens nicht einfach da, es gibt eine Gesellschaft die mehr und weniger ja oder nein dazu sagen kann, auch das sollte in Zukunftsvisionen einbezogen werden.
Ein interessanter Gedanke ist die „Optimierte Ungleichheit“ (S.467f.), d.h. die große Masse, die ja zunehmend „unnütz“ wird, könnte sogar so behandelt werden, wie zur Zeit der Mensch die Tiere behandelt. „Im 20. Jahrhundert zielte die Medizin darauf ab, die Kranken zu heilen. Im 21. Jahrhundert ist sie zunehmend darauf ausgerichtet, die Gesunden zu optimieren.“(470) Um biologisch aufzusteigen, sind sehr teure Genanalysen notwendig. Wer seine Kinder genetisch auswählt, wer seine Alterung hinausschieben will etc., wer die besseren Chipimplantate mit mehr Datenzugang nutzen will, braucht viel Geld. Durch biologische Akkumulation wächst eine Kaste von Übermenschen heran, die allen anderen mehr überlegen sind, als früher die Kaiser den Bauern. Das liest sich wie eine dystopische Entwicklung.
Die Ideologie nach den humanistischen Religionen werden als Techno-Religionen bezeichnet mit der Aufspaltung in den „Techno-Humanismus“ und die „Datenreligion“.
Der Techno-Humanismus hält an vielen humanistischen Werten fest, er strebt aber ein höherwertiges menschliches Modell an, das einen erweiterten Erfahrungshorizont hat. Durch ein paar kleinen Veränderungen in der Gen-Zusammensetzung käme eine zweite kognitive Revolution auf uns zu. Wie man sich das vorzustellen hat, wie erweitertes Bewusstsein auch durch Psychopharmaka geschaffen wird, ist angedeutet, ich konnte das nicht ganz nachvollziehen – aber es ist ja auch Zukunftsmusik.
Der „Dataismus“, der gerade im entstehen ist, sei die interessanteste Religion, die weder Götter noch Menschen verehrt – sie huldigt den Daten. (S.497f.) In diesem Abschnitt rekurriert Harari noch einmal auf die neoklassische Theorie. Er unterstellt die volle Transparenz der Märkte, die als verteilte Systeme mit der „unsichtbaren Hand“ die optimale Regulierung der Güterverteilung erschaffen würden. Als Analogie zieht er das Netz heran, dass in seiner nicht hierarchischen Struktur diesem Mechanismus ähnele, so dass die über verteilte Zustände agierenden BigData-Algorithmen im Prinzip die beste Optimierungsmöglichkeit für das Gesamtsystem seien. Individuen braucht es nicht dazu, man delegiert sein Selbst in die Datenströme. „Da sowohl Menge als auch Geschwindigkeit der Daten zunehmen, könnten altehrwürdige Institutionen wie Wahlen, Parteien und Parlamente obsolet werden – nicht weil sie unmoralisch wären, sondern weil sie Daten nicht effizient genug verarbeiten“ (S.506). Es fragt sich hier nur, wer verarbeitet denn die Daten, der sich selbst verwaltende Algorithmus? Auf der nächsten Seite scheint mir der Autor sich selbst ein Bein zu stellen: „Noch nie in der Geschichte wusste eine Regierung so viel über das, was auf der Welt vor sich geht – und doch wenige Imperien haben auf so dämliche Weise Mist gebaut wie die heutigen Vereinigten Staaten. Sie sind wie ein Pokerspieler, der genau weiß, welche Karten seine Gegner in der Hand haben, und es trotzdem schafft, eine Runde nach der anderen zu verlieren“ (S.507). Ja, würde ich sagen, das zeigt doch die Grenzen vin BigData und aller Algorithmen dazu, deren die USA sich bedienen, wie wenig die Daten allein für politische Lösungen taugen.
Natürlich wird auch das „Internet der Dinge“ einbezogen, das es zu Kurzweils Zeiten noch nicht gab. Ein Gebot des Dataismus sei, alles soll mit dem System verbunden sein. Die Optimierung funktioniere nur, wenn alles mit allem kommunizieren kann. Das erfordere „die Freiheit der Information“ (515f.) . Damit sei nicht der liberale Begriff der Meinungsfreiheit gemeint. Was aber dann? Das faszinierende an der digital vermittelten Information ist, dass sie beliebig oft transformiert, mit Lichtgeschwindigkeit transportiert und gespeichert werden kann, aber muss sie frei sein??
Zum Internet meint Harari etwas sehr mechanistisch: „Dieser unablässige Datenstrom führt zu neuen Erfindungen und Verwerfungen, die niemand plant, steuert oder begreift“ (S.521) Da melde ich heftigen Widerspruch an. Der Datenstrom für sich führt zu nichts. Erfindungen, die aus Datenströmen resultieren, mussten zuvor durch Risikokapital oder Crowdfunding bewertet und dann gesponsert werden, da sitzen reale Menschen, die entwickeln auf Ziele hin, von denen sie sich einen Gewinn oder Nutzen versprechen, wo ist da Zukunftsmusik?

Als Grobprognose notiert Harari auf der vorletzten Seite (536): Kurzfristige Probleme lösen wir wie gehabt, aber langfristig gelte:
1. Die Wissenschaft konvertiert zu einem allumfassenden Dogma, das behauptet, Organismen seien Algorithmen und Leben sei Datenverarbeitung.
2. Intelligenz koppelt sich vom Bewusstsein ab.
3. Nicht-bewusste, aber hochintelligente bAlgorithmen könnten uns schon bald besser5 kennen als wir uns selbst.
Mit folgenden Fragen solle man sich nach der Lektüre beschäftigen:
1. Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?
2. Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
3. Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir selbst?

Haben sich 537 Seiten Lektüre mit viel Redundanz aber auch netten Beispielen gelohnt, um zu diesen Fragen zu kommen? Ich musste mich etwas quälen.

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Auf der Demokratie Trumpeln

Weinende Freiheitsstatue

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Das Internet – Sargnagel der Demokratie?

Eine Demokratie wird dadurch gekennzeichnet, dass alle Macht vom Volke (und nicht von einem Despoten) ausgeht. Wesentliches Merkmal sind freie Wahlen. „Da die Herrschaft durch die Allgemeinheit ausgeübt wird, sind Meinungs- und Pressefreiheit zur politischen Willensbildung unerlässlich“. (https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratie)

Wenn ein Wahlergebnis zum Wohle der Allgemeinheit ausfallen soll, setzt es den informierten Bürger voraus, der über die Zusammenhänge wesentlicher Grundsatzfragen einigermaßen informiert ist, und es müssen Kandidaten antreten, denen man in den Fragen vertrauen kann, über die man selbst nicht genügend Information hat. Wenn ein Kandidat maßlos lügt, dann muss es die freie Presse geben, die mit sachlicher Gegenargumentation den Lügner bloßstellt. In Fragen von Lösungen für komplexe Sachverhalte versagt die Kategorie Lügen in modernen Gesellschaften schon eine Weile. Ob z.B. die EZB mit Ihrer Politik der Geldschwemme letztlich Europa wieder auf Kurs bringt, oder ob sie damit auf eine schärfere Finanzkrise zusteuert, darüber haben Experten unterschiedliche Meinungen. Da lässt sich nicht mehr eine Position als Lüge und die andere als Wahrheit deklarieren. Der moderne informierte Bürger blickt selbst in ganz vielen Fragen nicht mehr durch, aber er kann wenigstens die Herkunft von Positionen einordnen. Die analogen Medien sind ein zuverlässige Partner in der Positionierung. Nachrichten, die wir aus der taz, der FAZ, der Süddeutschen, aus öffentlichen und privaten Fernsehsendungen entnehmen, sind von professionellen Redaktionen nach ihrem Weltbild gefiltert, man kann sie als Leser/Zuschauer einordnen. Allerdings erfordert das Einordnen von Nachrichten ein nicht unerhebliches gesellschaftliches Metawissen, das vielen Bürgern abhanden gekommen ist, bzw. die es nie hatten. Es gibt eine gewisse Tendenz, Positionszuordnungen grobschlächtig zu treffen, oder sie ganz auszublenden. Je komplizierter die Zusammenhänge, in denen wir stehen, desto schwieriger werden Positionszuweisungen. Ein konservativer CDU-Wähler hatte früher ein relativ klares Feindbild zwischen „linken“ und „rechten“ Positionen. Heute, wo seine eigene Parteivorsitzende in der aktuell hoch brisanten Flüchtlingsfrage Positionen vertritt, die auch typische „Linke“ vertreten, stürzt seine einfache Positionswelt zusammen. Bürgern, die bisher eher unpolitisch gedacht und gehandelt haben, fehlt die Positionierungserfahrung grundsätzlich, es fehlt die Erfahrung, dass „richtig“ und „falsch“ kaum mehr moderne Entscheidungsgrundlagen darstellen. Wenn da aus dem Bauch ein Unsicherheitsgefühl hoch steigt, sind sie sehr schnell ein Opfer der Populisten, die gerne noch die „richtige“ Welt von der “falschen“ trennen wollen. Differenzierte Presseberichterstattung wird zur „Lügenpresse“ erklärt.
Welche Rolle spielt unsere zunehmende Digitalisierung in diesen, die Demokratie fundierenden Prozessen?
1. Wesentlich geändert hat sich die Informationsbeschaffung.
Die meisten Jugendlichen, aber auch zunehmend Erwachsene lesen keine Zeitung mehr, hören nur Musiksendungen und ignorieren das Fernsehen. Wer sich informieren will, zückt sein Smartphone und googelt danach. Eingefleischte Facebookianer suchen nicht im offenen Internetraum, sonder sie suchen direkt in Facebook. Was sie da auf Anhieb finden, ist weder von einer Redaktion gefiltert, noch irgendwie beliebig objektiviert. D.h. es ist eine Nachricht der das „klassische“ Positionssiegel fehlt, deren Zuverlässigkeit für einen medial wenig Kompetenten nicht einschätzbar ist. Was der Suchende findet, wird vom Algorithmus, den Google oder Facebook implementiert hat, bestimmt. Damit der suchende Kunde von Google oder Facebook möglichst schnell bedient wird, sorgt der Algorithmus dafür, dass die Antwort auf die gesuchte Nachricht möglichst nahe an dem Umfeld liegt, das der User vorher schon befragt hat. Der Suchende befindet sich bzgl. der Suche in einem „Echoraum“ bzw. in einer „Filterbubble“. Wer eine AfD-Homepage angeklickt hat, einige „likes“ auf flüchtlingskritische Informationen gegeben hat, trifft bei weiterer Recherche Ähnliches, womit sich sein Profil im Algorithmus schärft.
Das Filtern von Informationen ist allerdings keine Erfindung des Internets. Auch in der analogen Welt fühlt sich ein Bürger dahin gezogen, wo seine politische/kulturelle/soziale Heimat liegt. Sei es der Freundeskreis, die Konsumwelt oder die kulturelle Betätigung, das sind alles Echoräume, die unsere tradierten Bindungen festschreiben. Wenn Algorithmen diesen Prozess nachahmen, ist das eine Prinzipienübertragung, aber nicht unbedingt eine Manipulation. Was uns der Algorithmus anbietet, das müssen wir nicht akzeptieren. Letztlich entscheidet immer noch das Subjekt, ob es mit dem Suchergebnis zufrieden ist, oder weitersucht. Wer einen besonders engen Echoraum hat, ist eben auch ein besonders engstirniger Mensch, was hier Ursache und was Folge ist, ist schwer aufzudröseln. Johann Schloemann zitiert in seinem ausgewogenen, SZ-Artikel „Was hinter der Angst vor Big Data steckt“) den digitalen Psychometriespezialisten Michal Kosinski, der in einem Interview sagt, „the magic is in the data.“ Das heißt so viel wie, man zaubert nichts hinein, sondern holt es nur heraus.
Fazit: Die Informationsbeschaffung ist über das Internet extrem erleichtert worden, führt zur Veränderung der medialen Landschaft und ist in der Einschätzunmg weniger transparaent als die Information, die über klassische Medien bereit gestellt wird. Das ist ein Problem, aber nicht das Ende der freien Meinungssuche.

2. Bei der Informationsbereitstellung
zeigt die jüngste Debatte über die angebliche Entscheidung durch Big Data beim Trump-Wahlsieg, dass auch hier Vorsicht bei vorschnellen Internetverdikten angebracht ist. In der Neuen Züricher erschien am 3. Dezember ein Artikel von Hannes Grassegger und Mikael Krogerus, in dem Trumps Wahlsieg auf das Wirken der Firma „Cambridge Analytics“ zurückgeführt wurde, die auch beim Brexit Zugange war. Die Werkzeuge stammen von dem Psychometriker Kosinski, der selbst aber die Zusammenarbeit mit Cambridge Analytics abgelehnt hat. Seine psychometrischen Untersuchungen sind inzwischen so verfeinert, dass aus Netzdaten sehr passgenaue Persönlichkeitsdaten gezogen werden können, so dass man, wenn man Netzprofile kennt, auf Personenprofile zurückschließen kann. Diese Techniken sind von Cambridge Analytics übernommen worden und massiv für die Wahlwerbung in den sozialen Netzen aber auch in der Straßenbewerbung angewendet worden. Z.B. gibt es eine App, mit der ein Tramp-Wahlwerbeteam vor einer Haustüre die Adresse eingeben kann, dann teilt Ihnen die App mit, welcher Wählertypus im Haus wohnt, und wie man ihn ansprechen sollte, so dass die Wahlhelfer ihre Argumentation entsprechend darauf einstellen können. Im Netz kann man mit den Personenprofilen „Ad-Targeting“ betreiben, d.h. der Werbeslogan bzw. der Wahlspruch wird auf die Persönlichkeit abgestimmt. Ein Afroamerikaner bekommt andere Botschaften als ein 65 jähriger weißer konservativer Mann. Es wird angedeutet, dass das Ad-Targeting oder auch „Mikrotargeting“ eine erheblich größere Wirkung habe, als das „normale“, kontextorientierte Werbeeinsprengsel. Die Widersprüchlichkeit der Trumpschen öffentlichen Aussagen hat hier den Vorteil, dass jeweils die „richtige“ Aussage an den dafür geeigneten Adressaten gebracht wird. So dass für jeden etwas im Wahlportfolio bereit liegt.

Dieser Beitrag liest sich beängstigend, und es gibt etliche Pressemeldungen, die auf diesem Beitrag beruhen, so z.B. auch der zweiseitige Artikel „Wie Trump gewann“ in der Sonntags-FAZ vom 11. Dezember von Volker Zastrow. Auch die deutsche Politik springt auf die Warnung, dass mit Big Data Wahlen gewonnen werden könnten voll auf, indem sie eindringlich vor den russischen Hackern warnt, deren mögliche schädliche, oder fälschliche Enthüllungsnachrichten in den Netzen Schaden anrichten könnten.

Inzwischen werden aber die Aussagen des NZ-Artikels zum Trumpsieg, bzw. zur Leistungsfähigkeit von Cambridge Analytics nicht zuletzt in der NZ selbst kritisiert. Die beiden wichtigsten Argumente in der Kritik sind, dass auch Hillary Clinton mit ganz ähnlichen Mechanismen ihren Wahlkampf organisiert hat, so dass man zumindest fragen müsste, wieso helfen die Algorithmen dem einen mehr als der anderen? Und dass selbst über die sgn. „dark posts“ (Zielgruppen gesteuerte Werbung in den Facebookstreems) immer an einer so lancierten Botschaft die Werbung kenntlich ist, d.h. der Facebooknutzer erhält keine persönliche Nachricht, sondern er erkennt die Botschaft als Werbebeitrag von TRump. Dennis Horn, WDR, „Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?“  weist den NZ-Artikel schon deshalb zurück, weil er zu gut und zu glatt eine simple Erklärungsstory für den Trump-Sieg abliefere. Er zweifel u.a. mit Belegen die Leistungsfähigkeit der Psychometrie an, dass die Profilbestimmungen doch lange nicht so gut gelingen, wie deren Autoren glauben machen.
Fazit: Auch die Informationsbereitstellung durch das Internet mittels Big Data hat deutliche Grenzen in der Treffsicherheit, und wieweit das selbst bestimmende Subjekt sich Werbeslogans, und seien sie noch so personalsiert, sofort zu eigen machen muss, darf Gott sei Dank noch angezweifelt werden. Ein Nachweis für den Erfolg sucht man bei Cambridge Analytics vergeblich. Aber so lange solche Firmen die Leistung von Big Data hoch halten, so lange erzielen sie mit diesem neuen Geschäftsfeld hohe Umsätze.

3. Kommen wir zur Sargnagelfrage zurück.
In das Internet wird sehr viel hineinprojiziert, von den Befürwortern wie von den Gegnern. Ohne Frage wird unsere Gesellschaft auch durch das Internet verändert. Der fürs funktionieren einer Demokratie notwenige „informierte Bürger“ wurde bei „analogen“ Wahlkämpfen auch mit massiven Täuschungsmanövern übersät, nun bei fortschreitender Digitalisierung werden für die Täuschungen neue Werkzeuge erfunden oder es ergeben sich neue Konstellationen, die sich kompensieren, wenn sie sich alle zunutze machen können. Die Nutzungsformen sind immer ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft und nie Motor ihres Unterganges oder ihrer Auferstehung.

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Jarett Kobek, der gut situierte Wutbürger

Das jüngste bereits übersetzte Internetbashingbuch kommt vom kanadischen Autor Jarett Kobek und trägt den Titel: „Ich hasse das Internet. Ein nützlicher Roman“ (Fischer Verlag, Frankfurt 2016). Ich habe mir einige Rezensionen angeschaut, die mich nicht zum Lesen dieses Buches animiert haben.

Die Frankfurter Rundschau titelt ihre Rezension: „Ironische Abrechnung mit dem Netz“ (von Klaus Göpfert).Man erfährt, dass hier eine bissig, ironische Abrechnung mit dem Kapitalismus und dem Internet vorliegt, die für unterhaltsam erklärt wird.

Spiegel ONLINE 15.10.16, von Wolfgang Höbel: Referiert mehr anerkennend den Inhalt, weil das Buch im Selbstverlag von der New York Times hoch gelobt und ein Massenerfolg wurde. „Tatsächlich ist Kobeks Buch ein Reiseführer durch das Silicon Valley und durch den Technologiekosmos von Google, Apple und Twitter – und eine gut 350 Seiten lange Wutrede gegen die Menschheitsmanipulation durch große amerikanische Konzerne und die amerikanische Politik“

Einen Verriß liefert die taz am 24.10.16 von Adrian Schulz  „Dieser Text handelt von einem schlechten Roman. Dass er schlecht sei, behauptet der schlechte Roman, von dem dieser Text handelt, sogar selbst. Das macht ihn aber auch nicht besser….Statt Spannung aufzubauen, werden mit enzyklopädischem Eifer und dem Impetus eines YouTube-Kommentators sämtliche Verfehlungen der weißen, männlichen, heterosexuellen Mittel- und Oberschicht (und aller anderen Bevölkerungsgruppen) rekonstruiert, gesammelt und geordnet. “  Der Autor bezieht sich in seiner Kritik stärker auf die Stilform, Roman, wobei er die Figuren, blaß und simpel überhöht findet.

Bei der FAZ fand ich keine Rezension, dafür den Autor selber mit einem Gastbeitrag, den er als Rede zur Eröffnung der Buchmesse am Stand der FAZ gehalten hat. Titel: „Sie haben die bürgerlichen Werte in Trümmer gelegt„.

Man lese diesen Beitrag, und hat damit wohl die Quintessenz seines Buches. Es äußert sich hier ein Wutbürger der gehobenen Art, der als Oberkulturpessimist gegen so ziemlich alles schimpft, sei es der Neoliberalismus, die Globalisierung, gegen Eliten, gegen Linksintellektuelle. Alles ist scheinheilig, und das übelster Werkzeug in diesem Kontext ist das von den Großkonzernen Google, Facebook, Appel, etc. beherrschte Internet. Auch Kobek bezieht sich mit ein, sein Buch wurde von Maschinen gedruckt, die von ausgebeuteten, versklavten Arbeitern in der 3. Welt produziert wurden. Diese Rede ist vor Trumps Wahlsieg gehalten, und was die Einschätzung der scheinheiligen amerikanischen Linksliberalen, die sich vor allen für ihr eigenes Wohl einsetzen, anbelangt, und wie er die Trumpwähler einschätzt, darin liegt Kubek nicht einmal schlecht.
Dieses Pauschalbashing kommt beim Leser gut an, Kobeks Buch ist Bestseller, und die deutschen Rezensionen mit Ausnahme der taz sind wohlwollend anerkennend.

Sucht man nach der Lösung dieser vom Internet mit verursachten Weltuntmisere, dann preist Kobek die mit Gutenbergtechnik erstellte Buchproduktion. Wenn Lösungen kommen, dann nur von den Werken unabhängiger Buchhandlungen!? Ist diese Lösungsandeutung nur ein running gag, weil Kobek ja von Buchhändlern, die ihm den Flug von Kanada hier her bezahlt haben, eingeladen wurde, und er ihnen wohlfeil sein will? Jemand, der glaubt, eine sehr scharfe Gesellschaftsanalyse geleistet zu haben, sollte doch erkennen, wie stark der Buchbetrieb selbst von Netzwerbung, Onlinezuarbeit, etc. durchdrungen ist, und wie wenig Bedeutung heute das gedruckte Wort auf 350 Seiten am realen Gang der Geschichte noch hat. Naivität pur? Es scheint mir, dass Kobek weiß, mit Internetbashing und Kulturpessimismus kann man  gut Geld verdienen. Differenzierungen, und Abwägungen finden sich nicht im Frankfurter Text, es wirtd bloß gepoltert. Und das scheint im Buch insgesamt der Fall zu sein. Wenn schon AfD, Le Pen, Trump und Konsorten die Welt simplifizieren, dann ist ein linker Intellektueller schlecht beraten, diese Methode auf seine Gesellschaftskritik anzuwenden. Und darum kaufe ich mir sein Buch nicht.

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Online Lehren – Eindrücke 2016

In sozialwissenschaftlichen Fachbereichen sind Onlineseminare immer noch die Ausnahme. Auch der Hype um „blended learning“ hat da wenig verändert. Ich habe auf meinem Blog etliche, mehr durch Frust gezeichnete Erfahrungsberichte zum Onlinelehren vorgelegt. Rückblickend kann ich sagen, der Netzkompetenzgrad hat sich über die große Verbreitung der Aktivitäten in Sozialen Netzen weiter gesteigert. Das „Learning 2.0“ ist Realität. Meine Teilnehmenden organisieren ihre Gruppenarbeit durchweg über WhatsApp. Sie probieren Facebook-Seiten als Gruppenbasis und kommunizieren über Google Docs und Etherpad, das sind Werkzeuge außerhalb der Moodle-Plattform.

In meinem Onlineseminar im Sommersemester zum Thema „Selbstgesteuerets Lernen“ habe ich 9 ausführlich formulierte sehr positive Feedbacks zur Veranstaltungsform und deren Durchführung erhalten. Es gab kein negatives Feedback. Meine zeitnahen Rückmeldungen zu jeder eingesendeten Aufgabe wurden am meisten geschätzt, gefolgt von der Einsicht, dass eine kontinuierliche Mitarbeit zwar etwas arbeitsintensiv, aber doch sehr viel lernintensiver sei, als das gelegentliche Mitmachen in Präsenzseminaren. Auch meine fast wöchentlichen Videofeedbacks zum jeweiligen Gesamtergebnis kamen gut an. Kritisiert wurde meine offene Aufgabenstellung, als bisweilen verwirrend. Etlichen hat die häufige Gruppenarbeit nicht geschmeckt, und eine Teilnehmerin bekannte, dass sie keine Onlinelernerin sei, es wäre eine interessante Erfahrung gewesen, aber sie wird zukünftig Präsenzen bevorzugen. Bei 39 Teilnehmenden hat zwar nur ein Viertel rückgemeldet, aber da es dafür keine Noten gab, die Lehrveranstaltung schon zu ende war, und gerade zu Semesterende die Studierenden unter Prüfungsstress stehen, ist das ein gutes Ergebnis.

Gefühlt hatte ich den Eindruck, dass – wie üblich – ca. 1/3 sehr gut bei der Sache war, und der Rest gerade mit reflexiven Anforderungen, Positionen vergleichen, Texte einzuordnen, etc. ziemlich beschäftigt war. Im Notenbild spiegelt sich das nicht so ganz wider. Ich habe die schwächeren Kandidaten immer etwas mehr mit Gnade ausgestattet, weil ich denke, dass die Lernmotivation sinkt, wenn man den Lernenden ihre Schwächen zu stark spüren lässt. Gerade im selbstgesteuerten Lernen finde ich Notengebung heikel. Ich frage ja nicht vorgekautes Wissen ab, sondern ich muss den Prozess der Wissenserarbeitung der Studierenden bewerten, wo Irrtümer und Missverständnisse mit zum positiven Lerneffekt gehören. Es gab 17 „Einsen“ und 22 „Zweien“, wobei jeweils mehrheitlich, schwache Einsen (13 Punkte) und mittlere Zweien (11 Punkte) vergeben wurden.

Neues Spiel: im Wintersemester zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung mit meist Erstsemestern eines Bachelors. Ich habe folgenden Kompetenzspiegel erfragt:

onlinekompetenz

nachhaltigkeit

 

 

 

 

 

 

bne

Die Onlinekompetenz (Selbsteinschätzung) moderner Studierender ist relativ hoch. Insbesondere aus dem Umgang mit Sozialen Netzen ist die virtuelle Kommunikation, das Empfangen und Senden von Dateien geschult. Bei dem Wissensstand zur Nachhaltigkeit erweist sich, dass dieser Begriff natürlich von allen schon mal gehört wurde, und eine ungefähre Vorstellung vorliegt. Zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, das eigentliche Seminarthema, liegt nur wenig Wissen vor. 14% der Studies hat etwas davon in der Schule gehört – das spricht nicht gerade für einen Bildungserfolg der BNE an deutschen Schulen. Wie mir von einer Studentin versichert wurde, sind die meisten nicht wegen des Themas, sondern wegen der Lernform, oder weil nichts anderes mehr frei war, zu mir gekommen.

Ob wirklich die Lernform ein großer motivationstreibender Faktor war, bezweifele ich etwas. An einem Freitag Vormittag gab es eine Präsenzveranstaltung zur Einführung in das Thema und in die Lernform. An diesem Tag haben die Studierenden erst den Zugang zur Plattform (Moodle) erfahren. Man könnte ja vermuten, dass noch am Nachmittag oder doch zumindest bis zum Wochenende jeder mal schnell die Anmeldedaten eintippt, um zu schauen, wie diese Plattform, auf der sie das ganze folgende Semester tätig sein sollen, denn nun aussieht. Gerade mal 30% haben sich noch am selben Tag angemeldet, und selbst eine Woche später, bei der zweiten Präsenzsitzung, waren immer noch 7 von 30 Teilnehmenden nicht eingetragen. Als kleine Einstiegsaufgabe war gewünscht, dass sich die Eingeschriebenen in ihrem Profil kurz vorstellen, und vielleicht ein Foto hochladen, damit wir gegenseitig sehen können, wie unsere Kommunikationspartner und Mitstudierende aussehen. (Auf die Plattform hat Google keinen Zugriff, Geschlossenheit ist gewahrt). Nur 6 haben sich in ihrem Profil beschrieben und 8 haben ein Foto von sich hochgeladen. Als große Onlinebegeisterung kann man diese Daten nicht interpretieren. Andererseits halte ich es mit Karlheinz A. Geißler, „Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte“, der sehr schön beobachtet, wie Anfangssitzungen von Seminaren Unsicherheitsräume sind, wo die Lernenden zögern, erst einschätzen wollen, was passiert. Meist weiter hinten sitzen und nicht sofort aktiv werden. Das lässt sich ganz bestimmt ebenso auf eine Anfangssituation im Onlineseminar übertragen.

Die 30%-Klausel bestätigt sich auch im Aktivitätsprofil der ersten Woche. Es ist Gruppenarbeit für 14 Tage Abgabetermin angesagt, und ich hatte bei der Einführung sehr deutlich auf die Herausforderung des Zeitmanagements beim Onlinelernen hingewiesen. Zwar gibt es die Freiheit, sich die Zeit des Arbeitens im Abgabezeitraum selbst zu wählen, aber im Falle einer Gruppenarbeit sollte man montags, bis spätestens dienstags auf die Plattform schauen, die Aufgabenstellung überfliegen, und einschätzen, was da auf die Gruppe zukommt, und wie man das über die 14 Tage gut verteilen kann. Die Plattform Moodle meldet in der Teilnehmerliste immer den letzten Zugriff eines Teilnehmers, woran ich ablesen kann, dass erst 10 Leutchen von 30 Teilnehmenden vom Montag bis zum Dienstag Abend die Plattform besucht haben. Hinter dieser Beobachtung steht das Standardstudiendilemma: was nicht unmittelbar gemacht werden muss, wird nach hinten verschoben. Aus der Freiheit, die Arbeitszeit in der Woche auswählen zu können, wird so der Zwang, sie an den letzten beiden Tagen vor der Abgabe schnell erledigen zu müssen. In allen Onlineseminaren, wo ich eine Endabgabe meist samstags 18 Uhr vorgebe, werden auch ca 80% der Arbeiten erst samstags hochgeladen.

Inzwischen urteile ich solche Erfahrung nicht mehr als Frust. Was für den Lehrenden spannen ist, kommt dem Lernenden als ein Angebot unter vielen entgegen. Ich biete selbstbestimmt an, die Studierenden müssen fremdbestimmt abnehmen, da ist es schon gut, wenn 30% darunter gesteigertes Interesse zeigen.

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David gegen die Goliaths Google & Co

Fugel David gegen Goliathw

Wir nutzen (fast) alle das Internet und meckern (fast) alle über den Datenmissbrauch der entsprechenden Servicedienstleister Google und Konsorten. Kann man nichts dagegen tun?

  • Man könnte verzichten. Wirf das iPhone weg, sagt Harald Welzer (Die smarte Diktatur)
  • Man könnte verbieten. Das wäre die staatliche Lösung gegen den Kapitalismus. Ob das besser ist, angesichts 2/3 Diktaturen und Korruptstaaten in der Welt?
  • Man könnte sich anonymisieren, d.h. die eigenen Spuren unsichtbar machen, so dass die Datenkrake im Dunklen fummelt. Ist aber ziemlich umständlich.
  • Man könnte den Konzernen eine Gewinnbeteiligung auferlegen, jeder Klick von meiner IP-Nutzung bringt mir 1 Cent. Das ist das Modell Jaron Lanier, das klappt aber wohl auch nicht so einfach.
  • Man könnte doch aber auch das Geschäftsmodell der Konzerne torpedieren. Mich wunderts, dass darüber so wenig gesprochen wird, dabei ist es so naheliegend.

Der große Geldfluss der Konzerne kommt ganz wesentlich über die Werbeeinnahmen im Internet. Wir werden normalerweise ausspioniert, nicht weil die NSA nach Terroristen sucht, oder auch unserer Geheimdienst gerne mitmengt, nein, der Hauptgrund besteht darin, die Internetwerbemodelle mithilfe von Bigdata zu perfektionieren. Das Geschäftsmodell ist bekannt. Die Konsumunternehmen haben die Erfahrung machen können, dass Werbekampagnen in Zeitungen, auf Plakaten oder im Fernsehen relativ ineffizient sind. Die Baumarktwerbung vor der Tagesschau interessiert weder Jugendliche (falls die überhaupt Tagesschau ansehen), noch Juppies, noch die vielen Frauen und älteren Damen, die sehr wohl noch die Tagesschau ansehen. Viel Geld wird da verheizt, das nur für einen Bruchteil der Zielgruppe zuständig sein sollte. Das hat sich mit den Techniken im Internet massiv verändert, was ja auch der wesentliche Mitgrund für das Zeitungssterben ist: man pumpt die Werbemittel ins Internet und nicht mehr in den Printmarkt.
Wer in Google nach einem Grillapparat recherchiert, bekommt sofort auf seine Ergebnisseite Anzeigen von Grillhersteller, Grillzangen, Grillbücher etc. geschaltet. Diese Werbekästen und Anzeigenlinks kann ich systematisch vermeiden, ich muss nur etwas genauer hinschauen, was ich suche, kommt dann schon noch. Denn jedes mal, wenn ich eine Anzeige anklicke, schenke ich Google ein Umsatzplus. Die zweite Einnahmequelle für Google ist, dass es sich das Ranking, d.h. welche Nennungen zuerst erscheinen, bezahlen lässt. Auch dieses Geschäftsmodell kann ich etwas torpedieren, indem ich mir die vorderen Plätze sehr genau anschaue, und in der Regel vermeide. Die Belohnung besteht darin, dass bei späteren Nennungen häufig die preiswerteren Angebote erscheinen.

Die Auftraggeber zahlen natürlich an Google nur solange, wie sie selber analysieren können, dass die Anzeigenschaltung wirkt. Da die meisten umworbenen Produkte Onlineprodukte sind, kann man wieder mittels Bigdata analysieren, ob es Zusammenhänge zwischen der so umworbenen Klientel und den gekauften Artikeln gibt. Aus den riesigen Werbeeinnahmen der Netzbetreiber muss man schließen, dass die Auftraggeber zufrieden sind, und daraus darf man schließen, dass die Großzahl der Netznutzer „so blöd“ sind, auf diese ganzen Mechanismen hereinzufallen. D.h. das Geschäftsmodell der „kontextorientierten Werbung“ und ihrer Verfeinerungen funktioniert.

Würde der Internetkonsument ein echt werbekritisches Surfverhalten an den Tag legen, sollte mittelfristig herauskommen, dass die kontextorientierte Werbung im Netz nicht mehr bringt, als die Werbung in den Printmedien, und das wäre der Absturz der Datenkonzerne, denn die Serverfarmen, und er ganze andere Krempel, der an Infrastruktur bereitstehen muss, ist sehr teuer.

Leider ist Goliath vielleicht so mächtig, dass diese nette werbekritische Steinschleuder kaum noch langt. Was Algorithmen heute wirklich können, das ist eng gehütetes Betriebsgeheimnis. Der Witz – oder vielleicht bald nicht mehr Witz dazu lautet, dass Google heute schon weiß, was ich morgen kaufen werde. Diese Prognose sollte man nicht ganz so ernst nehmen, denn die prognostischen Möglichkeiten mit den neuen Bigdata-Techniken mögen zunehmen, aber das soziale, kulturelle und politische Verhalten der Einzelnen wird allein wegen der Lebensvielfalten auch immer komplexer und schwieriger zu prognostizieren. Dennoch dürfte bereits zutreffen, dass durch extensive Analyse des Kaufverhaltens der Kunden von Supermärkten prognostiziert werden kann, welche Waren zu welchen Tagen und Uhrzeiten und Wetterbedingungen besonders nachgefragt werden. „Was wirst Du kaufen?“, ist im statistischen Mittel in Grenzen bereits prognostizierbar. Diese Technik wird sicherlich auch bei der Internetwerbung genutzt, d.h. der User braucht gar nicht mit einem Begriff den Kontext anzutriggern, sondern, auch wenn er z.B. nicht nach „Grillen“ surft, weiß der Algorithmus, dass „Grillen“ angesagt ist, und blendet die entsprechenden Produkte dazu ein. Je geschickter ein Werbeimpuls gesetzt wird, desto größer ist sein Wirkungseffekt. Die Algorithmen werden schnell auch die Gruppe der „werbekritischen“ Nutzer ausspähen, und dann z.B. eben das bezahlte Produktsegment nach unten in der Ergebnisliste verschieben. Heino Apel der kritische Konsument, ist ausgetrixt, ohne dass er es merkt!

Wenn Algorithmen immer das einspielen, was aus dem Vorverhalten erschließbar ist, dann dient das der Werbeeffizienz, hat aber auch einen schwerwiegenden Kollateralschaden. „Eine Welt, die aus dem Bekannten konstruiert ist, ist eine Welt in der es nichts mehr zu lernen gibt … [weil] es eine unsichtbare Autopropaganda gibt, die uns mit unseren eigenen Ideen indoktriniert.“ schreibt Eli Pariser in seinem Buch „Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden“ bereits 2011. Bei den Suchanfragen, oder bei den gepuschten Angeboten wird technisch (mit Algorithmen) versucht, dem Nachfragenden möglichst schnell das zu bieten, was er sucht. Im Werbefall wird uns das Produkt aufgedrückt, das wir in dem Kontext nachfragen könnten, bei einer rein begrifflichen Suche erscheinen die Erklärungen, die zu dem vorher gesuchten passen. Das hat eine angenehme Seite, wir müssen nicht über hundete Links durchforsten, um zu dem zu kommen, was wir suchen, sondern wir finden unsere Suche schon unter den ersten Links.

Die negative Seite wird aktuell gerade im politischen Kontext deutlich. Da ich mit einem linksliberalen Milieu befreundet bin, werde ich z.B. in Facebook nur mit positiven Beiträgen zur Willkommenskultur berieselt. Kein einziges AfD-freundliches Statement ist mir begegnet. Meine Facebookwelt gaukelt mir lauter Gutmenschen vor, und ich könnte mich fragen, wo sind denn die ganzen Hassbotschaften? Gibts die überhaupt? Dieser Filtereffekt gilt natürlich ebenso für einen AfD-Anhänger, er wird unter seinen Botschaften in Facebook keinen einzigen Beitrag finden, der Angela Merkel verteidigt, oder das Wort gegen den Begriff „Lügenpresse“ erhebt. Gleiches gilt für IS-Anhänger. Mehrmals intensiv in der Szene gesurft und in Youtube entsprechende Videos markiert – und schon steht er unter medialem IS-Beschuss.

Bei Twitter habe ich folgende Erfahrung gemacht. Ich nutze diesen Dienst, um meine Blockartikel unter die Zielgruppe meiner Leser zu bringen. Ökologie, E-Learning und Internet allgemein sind meine Themenschwerpunkte. Da ich in letzter Zeit am „Freifunk“ interessiert war, habe ich drei Artikel dazu verfasst, und mit meinen Tweets beworben. Da es bei manchen Freifunkern eine Personalunion zur Piratenpartei gibt, wurden meine Freifunkbeiträge von Piratenleuten retweeted, und ich habe wohl mindestens einen Follower aus dieser Partei – und plötzlich erhalte ich im Pushdienst von Twitter auffällig viele Tweets, die #Piraten im Hashtag haben. Nimmt man meine e-learning-Beiträge dazu, dann hat mich der Algorithmus ins Profil eines Piraten(Anhängers) gepackt.
Vielleicht sind die Algorithmen einfach nur „blöde“ aber die simple Profilvereinfachung kann bei ohnehin etwas wirklichkeitsfremden Fanatikern fatale politische Folgen haben. Das Internet macht den persönlichen digitalen Kleingarten zur Welt, in die nichts mehr eindringt, was das eigene Denken kritisch hinterfragen könnte.

Die Chancen, dass die Steinschleudern den Riesen wirklich treffen, stehen sicher nicht sehr hoch, was aber den Reiz, sie zu nutzen, erhöhen sollte. Meine Empfehlungen:
– Wähle immer den eigenen Weg bei einer Suche, vermeide den vorgezeichneten, denn hinter dem steckt eine Übertölpelungsabsicht
– vermeide das Anklicken von Werbefenstern
– nutze Werbeblocker wie z.B. Adblock auf Deinem Browser
– deaktiviere oder lösche ständig Deine Cookies, denn diese Plätzchen transportieren den Nährstoff für Bigdata
– melde Dich immer von Facebook ab, wenn Du etwas nachgeschaut hast, denn Facebook kann unabgemeldet über Cookies Dein Surfverhalten mit notieren.
– vermeide den „like“-Button, der ist ebenfalls eine komplexer Container Deiner Daten
– sei Dir klar, dass Dein Smartphone die größte Datenschleuder ist.
– brauchst Du einen Vokabeltrainer, der Zugang zum Adressverzeichnis haben will? Dann schicke ihn in den Orkus.
– usw.

Der in Unsichtbarkeit verhüllte Netznutzer soll dabei nicht das Ziel dieser Überlegungen sein. Ein soziales Netz von Anonymen widerspricht dem Gedanken partizipativer Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs, die ich in meinem vorigen Beitrag noch gepriesen habe. Aber der Netznutzer muss über sein Profil, mit dem er sichtbar im Netz vertreten sein will, selber entscheiden können. Wir müssen alles dazu tun, dass uns das nicht aus der Hand genommen wird. Neben dem hier vorgeschlagenen individuellen kritischen Werbeverhalten bedarf es zusätzlich staatlicher Rahmensetzungen, wie z.B. deutliche Verschärfungen in den Datenschutzauflagen beim Goliath.

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Neue Medien und Nachhaltigkeit

Die Frage, wie verhalten sich Neue Medien und Nachhaltigkeit, ist schon wegen der begrifflichen Unschärfen schwer zu taxieren. Ich habe im Blog breits einen Band des Grimme-Instituts dazu besprochen, und es wird im Jahrbuch des FORUM Umweltbildung, Wien, ein Beitrag von mir erscheinen. Angesichts der massierten Infragestellung der Neuen Medien durch die jüngsten anti-Flüchtlingsauswüchse im Netz versuche ich hier noch eine Klarstellung.

Man kann die „Neue Medien“ rein technologisch definieren als digitale Träger von Kommunikation, bzw. als digitale Träger für Text-, Bild-, Ton- und Videobotschaften. Mit der Zusatzbedingung, dass Bearbeitung und Austausch der Medien vernetzt über jegliche Raumgrenzen möglich ist. In diesem Sinne sind die Neuen Medien die computergestützte Hardware der modernen Kommunikationsmaschinen. Kassettenrekorder, Overhead-Projektor oder das alte analoge Telefon gehören danach zu den „alten“ Medien.
Man kann unter den „Neuen Medien“ aber auch die internetbasierten „Sozialen Netzwerke“ verstehen, die mehr eine gesellschaftliche Nutzungsform der computer- und internetbasierten Hardware darstellen.
Man kann als Drittes postulieren, dass Hardware und Nutzung untrennbar verwoben sind und erst in Ihrer Einheit die Neuen Medien darstellen.

Will man die Nachhaltigkeitskriterien für Neue Medien diskutieren, kommen die Aspekte ressourcenschonend, sozial- und wirtschaftsverträglich ins Spiel. Ein sehr simples Mobiltelefon mag gegenüber einem analogen Festnetztelefon bzgl. der aufgewendeten Ressourcen im Vorteil sein, da aber die halbe Menschheit inzwischen so ein Ding in der Tasche trägt, während nur ein Bruchteil der Menschen ein Festnetztelefon besitzen, verschwindet der Ressourcenvorteil wegen des Mengeneffektes. Dieses einfache Beispiel zeigt, man wird der Nachhaltigkeitsfrage nicht gerecht, wenn man nur die einzelne Hardware analysiert, man muss sie im Kontext ihrer Nutzung sehen, um den Gesamteffekt beurteilen zu können. Dem negativ zu bewertenden Ressourceneffekt kann man aber einen sozial positiver Effekt zur Seite stellen. Ist es nicht gut, dass mittels Mobiltelefon (fast) alle Menschen Zugang zur Kommunikation mit anderen haben, während zur Festnetztelefonzeit besonders in Entwicklungsländern nur wenige Privilegierte diese Möglichkeit hatten? Was bedeutet die gesteigerte Kommunikationsmöglichkeit? Sind die Menschen heute glücklicher, wenn sie jeden anderen an jedem Ort zu jeder Zeit erreichen können?
Wie steht es mit der wirtschaftlichen Seite des Mobiltelefons? Es wird wesentlich in Asien produziert. China und die „Tigerstaaten“ produzieren nicht besonders sozialverträglich, aber relativ zum vorindustriellem Stand leiden die Massen heute weniger Not, die Pro/Kopf-Einkommen zeigen eine positive Entwicklung.
Wollte man bei diesem einfachen hier nur gröbst gezeichneten Telefon-Beispiel ins Detail gehen, käme sehr schnell heraus, dass man zu jedem Nachhaltigkeitskriterium auf Wertungsfragen stößt, zu denen es keinen Konsens gibt. Man kann also im Grunde zum Komplex „Neue Medien“ keinen wissenschaftlich stichhaltigen Nachhaltigkeitsdiskurs führen, man kann diese Frage nur „politisch“, bzw. subjektiv bewertend angehen.

Wem ein grünes, leicht wertkonservatives Herz schlägt, der wird sehr schnell bzgl. der Neuen Medien zu einem vernichtenden Nachhaltigkeitsurteil kommen. Unbestritten ist, dass die Hardware der Neuen Medien eine erhebliche Ressourcenbelastung darstellen. In Mikrochips, Platinen, Kühlaggregaten, etc. sind wertvolle Rohstoffe verbaut, die meist unter ökologisch und sozial fragwürdigsten Bedingungen gehoben und verarbeitet werden. Die Produkte haben allein wegen des ständigen Fortschritts extrem kurze Lebenszyklen und werden nur völlig unzureichend recycelt.

Auf der sozialen Nutzungsseite wimmelt es nur so von Kollateralschadensberichten.
Sei es, dass das Gehirn verdumme, sei es, dass wir sozial verkümmern, sei es, dass sich die Kluft zwischen Wissenden und Unwissenden vergrößere, sei es, dass mit der Verfügung über die schnellsten Rechner (Sirenenserver), sich die globalen Machtverhältnisse verschieben, sei es, dass unsere Privatsphäre verdampfe, sei es, dass in der Filterbubble unsere Kreativität ertränkt wird, etc.
Keines dieser Argumente ist völlig falsch, es lassen sich für alle Belege aufführen. Dennoch wird man allein mit diesem Negativkatalog dem Phänomen „Neue Medien“ nicht gerecht. Es gibt ebenso einen „Positivsaldo“, ohne den sich die Neuen Medien überhaupt nicht ausgebreitet hätten. „Schlechte“ Phänomene sind häufig die Kehrseite einer „angenehmen“ Nutzung. Wer sich freut, dass er von überall jederzeit unendlich viel Informationen ziehen kann, der darf sich nicht wundern, dass er damit auch selbst jederzeit erreichbar und im Kontext von Arbeitsverhältnissen auch einsetzbar ist. Wer sich über die Filterbubble (in Suchanfragen wird das beantwortet/gefiltert, was vorher im Prinzip bereits erfragt war) beklagt, muss sich fragen lassen, was wäre, wenn eine Suchanfrage ungefiltert, einfach in alphabetischer Reihenfolge über den Bildschirm tanzen würde? Wer mit Blick auf den computersüchtigen Nerd auf die soziale Verarmung weist, der ignoriert, dass soziale Netze ebenso reale soziale Beziehungen generieren können.
Eine Nutzungsform ist nicht einfach technologiebedingt da, sondern sie wird teilweise erzeugt oder es gibt indirekte Mechanismen, die dazu führen können, dass sich diese Form gesellschaftlich durchsetzt, bzw. von der überwältigenden Mehrzahl der Nutzer genutzt wird. Dann ist es allerdings schwer, sich als Einzelner gegen diese Nutzungsform zu stellen. Nachdem die Lohntüte gesellschaftlich gestorben war, wurde das Bankkonto das allgemeine Geldtransfermittel. Ein Bankkonto ist damit nicht mehr eine Technologie, die ich aus freier Entscheidung wählen kann, sondern ich muss es akzeptieren, oder sehr große Einschränkungen in Kauf nehmen.

Allen Unkenrufen zum Trotz sehe ich ein hohes demokratisches Potential in den Nutzungsformen der Neuen Medien, das sich allerdings nicht von selbst einstellt, sondern das auch nur in Verbindung mit einer demokratischen Gesellschaft funktioniert. Wenn das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung eine Gesellschaft ist, die nicht nur ein gutes naturverträgliches Maß erreicht hat, sondern auch eine freie Entfaltung seiner Individuen mit einer hohen gesellschaftlichen Partizipation unter humanen Arbeitsbedingungen, dann sind die Neuen Medien eine adäquate Verkehrsform. Die Netztechnologie erlaubt es, dass wir sehr effizient aus dem globalen Fundus Information zu politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Ereignissen ziehen können. Darüber hinaus kann jeder sein Wissen, seine Neigungen, seine Teilhabe veröffentlichen, d.h. persönlich geschützt oder offen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Der Netzbürger ist nicht bloßer Informationsempfänger, er ist auch Sender. Damit das auch „befriedigend“ funktioniert, muss die Netzinfrastruktur stimmen, und es muss eine Kultur der Teilhabe entwickelt sein. Beides ist bislang in Ansätzen entwickelt.

Die für die Neuen Medien wesentliche Netzinfrastruktur ist privatisiert. Dass zu einer Suchanfrage im Netz zu einem Kochrezept in einer Zehntelsekunde höchst relevante Informationen auf dem Bildschirm erscheinen, kommt nicht von Ungefähr. Bei Google wird dazu in zwei Serverfarmen parallel mit ausgebufften Suchalgorithmen operiert, die aus unglaublichen Datenmengen so schnell die Treffer holen. Eine solche Anlage hat die Größe einer Fabrikhalle mit dem Stromverbrauch einer Kleinstadt. Das kostet richtig viel Geld. Die Informationen, die da gezogen werden, müssen zuvor von Menschen aufbereitet und irgendwo abgelegt sein. Noch wird das Wissen im Netz meist frei von Bürgern oder Institutionen zur Verfügung gestellt. Die Inhaltsaufbereitung im Internet ist eine geistige Vergesellschaftungsmaschine, was nachhaltig betrachtet sehr zu begrüßen ist. Die Hardwarekosten holt sich der private Konzern über Datenklau und Datenvermarktung herein, womit er ein sehr profitables Geschäftsmodell unterhält. Genau an diesem Punkt sitzt allerdings die „Nichtnachhaltigkeitsstelle“, denn mit der privaten Verfügung über die Datenkommunikation gewinnt der Konzern ein Wissen über seine Nutzer, das um so mächtiger wird, je mehr Netznutzungen der Einzelne vornimmt (Recherche, Käufe, Zahlungen, Kontakte im Netz, etc.). Der bekannte Witz, dass Google heute schon weiß, was ich morgen im Netz kaufen werde, ist nicht so absurd, wie er klingt. Die mit „BigData“ bezeichneten Analysen sondieren ungeheure Datenmengen, indem sie statistisch, heuristisch oder neuronalnetzbasiert Muster extrahieren, die für Nutzerklassen bis hin zum Individuum immer bessere Verhaltensprognosen erzeugen können. Wenn der Markt weiß, welche Entscheidungen der Kunde vornehmen wird, kann er sich darauf einstellen. Von Amazon weiß man inzwischen, das es schwankende, individuell taxierte Preise für seine Produkte offeriert. Die unabhängige Marktwahl ist damit gefährdet, die Freiheit des Konsumenten beschnitten. Dieser Ausschlachtungsprozesse der Nutzerdaten betreibt nicht nur Google, sondern auch Facebook, Microsoft, Apple, Amazon, etc. ebenso.

Kommen wir zur Kultur der Teilhabe. Sieht man davon ab, dass die sozialen Netze Facebook, Google+, Twitter, WhatsApp, etc. von Datenkraken betrieben werden, dann sind die technischen Möglichkeiten, die diese Plattformen bzgl. sozialer Kommunikation bieten, gar nicht so schlecht. Man kann die aktuellen schlimmen Nutzungsbeispiele der übelsten Hasstiraden z.B. zur Flüchtlingsfrage, oder das Mobbing von Schülern und Lehrern, oder die pädophilen Nischen im Netz oder die Verherrlichung terroristischer und nationalsozialistischer Ideologien, etc. nicht den Betreibern anlasten. Einer Hass-Dumpfbacke ist es egal, ob eine Serverfarm genossenschaftlich, staatlich oder privat geführt wird. Was früher am Stammtisch ausgekotzt wurde, postet man heute ins Netz. Wenn eine Strömung politisch salonfähig wird, postet man auch mit eigenem Namen, wenn die Gesellschaft eine Strömung richtig sanktioniert, verschwinden die Kommentare wieder. D.h. das Netz ist der Spiegel des gesellschaftlichen Zustandes. Wer sich darüber mokiert, dass in Facebook Katzenfotos und -Filmchen einen Spitzenrolle einnehmen, darf das nicht den sozialen Medien anlasten, es ist das, was die Basis am meisten interessiert. Wem das für ein kulturell nachhaltiges Niveau nicht ausreicht, der sollte die Bildung im Lande verbessern, aber nicht gegen die Medien wettern.
Facebook kennt Partizipationsbeispiele, die man sich auch als Nachhaltigkeitsapostel besser gar nicht vorstellen kann. In einer herunter gekommenen Straße Bolognas hat eine kleine Initiative begonnen, die Bürger auf einer Facebook-Nachbarschafts-Seite einzuladen, um dort die lokalen Probleme und persönlichen Fragen der Anwohner zu diskutieren und anzupacken. Mit Hilfe dieses virtuellen Netzwerkprojektes wurden reale Nachbarschaftsfragen und die lokale Lebensqualität spürbar verbessert. Virtuell kommunizieren und vor Ort real umsetzen, war dort eine Einheit. Man sollte sich eigentlich wundern, wieso es nicht Millionen solcher Facebook-Initiativen gibt? Es liegt nicht an Facebook, sondern an einer mangelnden Kultur der Teilhabe – hier gibt es noch sehr viel zu entwickeln! Auch der in medial konservativen Kreisen viel geschmähte Twitter-Dienst ist zwar „nur“ als Kommunikationswerkzeug für „beiläufiges Gezwitscher“ entwickelt worden, und man mag bissige Glossen über dümmliches Geplänkel von Stars und Politikern mit ihren Millionen Followern schreiben, dessen ungeachtet ist mit dem Hashtag-Mechanismus ein sehr mächtiges Werkzeug für gesellschaftliche Teilhabe entwickelt (vgl. mein Blog-Beitrag dazu) worden. Man muss das nur nutzen! Die Werkzeuge Etherpad oder GoogleDocs sind die adäquaten Formen, um in einer globalisierten Welt sehr effizient gemeinschaftlich Texte zu entwerfen oder zu redigieren. Usw., usw.

Wer die Neuen Medien somit unter dem Leitbild nachhaltige Entwicklung subsumieren will, wird sich nun fragen, welche Strategien gibt es, das partizipative Potential der Neuen Medien mehr zu heben, und die Ressourcenschädlichkeit mehr einzudämmen?

Schon lange führt der Markt mit seinen Rohstoff- und Energiekosten zu tendenzieller Einsparung. Gäbe es den „Bumerangeffekt“ nicht (die mit der Miniaturisierung und Verbilligung erzeugte massenhafte Verbreitung), dann hätten wir längst einen Rückgang im Ressourcenverbrauch. Google baut Serververfarmen in Finnland in alte Papierfabriken neben Wasserkraftwerke, womit nicht neu versiegelt, weniger gekühlt und erneuerbare Energie genutzt werden kann. Bei Vielen hat das Tablet den früheren Desktopcomputer oder das Notebook abgelöst mit dramatisch geringerem Energieverbrauch. Die Recyclingverfahren sind verbesserungsfähig, und es ist eine technologisch neue Prozessorgeneration in der Forschung, die noch kleiner sein wird und nicht das Wärmeproblem haben wird. Schutz der Umwelt und bessere Lebensbedingungen für die Arbeiter stehen in den asiatischen Ländern auf der Agenda, auch da ist Besserung in Sicht. Ressourcenseitig muss man nicht bange sein.

Sehr viel schwieriger ist die Frage zu klären, unter welchen Bedingungen das Netz nicht mehr die Perversion seiner selbst sein bräuchte. Zur Frage des „Dataminings“ sehe ich keine Lösung in der Verstaatlichung oder der Nationalisierung. Wenn man Staaten zu den Betreibern der großen Datenbanken und sozialen Netzwerke macht, dann ist in mindestens 2/3 der Welt das Internet als freier Bewegungsraum gestorben, denn die Mehrheit unserer Staaten sind von korrupten diktatorischen Eliten geführt – dann lieber doch Google! Auch widerspräche ein jeweils nationales oder kontinental administriertes Netz dem Anspruch der Globalität. Wenn ich recherchiere, will ich nicht nur deutsches, oder europäisches Wissen ziehen können, der Reiz liegt im globalen Zugriff. Denkbar ist vielleicht ein Angriff auf die Konzerne, indem man kleinere Serverfarmen genossenschaftlich gegen Gebühren betreibt, und diese sehr intelligent global vernetzt. Technologisch und vielleicht auch ökonomisch ist das machbar, aber was ist mit der genossenschaftlichen Serverfarm im Iran oder in China?? Wenn diese Farmen global vernetzt sind, müssen nur in einer die schmutzigen Finger des Geheimdienstes involviert sein, um damit auch überall involviert zu sein. Mit den Konzernen leben, und den Datenschutz stärker regulieren ist eine realpolitische Chance.

Wie steht es mit der Kultur der Teilhabe am sozialen und politischen Leben? Da muss zuerst mit dem Irrglauben aufgeräumt werden, man könne mit sozialen Netzen Revolutionen machen, oder sie würden die Demokratisierung vorantreiben (hierzu hat Morozov genügend geschrieben). Eine freie Meinungsäußerung im Netz zu öffentlichen Angelegenheiten braucht den Schutzraum der Meinungsfreiheit in einer funktionierenden Demokratie. Aber auch die freie Äußerung im Netz hat Grenzen. Noch bevor der Begriff „soziale Netze“ auftauchte, gab es in Fachforen die heute altmodisch anmutende „Netiquette“, in der Regeln für respektvolles Kommunizieren festgeschrieben waren. Man hat offensichtlich sehr früh bemerkt, dass Anstandsschranken schnell fallen können, wenn der Partner, mit dem man kommuniziert, nicht leiblich gegenüber steht. Virtuelle Kommunikation und gemeinsames virtuelles Zusammenarbeiten will gelernt sein, so wie auch ein realer angenehmer menschlicher Umgang und Teamarbeit gelernt wird. Vieles Üble im sozialen Netz ist der Unwissenheit und der Unfähigkeit, eine Netzkommunikation zu vollziehen, geschuldet. Wer einen Tweet mit dem Haschtag #Deutschland und dem Zusatz „hängt die Volksverräterin Merkel“ ins Netz schickt, der hat nicht mit der Öffentlichkeit kommuniziert, sondern nur eine ungebremste Wutemotion ausgekotzt. Der Ruf nach dem Galgen und der Begriff aus der nationalen Mottenkiste kennzeichnen den „Wutbürger“ als wenig gebildet, er kennt nicht den Artikel 1 des Grundgesetzes „die Würde des Menschen ist unantastbar“ und er hat sich nicht ernsthaft mit dem Nationalsozialismus beschäftigt. Die Anzahl so denkender Menschen kann man mit einem guten Bildungssystem und einer relativ ausgewogenen Einkommensverteilung in einer demokratischen Gesellschaft gering halten. Wenn sie in sozialen Netzen „hochgespült“ werden, sollte man das gelassen nehmen.
Was die gesellschaftliche Teilhabe an nachbarschaftlichen oder kommunalen Projekten anbelangt, so kann die nicht über ein soziales Netz initiiert werden. In der Regel muss erst eine real agierende Gruppe da sein, und etwas vorantreiben. Dann kann die virtuelle Kommunikation diesen Prozess effizient unterstützen, weitere Interessierte gewinnen und Aufgaben übernehmen. Wer z.B. mit einer Idee im Kopf ein Crouwdfunding startet, wird schnell merken, dass ihm niemand etwas spendet. Er muss schon real etwas auf die Beine stellen, es gut darstellen, eine eigene Vernetzung bereits haben, und dann steigen vielleicht die virtuellen Förderer ein. D.h. unter Nachhaltigkeitsperspektive kann man nicht vom Netz erwarten, dass es Partizipation erzeugt, es kann diese nur sehr effizient unterstützen.

 

Die Neuen Medien sind weder per se „nicht“-nachhaltig und haben keinen Automatismus zur Nachhaltigkeit inhärent. Man muss sie intelligent nutzen, und dazu haben sie großes Potential.

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4. BilRess-Tagung (8. Mrz. 2016)

Als ich den Flyer, bzw. die e-Mail-Einladung zur 4. Netzwerktagung von BilRes: Bildung für Ressourcenscenschonung und Ressourceneffizienz zum ersten mal sah, habe ich den Kopf geschüttelt. Wie kann man ein so enges Fachfeld zu einer Bildungskategorie erklären, das eindeutig unter das Dach der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) gehört? Auch auf der Homepage von BilRess  ist von BNE erst einmal nichts zu lesen. Es geht darum, mit einer Bildungsstrategie einen Beitrag zur Umsetzung der aktuellen Ressourcenpolitik in alle Bildungsbereichen zu leisten. Man will also offensichtlich nicht ein neues Bildungsfeld aufmachen, sondern einen fachlichen Schwerpunkt, der bislang im Bildungssystem und auch in der Öffentlichkeit mehr vernachlässigt ist, auf die Spur bringen.
Wer sich mit Nachhaltigkeit generell beschäftigt, weiß natürlich, dass wir unseren Rohstoffkonsum beschränken müssen, dass wir als exportierende Nation besonders viele Rohstoffe aus Gebieten beziehen, wo diese unter ökologisch und sozial katastrophalen Bedingungen abgebaut werden, und zudem noch den meist korrupten Staatschefs und windigen Rohstoffkonzernen die Kassen füllen. Aber welche Strategien gibt es, das genauer festzustellen, und ein Umlenken einzuleiten? Fehlanzeige, darüber weiß ich bislang sehr wenig. Das Verschwinden der Ressourcen bei anhaltendem Überverbrauch ist weniger sichtbar als der Klimawandel. Rohstoffpreise werden über Spekulationsbörsen gemacht und spiegeln nicht die tatsächlichen Gestehungskosten, so dass man an ihrer Entwicklung nicht deren Knappheit ansehen kann. Es gab bislang keinen Knappheitstornado, der die Welt aufgeschreckt hätte, die Prozesse sind der Öffentlichkeit im wesentlichen nicht zugänglich, weshalb es auch kaum ein „Ressourcenbewußtsein“ in der Bevölkerung gibt.
Das Wuppertalinstitut hat die Ressourcenfrage und ihren Zusammenhang mit wirtschaftlicher Entwicklung wohl federführend beforscht, so war es konsequent, es zum Projektträger von BilRess zu machen. Die Bundesregierung hat im Kontext ihrer Nachhaltigkeitsstrategie 2002 ein hehres Ziel formuliert. Sie möchte die Rohstoffproduktivität bis 2020 (bezogen auf 1994) verdoppeln. Unter Rohstoffproduktivität versteht man, wie viel Bruttoinlandsprodukt (BIP) je eingesetzte Tonne abiotisches Primärmaterial eingesetzt wird. Wenn also das BIP steigt, ohne dass wir mehr Rohstoffe dafür einsetzen, haben wir auch eine gestiegene Produktivität. Folgende Tabelle zeigt, was bisher in Deutschland passiert ist.

Rohstoffproduktivität
Nach der roten Kurve sieht es so aus, als hätten wir die Rohstoffproduktivität um 49% gesteigert. Ohne Inflation sieht das schon schlechter aus (blaue Kurve). Wenn man aber auch die Rohstoffe einberechnet, die wir mit den importierten Waren bezogen haben, dann verzeichnen wir einen Produktivitätsrückgang!
Im Bericht „Deutsches Ressourceneffizienzprogramm II“ des Umweltbundesamtes  wird für die Felder Rohstoffversorgung, Produktion, Produkte und Konsum, Kreislaufwirtschaft sehr gut dargestellt, was alles nötig ist und getan werden kann, wie hier die Effizienz, bzw. der Minderverbrauch angegangen werden kann. Politische Vorschriften oder wirtschaftliche Steuerungsmaßnahmen werden allerdings nicht gefordert. Das UBA bleibt hier gegenüber der Industrie und des individuellen Konsums in seiner Rolle des zahnlosen Tigers. BilRess soll es richten.

CarolinBaedekerDr. Carola Beadeker, Leiterin von BilRess referierte die vier Handlungsansätze:
– Informieren, sensibilisieren und aktivieren
– Lehrende und Lernende unterstützen
– Anreize für Projekte und Forschung schaffen
– formelle Verankerung im Bildungssystem vorantreiben.
Diese Punkte werden über Netzwerke in allen Bildungssektoren verbreitet.
KoraKristofDr. Kora Kristof vom Umweltbundesamt erklärte in ihrem Kurzbeitrag die oben schon angedeutete Ressourcenpolitik des frisch veröffentlichen Effizienzprogramms II. Interessant war eine Folie (ich finde sie nicht im Netz), auf der man den Anstieg des Materialverbrauchs in den letzten beiden Jahrzehnten sehen konnte, während die Lohn(stück?)kosten im selben Zeitraum gesunken sind. Diese Grafik signalisiert, hier liegt ökonomisches Einsparpotential, so dass man die Nachhaltigkeitsforderung mit Gewinnsteigerung koppeln könnte. Vom Publikum kam dann sogleich die Frage, warum man keine Ressourcensteuer anstrebe, die wäre doch ein glänzendes Druckmittel, den Primärmaterialeinsatz gering zu halten. Wie bei der CO2-Steuer konterte die UBA-Frau mit dem Standardargument, wenn das nicht alle machen, können wir das auch nicht machen.
Es folgten Positivbeispiele des Projektes und u.a. eine moderierte Diskussionsrunde zu Erfolgsfaktoren zur Umsetzung von BilRess, bei der mir nichts haften blieb.

HAP_3227Vor und während des Essens gab es eine Kunsteinlage. Ein New Yorker Künstler, der sich sofort von Trump distanzierte, fotografiert ressourcenschädliche Objekte in wunderschönen Fotos. Das soll als cognitive Dissonanz den Betrachter jenseits rationalistischer Überlegungen stimulieren. Die Lichtverhältnisse im Raum waren zu schlecht, um diese Fotos richtig würdigen zu können.
Nach dem guten Essen auf der edlen Empore des fein renovierten Gründerstilprachtsaales des Palmengartens mussten wir einen Vortrag des UNESCO-Büros zur Situation der BNE global und in Deutschland ertragen, der die institutionelle Nichtangebundenheit der Runden Tische der BNE-Dekade glorifizierte, anstatt sie zu tadeln.

ErfahrungLehrendeIm Schlussteil referierten Lehrende in Kleingruppen aus den Bildungsbereichen best practice zur Ressourcenbildung. In der Hochschulgruppe imponierte mir das Modell eines betriebswirtschaftlichen Bachelor und Masterstudienganges „Ressourceneffizienz-Management“ des Teams um Prof. Mario Schmidt. Die Philosophie: sie bieten einen echten Betriebswirt an, der ab der Hälfte seines Studiums den Schwerpunkt Ressourceneffizienz setzt. Es wurde viel Werbung bei der umliegenden Industrie gemacht, Praktikanten wurden vermittelt, so dass dieser Studiengang auch eine Akzeptanz bei den Betrieben fand. Die Frage, ob das für die Republik verallgemeinerbar war, wurde sehr vorsichtig beantwortet. Dem Professor war es gelungen, nicht nur den neuen Studiengang genehmigt zu bekommen, sondern es wurden vom Ministerium entsprechende Stellen bewilligt. Fazit: ohne politische Unterstützung wird es keine Ressourcenschutzbildung in größerem Maße geben.

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