E-Learning Erfolgsbericht

Erfahrungsberichte sind pädagogische Fälle, die Einsicht in die aktuelle Praxis vermitteln, Problemstände aufzeigen können, in aller Regel aber nicht verallgemeinerbar sind. Genau vor einem Jahr habe ich zum selben Seminar, das ich dieses Jahr wieder durchführe, auf diesem Blog einen Bericht mit dem Titel Lehrfrust verfasst. Mit leicht kulturpessimistischem Einschlag leistete ich Studentenschelte nach dem Motto, die meisten machen nur ein Scheinerwerbsstudium und sind an den Inhalten nicht interessiert.

Jetzt muss ich zurückrudern. In diesem Wintersemester läuft das gleiche Onlineseminar doch recht zufriedenstellend. Das Phänomen, dass mit unterschiedlicher Zusammensetzung und nur leicht veränderten Methoden sehr unterschiedliche Resultate herauskommen können, ist ja nicht neu. Zum Setting:

Es handelt sich um einen Baustein im Masterfach Erwachsenenbildung/Weiterbildung (2 Wochenstunden) mit dem Titel “Formen und Bewertungsverfahren selbstgesteuerten Lernens”. Man kann 2 Creditpoints erwerben, was im Präsenzfall aktive Anwesenheit und Verfassen eines Sitzungsprotokolles erfordert. Das Onlineseminar ist in 9 Themenblöcke gegliedert. Zu jedem Block wird Material vorgegeben und eine Reflexionsaufgabe dazu formuliert, die in Einzel- oder Gruppenarbeit erstellt und am Blockende (ein- oder zweiwöchentlich) auf die Lernplattform (Moodle) geladen werden muss. Sehr zeitnah erfolgt vom Seminarleiter ein kurzes inhaltliches Feedback auf jeden Beitrag, und zu jedem Block wird ein Video (ca. 3-5 min) verfasst, das den Studierenden eine summarische Rückmeldung über Erfolge und Defizite und wichtige Merkmale des Inhaltsfeldes aufzeigt. Um einen Schein, bzw. 2 CPs zu erwerben, müssen 6 akzeptable Beiträge verfasst worden sein.

Da die online Studierenden nicht in eine Seminarsitzung gehen müssen, haben Sie schon einmal 2 Stunden eingespart, addiert man dazu etwas Vorbereitungszeit, so ist meine Anforderung nicht höher als im Präsenzfall. Die verlangten Aufgaben sind so geplant, dass sie (minimal) in 3 Stunden erledigt sein können. Die schriftlichen Anfertigungen haben zum Ziel, dass ein Nachweis der Lektüre und des Verständnisses des beigefügten Lehrmaterials erbracht werden soll. Das haben die Studentinnen (es sind alles Frauen) zu Beginn akzeptiert, so dass das Anforderungsniveau von Anfang an klar war (diesbezüglich hatte ich im vorigen Jahr einen Fehler gemacht).

Zu meinem Erstaunen klappt in diesem Semester das Zeitmanagement der Studierenden hervorragend. Etliche liefern bereits zwei Tage nach dem Erscheinen der Aufgabenstellung ihre Lösung. Das erleichtert meine Rückmeldungen, ich kann sukzessive zurückmelden, und muss nicht am Wochenende alle Arbeiten im Block durchgehen. Die schriftliche, individuelle Rückmeldung zu jedem hoch geladenen Beitrag ist wohl ein wesentliches Element der Akzeptanz des Seminars. Die Studierenden fühlen sich ernst genommen und genießen den persönlichen Betreuungsbezug. Meine Hinweise werden auch angenommen, z.B. habe ich zu Beginn angemahnt, dass wir wissenschaftliches Schreiben üben wollen, dass zitiert und eine Literaturliste angefügt werden soll, was inzwischen mehrheitlich der Fall ist. Die Qualität der Beiträge ist bei einigen exzellent, bei den meisten gut.

Das Seminar hat 29 Teilnehmende und pro  Inhalts-Block werden ca. 20 Arbeiten (bei Einzelarbeit) abgeliefert. Bei Gruppenarbeit ist die Zahl der Beteiligten höher, da gibt es wohl etwas das Trittbrettfahrersystem. Ich bin mit der Mitarbeit und den abgelieferten Leistungen, die auf eine erfolgreiche Lektüre der beigestellten wissenschaftlichen Texte schließen lassen, sehr zufrieden, und habe damit überhaupt nichts an der Studierdisziplin auszusetzen – im Gegenteil: intelligente, fleißige, hoch disziplinierte Frauen sind da am Werke.

 

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Das Verschwinden des Souveräns?

Im Absolutismus war der König der Souverän, das bedeutet wörtlich, derjenige, der über alles befindet. Damit hatte er auch den Zugang zur Information, um zu wissen, worüber er zu befinden hat. In der Republik wurde diese Vormacht abgeschafft, das Volk wurde zum Souverän erklärt. Bildung, Zugang zum Wissen wurde entprivilegiert bis hin zur Volksbildung, bzw. den heutigen modernen Bildungssystemen mit Schulpflicht. „Die Entscheidung geht vom Volk aus“.

Als Metapher für den gebildeten Durchschnittsbürger, der zur Entscheidervorhut gehört, wurde häufig der „Zeitleser“ gesehen. Wenn ein Journalist über einen komplexen, schwierigen Sachverhalt schreibt, soll er sich im Verständnisgrad seiner Schreibe an der Zielgruppe „Zeitleser“ orientieren. Nie hat auch der „Zeitleser“ alles verstanden, worum es im Staatswesen und der Zivilgesellschaft gerade ging, aber er war immerhin „gut informiert“. Als deutscher Kulturbürger musste er den Faust kennen, aber naturwissenschaftliches Mangelwissen gehörte dazu. Generationen von Intellektuellen waren „schlecht in Mathe in der Schule“, was kein Makel war. Tendenzmeinungen, bzw. Positionsmeinungen im gesellschaftlichen Umfeld lieferten Zeitungen und Organisationszugehörigkeiten. Ein FAZ-Leser war liberalkonservativ, ein Rundschauleser sozialdemokratisch und ein Gewerkschaftler einfach links ausgerichtet.

Diese heile Welt der Gesinnungssicherheiten ist längst zerbröselt. Was rechts, links, oder grün bedeutet, ist absolut schillernd und unbestimmt. Die Zeitschriften positionieren Pro- und Contra-Seiten, oder verurteilen im politischen Teil die Geldpolitik der EZB als geldmarktzerstörend, und öffnen im Feuilleton einer Autorin mit staatlicher Regulierungsvorliebe die Spalten. Mag sein, dass einige Leser das gar nicht mitbekommen, aber sicher sind etliche Leser irritiert bei der Suche nach einer verlässlichen politisch-sozial-kulturellen Marschroute. Andere (die meisten Jugendlichen) lesen Zeitungen überhaupt nicht mehr, sie informieren sich in Talkshows, Werbesendungen, sozialen Netzen und anderen Internetauftritten. Hat sich da etwas verändert? Oder haben wir Gleiches auf veränderter Stufenleiter?

An drei Phänomenen lässt sich exemplarisch zeigen, wie das Verstehen gesellschaftlicher Veränderungsprozesse in der Tendenz immer schwieriger erscheint.

1. Digitale Revolution

Der Übergang von analogen Maschinen und Prozessen zu digitalen ist ein Abstraktionssprung, der mit dem Verlust der unmittelbaren Veranschaulichung verbunden ist. Wie ein analoges Uhrwerk mit Zahnkränzen, Feder und Unruhe funktioniert, das ist aus der Erfahrungswelt noch gut vorstellbar. Nahezu jeder Mann konnte in den Nachkriegsjahrzehnten das Prinzip eines Verbrennungsmotors erklären, und im Zweifelsfall substantielle Reparaturen an seinem Auto durchführen. Wie eine quarzgesteuerte Uhr tickt, ist da schon etwas anderes. Wie ein I-Phone funktioniert, wie ein damit geschossenes Foto in die Clowd wandert, und plötzlich auf dem Tablet erscheint, weiß auch der „Zeitleser“ heute schon lange nicht mehr.

2. Globalisierung

Am deutlichsten bei der Finanzkrise, aber auch sichtbar bei Fragen zum IS oder zur Ukraine, wird erfahren, dass die Bestimmungen zur Beschreibung dieser Phänomene weit über gutes Kulturwissen hinausgehen. Auch in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es schon Global Players, aber die massive Verdichtung der Interdependenzen (möglich geworden durch digitale globale Netze) hat ein Niveau erreicht, das von Einzelnen kaum noch überschaubar ist. Man kann Al Jazeera vom Sofa aus zuschauen, und glauben, man hätte Erste-Hand-Information aus dem vorderen Orient, wenn da nicht die Geldgeber des Senders, Ideologien bei den Journalisten und Gewinnerzielung als Turbulenz in der Redlichkeit der Botschaften mitgedacht werden müssten. Unsere Meinungen sind mehr als früher Reflexe auf Medienmeinungen, weil der Entscheidungshorizont ferner, unanaschaulicher geworden ist. Der „Zeitleser“ springt auf Katastrophenmeldungen an, reagiert auf emotional gefärbte Bilder (Flüchtlingselend, geköpfte Geiseln), und ist zunehmend verwirrt über die Widersprüchlichkeit ehemals verlässlicher Verlautbarungen. Die Zeitung als sicherer Trendberichter hat ausgedient, Expertenstimmen sind meist schwer einzuschätzen, und kommen zu widersprüchlichen Urteilen.

3. Algorithmen

Jeder kennt den Begriff, aber wer weiß, wie ein Algorithmus funktioniert? Wer weiß, was z.B. Google damit macht? Der Zusammenhang von Daten war früher säuberlich getrennt in abhängige und unabhängige Variablen. Als Algorithmus diente ein knappes Set von Gleichungen, die mit Werten gefüttert zu einem nachvollziehbarem Rechenergebnis führten. Da hatte auch der „Zeitleser“ seine Schwierigkeiten mit, aber da vollzog sich etwas auf gesichertem Grund. Eine Korrelation, eine Regressions- oder eine Faktoranalyse waren vertraute Analyseinstrumente, die auf Wikipedia nachschlagbar sind. Ein moderner Algorithmus kann eine Ansammlung von hunderten von „Gleichungen“(Operationsregeln) sein, die mit Millionen Daten millionenfach durchgenudelt werden, bis eine Struktur sichtbar zu sein scheint, von der auch die Algorithmenanwender nicht genau wissen, was das eigentlich ist, aber es könnte hilfreich bei einer Zusammenhangserklärung sein. Die Optimierungs- oder Strukturfindungsverfahren von heute sind im Detail nicht mehr verstehbar, es sind Blackboxes.

Die auf Algorithmen basierenden neuen Geschäftsmodelle, z.B. über Datenanalyse Werbung an ausgefilterte Zielgruppen zu verkaufen, sind extrem intransparent. Ob der Kunde oder der Beworbene einen Schaden davon trägt, wer will das entscheiden, wenn man nicht weiß, was da im Detail alles passiert? Wer dirigiert Werbung in unsere Surfvorgänge, wie wird unsere Internetrecherche durch Kontextualisierung verändert? Mit welchen Daten gelingt es der Polizei Kaliforniens und auch bald bei uns, Verbrechensprognose zu erstellen? Wer weiß, dass in einer großen Drogeriekette die Nachfrage und das Auftreten von Warteschlangen vor der Kasse mit Algorithmen simuliert werden, die ein Abfallprodukt der High-Tech-Forschung des CERN sind? So, wie heute die ständig ausweitenden digitalen Komponenten im Auto vom „normalen“ Fahrer weder verstanden noch repariert werden können, so verstehen wir selbst die Abläufe, die hinter dem Ladentisch unseres Supermarktes fungieren, nicht mehr.

Fazit dieses gedanklichen Kurzausfluges: Entwickelt sich der Volkssouverän zum Unsouverän? Blicken wir immer weniger durch, so dass wir unfähig werden, an relevanten Zukunftsentscheidungen teil zu haben?

Was tun? Diesen Prozessen kann man nicht Halt gebieten, und frühere Zustände zurück sehnen. Die Gesellschaft muss Mechanismen entwickeln, mit der zunehmenden Komplexität umzugehen.

  • Mehr Bildung, um besser zu verstehen, ist eine Richtung, die bereits – wenn auch viel zu wenig – eingeschlagen ist. Die Masse der Bürger ist allein mit Verweis auf die verdoppelte Quote der Abiturienten im Vergleich zu den Nachkriegsjahrzehnten heute besser gebildet. Mehr Bildung brauchen wir nicht nur, um im Wettbewerb Innovationen hervorbringen zu können, sondern wir brauchen sie auch, um unsere Zeit zu verstehen!
  • Besser Informieren ist die zweite Richtung. Die Informationsaufbereitung über Medien unterliegt einem Transformationsprozess, dessen Richtung gegen die alte Zeitung läuft, aber was dafür kommt, scheint noch unklar. Über Informationsmangel kann man sich kaum beklagen, der Kundige findet zu allem mehr Information, als er verarbeiten kann. Deshalb scheint mir ein Ersatz für die alte Zeitungsredaktion, wo eine Gruppe sehr gut Informierter Werturteile fällte, was relevant ist, und was nicht, dringend geboten. Es ist wohl leider so, dass das kein einfaches Onlineabbild sein kann, denn von der „einfachen/mehrheitsabgestimmten“ Botschaft werden wir uns verabschieden müssen. Szenarien, und Klassifikationen von Sichtweisen werden gebraucht. Hinter einer Kurzinformation brauchen wir einen Link zu einer Hintergrunderklärung und einen weiteren zur Kontextvertiefung. Und wie das zu finanzieren ist, steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Journalisten müssen ihren Allwissenheitsduktus einstampfen und stärker als früher auf die Referenzen verweisen, woher sie ihre Daten bezogen haben.
  • Der Bürger als Botschaftsempfänger braucht mehr Medienkompetenz als früher. Er muss die digitalen Dateninstrumente bedienen können, und braucht an erster Stelle die Kompetenz zum kritischen Sichten. Hinter jeder Botschaft steht ein Sender mit Interpretationsabsicht. Auch mehr Metakompetenz, die Komplexitätsreduktion selbst einschätzen zu können, wird gebraucht. Ich muss z.B. nicht die Derivatenprodukte des Finanzmarktes kennen, um einzusehen, dass mehr Bankenkontrolle wichtig ist (auch wenn zu viel schädlich sein kann!). Man muss aufgeben, über alles mitreden zu wollen. Das Delegationsprinzip von Liquid Democracy, nach dem ich einer Person, die auf einem Gebiet gut durchblickt, vertraue, und sie zu meinem Sprachrohr werden lasse, kann das Überinformationsproblem auch entschärfen.
  • usw.
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Industrie 4.0 – Worthülse, Vision, Euphemismus?

In Wissenschaftssendungen, Feuilletons und Wirtschaftsteilen tauchen die Begriffe „Industrie 4.0“ oder „Internet der Dinge“ zunehmend auf. Das klingt geheimnisvoll und zunächst einmal unverständlich. Der Begriff Industrie 4.0 ist wohl als Propagandaslogan der Merkelregierung zur Rationaliserungsförderung der Industrie auf der Herbstmesse 2011 in Hannover kreiert worden. Die 4 deutet auf die Anzahl stattgefundener industrieller Revolutionen, wobei die 1 für die Mechanisierungsphase, die 2 für den Eintritt der Massenfertigung, die 3 für die digitale Revolution stehen. Nach der Erfindung des Mikrochips und all seiner Anwendungen soll es noch einmal einen revolutionären Schub gegeben haben (oder geben) für den die 4 steht, wobei 4.0 unschwer mit dem Internet zu assoziieren ist.
Letztlich geht es um weiteren Rationalisierungsdruck, der auch auf dem ökonomischen Musterknaben Deutschland im globalen Maßstab weiter lastet. Und Rationalisierung wird nicht zu Unrecht mit Arbeitsplatzverlust und Arbeitsintensifikation assoziiert, da klingt eine „Industrie 4.0“ dann doch etwas unverfänglicher. Folgerichtig betont Franz Fehrenbach (Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH) im Interview in der FAZ vom 15.12.13 zum „Internet der Dinge“, dass die Industrie nicht weiß, ob die Menschen im „Internet der Dinge“ einen Nutzen sehen werden, oder ob in der Wahrnehmung die Risiken mehr überwiegen. Deshalb müsse rechtzeitig für Akzeptanz gesorgt werden.

Der Lenkungskreis der „Plattform Industrie 4.0“ definiert den Begriff wie folgt:
Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, einer neuen Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen.
Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen sowie die Fähigkeit aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbst organisierende, unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach unterschiedlichen Kriterien wie bspw. Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch optimieren lassen.

Diese offizielle Definition stellt die individualisierten Kundenwünsche als Orientierung in den Vordergrund, was man den Autoren schwerlich abnehmen kann, es ist selbstverständlich der Wunsch, über mögliche weitere Rationalisierungen Kosten zu senken, um im Konkurrenzkampf vorne zu bleiben. Wenn schon die 3 für die digitale Revolution steht, dann wirkt die 4 doch etwas aufgesetzt. Was soll die „neue Stufe“ sein? Was mit 4.0 beschworen wird, ist eigentlich die bloße Fortentwicklung der Steuerungskompetenz der Mikrochips und der Ausweitung der Logistik über die Internetdatenströme.Aufgeblasene Worthülsen finden sich unter „I 4.0“. Was ist z.B. eine „digitalisierte Wertschöpfungskette“? Das kann eigentlich nur bedeuten, dass alle Produkte einer Firma mit einer Kennung versehen sind, die in einem Softwaresystem mindestens nach Ist und Soll und weiteren Kennungen abgeglichen werden können. Ich bin kein Industrieexperte, aber ich kann mir schwerlich vorstellen, dass z.B. in den BMW-Werken noch jemand mit einem Papierformular im Lager herum läuft und Schrauben zählt. Seit dem Aufkommen von Rechnersystemen in Betrieben gibt es eine stetige Tendenz, die Warenstromerfassung papierlos, also „digital“ abzuwickeln. Wo ist die neue Stufe?

Im Online-Unternehmermagazin wird am 23.11.14 verkündet, dass deutsche Unternehmen pro Jahr 40 Milliarden Euro pro Jahr in Industrie 4.0 investieren. Diese Summe ist deshalb so hoch, weil ganz normale Güter, wie z.B. Antiblockierbremsanlagen als „digitale Produkte“ gezählt werden (in selben Beitrag). Wenn man ein E-book als digitalisiertes Buch zählt, kann jeder zustimmen, aber ein Bremsanlage, die eine elektronische Steuereinheit als Antiblockiersystem integriert hat, als „digitales Produkt“ zu bezeichnen, ist reine Worthülsentümelei. Auch ein Pkw, der voll gerammelt ist mit Zusatzmotoren, Kabelsträngen, Sensoren an jedem beweglichen Teil und mehreren Mikroprozessoren, ist kein digitales Produkt, sondern eine idiotische Ingenieurfehlleistung, die über eine Tonne Material benötigt, um ein Männchen von 80 Kilo von A nach B zu bewegen. Wenn dieser PKW einen ernsthaften Defekt hat, und zufällig in der Nähe nur Werkstätten anderer Firmen sind, werden sich die spezialisierten Monteure ratlos über die Motorhaube beugen und nicht helfen können, denn es bedarf dazu ein diagnoseeigenes Wartungssystem. Auch als Oldtimer hat dieser PKW keine Zukunft mehr, denn die upgedateten Wartungsanlagen werden seine Elektronik nach zwei Jahrzehnten nicht mehr verstehen. Eine lineare oder gar exponentiell unbegrenzte Steigerung der „Sensorisierung“ (was letztlich hinter dem Wort Digitalisierung steht) ist schwerlich vorstellbar. Nie gingen Trends beliebig weiter, immer erfolgte ein Strukturbruch, bzw. ein Systemwandel, der dem Explodieren eine Grenze setzte.
Es gibt viele denkbare Querschläger, die einer Vision einer ausufernden Industrie 4.0-Entwicklung in die Quere kommen können:

  • Sozial gesehen gilt immer noch der simple Einwand, wer soll den produzierten Krempel zahlungsfähig konsumieren, wenn auf der Produktionsseite kaum noch Arbeitseinkommen entsteht?
  • Automatisierte Produktionsstraßen mit automatisierter Logistik und „digitalisierten“ Verkaufssystem funktionieren ökonomisch nur mit dem Gesetz der großen Zahl, d.h. ohne riesigen, auf Weltmarkt konzipierten Durchsatz ist so etwas nicht finanzierbar. Was aber, wenn politisch die Lust am Weltmarkt, aus welchem Grunde auch immer einbricht?
  • Was ist, wenn eine auf Nachhaltigkeit orientierte Gesellschaft mehr Ressourcenschutz, mehr Sozialschutz, mehr Regionalität, mehr Reparierbarkeit wünscht?
  • etc.

In den kommenden Jahren werden immer mehr Geräte und Systeme so ausgestattet sein, dass sie automatisch Daten über das Internet versenden und empfangen können” schreibt BOSCH auf seiner Seite zum Internet der Dinge. In dieser Aussage sollte man das Adjektiv “automatisch” sehr infrage stellen. Plaudern da die Dinge nach Gutdünken miteinander?

Das viel gebrauchte Modell des selbst einkaufenden Kühlschranks, der seine Fehlbestände automatisch nach ordert, habe ich immer als das blödsinnigste Beispiel der 4.0-Apologeten empfunden. In einer sozialistischen Planungsdiktatur wäre das denkbar, aber im Kapitalismus wird ein Einkaufschef für die einzukaufenden Vor- und Zwischenprodukte immer ein Auge auf den Markt haben müssen. Bei einer Bestellung müssen Preis und Leistung stimmen, das überlässt man den Algorithmen? Wer das glaubt, überschätzt die Potenz von Algorithmen oder unterschätzt die Wirksamkeit der Märkte.

Bleiben wir beim privaten Kühlschrank. Der ist nicht einfach ein Zwischenlager für den Nahrungsnachschub einer Familie (so denkt vielleicht ein sozial unfähiger Ingenieur), sondern ein individuell bestückter Puffer des kulturellen Einkaufs- und Verbrauchsverhaltens. Ein mündiger Konsument entdeckt auf vielerlei Wegen etwas Ess- und Trinkbares. Er/sie entscheiden sich spontan, das entweder am gleichen Tag zu verzehren, oder es potentiell später zu nutzen, und dazu braucht es einen Aufbewahrungsort. Die Impulse für Füllen und Entleeren sind halbwegs selbst bestimmte Kulturakte, die mit Konvention, Spaß oder auch Stress besetzte sein können, aber keine logistischen Lagerhaltungsprobleme.

Wenn in 4.0 die „Dinge miteinander kommunizieren“ gibt es ein Transparenz-, bzw. ein Datengeheimnisproblem. Nehmen wir einmal an, 10 Firmen bestellen bei einem Zulieferer. Wenn die „digitalisierte“ Warenkommunikation klappen soll, müssen die Produktionsautomaten des Zulieferers tief in die Dynamik der Nachfrage der 10 Abnehmerfirmen blicken können, um eventuellen Nachfrageschüben gewachsen zu sein. Das kann nur funktionieren, wenn der Zulieferer sehr viel Datenwissen über die Interna seiner Kunden hat. Wo bleibt da (ganz ohne NSA) das Betriebsgeheimnis?

Optimierende Algorithmen laufen aus dem Ruder, wenn alle die gleichen nutzen, wie die Finanztransaktionssysteme gezeigt haben. Unterstellen wir einmal, die Sparbrötchenfamilien haben alle den gleichen „Kühlschrank-Algorithmus“, der am Markt die billigsten Anbieter pro gewünschtem Produkt aussucht und ordert. Das hätte zur Folge, dass das billigste Angebot der Region sofort alle Kaufbestellungen anziehen würde. Die Anbieterfilialen kommen dann in die Situation, dass ihre Billigstangebote sofort eine stoßhafte Nachfrage erfahren, alle anderen Produkte kaum noch gehen, weil die bei einer anderen Filiale als Lockvogel angepriesen sind. Für den Ersatz des Ganges zum Einkaufsladen um die Ecke wird dann im Endeffekt so viel technologischer (Erfassungssysteme) und ökonomischer Aufwand (Vertriebssysteme) geschaltet, dass die Gesamtbilanz schwerlich zum Nutzen des Verbrauchers ausfällt. Der Warenbezug verteuert sich letztlich unter Beachtung aller Komponenten, der lokale Händler geht Pleite, und der Stadtteil des Verbrauchers ist wieder um eine Infrastruktur ärmer geworden – schöne neue 4.0-Welt!

So weit wird es aber gar nicht kommen, denn ich halte Vieles der I 4.0-Visionen für informatische Schwärmerei, die an den sozialen, kulturellen und ökonomischen Grundfragen vorbei geht. Dass dennoch in den Industrie internen Abläufen noch eine Menge Rationalisierungspotential vorhanden ist, und dass das sowohl die unqualifizierten, wie die qualifizierten Arbeitsplätze bedroht, und zu weiteren Verwerfungen zukünftiger Berufsbilder führen wird, steht außer Zweifel.

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Selfie – Versuch einer Ehrenrettung

„Stoppt den Selfie-Wahn“  schreibt Axel Vornbäumen am 6.11.14 im Spiegel und polemiseiert damit vor allem gegen die Politiker, die zur Steigerung ihres Popularitätsgrades gerne das Selfie nutzen. „Seht her, ich bins“ lautet der gehlatvollere Artikel der FAZ  von Hans-Heinrich Pardey vom 25.6.14. Hier wird mehr beschrieben als bewertet. Z.B. der Oxford Dictionary hat den Begriff 2013 zum Wort des Jahres gekürt. Smartphons und Kameras folgen dem Selfie-Trend, indem die Auflösung der Frontkamera erhöht wurde, schwenkbare Displays und WLAN in die preiswerteren Kameras integriert wurden, damit diese Bildchen sofort ins Netz transportiert werden können.
Wikipedia definiert „ein Selfie ist eine Art Selbstporträt, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen. Selfies sind oft in sozialen Netzwerken wie Facebook, Snapchat oder Instagram zu finden und bilden eine oder mehrere Personen (Gruppenselfies) ab.“ Die Seite geht historisch auf die ersten Selbstprortraits zurück, und kommt dann im 2. Kapitel auf Soziologie und Gesellschaft, wo vor allem die Problematik der ungefilterten Verschickung in die Netze betont wird, der Genderaspekt (Vermarktung des Frauenkörpers) und schließlich Pornografie zitiert wird, weil die Menge der geposteten nackten Selbstdarstellungen zumindest ein exibitionistisches Massenverhalten signalisiere. (Stand 7.11.2014)
In vielen Gesprächen mit Freunden und in etlichen Feuilletonartikeln wird beim Stichwort Selfie sogleich „Selfiemanie“ assoziiert, meist wird Kulturkritisches, Dümmliches oder krankhaft Narzistisches damit impliziert. Selfietypen sind die Anderen, von denen man sich bewußt abgrenzt.

Ich liebe es aber selber, meinen langen Arm auszustrecken, und mich z.B. auf einer Pause meiner Radtouren in solcher Pose aufzunehmen, dass ich mit dem Kopfe noch drauf bin, drapiert entweder von meinen geliebten Kaffee-Kuchen, oder meinem Rad, oder einer markanten Fluß- oder Landschaftsstelle. Dieses Zeugnis, des Ich-bin-hier und trinke gerade Kaffee, oder genieße gerade eine Landschaftsentdeckung, geht nicht in die Netze. Noch nie habe ich ein Selfie von mir auf Facebook gestellt, ich schicke es dem engeren Familienkreis, meist nur einer Person. Ist das Narzissmus? Teile ich selbstverliebt meinen Ort mit, um ungesagt mitzuteilen, dass ich mit meinen 72 noch locker am Nachmittag 30 Kilometer weg und wieder zurück flitzen kann? Ein Angeberfoto, schaut her, wer ich bin? Oder will ich mitteilen, schaut, wie schön es hier ist, und es wäre noch schöner, wenn Du (der Adressat) auch hier wärest? Oder bin ich schreibfaul und komprimiere auf einem Foto, was in vier Sätze gepackt werden müßte?
Was auch immer, nach der Kommunikationstheorie eines Watzlawicks sende ich mit dem Selfie einen Inhalt und zugleich eine Botschaft, mit der ich dem Empfänger etwas mitteilen möchte. Der Beziehungsaspekt (die Botschaft des Bildes) kann Narzissmus sein, muss aber nicht. Dies sei schon mal gegen die simplen Narzissmuskritiker gesagt.

Und überhaupt sehe ich im Selfie eine innovative Nutzung vorhandener Technologie. Ein Selbstportrait in der Zeit vor der Fotografie konnte nur von einem Maler gehaltvoll produziert werden. Aber selbst noch zur Zeit des analogen Fotoapparates, war ein Selbstportrait, das man selber ausführen wollte, ein sehr diffiziler Akt. Man musste die Kamera auf einem Stativ befestigen, im Sucher den Ausschnitt bestimmen (wobei man sich selber nicht sah), Blende, Zeit und Fokus einstellen, den Selbstauslöser aktivieren, und sich schnell im gewünschten Bildausschnitt positionieren. Mit den digitalen Kameras, die automatisch fokussieren und belichten, konnte man den Apparat im Arm so halten, dass das Objektiv auf einen blickt, und beim Auslösen hoffen, dass der Bildausschnitt dem entsprach, was man sich vorgestellt hatte. Das war der eigentliche Vorgänger des „Selfies“. Mit der Frontkamera im Smartphone, oder dem schwenkbaren Display auf der Kamera war es zum ersten mal möglich, dass der sich selbst abbildende Fotograf auch unmittelbar sehen konnte, was er fotografieren wollte. Die Technologie hat damit ein Fenster für eine neue Gestaltungsmöglichkeit eröffnet, sich selbst im Bereich einer Armlänge bewusst in Szene zu setzen, um somit Inhalt und Botschaft bestimmen zu können. Dass den Leuten das massenhaft Spass macht, und ein solcher Schnappschuss nicht automatisch zum Kunstwerk gerät, kann man dem Selfie nicht vorwerfen, das gilt für jeden digitalen Schnappschuss.

Allerdings bleibt noch die Frage, warum eine neue technologischen Möglichkeit so intensiv benutzt wird? Da muss es noch einen Reiz geben. Ein “Nicht-Selfie” ist ein Bild, bei dem ein nicht sichtbarerer Betrachter eine ästhetisch, formal aufbereitete Botschaft vermittelt. Das Bild erzählt uns eine Geschichte aus dem realen Blickwinkel des Beobachters. Beim Selfie beobachtet der Beobachtende sich selbst. Sein Blickwinkel ist über eine Apparatur vermittelt. In der analogen Zeit war das das Spiegelbild. Die Welt wird als Spiegelung erfaßt, bei der der Beobachter sich selbst beobachtet. Nicht nur die Welt sehen wollen, sondern sich selbst in der Welt sehen können, macht den Reiz des Selfies aus. Wenn man so will, ist das eine weitere Steigerung der Individualisierung der Gesellschaft. Das Individuum läßt sich nicht mehr nur einfach ablichten, es will sich selbst in Szene setzen.

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Nachhaltiges Crowdfunding

Das Internet macht das Geldsammeln für eine Projektidee möglich. Neudeutsch heißt das „Crowdfunding“, übersetzt auch „Schwarmfinanzierung“. Es gibt Beispiele gerade aus dem Medienbereich, wo in kurzer Zeit sehr viel Geld gesammelt wurde. Allgemein kenne ich die Kritik, dass wer bereits einen Namen hat, und damit meist auch über ein öffentliches Netzwerk seines Bekanntheitsgrades verfügte, der hat Erfolg im Crowdfunding. Und wer unbekannt ist, und gerade deshalb Unterstützung gut gebrauchen könnte, bringt keinen großen Schwarm zusammen, der eine nennenswerte Geldsumme erbringen könnte. Es gibt Internetplattformen, auf denen Projekte sich zum Crowdfunding präsentieren können, und Unterstützer können dort nach Projekten suchen, die sie für förderwürdig halten. Ich habe mal auf der Crowdfundingseite „Satrtnext“ das Stichwort „nachhaltig“ eingegeben und finde immerhin 126 Einträge. Die Szene hat offensichtlich die Wundertüte Crowdfunding entdeckt.

Die ersten drei aufgeführten Projekte: „German Lifestyle Award – Nachhaltiges Einkaufen“, „Nachhaltiger Konsum“, „forum universum – Marktplatz für Nachhaltigkeit“ sind gänzlich schief gelaufen, sie haben nur 1 bis 2% ihrer angestrebten Fördersumme erzielt mit jeweils nur wenigen „Supportern“. Bei den drei folgenden Projekten: „KiBa – einfach nachhaltig für unsere Kinder von Geburt an“, „Fair & Nachhaltig – Mode & Möbel – Zwei Konzepte Ein Ladenprojekt“, „Tag des guten Lebens: Kölner Sonntag der Nachhaltigkeit“ sieht es schon besser aus. Zwei davon wurden zu 100% und eins zu 12% finanziert, wobei die angestrebten Summen sich jeweils auf 5000.-, 6500.- und 7000.- belaufen.

Beim Durchblättern der „Nachhaltigkeitsprojekte“ sehe ich, dass doch eine größere Zahl von Projekten erfolgreich gesammelt haben. Thematisch überwiegt nachhaltiger Konsum. Die Plattform behauptet von sich, dass 60% ihrer Projekte erfolgreich finanziert werden.

Das Crowdfunding funktioniert nach dem „Alles-oder-nichts-Prinzip“, d.h. ein Projekt gibt eine kalkulatorische Summe an, die in einem begrenzten Zeitraum (meist ein Monat) gesammelt werden soll. Möglich ist dabei auch, das z.B. ein Projekt bereits Fördergelder erhält, oder einen Sponsor hat, so dass das Crowdfunding noch eine Ergänzung dazu beiträgt. Wenn die Summe nicht zusammenkommt, geht das Geld an die Spender zurück. Die Stratnext-Plattform wickelt den Einzahlungsmodus (nach erfolgreichem Abschluss) ab, so dass der Projektanträger damit nicht belastet wird. Dafür gibt es ein flexibel zu handhabendes Entgelt (Provision) für die Plattform. Als Gegenleistung für den Förderbetrag steht die ideelle Unterstützung des Anliegens des Projektes, oder aber es können kleine Produkte (T-shirt mit Aufdruck, Eintrittskarten für Veranstaltungen, Poster, etc.) erworben werden, was man jeweils auf der Projektseite ankreuzen kann.

Ein wesentliches Erfolgsgeheimnis besteht in der Größe des Unterstützernetzwerkes, das in jedem Falle von einem „realen“ Netzwerk (Familie, Freunde, Beteiligte,.. ) ausgehen sollte. Die Plattform sagt dazu:

Wie groß ist das Netzwerk, das hinter dem Projekt steht? Die Unterstützung eines Crowdfunding-Projekts beginnt fast immer im eigenen Netzwerk – bei Freunden, der Familie, Fans oder deinem Publikum und ihren Netzwerken. Wenn du aktiv kommunizierst und dein Projekt Kreise zieht, werden nach und nach Menschen dazu kommen, die du noch nicht kennst und du kannst deine Community aufbauen. Je größer dein Netzwerk ist, umso realistischer ist es, ein höheres Fundingziel zu erreichen.

Das Crowdfunding kommt nicht nur aus dem Land der Ursprünge (fast) aller Internettechnologien, es kommt auch aus dem Land mit schwachen Sozialstandards, geringer öffentlicher Gesundheits-, Bildungs-, und Kulturvorsorge. Wo die öffentliche Förderung zurück gefahren wird, kann ja Crowdfunding einspringen! Sollte man sich nicht doch lieber für mehr Steuern, insbesondere im Hochverdienermilieu einsetzen, als für neue Wege des Geldsammelns bei denen, deren Renten gekürzt, deren Ersparnisse nur noch Verluste erbringen, und deren Mieten und Energiekosten ständig steigen? Andererseits ist eine nachhaltige Entwicklung auch ein zivilgesellschaftliches Projekt, wo nicht ständig auf den Staat zu verweisen ist. Crowdfunding ist ein Bürgerbeteiligungsmodell, was eigentlich eine gute Sache ist, die hilft, ein Projekt zur eigenen Sache zu machen. Wer fördert, der engagiert sich, und das wollen wir ja eigentlich.

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Der Circle – Roman von Dave Eggers

Literatur lebt in den Medien so ca. einen Monat um die Neuerscheinung. Im August wurde „Der Circle“ von Dave Eggers gehypt. FAZ, Neue Züricher und Süddeutsche loben wesentlich mit Vergleichen von Huxleys „Schöne neue Welt“ (reloaded) oder als Orwellsches 2084. Die FR hält sich mehr bedeckt und lobt die gesellschaftspolitische Brisanz und tadelt die etwas zu undifferenzierte Sichtweise. In der taz verreißt Dirk Kniphals am 10.8.2014 das Buch: „Groß angekündigt als eine brillante Analyse der Kehrseiten der digitalisierten Welt. Herausgekommen ist ein flacher Roman über simple Menschen.“ Und der Literaturkritiker Denis Schack nennt jüngst den Circle einen „bitter notwendigen Roman“.

Ich hatte das 558 Seiten starke Buch auch schon seit August in der Hand, bin aber lesend nicht hineingekommen – langweilig, langatmig und zu viele alltagssprachliche Dialoge, thematisch aber interessant. Ich bin dann lieber aufs Rad gestiegen und hatte andere Abwechslungen.

Eine Dystopie über die digitale Welt ist für mich aber fast schon Pflichtlektüre, so war das schlechte Wetter in der 2. Oktoberhälfte Anlass genug, es endlich zügig durch zu lesen.

Der Plot ist relativ einfach: man vermenge Amazon, Facebook, Google und Apple zu einem Superkonzern und potenziere nur etwas die bereits bestehenden Tools der Datenschnüffelei, der sozialen Netze, etc und schon entwickelt sich das zu einem totalitären System, von dem die Stasi nur träumen konnte und die NSA schon viel näher dran ist. Der scheinbare Reiz dieser Konstruktion besteht darin, dass das alles auf einer Folie von Freiwilligkeit unter frenetischem Beifall der Mittäter und Mitopfer geschieht. Die Haupt-Protagonistin ist eine junge intelligente und ehrgeizige Frau namens Mae, deren Einstieg in der Firma ausführlich beschrieben wird. Der Konzern wird von einem Trio geleitet, wobei zunächst Harmonie zwischen den Leitenden zu bestehen scheint, und ganz am Schluss entpuppt sich einer als böser Machtmensch, ein anderer als naiver Idealist und der Dritte als flippiger Aussteiger. Die Arbeitsbedingungen sind changierend, einerseits ein Paradies, was soziale Leistungen, Kulturangebote, ästhetisch kühn gestaltete Infrastruktur anbelangt, andererseits, man merkt es mehr indirekt, eine Arbeitshölle, die an (intrinsisch gesteuerter) Intensivierung kaum mehr zu toppen ist. Z.B. auf Maes Schreibtisch stehen erst zwei Monitore, einer für die Arbeit, und einer für das betriebsinterne Social Networking. Dann kommt ein 3. Schirm für das private Networking hinzu, ein weiterer kleiner Schirm für eine Sonderaufgabe, etc. Alle Tätigkeiten werden gemessen und unterliegen einem Ranking, das alle einsehen können. Das Ganze wird vom Autor als Ideologiegetrieben (und leider nicht als Profitgetrieben) dargestellt. oberstes Leitprinzip heißt totale Transparenz, Geheimnisse sind Lügen, und je mehr man über alles weiß, desto weniger kann sich Böses ausbreiten. Genau in diesem Muster liegt eine nervende Plattheit des Romankonzeptes. Für wie dumm hält Eggers die Bürger? Selbst die Amis sind nicht so blöd, dass sie nicht ein mulmiges Gefühl bekommen, wenn allerorten Kameras auf sie gerichtet sind. In der Welt kennt man die Kehrseiten der Gadgets, die im Circel abwesend sind. Jedes noch so blöde Tool, wird im Circle frenetisch beklatscht. Es braucht 148 Seiten, bis zum ersten Mal ein Kritiker, der frühere Freund von Mae, auftaucht, der fettleibig, unsympathisch gezeichnet wird, und dem Mae keinerlei Verständnis entgegenbringt, sie stempelt ihn als Spinner ab. Was will der Autor damit sagen? Sind wir alle blind gegenüber dem, was sich da zusammenbraut? Wenn gesellschaftlich eine Blindheit herrscht, gegen die anzuschreiben wäre, dann eben nicht gegenüber den Zuspitzungen der Netztechnologien im Roman.

Als in Deutschland die Chipkarte für alle Krankenkassenpatienten eingeführt werden sollte, gab es massenhaften Protest. Die Karte wurde so entschärft, dass man sich heute fragen kann, wozu der Aufwand, wenn auf dem Ding nichts Krankenrelevantes steht? Das Problem, das wir mit der digitalisierten Gesellschaft haben, besteht nicht darin, dass Datenkonzerne im Frontalangriff Trackingtools (Personenverfolgungswerkzeuge) kreieren, wie das in Circle geschieht, sondern dass viele kleine sehr unscheinbare, und isoliert gesehen sehr harmlose „Spurenhinterlasser“ den digitalen Konsummarkt überschwemmen, die dann von den Konzernen oder den Geheimdiensten mittels immer mächtiger werdenden Algorithmen zu ähnlicher Treffsicherheit zusammen geführt werden können, wie der implantierte Chip in jedem Kind im Circle-Land. Einen datensendenden Chip als Implantat in jedem Neugeborenen kann man sehr einfach politisch bekämpfen, den wird es in unserem Kulturkreis absehbar so nicht geben. Aber gegen ein so wunderbares Gadget wie z.B. Whats App, das beim Nutzer der Inbegriff der privaten Kommunikation darstellt, kann man nicht so einfach politisch zu Felde ziehen, wenngleich auch Whats App ein potentielles Glied in einer potentiellen Überwachungskette darstellen kann, die wir heute in Umrissen erahnen können.

Im Circle wird ein Gesundheitsarmband entwickelt, das alles scannt, was von der Haut abgreifbar ist, und es wird noch ergänzt durch einen körperinneren Sensor. Wir haben solche Technologien bereits, sie werden ständig verbessert, und über 1000 Gesundheitsapps erfreuen sich wachsender Beliebtheit und werden freiwillig verwendet, die Daten werden ins Netz gestellt. Wer mit welchem Pulsschlag wo geradelt ist, kann man heute schon auf öffentlichen Plattformen einsehen. Ins Schwarze getroffen, Herr Eggers? Nein, eben nicht. Während im Circle undiskutiert immer gleich klar ist, dass alle auf alles Zugriff haben, geht der reale Nutzer von der Hypothese aus, dass er über die Optionen auf seiner Plattform verfügt, was er öffentlich macht, und was er für sich behält. Den sich selbst messenden Sportler treibt kein Trasparenzwahn (das Elixier im Circle), sondern er empfindet zurecht eine Erweiterung seiner Möglichkeiten, ohne ärztliche Hilfe Trainingsprogramme zu definieren, und durchzuführen, und diese mit Freunden im Netz zu teilen, was so anspornend ist, wie ein realer Wettlauf, wo der Schnellere den Langsameren beflügelt. Wenn die Datenplattform von den Sportlern selbst programmiert und verwaltet, und damit selbst bezahlt würde, gäbe es kein Dystopieproblem. Das Problem entsteht erst durch das Geschäftsmodell, das der Betreiber der Plattform verfolgt. Er investiert in die Plattform, weil sie Daten sprudelt, die gewinnbringend am Datenmarkt veräußert werden können, und da beginnt das Metatracking, wenn über Verkäufe diese Daten mit anderen Daten zusammengeführt werden können. Diese Zusammenhänge werden in Circle nicht thematisiert.

Beim penetranten Herumpochen auf den Segnung der Transparenz im Roman sollte jedem deutschen Leser die Piratenpartei einfallen (die taz-Kritik erwähnt das). Während im Circle die freiwillige Totaltransparenz eines Senators, der mit laufender Körperkamera und allen seinen Äußerungen ständig online ist, innerhalb eines halben Jahres dazu führt, dass 80% aller Politiker sich ebenfalls der totalen Transparenz verpflichten, führte der ehrliche Anspruch der Piraten, Politik transparent für alle zu machen, sehr schnell zur Selbstzerstörung der Bewegung. Den Gegenargumenten, bzw. deren anderen Seite der Medaille fast aller hoch gepriesenen Tools im Circle gibt der Autor keine Stimme.

Sex sells, die Hauptperson eines Erfolgsromans braucht Liebesgeschichten. Aber die erotischen Affären mit dem verklemmten Programmierer Francis und die explosiven Vögelszenen in Toiletten mit dem mysteriösen Typ Kalden sind simple Männerfantasien, literarisch eingespeiste Spannungstreiber, die im Sinne einer sich entwickelnden Person Mae nur schwer nachvollziehbar sind. Alle Figuren sind eigentlich nur Schablonen, an deren Funktionsweise die fantastischen Tools des Circels demonstriert werden.

Die Unterkomplexität des Buches mag ein literarischer Kunstgriff sein, es dem einfachen Leser schmackhaft beibringen zu wollen. Aber wer alle Farben heraus nimmt, erzeugt ein graues, nichts sagendes Bild. Die Faszination Internet, das extreme Potential offenen Zugangs zu unermesslichen Informationsbeständen einerseits und die soziale Gefährdung, der absolute Datendurchgriff andererseits, sind ein solches Ambivalenzpaar, das einen Autor herausfordern, von ihm aber nicht unterdrückt werden sollte.

Hat mir auch etwas gefallen am Buch? Wenn nicht immer alles so glatt durchginge, so ist die Zusammenstellung dessen, was heute bereits technisch möglich ist, und dessen mögliche Auswirkungen in einer Brave New Stasiworld schon beeindruckend. Wer das Netz kennt, weiß das im Prinzip, aber wie das am Arbeitsplatz konkret durchschlägt, zum persönlichen Fall werden kann (Mercer, der dem System den Rücken kehren will), wie Mitarbeitergespräche zu beängstigenden Stasiverhören geraten, und das alles im Unterton, wir sind ja so besorgt um Dich, das hat mich bei der Lektüre gehalten, weil ich dann wissen wollte, wie der Autor seine Gebäude weiter ausbaut, und welche Register er noch alle ziehen kann, und wie das Ende gestaltet würde – das aber hat mich dann wieder enttäuscht.

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Abschlusskonferenz UN-Dekade BNE

Die Dekade war international ausgerufen worden, um der “Bildung für nachhaltige Entwicklung” im Sinne des Rio-Auftrags mehr Gewicht in allen Bildungsbereichen zu verleihen. Gemessen am hohen Anspruch von Rio, das gesamte Bildungssystem unter der Perspektive der Nachhaltigkeit aufzurollen, hat auch die Dekade nur einen ganz kleinen Schritt gemacht. Bei kritischer Betrachtung spielt in der beruflichen Bildung,  in der Hochschulbildung,  in der Weiterbildung, und in der Bildungsforschung BNE nur eine äußerst marginale Rolle. Zu dieser nüchternen Sichtweise wollte man sich aber auf der Abschlusskonferenz im ehrwürdigen alten Plenarsaal des Bundestages  in Bonn nicht durchringen. In den zahlreichen Redebeiträgen der Politik und Bildungsverwaltung herrschte “Politsprech”, man beschwor die BNE und den Nachhaltigkeitsgedanken als wichtigste Erscheinung im Bildungswesen. Und auch in den Workshopbeiträgen überwog die Sichtweise, das “Glas ist doch schon halb voll”.

Gemessen an dem, was in anderen Ländern zur Dekade erreicht wurde, ist die Bundesrepublik der Musterknabe. Während der Dekade wurden 3000 Bildungsprojekte aus allen Bereichen als Dekade-Projekte ausgezeichnet. Es gibt 500 (von 6000) ausgezeichnete Dekade-Schulen, es gibt 21 Dekade-Städte (dort erklärt man sich der BNE-Förderung für besonders zuständig).  Die Zahl derer, die in den Bildungsressorts von Kommunen, Ländern und Bund etwas von BNE wissen, hat erheblich zugenommen. Eine Konferenz, die so massiv Bildungspolitikern bis hin zur Ministerin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung das Wort erteilen durfte, hat es im BNE-Kontext noch nie gegeben.

Dek-MinisterinWenn etwas verändert werden soll, dann geht das nicht ohne die Politik, insofern war es gut, diese Präsenz zu haben. Unter dem Partizipationsaspekt war es leider eine bisweilen redundante Berieselung. Als Hauptzielgruppe zählen alle die Kinder und Jugendlichen, einmal fiel ein Hinweis auf lebenslanges Lernen, und im Grundrauschen geht es in der Politik darum, die BNE als Erziehungsmittel zum nachhaltigen (individuellen) Verhalten zu gebrauchen. Dieser stark normative Touch, wir wollen mit BNE die Werteeinstellungen zum nachhaltigen Handeln beeinflussen, durchzog auch viele Workshopbeiträge. Dass BNE mit dem Programmpapier von de Haan/Harenberg einmal angetreten war, die Zeigefingerpädagogik abzulösen, ist einer allgemeinen Euphorie, die Leute zum nachhaltigen Handeln bringen zu wollen, gewichen.

Die Bundesbildungsministerin, Frau Prof. Johanna Wanka, erfreut zunächst die Gemüter, dass sie in ihrer Rede die Finanzkrise als Folge nicht nachhaltigen Handelns erklärt. Aber dann kommt gleich die Wachstumskeule: 1 % weniger Wachstum bedeute für 20 Mill Menschen mehr Armut! Eine Differenzierung, dass die “armen Länder” noch Wachstum brauchen, wir aber schrumpfen sollten, findet nicht statt. Bei allen rosigen Reden über den Siegeszug des Nachhaltigkeitsdenkens wurde kaum erwähnt, dass in jüngster Vergangenheit der Ressourcenverbrauch, und damit die CO2-Emissionen weltweit und auch bei uns massiv angestiegen ist. Die Ministerin warnte auch leicht, dass BNE nicht zu einseitig gesehen werden dürfe. Der Energiebedarf zukünftiger Megalopolistädte brauche Fusionstechnologie zur Energiebefriedigung, auch das solle BNE vermitteln. Man spürte noch in weiteren Aussagen die Feder der Hight-Tech-Forschungsressorts, die an dieser Rede mit geschrieben haben.

Der Kopf der Deutschen UN-Dekade, Gerd de Haan, war in seinem geschickt auch mit partizipativen Elementen (Interviews mit Schlüsselpersonen der Dekade) gestützem Resümee noch der Bedächtigere unter den Großrednern. Im Rückblick resümiert er:

  • Es ist mehr BNE in den Bildungsbereichen erkennbar
  • Erhöhte Einsicht in die Notwendigkeit von B in B-NE (Bildung)
  • Verstärktes Engagement in der Politik
  • Entstehung von Netzwerken vielfältiger Akteure
  • Mehr Würdigung der lokalen Ebens
  • “systemische” Verankerung in der Einrichtungen voran gebracht
  • BNE hat neue Lernformen etabliert

Als Ausblick formuliert er:

  • mehr Strukturen bekommen (Bildungspläne, Standards, Q-Indikatoren)
  • Lücken schließen (berufliche Bildung, Hochschule, Lehrerbildung)

Die Redebeiträge und die Podiumsdiskussion wurden synchron wunderbar grafisch visualisiert:Dek-PosterDanach begann der Workshopteil, wobei die Dramaturgie folgend formuliert war: “Während der erste Konferenztag im Zeichen der rückblickenden Identifizierung von Gelingensbedingungen steht, widmen sich die Workshops am zweiten Tag der Erschließung von Aktionsfeldern und Commitments für die zukünftige Umsetzung von Bildung für nachhaltige Entwicklung” (http://www.bnekonferenz2014.de/konferenz/workshops/)

Die Workshops folgten auch in der Regel der Frage, was haben wir bislang erreicht, wie soll es weitergehen. Das vollzog sich in biederer Workshopdidaktik, viel Präsentation, etwas Diskussion. Das Präsentieren steht in der Regel unter Erfolgsdruck, so dass auch in den Workshops meist viel vom Wasser im Glas, und wenig von der verbliebenen Luft im Glas berichtet wurde. Die große Zauberformel für die Zukunft war das Wort vom Strukturen schaffen. Wobei ziemlich unklar blieb, welche Strukturen das sein könnten, bzw. wo sich dann einmal die Verbindungsknoten am Bildungstanker befinden werden.

Die Nachfolge zur UN-Dekade wurde bereits 2013 in Paris als “Weltaktionsprogramm” beschlossen. Welche Rolle das für eine Strukturstärkung spielen kann, war allen Beteiligten mit denen ich sprach, unklar. Eine detaillierte Ausarbeitung steht noch aus. Mir schwant bei einem solch aufgeblasenen Namen nichts Gutes.

Ich habe den Workshop zur BNE in Volkshochschulen besucht. In Deutschland gibt es über 1000 Volkshochschulen mit einem riesigen, vieldisziplinären Bildungsangebot, eigentlich ein idealer Träger für BNE. Es gibt aber nur in einem Landesverband (NRW) einen rührigen Mitarbeiter, der sich um Projekte kümmert und bislang ca. 10 VHS um sich zum Thema BNE schart. Die Botschaft: Mache Mitarbeiterfortbildung und bilde darüber kleine Netze. Im Deutschen VHS-Verband gibt es eine Mitarbeiterin, die früher das Feld entwicklungsorientierte Bildung und heute entsprechend das Globale Lernen mit geringem Budget präsentiert. Sie war nicht gekommen. BNE und Erwachsenenbildung fast eine Ferhlanzeige. Das war wohl der kleinste Workshop. Besser bestellt war der Wokshop des Arbeitskreises Kommunen und BNE. Hier zeigte sich, dass die Auszeichnungsmotorik (erfülle einige Kriterien, dann geben wir dir ein Prädikat mit Fahne) gute Ergebnisse erzielt. Die Gemeinden, die sich für eine Auszeichnung bewerben, bauen darüber BNE-Netze in ihrer Gemeinde auf, förden damit die kleinen kommunalen Einrichtungen, und bringen den Gedanken nach vorn. Dazu müssen allerdings Überzeugungstäter in der Kommune viel Vorarbeit leisten, um die Kommune zu entsprechenden Beschlüssen zu bewegen. Ein engagierter Bürgermeister hilft mit. Man will weitermachen, braucht dazu aber auch Netzwerkstrukturen, die finanziert werden.

Im Forum zum Thema Forschung und BNE schien mir bisweilen, dass hier mehr über Nachhaltigkeitsforschung und wenig über Bildungsforschung geredet wurde. Es wurde auf die großen Forschungseinrichtungen verwiesen, wohin die FONA-Mittel des Ministeriums wesentlich fließen, aber deren Bildungseinrichtungen (IPN, DIE, DIPF) waren überhaupt nicht vertreten und waren auch nicht angesprochen.

Das Catering der Konferenz verdient Lob. Es gab kein Fleisch, nur Vegetarisches, fairen Kaffee, wenig Alkohol, es wurden einem auf Tabletts immer wieder Gläser gefüllt mit Wasser, Säften und Tees angeboten, ja, das geht auch!

Mein Resümee:  die Erfolge der Dekade braucht man nicht klein zu reden, aber wichtig ist es, zu den Defiziten zu stehen. Jeder hat natürlich seine eigen Sicht darüber, was fehlt. Mir war das alles viel zu jugendlastig, zu werteerziehend, immer noch zu umweltorientiert. Die BNE ist aus meiner Sicht nicht ein Instrument, das die Leute zum Weg zur Nachhaltigkeit bringt, sondern sehr viel bescheidener kann BNE Leute, die bereits auf dem Wege sind, professionalisieren, den Prozess einer nachhaltigen Entwicklung unterstützen, und dafür Support in allen Bereichen bereitstellen. Das braucht Strukturen, die eng an bestehende Strukturen angebunden sind. Jugendliche beziehen ihre Werteeinstellungen von Ingroups, in Blockbustern, in Spielen, vom sozio-kulturellen Umfeld, etc. aber nicht vom Biologielehrer, der ein BNE-Projekt moderiert.

Wer auch da war, kann im Kommentarfeld meine Sicht gerne ergänzen, oder ihr widersprechen.

 

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Fotomanie – knipsen wir die Welt weg?

Mit dem Titel “Schwer überbelichtet”  schreibt Arno Frank in der heutigen sonntaz eine interessante, ziemlich kulturpessimistische Philippika gegen das milliardenfache digitale Fotografieren, das unsere Festplatten vollmülle, und den Blick auf das Eigentliche nur verstelle. Ereignisse werden nur noch als Fotogelegenheiten wahrgenommen, und ist das Ereignis erst abgelichtet, kann es der Fotografierende nicht richtig erlebt haben – so entrinnt uns die Welt nach Arno Frank. In der Tat, die Wahnsinnsfotografiererei besonders an touristischen Orten hat etwas Groteskes, manisch Triebhaftes. Das Festhalten wollen des Flüchtigen per Fotoapparat hat etwas Penetrierendes, wie beim Sex, schreibt Frank. Die Konsequenz dieser Analyse erspart uns der Autor, sie kann eigentlich nur heißen, schmeisst diese ganzen Gatgets in dem Müll und schaut künftig nur noch mit euren eignenen Sinnen um so genauer und intensiver hin!

Das aber wäre meines Erachtens die falsche Botschaft. Ebenso könnte man sagen, vergiss das Internet, er ergießt nur Ströme dümmlichster Tweets, hasserfülter Kommentare und dämlichster Katzenfotos über die Bildschirme. Mögen 95% Schrott und Werbung sein, die 5 bleibenden Prozent haben ein Potential, ein Füllhorn an Möglichkeiten, das allemal die Massenergüsse in den Schatten stellt. Wir erleben z.Zt. die vielleicht schmerzliche Demokratisierung des Mediums Fotografie, denn die Software der Bildbearbeitung in den Kameras ist inzwischen so gut, dass der größte Idiot ein technisch sauberes Foto erzielen kann, wenn er den Apparat nicht völlig daneben hält oder maßlos verwackelt. Das Ablichten ist entprofessionalisiert, jeder kann es. Auch der Übergang vom Aufnahmeapparat zur Sichtbarmachung als Bild ist so automatisiert, dass z.B. bei den meisten Providern für Smartphones die Bilder ohne zutun des Besitzers in der Standardeinstellung unmittelbar nach dem Fotografieren, oder zuhause per WLAN auf einer Plattform landen. Man muss kein Album mehr bekleben, das Album ist virtuell bereits da. Und wer als Album Facebook wählt, erspart sich den Diaabend, zur Vorführung seiner Urlaubsfotos. Das ist kulturkritisch betrachtet die totale Entmündigung des Fotografierenden, das Medium scheint die Botschaft zu sein.

Die Frage sollte erlaubt sein, ist das ein Zwangsmechanismus? Ich sehe das etwas gelassener als der taz Autor.  Ein Bild war füher als Bote einer spanneden Nachricht etwas Besonderes. Noch zu Zeiten des Vietnamkriegs gingen wenige Bilder um die Welt, die eindringlich zeigten, was dort passiert war. Dazu musste ein Pressefotograf vor Ort sein, ein Negativ mußte um die Erdkugel verschickt werden, bevor es auf Zeitungsspalten und in Illustrierten erscheinen konnte. Heute kommt das Bild mit dem toten Kind im Arm der verzweifelten Mutter in Echtzeit vom Gazastreifen global ins Internet und in die Fernsehanstalten. Noch erliegen wir dem Authentizitätsgehabe dieser Bilder, auch weil sie emotionaler aufgenommen werden als beschreibende Texte. Wer sich in seinem Fernurlaub vor einem Landessymbol ablichtet, glaubt noch, damit seine Statusbotschaft belegen zu können. Wenn erst einmal massenhaft durchgesickert ist, dass Bilder auch lügen können, dass sich Hinz und Kunz per Photoshop (oder per sehr viel einfacherer automatischer Software) vorm Eifelturm ablichten können, ohne da gewesen zu sein, dann kann das fieberhafte Ablichten schnell wieder erlöschen. Wir befinden uns gerade in der Kinderstube der digitalen Bildwelt, deshalb auch der kindliche Umgang.

Medien so einzustezen, dass sie einen echten Mehrwert für einen selbst erbringen, will gelernt sein, ist eine Kulturtechnik, die eine Weile braucht. Unser Problem ist heute, dass die Technologien viel schneller sich entfalten, als die entsprechende Kulturtechnik mithalten kann. Gegen Bilderverblödung muss man Aufklärung setzen. Je schneller die Technologien über die Märkte gejagt werden, desto wichtiger ist die mentale Vorbereitung auf den damit verbundenen Wandel. Es ist ein Privileg, dass ich selbst entscheiden kann, wann ich in der Welt bleibe, und nicht zum digitalen Gadget greife, und wann ich den Beobachter spiele und Prozesse abspeichere, um sie nachträglich um so intensiver nachspüren zu können.

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Teilhabe 2.0 – digitale kommunalpolitische Partizipation?

Die VHS Schwäbisch Hall hatte mich zu einem Vortrag zum Thema “Teilhabe 2.0″ eingeladen. Wir haben uns nicht besonders abgestimmt, und ich habe das Thema mehr im Sinne der großen politischen Linien, Facebookrevolution ja oder nein, und politische gesellschaftliche Partizipation in Netzen interpretiert. Hier meine Gliederung:

1. Elementares zu 2.0
2. Partizipation am Netz
3. Partizipation im Netz
4. Gesellschaftliche Partizipation durch Netzcommunities

Internetkritiker, wie Evgeny Morozov, sehen in den Tweets und Facebookbildern ein interessantes Beiwerk bei laufenden Revolten aber keinesfalls ihre Auslöser oder wesentlichen Verstärker. Diese eher kritische Sicht zu politischer Partizipation in großen Fragen habe ich übernommen, wenngleich man je nach Situation die Rolle der sozialen Medien konkret bewerten sollte und nicht pauschal beurteilen.

Mein Auftraggeber war aber weniger an der medialen Verstrickung an den Revolten gegen nordafrikanische Diktaturen interessiert. Er vermutet ein Erblühen digitaler Partizipation in der kommunalen Politik. Meine Nachrecherche zeigt in der Tat, dass sich neben der aus dem Umfeld der Piraten enstandenen Software zu “Liquid Democracy” einiges an deutschen Kommunen zur digitalen Bürgerbeteiligung getan hat. Die Stadt Bonn hat 2011 und 2012 ihren Haushaltsentwurf mit online Bürgerbneteiligungen zur Diskussion gestellt (http://www.bonn-packts-an.de). Es gibt eine Seite “Bürgerhaushalt” in der eine Großzahl deutscher Kommunen gelinkt sind, die Bürgerbeteiligung anbieten, aber wohl nicht alle digital. Die Stadt München hat vom März bis Mai 2012 eine Onlinebeteiligung “MitDenken” zu Stadtentwicklungskonzepten angeboten, bei der die Mitdenkenden Präferenzen zu ihren Entwicklungsschwerpunken angeben konnten, Ideen einbringen, und Lob&Kritik äußern durften. In “Frankfurt fragt mich” werden Bürger online aufgefordert, Schwachstellen am Mobilitätskonzept zu benennen, und Entwicklungsvorschläge zu machen. Last but not least stellt der Verein Liquid Democracy e.V. die Mitbestimmungsplattform “Offene Kommune” mit dem open Source Programm Adhocracy  ins Netz. Das Konzept von OffeneKommune baut auf dem zunehmenden Bedürfnis der BürgerInnen nach Beteiligung an kommunalen Entscheidungsfindungsprozessen auf. OffeneKommune ist eine neutrale kommunale Internetplattform, die von Kommunen für Online-Diskurse und niedrigschwellige ePartizipationsverfahren eingesetzt werden kann. OffeneKommune für frei zugänglich und lädt alle gesellschaftlichen Akteure ein, an Diskussionen und Entscheidungsprozessen teilzunehmen. (zitiert aus der Startseite).

All diese Aktivitäten zu mehr direkter Demokratie wollen nicht die gewählten Parlamente ersetzen, sondern sie zielen darauf, den Bürger mehr ins Boot zu holen, ihn an den Prozessen zu beteiligen, Vorschläge und Kritik zu äußern, so dass ingesamt mehr Transparenz vorherrscht und der Politikverdrossenheit vielleicht entgegen gearbeitet werden kann. Das ist eine sehr schöne Idee, die im Prinzip sehr unterstützenswert ist, ob sie aber real Bestand hat, da habe ich meine Zweifel.

Es fällt auf, dass diese Initiativen in der Zeit erstarkten, als die Piraten eine ernsthafte Bedrohung für das Wählerpotential der herrschenden Parteien war. Jetzt 2014, nach dem Niedergang der Piraten sind etliche Beteiligungsprojekte auch schon wieder beendet. Zu wenig Erfolg?

Zuerst müßte man verstanden haben, wie in Massendemokratien politische Willensbildung sich vollzieht, um dann zu fragen, welche Onlineschritte muss ich vorsehen, um diese Prozesse zu unterstützen. Ein online Partizipationswerkzeug hinzustellen (wie in “Offene Kommune”) und zu sagen, so jetzt partizipiert mal schön  – funktioniert nicht. Wenn Politikverdrossenheit und Partizipationsunwilligkeit vorherrscht, kann  mit Software keine Partizipation evoziert werden. Das bestätigt zumindest ein grober Blick in all die schönen oben genannten Beispiele. Die Teilnahmezahlen und Vorschlagseingaben sind gemessen an den Millionen Bürger in den Städten eben doch sehr niedrig. Da, wo halbwegs respektable Beteiligungen erzielt wurden (Bonn, München) sind Moderatorenstäbe engagiert wurden, um die Beteiligung durch zeitnahe Rückmeldungen und Support zu beflügeln. Wer nur eine Software hinstellt, und vielleicht eine studentische Hilfskraft zur Betreuung, wird mit Sicherheit eine “tote” Plattform erleben.

Ein Problem scheint mir in der “Massenfrage” zu liegen. Wegen der Wahlmechanismen reagieren Politiker heute immer nur dann, wenn hinter einer Forderung sichtbar eine große Teilnehmerzahl steht. Wenn ein mitgliedsstarker Verband seine Lobbystimme erhebt, oder wenn über eine Petition mit einer halben Million Stimmen gewunken wird, dann glauben Politiker, reagieren zu müssen. Wenn in einem kommunalen Beteiligungsforum ein qualitativ guter Vorschlag fünf psitive Bewertungen erhält, ist das allein wegen der geringen Zahl eine politische Nullnummer.

Warum gibt es in diesen Beteiligungsplattformen nur relativ wenig Beteiligung? Einfach deshalb weil es 99 von 100 Menschen völlig unsexy finden, sich abends ihr digitales Endgerät zu nehmen, sich einzuloggen, und per rationaler Kopfarbeit ein politisches Statement zur Kommunalpolitik zu posten. Vergleicht man diese Aktion mit einer Stimmabgabe bei einer der Kampagnenseiten im Netz, dann gibt es eine deutliche Schwellendifferenz. Stimmt man z.B.  bei AVAAZ.org gegen Genmaisanpflazung in XY, dann braucht man kaum nachzudenken. Die Organisation hat schon gedacht, der Text ist vorgefertigt, ich gebe nur meine Unterschrift, wenn ich sowieso gerade meine Mails checke, und weiss, 100.000 tun das auch, das wird die Wirkung verstärken, und mit meiner Eingabe habe ich ein gutes Werk getan, ich bin politisch entlastet. Bei einer Bürgerbeteiligung muss selbst gedacht werden, man macht es auch nicht so nebenbei, es ist ein eigenständiger Akt, und man weiss sehr wenig, ob es etwas bringen wird – also viel hochschwelliger.

Ich persönlich bin eigentlich ganz zufrieden, wenn viele Dinge des öffentlichen kommunalen Alltags von der Behörde vernünftig entschieden werden. Direkte Demokratie heißt im strengen Sinn, ich bin plötzlich für ganz viele Dinge direkt mit verantwortlich. Natürlich wäre es aus meiner Sicht gut, der Radweg auf der Bockenheimer in Frankfurt wäre breiter. Aber die Umsetzung dieser Forderung zieht die Verschmälerung der Straße oder das Fällen der Bäume und ein Loch im Budget nach sich. Muss ich mir den Kopf darüber zerbrechen, mich einarbeiten, um für eine komplex tragfähige Entscheidung votieren zu können? Und was ist mit hundert anderen Entscheidungen aus anderen Sachgebieten? Alles delegieren? Ja, ich habe diese Entscheidungen mit der repräsentativen parlamentarischen Demokratie delegiert, ohne Liquid Democracy. Und wenn Planungsfehler in einer Legislaturperiode zu eklatant werden, wird man andere Tools brauchen, als einen braven Änderungsvorschlag auf einem Beteiligungsforum.

 

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Selbstgesteuertes Lernen – noch lange kein Selbstläufer

In der modernen pädagogischen Literatur gehört es seit ca. 20 Jahren zu den Selbstverständlichkeiten, dass wir keinen Unterricht mehr planen, sondern Lernräume gestalten, lehrzentrierte Lernformen sind out, der Lehrende ist ein Coach, und am besten wird selbstgesteuert gelernt, denn der Konstruktivismus lehrt uns ja, dass ein Lerner „unbelehrbar“ ist (Siebert). So weit die Theorie. In meinem letzten Beitrag zum VHSBarCamp habe ich vom autonomen Lerner berichtet, der nur noch das Raumsetting braucht und alles andere selbst einbringt.  Allerdings, wenn man z.B. in der psychologischen Pädagogik genauer nachliest, heißt es, dass selbstgesteuertes Lernen nicht voraussetzungslos ist. Gabi Reinmann,  Heinz Mandel (Unterrichten und Lernumgebungen gestalten 2006) präferieren da eher den „Pragmatismus“, der ein auf die Teilnehmenden zugeschnittenes Austarieren von Fremd- und Selbststeuerung, bzw. Instruktion und Konstruktion verlangt. Hier gelten aber nur Faustformeln nach dem Motto, so viel Instruktion, wie nötig, um Lernprozesse an Zielsetzungen auszurichten, aber so viel Loslassen, wie möglich, um der Selbststeuerung der Lernenden Raum zu geben.

In der Präsenz eines berufsbegleitenden Fernstudienganges experimentiere ich im Team seit Jahren an einer Lehreinheit zu Multimedia in der Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Selbststeuerungsanspruch. Es geht um einen Wechsel von Exkursion im Gelände, Materialerfassung und mediale Ergebnispräsentation in Seminarräumen oder auf einer WEB-Plattform. Die Studierenden sollen dabei die Lerneinheiten selbst durchführen, um diese kennen zu lernen, damit sie sie später in ihrer Praxis anwenden können. Zwei Gruppen führen biologische Gewässeruntersuchungen an zwei Flussstellen durch, zwei Gruppen interviewen Bürger in der Stadt. Die Gruppen lernen mit fachkundiger Hilfestellung, die Qualität des Gewässers zu bestimmen, wobei sie ihre Befunde mit Fotos und Videos dokumentieren. Was sie dann allerdings aus den Befunden machen, welche Fragen sie sich stellen, welche Geschichte sie über die Untersuchung in ihrer Präsentation erzählen sollen, können (müssen) sie selbst entscheiden. Auch die Interviewgruppe hat das Oberthema „Nachhaltigkeit in der Stadt“, aber, was sie dazu fragen, was sie konkret herausfinden, und dann als Ergebnis präsentieren wollen, ist ihre selbst zu bestimmende Zielsetzung.

Erstaunlicherweise führt dieser kleine Selbststeuerungsfreiraum bei den Teilnehmenden gleich zu Beginn und im Prozess zu teilweise großen Frustrationen. Ich als „Coach“ beziehe Prügel, weil die Teilnehmenden den Frust, erst einmal nicht zu wissen, was sie nun genau machen sollen, an mir auslassen. Das Verlangen, dass der Lehrende einem sagt, wo es lang gehen soll, ist uns so einsozialisiert worden, dass ein Abweichen erst einmal auf Ablehnung stößt. Diese Teilnehmenden haben im Masterstudiengang zuvor eine Didaktikeinheit absolviert, in der Konstruktivismus und andere Lerntheorien fein säuberlich besprochen wurden. Ich habe in diesem Jahr extra zu Beginn des Seminars ein Rekurs auf die Didaktikkonzepte als Brücke zu unserer Veranstaltung geschlagen, wobei ich besonders die Methode des selbstgesteuerten Lernens präsentiert und präferiert habe – da gab es keinen Widerspruch. Nachdem die Gruppen aufgeteilt waren, habe ich noch einmal extra ein Prozedere empfohlen, wie man vorgehen sollte. Dabei war der erste Punkt: Zuerst eine Zielsetzung in der Gruppe finden, unter der das Material gesammelt und präsentiert werden soll. Was mir als Arbeitsanleitungs-Zaunpfahl erschien, war von manchen Teilnehmenden schlicht nicht wahrgenommen worden. „Ja, hätte man uns von Anfang an gesagt, dass wir das Ziel zuerst überlegen sollen,..“ oder „jetzt habe ich erst begriffen dass die Methode Selbststeuerung hier ausprobiert wurde, das hätte man mir zu Beginn sagen sollen…“ Diejenigen, die mir das gesagt haben, waren keine tumben, uninteressierten Teilnehmende, sie waren engagiert, und haben sehr gute Arbeit geleistet. Das zeigt um so mehr, wie schwer es ist, aus eingefahrenen Gleisen heraus zu kommen. Wenn man bedenkt, dass es einen EU-Beschluss gibt, der informelles Lernen (das ja selbstgesteuert verläuft) gleichrangig mit dem Lernen in formalen (Schule, Hochschule) und non-formalen (Weiterbildung, außerschulische Bildung) Kontexten stellt, dann ist doch erstaunlich, wie weit Theorie und Praxis auseinander klaffen.

Zum Glück war das Lernsetting nicht umsonst. Der Funke sprang über, dass Selbststeuerung zwar Frust bringen kann, aber dann doch eine sehr anregungsreiche, Kreativität hervorbringende Lernmethode ist, wurde mehrheitlich im Schlussfeedback geäußert.

 

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