Hallo Welt!

Dieser Blog will einer fachlichen  Diskussion Raum zu den Themen “Internet in der Gesellschaft“, “e-learning” und “Bildung für eine nachhaltige Entwicklung (BNE)” geben. Die tagesaktuellen Nachrichten spielen dabei eine untergeordnete Rolle. Auf sie zu reagieren, würde mich überforden. Deshalb sollten zukünftig “ältere” Artikel auch beachtet werden, soweit sie eben thematisch auf grundlegendere Aussagen ausgerichtet sind. Inwieweit ich diesen “multithematischen” Ansatz durchhalte, wird sich weisen.

Zum Verständnis für Blog-Neulinge. Diese “Home” Seite ist die dynamische, da werden alle Artikel in zeitlicher Reihenfolge abgelegt. Wer nur an einem Thema interessiert ist, kann rechts unter “Kategorien” die gewünschte anklicken, dann kommen nur Artikel zur Kategorie. Die übrigen Seiten oben im waagerechten Menü sind statisch, d.h. da liegt nur ein erklärender (einführender)  Text, der auch kommentiert werden kann, aber darunter kommen keine Artikel.

 

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PC- und Netzkompetenz der “Digital Natives”

Über die PC-Kompetenzen Jugendlicher und die verbreitete Aktivität im Netz gibt es einige Untersuchungen und viele Behauptungen. Bei Amazon findet man zwei Hände voll Titel, was die digitale Generation tue oder nicht tue. Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass der von Marc Prensky bereits 2001 geprägte Begriff “digital native”, die Generation bezeichnet, die etwa ab 1980 geboren wurde, so dass in deren Jugendzeit die digitalen Medien zur selbstverständlichen Lebensumwelt gehört. Dort steht aber auch, dass deutsche Medienwissenschaftler (Schulmeister) über diese Begriffspointierung nicht glücklich sind, weil nach ihrer Ansicht sich das Nutzerverhalten im Medienumgang eben doch nicht grundlegend verändert habe.

Prüfen ist besser als behaupten, so habe ich einen Fragebogen auf  Studierende eines Studienganges außerschulische Bildung (Universität Gießen) losgelassen, der nach Komptenzen und Internetverhalten direkt fragt. Das Alter der Befragten bewegt sich zwischen 22 und 26 Jahren, also “Digitale Natives”. Ca. 3/4 weiblich. Das ist natürlich alles andere als repräsentativ, wenn überhaupt, zeigt es einen Milieuausschnitt der kommenden Akademikergeneration im pädagogischen Bereich.

Zum Gerätebesitz:

Alle haben einen Laptop, die Hälfte hat zusätzlich einen Desktop zuhause, die Hälfte hat auch ein Smartphone mit Internetzugang (das hätte ich höher erwartet). Und nur 17% haben einen E-Reader.

Zur digitalen Gestaltungs-Kompetenz:

Die Kompetenzfragen (“Ich beherrsche eine Anwendung “xy:”) enthielten drei Antwortkategorien “nein”, mittel”, “gut”.
Immerhin sagen nur 80%, von sich, dass sie eine “gute” Textverarbeitungskompetenz haben. Mit Präsentationssoftware ist es so, dass sich 65% mit guter und 30% mit mittlerer Kompetenz einschätzen. Excel können nur noch 5% gut, 40% mittel und 55% nicht.

Im medialen Bedreich schätzt sich 30% “gut” und knapp die Hälfte der Befragten “mittel” bei der Bildbearbeitung ein, bei der Tonbearbeitung geben 70% “keine” und bei der Videobearbeitung geben 55% “nein” als Komptenz an. D.h. mit Bildern, Ton und Video kreativ umgehen kann über die Hälfte dieser Befragten nicht.

Als Indikatoren für eine technische PC-Kompetenz wurde nach der Fähigkeit gefragt, ein Betriebssystem oder ein Programm installieren zu können. Fast die Hälfte kann kein Betriebssystem installieren, d.h. der Rest kann es mäßig bis gut. Bei der Fähigkeit Programme zu installieren liegt der Kompetenzgrad höher, das können 80% gut und nur 5% nicht!

Zum Internetverhalten:

 Aktivität im Internet nein  etwas  viel
Ich recherchiere Fachbegriffe 5  30  65
Ich lese Nachrichten 15  35  50
Ich kaufe Literatur 30  30  40
Ich nutze soziale Netze 10  25  65
Ich kommentiere Beiträge in sozialen Netzen 35  55  10
Ich schreibe Beiträge in sozialen Netzen 45 45 10
Ich skype 25 65 10
Ich chatte 20 35 45
Ich lese Blogs 35 50 15
Ich habe Feeds abboniert 80 15 5

Diese Nennungen bestätigen die gängigen Thesen. Auch die gebildeten jugendlichen Internetnutzer sind viel mehr Kommunikationskonsumenten als Produzenten. Dass man in der Uni nicht zu 100% im Netz recherchiert, hat mich verwundert. Das Lehrbuch spielt hier doch noch eine Rolle. Jugendliche lesen weniger Zeitung (habe ich allerdings nicht erfragt) sie lesen mehr Nachrichten im Internet. Es wird sehr weniger in Blogs gelesen – die Blogsphäre ist in dieser Befragung marginal. Die “Facebookgeneration” nutzt diese Plattform lange nicht so, wie sie theoretisch könnte. Das große Modewort “Cloudcomputing” ist bei dieser Ziuelgruppe noch relevanzlos, nur 15% nutzen etwas und 10% nutzt virtuelle Speicher häufiger.

Vergleicht man diese Ergebnisse mit repräsentativeren Untersuchungen, so ergibt sich in der Tendenz eine ganz gute Übereinstimmung. Nach einer Studie von BITKOM von 2012 ergibt sich folgendes Bild der Nutzung in sozialen Netzen:


(Frage: „Welche Funktionen von sozialen Netzwerken nutzen Sie? Bitte kreuzen Sie alles an, was zumindest gelegentlich auf Sie zutrifft.“ Angaben in %)

Fotos hochladen, Meldungen Posten tun nur noch die Hälfte, und Videos werden noch weniger geladen, wobei man das “gelegentlich” in der Frage nicht unterschätzen sollte, d.h. die regelmäßigen Aktivitäten dürften niedriger liegen. Die große Dominanz von “Nachrichten verschicken” und “chatten” zeigt, dass die one-to-one Tools viel mehr genutzt werden als mögliche “soziale tools” (z.B. Statusmeldungen an die Gruppe, Fotos für die Freunde). Facebook ist damit mehr ein bequemes Werkzeug zur persönlichen Kommunikation im engen Umkreis und weniger ein soziales Medium im Sinne einer Sozialität im öffentlichen virtuellen Raum.

 

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Etherpadtest

Das Etherpad light (http://typewith.me), das sich einfach in eine Homepage einbinden lässt, wie voranstehd zu sehen, ist ein gutes Tool zur Gruppenarbeit (application sharing). D.h. wenn eine Gruppe sich online verabredet, können alle auf dieser URL im Pad einen Text erstellen, bearbeiten, und der Clou, unten rechts ist noch ein Chat, wo die Beteiligten ihre Texteinfälle kommentieren können. Die Gruppe ist dann allerdings “nakt” im Netz, d.h. jeder, der die URL kennt, sieht den Text.

Ich lasse diesen Pad hier mal stehen, um zu sehen, wie er sich vielleicht allmählich mit Spam füllt, oder aber auch mit  Kommentaren angereichert wird.

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Kopflose Revolution

Aus revolutionäre Kunst Schirn-Ffm AusstellungZwischen den Cyber-Optimisten und -Pessimisten läuft seit dem arabischen Frühling eine Kontroverse über die Rolle der sozialen Netzwerke bei den arabischen (und anderen) Aufständen. Evgeny Mozorov, Blogger und Autor des Buches “The Net Dilusion – the Dark Side of Internet Freedom” ist der wohl prominenteste Ablehner der Netz-Revolutionsthesen. Er sagt, es könne die revolutionären Gefühle hervorragend anfeuern – und ebenso gut die Revolutionäre auffliegen lassen. Es könne die Lügen der Regierung entlarven, aber auch im Blitztempo Propaganda verbreiten. Wer nach “Facebook-Revolution” googelt, findet unzählige Links, die wohl in der Mehrheit inzwischen in Richtung Mozorow neigen. “Die Bedeutung des Internets und von sozialen Medien wie Facebook für die Aufstände in der arabischen Welt sollte weder kleingeredet noch überschätzt werden“, sagt ein Kenner der arabischen Verhältnisse. Die Sonntaz zu Ostern12 greift das Thema noch einmal auf und legt m.E. sehr plausibel mit der These nach, dass die  bekannten BloggerInnen um den Tahirplatz eher JournalistInnen als Agitprop-Typen waren. Die englischsprechenden Blogger, zweifellos die Intellektuellen der Revolution, waren interessantgerweise eben nicht die Leader, die sagten, wo es lang zu gehen habe, sie waren die BegleiterInnen, reflektierten, vermittelten zum Westen, versuchten die Entwicklung so zu zeigen, wie sie aus der Sicht Betroffener besser kaum zu dokumentieren war. So jedenfalls sehen sich nach dem taz-Artikel die Akteurinnen der Szene. Dort sagt Razan Ghazzawi “‘Soziale Medien + Revolution’ ist das bescheuertste und nervigste Thema, das sich sogenannte ‘Experten’ ausgedacht haben, die keine Ahnung haben.”

Der ägyptische Blogger Hamalawy wird zitiert: “In einer Diktatur ist Journalismus eine Form von Aktivismus“. Die einen erschießen, die anderen dokumentieren das Erschießen. Ein ungleicher Akt, der aber nicht wirkungslos bleibt. Das Problem kopfloser Revolten wird von der taz leider nicht angesprochen. In der Erhebung im Wegdrücken der Diktatur sind sie stark, weil kaum zu berechnen und massenhaft, aber in der Gestaltung der neuen Gesellschaft zerbröselt die Vielfalt der intellektuellen Meinungen, die Blog-Reporter können nicht mehr bündeln. In der Ostrevolte gegen die DDR-Diktatur hatte man noch einen starken Slogan, “wir sind das Volk” gefunden, aber dann kamen die Apparatschiks der Westparteien und spülten die Runden Tische davon. Nix dritter Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, es kam die CDU. Und bei der arabischen Revolte sieht es wohl auch so aus, dass erst mal die Muslimbrüder kommen, und leidlich viel Mittelalter hoffähig wird. Hoffen wir nur, dass über die Blogs so viel Sand ins Getriebe kommt, dass sich die Rennaisacne über das Mittelalter langsam durchsetzen wird.

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Gauckrede und Nachhaltigkeit?

Unser neuer Bundespräsident hat gesprochen, und erntete parteiübergreifende Zustimmung mit wenigen Nörglern. Ich habe mir die Rede unter dem Aspekt Nachhaltigkeit angehört. Gauck beginnt sogar mit der zentralen Nachhaltigkeitsfragestellung, wie wollen wir Leben, d.h. welchen  Entwicklungspfad wollen wir gehen? Das macht er m.E. aus politischer und ethischer Sicht sehr schön, er erweist sich als ein guter Europäer, überhaupt als der absolut politisch korrekte Präsident. Erfolgreicher Abschied vom Faschismus und etliches zur Demokratisierung und Zivilisierung dieses Landes wurde vollbracht, das sollte uns zuversichtlich stimmen, “Ängste vermindern den Mut und das Selbstvertrauen”. Soweit so schön.

Das Wörtchen “nachhaltig” taucht zweimal auf als “nachhgaltiges Echo” und “nachhaltige Impulse”. Der Konsumerismus wird einmal kritisch reflektiert, aber was dagegen gehalten wird, ist nicht nachhaltiger Umgang mit Ressourcen, sondern Freude auf neue Freiheit. Wenn schon Gauck so ziemlich alle politisch korrekten Strömungen in seiner Rede bedient, so hat er doch die Umwelt und die darüber hinausgehende Frage einer langfristigen Versöhnung von Mensch und Natur schlicht vergessen. Das im 68er Nachgang erfolgte Umdenken zu mehr Ökologie wagen, Entwicklungen zu einer “grünen Industrie”, Energiewende, etc und welche großen Herausforderungen hier noch bestehen – leider Fehlanzeige. Hätten wir Töpfer als Präsidenten, wäre diesen Themen mehr Raum gewidmet worden. Aber unser Demokratieprediger ist lernfähig, und ich vermute mal, der Nachhaltigkeit wird sicher auch noch eine schöne Sonntgasrede gewidmet werden.

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40 Jahre “Grenzen des Wachstums”

Die FAZ widmet dem Geburtstag der Studie des Club of Rome (Limits to growth) eine ganze Beilage (S.41-46, 4.Mrz.2012), und wie nicht anders zu erwarten, tönt es neoliberal gegen den vermeintlichen Quatsch daher, das Wirtschaften künstlich begrenzen zu wollen. Der Autor Bernau beginnt: “Die These ist schnell erzählt: Wenn die Menschheit so weiterwächst wie bisher, dann stößt sie innerhalb weniger Jahrzehnte an ihre Grenzen. Meadows und seine Kollegen hatten die Rohstoff-Vorräte der Erde mit dem Wirtschaftswachstum und den Geburtenraten in viele Formeln gesteckt und von einem Computer die Zukunft berechnen lassen. Das Ergebnis war entmutigend”. Und folgert: “Ihre düstere Prognose passte gut in die Zeit. Die Achtundsechziger hatten gerade einen Wertewandel angestoßen, mehr und mehr Leute dachten über die Umwelt nach, und aus der Dritten Welt kamen immer neue Nachrichten über schlimme Hungersnöte, ausgelöst durch ein horrendes Bevölkerungswachstum.”

Man sollte den Autoren der Wachstumsstudie Meadows u.a. zugute halten, dass sie gleich zu Beginn der Auseinandersetzung  betonten, dass es sich nicht um eine Prognose handele, sondern dass hier Szenarien durchgespielt wurden. Das Simulationsmodell war ein reines Ressourcenmodell. Die internen Funktionsmechanismen waren einfach gestrickt und konnten nur holzhammerartig sozio-ökonomische Mechanismen einbeziehen. Es fehlte ein Verteilungsmodell, es gab keinen Nord-Süd- und keinen Ostwest-Konflikt. Die mechanistischen Rückkoppelungsschleifen produzierten, was vom begrenzten Raumschiff Erde zu erwarten war, es ging ihm in jedem Szenario der Stoff aus, egal, ob man an der Bildung, der Bevölkerung oder am Umweltschutz drehte. Auf die Schwäche des Modells zielt der FAZ-Artikel aber gar nicht, er mokiert sich über das angebliche Untergangsgerede, das heute doch so eklatant widelegt sei. Es mangele nicht an Ressourcen, sondern wenn wir schon eine Krise haben, dann ist die Ursache Ideenmangel. Und Ideen machen Wachstum, und mehr noch, wenn Wachstum da ist, dann kommen auch Ideen. Und mit dem Wachstum kommt Wohlstand. Gegen alle Wachstumskritik wird das Forscherpaar B.Stevenson, J.Wolfers zitiert, das festgestellt habe, dass die Menschen in reichen Ländern glücklicher sind, als die in armen (da hätte der Autor bei Precht, der in der Kolumne nebenan gehässig als Retro abgekanzelt wird nachlesen können, dass andere Studien  zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind).

Als Beispiel, dass man Ressourcen sparen, und Wachstum schaffen kann, werden die Elektroautos genannt, die leider beim heutigen Energiemix absolut untereffizient (deren Wirkungsgrad ist schlechter als der von Benzinern) ausfallen, und selbst wenn das Elektroauto daheim von der privaten Solartankstelle kommt, dürfte die Gesamtbilanz nicht sonderlich gut ausfallen.

Das FAZ-Fazit: “Inzwischen, so die Bilanz nach vierzig Jahren, beginnen also nicht nur Ökologie und Ökonomie sich zu versöhnen, sondern auch Wachstum und Glücksbedürfnisse. Fast zu schön, um wahr zu sein.”  Wie wahr ist da der letzte Satz!

Neben den Klimaleugnern lebt eine riesen Zahl von offensiven Wachstumsgläubigen (etwa 2/3 der Kommentare des FAZ-Artikel sind pro-Wachstum), und die Zahl derer, die keine Alternative zum Wachstum sehen, ist unermesslich. Wie sollte man den 40-Jährigen der Studie feiern?

Die Studie hat in der Tat das Gefühl, so kann es nicht weiter gehen, global in  großer, gesellschaftlicher Breite angestoßen. Ohne den Club of Rome hätte es vielleicht den Brundlandtbericht (Our common future) nicht gegeben, in dem auf internationalem Niveau die Formel vom “Sustainable development” public wurde. Man hatte gelernt, eine generelle Wachstumsbremse kann nicht die Lösung für diejenigen sein, die gerade noch am Existenminimum schrabben. Man konzidierte Entwicklung(=Wachstum), aber eben “tragfähige”, “nachhaltige”, “zukunftsfähige” oder wie immer die deutschen Adjektive dafür heißen mögen. In Rio 1992 (also 20 Jahre nach der “Grenzenstudie”) wurde mit der Agenda 21 diese “begrenzte” Wachstumsformel weltweit zum Entwicklungsprogramm gemacht. Die Botschaft, wenn wir so weitermachen wie bisher, wird das System kollabieren, war angekommen. Kyoto, G9 und G20, Davos, Durban, etc. sind Zeichen, dass man sich an den globalen Tisch setzt und neue Szenarien durchspielt. Wir sind informiert und versuchen zu handeln.

Die Frage, wie in diesem Nachhaltigkeitsdiskurs Wachstum zu verorten ist, wirde leider bislang nur  in Expertenkreisen diskutiert. Die FAZ-Beilage ist nur ein Zeugnis, wie festgefügt die Hoffnung steht, man könne mit Ideen, mit Effizienzrevolution und anderem Ressourcenschutz unter Wachstumsbedingungen das begrenzte Raumschiff Erde für den Menschen noch lange auf der Bahn halten. Wer wollte auch unsere globale Ökonomie in einen Schrumpfungsprozess überführen, der mit Sicherheit Ressourcenersparnis und CO2-Emissionsreduktionen zur Folge hätte, aber gleichzeitig alle Sozialsysteme sprengen würde. Wie zahlt man  die Arbeitslosen aus, wie finanziert man das Renten- und Gesundheitssystem bei fallenden Staatseinnahmen? Wo bleibt die Kulturförderung, wenn den Sponsoren das Geld knapp wird? Darüber denkt man lieber gar nicht erst nach.

Katastrophenwarnungen haben aber auch ausgedient. Der Rhein hatte sich nach seiner Vergiftung schnell wieder erholt, ölverschmierte Küsten werden abgeschrubbt (oder man versenkt das Öl chemisch auf den Meersebodsen, wie in den USA). Die Klimaveränderung wird Gewinner und Verlierer erzeugen, aber nicht gleich den Planeten wegschwitzen.  Anstmache ist  kein guter Ratgeber für Problemlösungsversuche.

Überlegungen, die in die Zukunft weisen, sind unvermeidlich vom herrschenden Zeitgeist geprägt. 1972 kam die Studie, und ihre große öffentliche Aufnahme erfogte dann zeitgleich mit der 1. großen Ölkrise. D.h. das Bewußtsein für Ressourcenknappheit war damals drängend. Heute wird z.B. der Ölpeak (der Punkt nachdem es nur noch weniger wird) immer wieder nach hinten verschoben, der Ressourcendruck scheint in der Öffentlichkeit nicht mehr so spürbar. Wobei allerdings fast alle letzten kriegerischen Ereignisse im Hintergrund Ressourcensicherungsaktionen waren. Auf dem Tahirplatz hätten vielleicht nur die Kids mit Internetsnschluss gestanden, wenn nicht zuvor massenhafte Unruhen über Nahrungsmittelpreiserhöhung in den Armenvierteln bestanden hätten. Und die globale Nahrungsmittelverknappung, war das ökologische Misswirtschaft, oder nur ein Spekulationsprodukt? Wer weiß die Antworten?

Was einem noch gegen Wachstum einfallen könnte, ist das Problem, dass gerade das von Ressourcen entkoppelte Wachstum, das global frei flotierende Hyperkapital, das dringend Anlage sucht, und keine mehr findet, für das Gedeihen einer “nachhaltigen” Weltwirtschaft von höchster Gefahr ist. Nach dieser Lesart ist die Eurokrise keine Krise der Staatsüberschuldung, sondern eine der Spekulation gegen diese Staaten.

Nein, Herr Bernau, von einer Versöhnung von Ökonomie und Ökologie kann gar keine Rede sein. Das Nachhaltigkeitsdreieck ist noch schwer am Schliggern.

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Lost in Blogspace

Als freelancender Rentner habe ich in den letzten Jahren eine gewisse Zeitsouveränität dem Phänomen Internet mehr zu Leibe zu rücken. An meinem kurzen Blogarchiv verrät sich der Neuling, der ein gut bestelltes Terrain betritt. Meine Informationskultur bestand bis dato aus Zeitunglesen, Rundfunkhören und Tagesschau. So wie man bloggt, und irgendwie Land in der Blogsphäre sichten möchte, gehört die Internetlektüre zur wesentlichen Informationsaufnahme. Aber wo und was lesen? Google ich nach z.B. “gesellschaft blog”, dann beginnen bei mir die 16.000 Hits mit Blog zu Wissenschaft, zu informelles.de, und dann kommt schon der Alsheimer Blog. Google weiß offensichtlich, dass mich bald Alsheimer erwischt. Und im Sinne der Filterbubble werde ich mit Wissenschaft beglückt, aus der ich komme. Sehr hilfreich ist das nicht. In Blogverzeichnissen nachzuschauen (darüber habe ich schon berichtet) ist ebenfalls wenig produktiv, weil hier nicht nach Qualität gelistet wird (und wer sollte die Qualitätsurteile fällen?).

Also bleibt nur die tägliche Kleinarbeit entlang von gesellschaftsspezifischen aktuellen Internetthemen. Bloghopping. Du liest, schaust auf einen Kommentar (falls es ihn gibt) und springst zum Blog des Kommentators. Wenn auf Beiträgen mehrere Kommentare liegen, dann hat man es mit einer Bloggröße zu tun, wovon es nicht so viele gibt, so dass sich langsam ein Ersteinblick ermöglicht. Dann entdecke ich kollektive Blogs, also solche, wo mehrere Autoren sich zusammengeschlossen haben. Ist das schon eine Internetzeitschrift? Ist das eine Partei, die mitmischen möchte? Jedefalls bekomme ich mit, dass es da Platzverweise gibt. Gegen die Digitale Gesellschaft wettert ein Jörg-Olaf Schäfer in Netzpolitik (übrigens sehr lesenswert, weil hier ein komprimierter Überblick über die Entwicklung der netzploitischen deutschen Bloggeria gegeben wird). Wie ich dann merke gegen einen Mitautor der Netzpolitik ( Markus Bekedahl), der wohl in der Szene auch einen dicken Namen hat, und bei den Grünen vermutet wird. Schimpft hier ein Pirat gegen ein grünes Bloguboot, oder nur ein auf Netzfreiheit bedachter, der die Intransparenz im inner Circle anmahnt?

Im Kontext der ACTA-Debatten lande ich auf dem Keimform Blog, auch ein Kollektiv, das sich als meist Informatiker mit Philosophiestudium in prekären Berufsverhältnissen outet. Das könnten Piraten sein, man argumentiert jenseits der Marktwirtschaft und träumt von offenen Gesellschaften. Dann gibt es Blogsolitäre, da schreibt ein Experte, meist auch informatikangebandelt. In der Regel sehr gescheit, an Intellektuellen besteht da kein Mangel. Überhaupt, sind die politischen Blogger alles Informatiker, die mal besser Politik hätten studieren sollen? Wie habe ich es da in meiner Zeitungswelt einfach. Bei FAZ, taz, FR oder Süddeutsche, da weiß man woher der Wind weht. Wenn ein Artikel schlecht ist, hat eben die Redaktion versagt, aber die Ausrichtung hilft bei der Einrichtung beim Lesen.

Als Neuling in der Blogsphäre ist der Klick zum Impressum oder zum “about me” ein häufiger Orientierungsversuch nach der Beitragslektüre. Offen für alles sein, überall mal rumstöbern – das hieße, PC-Junki zu werden, denn dann kann man von morgens bis abends vor der Kiste hocken, und es hört nicht auf . Das widerfährt mir allein beim netzstöbern. Nun soll ich aber doch auch am parlamentarischen Geschehen partizipieren, die Sitzungen im Stadtparlament verfolgen, an kollekiven Textwikis mitwirken, Filsharing betreiben? Kommentare zu Blogartikeln schreiben, selber Artikel verfassen?  Oh Gottogott, wann mache ich das bloß alles?

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Which one is your life style?

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Rio + 20

Wie steht es um die “Nachhaltigkeit” / sustainable development (SD) / Zukunftsfähigkeit in der Welt? Wir feiern vom 20.-22. Juni in Rio den 20 Geburtstag dazu. Es wird wieder viel CO2 der reisenden Delegationen emittiert, wird es sich gelohnt haben?

Es gibt bereits etliche Vorbereitungen auf internationaler und nationaler Ebene. Zum besseren Verständnis sei hier  der “Riofolgeprozess” kurz referriert. Der Begriff (SD) wurde in der Brundlandt Kommission 1989 geprägt und 1992 auf der ersten Weltentwicklungsgipfelkonferenz in Rio als Entwicklungskonzept für die Welt völkerrechtsverbindlich in mehreren Papieren (z.B. Agenda 21) festgezurrt.

Rio+5 New York, 23-27 June 1997 Hier hat die eigens eingerichtete Commission für sustainable development (CSD) einen ersten Rückblick gehalten. Man stellte fest: “The United Nations Conference on Environment and Development was a landmark event. At that Conference, we launched a new global partnership for sustainable development – a partnership that respects the indivisibility of environmental protection and the development process. It is founded on a global consensus and political commitment at the highest level.”  Und man folgerte: “Our focus at this special session has been to accelerate the implementation of Agenda 21 in a comprehensive manner and not to renegotiate its provisions or to be selective in its implementation.” Von den zahllosen erstellten Reports ist einer mit Bezug auf Kap. 36 der Agenda 21 für die Bildung wichtig: Promoting education, public awareness and training. Darin heißt es: “three main objectives need to be addressed:
(a) To reorient education towards sustainable development through reform
of education as a whole rather than through adjustment or adding on of separate
new components to existing curricula. ..” Das bedeutet ganz klar, dass sich BNE auf das gesamte Bildungssystem beziehen soll!

Rio+10 2002 in Johannesburg hielt man wieder Rückschau, ermahnte die Länder zur weiteren Umsetzung, freute sich, dass es inzwischen Kyoto gegeben hatte und natürlich konstatierte man erhebliche Defizite an der Umsetzung von SD. Das Forum Umwelt & Entwicklung, ein Zusammenschluss deutscher NGOs zu Umwelt- und Entwicklungsfragen, hat für die deutschen Leser eine eigen Hompage Rio-10 zum nachlesen erstellt. Für die Bildung wichtig ist der Beschluss, eine Dekade zu installieren: “In December 2002, the United Nations General Assembly (UNGA) adopted
resolution 57/254 to put in place a United Nations Decade of Education for
Sustainable Development (DESD), spanning from 2005 to 2014. UNESCO was
requested to lead the Decade and develop a draft International Implementation
Scheme (IIS)
for the Decade”. In dieser Dekade spielt Deutschland den Musterknaben in Punkto frühzeitiger und vollständiger Erfüllung der Auflagen, während kleinere Länder (z.B. aus dem ehemaligen Ostblock) sich erheblich schwer tun, weil sie auch kaum etwas zur BNE-Entwicklung unternehmen.

Rio+20. Es geht  um 3 Hauptthemen: Green Economy, Armutsbekämpfung und Institutionen der UN für SD verbessern.                Rio+20 hat einen Newsletter herausgegeben, der über Vorbereitunegn referiert.
Es wir auch einen “peoples summit Rio + 20” in Rio geben, eine Art Sozialforum der NGOs
In Deutschland gab es schon Tagungen:

7.-9.12.2011 Hannover Rio+20 – Nachhaltig vor Ort! & Fünfter Netzwerk21 Kongress. Dabei wurde diskutiert, wie man in den Kommunen eine nachhaltiuge Finanzplanung unterhalten kann. Eine Resolution soll nach Rio geschickt werden.

7. Nachhaltigkeitsforum im Hinblick auf “Rio+20″ Dez. 2011 Berlin

Internationale Green Economy Konferenz Febr. 2012

vgl. auch Rad Map -pdf zu Veranstaltungen vor Rio+20

“Green Economy” soll das  wesentliches Thema in rio 2012 sein. Bei der Vorbereitungskonferenz der CSD in New York im Mai 2011 gab es einen Eklat, weil UN-Diplomaten und Aussenminister aus der G77 (Gruppe der 3.Welt-Länder) (z.B. Syrien und Sudan) mit großer Inkompoetenz äußerst destruktive Argumentationslinien aufbauten, die die Konferenz platzen ließen, so dass man fragen darf, ob mit dieser Zusammensetzung der UN-Gruppierungen überhaupt eine vorwärtsgerichtete und noch dazu zukunftsfähige Politik machbar ist. (vgl. Jürgen Maier) Aus linken NGOs wird kritisiert, dass dieses marktwirtschaftlich orientierte Konzept vor allem aus den entwicklungsstarken Ländern (G9) favorisiert wird, womit fundamentalere Forderungen nach einer nachhaltigen Lebensweise blockiert würden.

Ob in Rio 2012 auch eine Arbeitsgruppe zum Kapitel 36 der Agenda 21 einberufen wird, weiß ich nicht. Das Vorgeplänkel und die angezeigten Tagungen in Deutschland lassen aber kaum vermuten, dass man in Rio mit wichtigen Ergebnissen aufwarten wird. Das Desaster der letzten internationalen Klima-Konferenz in Durban wirft dunkle Schatten auf den Sommer in Rio.

 

 

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post privacy – Generationenfrage?

Im 6. Kapitel, Post Privacy Taktiken, versucht Heller mit Beispielen der sexuellen Revolution zu zeigen, dass die Devise, “Du bist nicht der Einzige” ein befreiendes Element hat. Das coming out für Schwule sei zwar in manchen Umständen nicht ungefährlich, aber es erhöht das Selbstbewußtsein, sichert die Rechte der Minderheit, etc. In diesen Ausführungen versucht uns der Autor schmackhaft zu machen, dass die Entprivatisierung positive Potentiale hat, und dass die so “offene” Gesellschaft letzlich ein Gebot zu mehr gegenseitiger Toleranz enthalte. Der Verweis auf die diversen coming outs scheint mir etwas gemogelt. Wenn sich ein Schwuler geoutet hat, oder eine “Mein Bauch gehört mir”-Demo erfolgte, dann geschah das erfolgreich nur im Kontext einer politischen Bewegung. Durch ein konzertiertes Auftreten der Minderheit wurde erreicht, dass ein Merkmal aus der privaten Feuchtzone ins Öffentliche gezogen wurde. Das war im Effekt keine Demontage von Privatheit, sondern nur ihre Korrektur in Richtung einer aufgeklärteren gesellschaftlichen Kultur.

Wir erleben diesen Prozess der Veränderungen dessen, wo die Grenzziehung zwischen Privatem und Öffentlichem sich verschiebt, in säkularisierten, westlichen (vielleicht auch östlichen?) Gesellschaften. Die Ursachen dafür liegen aber sicher nicht darin begründet, dass uns die Allgorithmen ohnehin entblößen würden. Ich sehe das eher als ein Vermarktungsphänomen in der Konsumgesellschaft an. Man muss sein “Profil” zu Markte tragen, um Käufer zu finden, um sich als Selbst besser positionieren zu können, etc. Jede Ware schreit mit Werbung, damit sie gekauft werde, und die Subjekte nähern sich dem Warencharakter an, in dem sie sich ebenfalls schreierisch entäußern, um bemerkt zu werden.

Das Verhältnis, wie man zu diesem Prozess steht, ist sicher auch eine Generationenfrage. Die Alten wollen da viel weniger mitmachen als junge Menschen. Wenn ich in meiner Altersriege über post privacy rede, geht Entsetzen um. Wie kann man das Private ablegen, das ist doch Schutz vor Draußen, Kreativitätshort, Selbstbestimmung, etc. Vielleicht wird unterschiedlich bewertet, weil die Alten heute unter dem Jugendlichkeitsdruck  mehr zu verbergen haben. Sie verstecken ihr wahres Aussehen hinter Schönheitsoperationen, sie wollen nicht, dass man ihr Einkommen sieht (was offensichtlich nur die Schweden nicht stört, worauf Heller hinweist), und den Körper bedecken sie mehr, weil der nicht mehr jugendlich ist. Wie auch immer, dem unbekümmerten Twittern, dem privaten fotounterlegten Nachrichtenstrom in Netzwerken wird mit Unverständnis begegnet. Ich bin da (allerdings ohne Schönheitsoperation) wohl auch ein typischer Vertreter dieser Richtung. Mich intressieren die Privatspären meiner Arbeitskollegen, meiner Bekannten, meiner Studierenden ziemlich wenig. So ist mir schon peinlich, dass ich mir kaum die Namen der Kinder meiner Freunde merken kann. Auf einem Worksohp hatte ich mich sehr angeregt mit einer Referentin unterhalten. Promoviert, im Entwicklungsbereich global tätig, gut aussehend, und wir kamen nebenbei auf Facebook zu sprechen. Ja, da sei sie auch drin, und ich war damals frisch drin, und schon tauschten wir unsere User-IDs. Zuhause stelle ich dann zwei Tage später fest, dass sie eine sehr aktive Userin ist, die fast täglich mindestens einmal posted, wo sie sich gerade befindet, und was sie gerade tolles (und nicht tolles) macht. Wie kann man so einen Schrottel posten, und gleichzeitig so intelligent sein? Ja, da hatte Heino ein Problem.

Ich habe das dadurch gelöst, dass ich von unerwünschten frührenen Newsstreamings gelernt hatte, dass es einen “hide” Button gibt, mit dem sich diese privaten Ergüsse stoppen lassen. Da war ich wieder bei der post privacy Theorie, man will nicht das Senden unterdrücken, man braucht Filterkompetenz, um sich in der Bubble oder außerhalb ihr wohlig einrichten zu können.

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post privacy – entfesselte Daten?

Nun habe ich die deutsche Post-privacy Fibel ganz gelesen. Alles um das Umfeld (die Spackeria) ist im Blog von Stefan Münz informativ beschrieben.  Plakativ verkürzt geht es darum: Privatspäre ist nicht mehr, ist auch nicht mehr zu halten, und anstelle von vergeblichen Datenschutzbemühungen sollten wir lieber die Transparenz hochleben lassen, das führt die Gesellschaft zu neuen, nicht privaten Ufern.

Die gut geschriebene Fibel präsentiert sich in 7 Kapiteln: 1. Das Ender der Privatspäre, 2. Eine kleine Geschichte des Privaten, 3. Die Entfesselung der Daten, 5. Informationsmacht, 6. Post-privacy Taktiken, 7. Abwägungen.

In meinem letzten Block zur Nacktheit im Netz habe ich die Wirksamkeit der Daten als Indikatoren für Persönlichkeit, für Privatsphäre etwas infrage gestellt. Auch Algorithmen brauchen Theorien und Regeln nach denen sie die Daten-Wühlarbeit und Korrelationen vollziehen. Nackt ist zunächt einmal das Datum. Ein Buchkauf, ein Aufenthaltsort, eine Suchanfrage – das sind Daten, die erst durch kategoriale Zuordnung zu Informationen werden. Bei diesen Zuordnungen können gravierende Fehler unterlaufen, besonders wenn sie automatisch erfolgen müssen. Und der Glaube, dass die Menge von Daten die Fehlerhaftigkeit wett mache, ist mathematisch nicht haltbar. Es gibt kein Gesetz das sagen würde, immer mehr Daten machen eine Sache genauer, sie können im worst case das Rauschen erhöhen, so dass sich nichts Signifikantes mehr herausfiltern läßt. Z.B., wer die FR abboniert hat, ist bereits mit diesem einzigen Indikator mit ziemlicher Sicherheit dem linksliberalen Spektrum zuzuordnen. Wer ein “linkes” Buch kauft (da muss vorher jemand diese Zuordnung getroffen haben), wer auf einer “linken” Demo per Bilderkennung gesichtet wurde, wer in Google nach linken Autoren, oder gesellschaftskritischen Begriffen recherchiert, der könnte auch links sein, aber jedes Datum (der Buchkauf, der Demoanlass, die Recherche) ist selbst aussagelos und wird zum Indikator erst, wenn a) die entsprechende “linke” Zuordnung geleistet wurde, und b) wenn aus dem Akt auf die Neigung des Akteurs geschlossen werden kann (Z.B. ein “Rechter” kann seinem “linken” Arbeitskollegen über Amazon ein Buch kaufen). Bei Riesenmenegen können diese Zuordnungen nicht von einem Facebookteam geleistet werden. Die Zuordnungen müssen wieder “automatisch” durch Programmierung über Ähnlichkeitscluster und Korrelationen in den Datenmengen hergestellt werden. Das Datum  “Buchkauf” wird nicht semantisch erkannt, sondern es ist nur als Cluster identifizierbar, dass durch Auftrittshäufigkeiten in Verbindung mit anderen Häufigkeiten als Merkmal destillierbar ist. Das muss alles sehr aufwändig von Programmierern konstruiert werden, die keineswegs theorielos auf Patternsuche mit ihren Programmen gehen. Was die Algorithmen sehr warscheinlioch schon ganz gut können, und was durchaus mit noch mehr Entäußerungsmöglichkeiten an Differenziertheit zunehmen kann ist, dass sie uns in Merkmalsklassen werfen. Es ist also nicht ein Persönlichkeitsprofil, was mir in der Filter Bubble gespiegelt wird, oder was an Marketingexperten verkauft wird, es ist ein Milieuprofil bzw. ein Clusterprofil, in das ich falle. X Leute fallen in das gleiche Profil – und da wäre meine Gegenthese zu post privacy, diese X Leute sind jeweis sehr unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Privatwelten. Meine Privatspähe ist mitnichten verloren.

Schaun wir bei Eli Pariser nach, auf den sich die Spackeria mit ihrer Kündigung der Privatsphäre wesentlich bezieht, dann hat er sehr eindringlich mit seiner filter bubble beschrieben, wie die Algorithmen bei Google und Facebook das Userverhalten analysieren und bei der Suchanfrage oder beim Newsstream steuernd (manipulierend) Ähnlichkeitsdaten des eigenen früheren Userverhaltens einspielen. Nicht mehr der Zeitungslektor selektiert den Newsstrom für den Leser, sondern ein Algorithmus steuert den Strom, der sich nur aus der eigenen Seifenblase speist – und der User bemerkt das selbst kaum (Kontrollverlust). Das klingt nach großer Macht der Algorithmen. Gesellschaftlich läßt sich befürchten, dass das Bestehende, das Konservative Bestätigung findet, während Neues, Kritisches unterbunden wird – oh, böses Facebook!

Ich halte dagegen, die können gar nicht anders. Es war immer schon, und ist auch mit den modernsten Algorithmen gut möglich, die Verganenheit zu extrapolieren, und diese in die Zukunft zu projezieren. “Wie Du früher gesucht hast, wirst Du auch zukünftig suchen!” Das ist das billige Rezept. Wer bei Amazon erst drei Bücher gekauft hat, wird mit einer ziemlich dümmlichen Prognose beworben, wer schon Jahre dabei ist, erhält da schon Treffsicheres. Aber die kleinste Systemänderung, eine neue Freundin, die neue Interessen einbringt, ein neuer Job der Umlernen erfordert, wird nicht prognostiziert, die Krake ist “zu blöd” dazu, denn da verlasse ich mein Ähnlichkeitscluster, für das der Filter berechnet war. Parisers Vision, wir bräuchten Algorithmen, die uns innovativ werden lassen, die uns Dinge zuspielen, die uns auf neue Wege führen können, halte ich für sehr kühn. Die Suchmaschinenkonkurrenz zwingt Google, die Suchalgorithmen so effizient zu gestalten, dass ein Suchender hier schneller findet, was er sucht, als bei der Konkurrenz. Dieser Druck, schnell zum gewünschten Ergebnis zu kommen, ist in die Algorithmen einprogrammiert. Ein Soziologe (bzw. dessen Cluster) der in Google nach einem Begriff sucht, erhält “vorne” nicht alles alpabetisch oder häufigkeitsmäßig angeordnet, sondern zunächst die soziologisch konnotierten Bedeutungen (das funktioniert wieder über Ähnlichkeiten). Es wird also versucht, möglichst zielgenau und schnell das Gewünschte Suchergebnis zu finden.  Würden jetzt Zufallsalgorithmen ein paar Querschläger einbauen, damit der Suchende auch mal auf Unerwartetes stößt, würde das die durchschnittliche Effizienz senken, ein Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Würde gar in pädagogisch demokratischer Absicht, bei konsumeristisch konnotierten Clustern immer wieder mal politisch Korrektes erscheinen, würden die User das schnell merken, und sich bei Google beschweren – also ziemlich schwierig, einen Algorithmus zu bauen, der aus der Filter Bubble Falle heraushilft.

Zur Klärung: Es gibt zwei Arten von Datenzugriffen in die Privatspäre. Die altbekannte, und lange bekämpfte besteht in dem Zusammenlegen von Datenbanken, die ein gemeinsames Merkmal verbindet. Wer z.B. einen Personalbeurteilungsdatensatz, mit einem Gesundheitsdatensatz verbindet, wobei sich in beiden Sätze eine identische Identifikationsnummer der Personen befindet, kann mit ganz wenigen Datenbankabfragen sehr präzise herausfinden, was mit einer Person XY der Fall ist. Ich vermute, die Rasterfandung war noch vom ersten Typ der Datenauswertung. Gegen diesen Typus kann man auch in DEmokratien politisch-gesetzlich vorgehen. In der neueren Algorithmendebatte hat man weder die Kennung der Person noch die eindeutige Bedeutung der Daten. Mit dem klassischen Suchbefehl einer Datenbank läßt sich da nichts mehr machen. Und mit einem Zugriffsverbot wohl auch nicht. Da kommen die verschiedensten mathematischen Prozeduren zum Zuge, die aus Datenmengen Ähnlichkeiten, bzw. Gemeinsamkeitscluster, destillieren können. Wir sprechen hier über diesen neueren Typus, der Algorithmen erfordert.

Mein Fazit, ja die Daten sind entfesselt. Aber was da entfesselt wird, das sind die Kleider, die die Leute machen, die Datenkrake sammelt diese Stoffetzen, und kriegt daraus mühsam wieder Kleider zusammen, aber ob das die usprünglichen Kleider waren, und ob damit die Leute getroffen wurden, die sich diese Kleider zulegten?

Wir sollten viellcht zukünftig weniger Angst vor der Entprivatisierung durch Datenentfesselung haben, als davor, dass diese Datenalchemie unprofessionelle Anwendungen provoziert. Milieuzuordnungen sind Vorurteilskisten, die im Einzelfall ziemlich daneben liegen können. Jemand, der in der Kiste der “Montagskranken” zu finden ist, kann in anderen Arbeitskontexten ein sehr produktives, wertbringendes Individuum eines Unternehmens werden – und umgekehrt.

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