Chaos Computer Club Frankfurt – ein Besuch

Jeder kennt den Chaos Computer Club e.V. (CCC) , der die die größte europäische CCC1Hackervereinigung darstellt und seit über 30 Jahren Vermittler und Politikberater im Spannungsfeld technischer und sozialer Entwicklungen ist. Aber wer kennt CCC-Aktivitäten in Frankfurt? Der lokale Ableger, der CCC-Frankfurt (ccc-ffm.de) existiert als eingetragener Verein seit April 2010. Im September 2010 wurde der Verein Erfa-Kreis des CCC, d.h. er ist als lokale Vertretung des CCC anerkannt und organisiert regelmäßige Erfahrungsaustauschtreffen, in denen Projekte, Aktionen, Soziales untereinander vorangetrieben wird. Z.B. engagieren sich etliche Mitglieder beim Frankfurter Freifunk, der die Flüchtlingsaufnahmestellen bei der Einrichtung von freien WLAN-Zugängen unterstützt.
Die Mitglieder treffen sich jeweils donnerstags im „Hackerspace“, dem Hackquarter, Häusergasse 2 Frankfurt. (Nicht zu verwechseln mit dem Hackerspace FFM, über den ich hier auch schon berichtet habe, der inzwischen seinen Sitz nach Oberursel verlegt hat.) In den Räumlichkeiten (160 m²) gibt es einen Sessel-Sofa-Bereich zum Chillen, zwei längliche Tische mit Stühlen zum bequemen Laptop-Hacken, eine kleine Küchen-Ecke zum Pizza-Wärmen mit Säften, Cola, etc. und in einem Nebenraum stehen 3D-Drucker, Oszillograph, Lötkolben, etc. alles, was ein Bastlerherz begehrt. Als ich eintrete, ist das Licht gerade auf „U-Boot“ geschaltet, d.h. das mehr schummerige Licht beleuchtet spärlich etliche stehend diskutierende oder vor ihren Laptops sitzende junge Männer. Das erinnert mehr an eine Kneipe als an einen Hackerspace, wobei aber eine hohe Quote von Laptopbestückung und einzelne technische Gadgets im Raum auf letzteres deuten. Mich begrüßt freundlich ein ca 35 Jähriger, dem ich mich als Neuling anvertraue, und der mir auch gleich eine kleine Führung anbietet. Er zeigt mir an einem Pfosten im Raum QR Codes, die eingescannt zur Steuerung des Raumlichts benutzt werden können. Das bringt uns auf das Thema „smart home“. Ich frage, wie man im CCC zu dieser Problematik stehe, wo doch mit der Hausüberwachungssteuerung (smart home) wieder weitere persönliche Daten anfallen, die die Industrie zur Ausschnüffelung der Haushalte nutzt. Er meinte, man darf das eben nicht der Industrie überlassen, und kann sich ja die Steuerungsmechanismen selber bauen, so dass die anfallenden Daten nicht über die Clouds der Konzerne führen. Wie steht es mit IT-ideologische Debatten im CCC? Die Politik wird mehr in Berlin gemacht, dort herrscht eine andere Kultur, da gibt es mehr Leute, die mehr Zeit haben, hier in Frankfurt wird mehr malocht, da kann man neben dem Job nicht so tief einsteigen, es dominieren praktische Projekte und Erfahrungsaustausch, höre ich. Wir stehen am Tisch, wo ein junger Mann einen blinkenden Stick an seinem Laptop hat. Ich frage ihn, was machst Du da? Er erzählt, dass er neulich einen Vortrag gehört hat, wie man dieses Gerät unabhängig von der Firmensoftware selber steuern kann, und das probiert er gerade hier zu vollziehen. Wenn es klemmt, kann er einen Kumpel fragen. Er ist Elektrotechniker, und im Softwarebereich nicht so firm, wie IT-Kollegen. Hier gibt es kein „Edutainment“, sagt er mir, wer kommt, muss sich selber einbringen, ein Problem mit bringen, und dann kann ihm geholfen werden. Inzwischen übernimmt mich ein anderer CCC-Kollege und führt mich zum Sicherungskasten. Hier befindet sich ein digitaler Zähler mit einem Impulsgeberausgang, der über einen angeschlossenen Raspberry (Minicomputer) den anfallenden Wattverbrauch speichert, so dass man an den Verbrauchskurven, die er mir in seinem Smartphone zeigt, das Verbrauchsverhalten bei der Raumnutzung ablesen kann. Man kann an den Kurvenzacken Einzelgeräte erkennen, man kann sehen, ob jemand im Raum ist, wann Kaffee gekocht wurde, ob der Kühlschrank sich nicht abschaltet, man sieht seine Verbrauchskosten. Auch hier wird unser Gespräch „datenpolitisch“. Der „smarte“ Zähler wird bald in allen Haushalten stehen, darf unser Energielieferer unsere persönlichen Daten absaugen, oder ist es nicht besser, wenn nur Summendaten eines Viertels oder einer Stadt abgegriffen werden dürfen, damit der Energiebedarf besser prognostiziert werden kann, um das System insgesamt besser zu optimieren, was nicht nur Kosten spart, sondern auch ökologisch sinnvoll ist. Der Kollege spricht sich eindeutig gegen das Haushaltsdatensammeln aus, preist aber die Möglichkeit, sich selbst zu überwachen. Am Eingang werden mir noch zwei weitere Objekte gezeigt, die liebevoll konstruiert mehr als pädagogisch-ästhetische Anwendungen computerisierter Steuerungselektronik anzusehen sind.
Kurz nach 20 Uhr wird in die Hände geklatscht, Vereinssitzung. Im linken Bereich, wo die Sofas stehen, ist inzwischen der Beamer eingeschaltet. Kein Powerpoint sondern eine Wiki-Oberfläche zeigt recht kryptisch fünf Themenzeilen mit Links darunter an. Die eingetragenen Vereinsmitglieder kennen diese Seite bereits und konnten da auch eigene Anliegen eintragen (basisorientierte Tagesordnung) für mich als Gast ist das weniger informativ. Auch wegen der Kürzel verstehe ich nicht viel.
Gut gefallen hat mir das lockere Prozedere. Es ist keine „Sitzung“. Es gibt vorne kein Sitz- oder Stehpodest. Der Inhalt wird von der Seite vorgetragen, rundum aus dem Raum wird kommentiert, es stehen mehr an der Seite, als auf den Sofas mittig sitzen. Das ganze ist mehr ein kurzer Break zwischen Chillen und Computern. Am Schluss preist jemand einen nostalgischen, funktionsfähigen, aber raumgreifenden Spielautomaten an. Wollen wir den? Wohin stellen? Es wird schnell entscheiden, das Ding zu übernehmen. Nach 15 Minuten ist die Versammlung zuende, der Beamer wird abgeschaltet, der Club geht wieder in seinen normalen Rhythmus über.
Ich nehme meine Klamotten von einem Kleiderhaufen auf (einen Kleiderständer gibt es nicht) gehe zum Ausgang, wo sich gerade wieder ein paar Raucher nach innen bewegen, und schwinge mich auf mein Rad zur Heimfahrt. Alles Nerds? Kaum jemand sah so aus, als würde er nur Chips essenderweise und Cola trinkend Tag und Nacht vorm PC verbringen. Im Hacker-Bastelraum hatte ich einen CCC-Kollegen getroffen, den ich schon vom Freifunktreffen kannte. „Hallo, ich wollte mal Eure Kommunikationskultur beobachten“. „Kommunikationskultur?“, wiederholt er lachend, „was ist denn das?“

CCC2Ich denke radelnd rückblickend, dass die ganz ok ist. Wenn man hier her kommt, wird man angesprochen, es wird die Chance geboten, nicht im Regen zu stehen, man ist offen und drängt weder weg, noch nötigt man zum Beitritt. Wer der IT-Technik auf Bastel- oder Programmierebene nahe steht, kann gut hierher kommen. Mit 20 Euro Monatsbeitrag ist er dabei und fördert ein gutes Projekt lebenslangen Lernens.

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Klimagipfel in Paris

Der Weltklimagipfel in Paris beginnt am 30. November in Paris. Delegierte aus 196 Ländern kommen, 150 Staats- und Regierungschefs werden erwartet, 14000 Regierungsbeamte, Vertreter von NGOs und 3000 Journalisten sind auf dem Konferenzgelände Le Bourget bei Paris versammelt. Das Ereignis wird medial bestens begleitet. Alle Nachrichtensender, Zeitungen und Internetportale berichten nicht nur, sondern glänzen mit pädagogisch gut aufbereiteten Erklärungsmodellen zum Treibhauseffekt, zum Meeresanstieg, zu den politischen Herausforderungen, etc. wozu darüber noch bloggen?

Für die Vision einer „nachhaltigen Entwicklung“ (sustainable development) ist diese Konferenz ein wichtiges Zeugnis, wie die Politik und Gesellschaft mit der Zukunft der Menschheit heute umzugehen vermag. In Rio 1992 fand die erste globale Weltkonferenz dieses Typs statt. Damals einigte man sich auf eine schonende Weltentwicklung mit sehr weichen Formulierungen und verabschiedete neben anderen Absichtsdokumenten eine Klimarahmenkonvention, die auf die Analysen des bereits 1988 gegründeten UN-Klimagremiums Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) gründete. Gleichzeitig versuchte man, die Herkulesaufgabe einer zukunftsfähigen Weltgestaltung an die Bildung zu delegieren. Aus dem großen Ansatz, das gesamte Bildungssystem auf nachhaltige Entwicklung einzutrimmen (vgl. Kapitel 36 der Agenda 21, Rio 1992), ist ein winziges Bildungssegmentchen „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ entstanden, das in den Bildungsbereichen Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Weiterbildung jeweils mehr oder weniger um 1% der Angebote dümpelt. Von einer ersten Weltkonferenz gleich global durchschlagende Entschlüsse zu verlangen, wo es gar keine wirkmächtigen globalen Gremien gibt, und die Mehrheit der Regierungen in den dafür zuständigen Vereinten Nationen aus Diktaturen und korrupten Regimen besteht, ist naiv, bzw. unpolitisch gedacht. Wichtig war bereits in Rio 1992, dass man sich überhaupt über alle Anschauungsgrenzen hinweg an einen Tisch setzte und gemeinsam um verträgliche Lösungen rang. Wichtig für Rio war auch, dass bei der Federführung der entstandenen und ratifizierten Dokumente zum ersten mal Nichtregierungsorganisationen mitschreiben durften.

Klimakonferenzen
Der erste Meilenstein, bei dem nicht nur Absichten verkündet, sondern auch Zahlen genannt und Strategien verabschiedet wurden, stellte die Klimakonferenz in Koyto 1997 mit dem Abschlussdokument des Kyoto-Protokolls dar, das 2005 in Kraft treten sollte. Die USA waren das einzige Industrieland, das dieses Abkommen nicht ratifiziert hatte. In den Folgekonferenzen (Bali 2007, Posen 2008, Kopenhagen 2009, Cancún 2010, Durban 2011, Doha 2012, Warschau 2013, etc.) stellte sich heraus, wie schwierig es ist, globale Einigungen zu erzielen.

Was steht an?

  • Ein wesentliches Problem besteht im legitimen Nachholbedarf der Entwicklungs- und Schwellenländer. Um sich aus Armut und Abhängigkeit zu befreien, ist in diesen Ländern ein industrieller Entwicklungsgang nötig, der nicht ohne Ressourcenverbrauch und großem Energiebedarf mit entsprechenden klimaschädlichen Emissionen zu haben ist. Wenn man diese Entwicklung klimaschonender möchte, dann bedarf es hoher Kapitalinvestitionen in erneuerbare Energien. In den Verhandlungen geht es um Finanztransfer, wo die alten Industrienationen, die seit einem Jahrhundert das Klima belasten, in der Bringschuld stehen, Investitionskosten in den Klimaschutz im Süden zu übernehmen, die bislang das Klima überhaupt nicht belastet haben. Es gibt diverse Modelle, wie man so etwas machen kann, aber am wenigsten weiß man wohl, wie man national die politische Zustimmung erhält, und wie man erreicht, dass die aufgewendeten Mittel wirklich dem Klimaschutz und nicht den Privatkonten der korrupten herrschenden Eliten zugute kommen.
  • Ein weiteres  Problem besteht in der jüngsten Vergangenheit im Verfall der Energie- und Rohstoffpreise. Viele rohstoffreiche Diktaturen finanzieren ihren unproduktiven Staatsapparat und ihre Wahlgeschenke an ihre gekaufte Klientel mit dem Rohstoffausverkauf ihres Landes. Je mehr die Preise fallen, um so mehr müssen sie exportieren, um nicht zusammenzubrechen, was weiter die Preise drückt. Mit billiger Kohle und alten Kraftwerken lässt sich noch eine ganze Weile preiswert den Energiehunger stillen, aber eben auf Kosten des Klimaschutzes. Auch die großen Energiekonzerne im Gefolge ihrer Regierungen und Gewerkschaften haben kein Interesse daran, dass die Weltmarktnachfrage nach fossilen Energieträgern zusammenbricht, denn das bedeutet nicht nur Einnahmerückgang, sondern auch Wertverlust der Reserven, die größtenteils in den bereits erworbenen Schürfrechten auf die noch nicht gehobenen Bodenschätze liegen.
  • Als drittes umstrittenes Problem kann man unseren Lebensstil anprangern. Im Mainstream ist das Wohlfühlen mit einer Verfügung über viele schöne Dinge, über viel Mobilität verbunden. Je mehr Du davon hast, desto höher ist Dein Status und Dein Selbstbewusstsein. Dieser Lebensstil globalisiert sich gerade, selbst die Saudis mit ihrer absolut mittelalterlichen Staatsreligion frönen dem materiellen Glücksstreben. Die klimagünstige Devise „weniger ist mehr“ fristet dagegen – wenn überhaupt – ein Nischendasein. Wer auf ein eigenes Auto „verzichtet“, weil es in einer stau- und parkplatzgestressten Großstand keinen Sinn mehr macht, der schont die Umwelt nicht, wenn er mit den frei gewordenen Mitteln mehr Fernflüge unternimmt. So gilt der triviale Schluss, je höher das Einkommen, desto größer die Klimabelastung auf persönlicher wie auf nationaler Ebene.

Bezogen auf Verbrauche und Emissionsmengen liegt der Löwenanteil der aktuellen Klimabelastung in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Selbst wenn die Bundesrepublik ihren Anteil an Erneuerbaren in der Energieproduktion in 5 Jahren verdoppeln würde, ändert das an den global viel zu hohen Wachstumsraten des CO2-Gehalts in der Atmosphäre spürbar wenig. Dennoch ist eine nationale Anstrengung nicht unsinnig. Die hoch industrialisierten Länder sind das Entwicklungsmuster für die Entwicklungsländer. Wenn bei uns gezeigt werden kann, dass eine Ökonomie auch noch blüht, wenn im ganzen Land keine fossilen Rohstoffe mehr verbrannt werden, dann wird das Schule machen.

Was tun?
Der globale Protest gegen zu wenig Klimaschutz hatte sich auf vielfältige, große Aktionen vorbereitet, das haben die kürzlichen Terroranschläge gründlich vermasselt. Die Hohe Konferenz findet im Hochsicherheitstrakt Paris unter Beschneidung der öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen statt. Ich betrachte den Aktionismus gegen Großtagungen skeptisch, je größer die Randale, desto weniger Raum wird in der öffentlichen Eventverarbeitung den Inhalten gegeben.
Politikschelte gegen Klimasünden ist leicht zu haben, ein Gegenmodell dazu sehr viel schwieriger.
Nehmen wir den deutschen Automobilbau. Aus Klimasicht ist ein leichtes, sparsames, modulartig kombinierbares Fahrzeug angesagt, dessen Materialien gut recycelbar sind, möglichst mit erneuerbarem Antrieb. Ein solches, lifestyl-abgespecktes Gerät kann in Afrika, Südamerika oder Asien zu geringeren Kosten als in Deutschland hergestellt werden. Der globale Durchmarsch dieses Autotyps wäre der Tod der deutschen Automobilindustrie mit ungeheuren sozialen Folgen, wenn das in kurzer Zeit geschähe. Nach ökonomischer Logik braucht Deutschland das PS-bepackte HighTech-Kultauto, das selbst einparken kann, lautlos schnurrt, mit dem Internet agiert etc. Wie soll dann unsere Kanzlerin in Brüssel als große Umweltschützerin auftreten, und die CO2-Begrenzungsmarken so hoch hängen, dass es Schluss ist, mit den deutschen Flaggschiffen auf den Straßen der Welt? Man muss sich über die VW-Ingenieure aufregen, die mit betrügerischem Aufwand den wahren Emissionsausstoß verschleiern. Zugleich sollte man sich aber die Nachfragekurve nach ressourcenfressenden Limousinen anschauen, da sieht man den Druck von der wohlhabenden Straße auf unsere Autopolitik.
Es heißt, richtiges handeln in falschen Strukturen sei unmöglich. Dagegen gilt, falsches Handeln produziert falsche Strukturen!

Also, klimastrategisch gewendet ist das kleinere Auto oder gar kein Auto, ein Fernflug weniger und dafür mehr Nahentdeckung, das richtige Handeln, das die Republik verändert, andere Politiken produziert.
Gut ist, dass bis auf die Republikaner der USA kein politisch relevanter Akteur weltweit die menschliche Verantwortung für einen rasanten Klimawandel mehr bestreitet. Auch wenn das Schlussdokument mager ausfallen wird, Paris ist als Erinnerungsspektakel notwendig. Unsere Enkel können nun sagen, Ihr habt es gewusst, warum habt ihr nicht gehandelt? Vielleicht handeln wir ja doch noch und lernen einzusehen, dass ein klimafreundlicher Pfad keine Verzichtsgasse, sondern eine Gewinnpromenade sein kann.

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Abaaoud

Abdelhamid AhaaoudIch wollte Dich verstehen (voriger Beitrag). Ich habe etwas mehr verstanden. Meine Sozialthese der Desintegration ist vielleicht etwas linksromantisch. Dein Vater sagt, wir haben Belgien viel zu verdanken. Du hattest belgische Freunde, die Integration war nicht soo schlecht.  Aber Du hattest zusätzlich kriminelle Energie. Kleine Überfälle zum Lebenserwerb. Deine sich weggesprengte Cousine war im Drogenmilieu tätig. Religiöser Fantatismus, Fehlanzeige? Deine gut bürgerliche Zukunft hattest Du früh verspielt, hattest Dich schon aufgegeben, da kam das Jobangebot der IS-Komplizen: gutes Geld, Waffen und kostenlose Flüge für terroristische Aktion, und danach aus! In Syrien entstanden Videos, wo Du mit unmenschlichem Handeln grinsend prahlst. Schlechte Integration + krimminelle Energie + Aussichtslosigkeit  sind der Zündsatz für das Einwilligen in bezahltes Morden.

Als Anführer der IS-Söldnertruppe brauchtest Du auch das Märtyrerspiel des Wegsprengens nicht zu spielen. Du solltest Terrorsoldat bleiben. 5000 Polizeikugeln haben das beendet. Die überwältigende Mehrheit der Muslime lehnen Dich ab. Sogar die Salafisten nennen das Sünde,  wehrlose Jugendliche niederzuballern. Wenn das Nachahmungswillige abschreckt, war Dein Tod doch nicht ganz sinnlos.

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Je Suis Parisien

Paris – 13.11.2015

Hallo Söldner des IS, hilf mir, Dich zu verstehen!
Du bist jung, gut ausgebildet, aber die Banlieus hängen Dir an. Du findest keinen Job. Du fühlst Dich gesellschaftlich nicht anerkannt, Franzosen verweigern Dir, Franzose zu sein.
Das macht wütend – das kann ich verstehen.

Die IS-Videos sind geil, da gibt es einen Staat, der kümmert sich um alles. Da ist ein Soldat ein künftiger Märtyrer, er bekommt Heimaturlaub, ist nett zu Frau und Kind.
Und es ist toll wie die jungen Soldaten mit Kalaschnikow lässig über die Schulter auf Pickups über Wüstenstraßen preschen.

Hier glaubst Du, bist Du jemand. Hier glaubst Du, lebt man spannender als im Videospiel. Hier glaubst Du, gibt es nur Freunde und Anerkennung – und das, glaubst Du, wäre der einzig richtige Islam, der da gelebt wird.

Ihr schließt Euch zusammen, hasst gemeinsam Euer Land, zieht die Videobotschaften ein, wollt handeln. Da kommt der Vollbärtige mit stechendem Blick, das ist einer, der weiß, was er will und der reicht die Hand zum Freund. Der hat Flugtickets zu einem Waffentrainingscamp – geil.

Der Traum vom vermeintlichen Krieger Gottes ist schön – aber Du hast doch auch einen Verstand, der den Traum etwas untersuchen könnte! Ist das wirklich so tapfer, wer eine wehrlose Geisel vor laufender Kamera enthauptet? Glaubst Du wirklich, dass Allah das gut findet? Ist es nicht komisch, dass so viele Syrer aus dem Land fliehen, während Du glaubst, hier prima Verhältnisse einzubringen, viel besser als die in Frankreich? Du fluchst auf Hollande, der Flugzeuge gegen den IS schickt, gut. Aber wer hat zuerst angefangen? Hast Du auch geflucht, als deine IS-Freunde Jesiden und Kurden aus ihrer Heimat verjagten, Frauen schändeten, Mädchen versklavten? Ist Dir eigentlich wohl bei dem Gedanken, dass alte Mullahs Dir vorschreiben, was Deine Freundin anziehen darf, welche Musik Du hören darfst, was Du trinken, und was Du essen darfst? Hast Du nicht vielleicht mal gelesen, dass der Geheimdienst vom Saddam und seine Offiziere im IS das Sagen haben? Ist nicht einer Deiner Freunde zum Spitzel angeworben worden? Offensichtlich nicht, das willst Du nicht hören, Propaganda der Ungläubigen!

Und nun glaubst Du, es würde Allah gefallen, wenn Du mit einer Kalschnikow auf Deine eigene Altersgruppe in Bars und in einer Konzerthalle ballerst. Wenn das Blut strömt und die Stadt in den Ausnahmezustand versetzt ist, fühlst Du Dich stark und lädst die Knarre nach. Dein Sprenggürtel wird Dich als Märtyrer in den Himmel schicken, glaubst Du.

Ich will Dir was sagen, Du wirst als gemeiner Mörder vor Allah stehen. Die von Dir Niedergemachten werden Dir die Tränen ihrer Eltern, Geschwister und Freunde schicken. Du bist die Ursache, dass in dieser Nacht tausende arabisch aussehende Franzosen entwürdigende Polizeikontrollen erleiden müssen, die werden Dich verfluchen. Du saugst die Hass-Hashtags auf, die Dir zujubeln, aber Du siehst nicht die Milliarden Muslims, die Dich als Schande empfinden.
Du tust mir leid.

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Peter Kubelka – analog vs. digital?

Kubelka mit Filmschnitzel im Filmmuseum Ffm

Kubelka mit Filmschnitzel im Filmmuseum Ffm

Auf der Biennale Expandes Senses 2015 (vgl. voriger Beitrag) in Frankfurt war auch Kubelka im Filmmuseum als Referent geladen („Peter Kubelka presents his movies“). Kubelka packte Filmrollen aus und ließ gleich einen 36mm-Zelluloidstreifen durch seine Hände gleiten. Als Einstieg erklärte er uns die im Filmstreifen materialisierte Zeit einer Sekunde, die fast einen Meter langer Streifen bedeutet. Da fallen nebenbei Aussagen wie: es gibt keine Zeit, und es gibt keine Bewegung. Bewegung geschieht im Kopfe, was er anschaulich mit den Bildsequenzen vorführt. Er bietet einen sehr knappen Diskurs, dass eigentlich die ganze Welt so wie der Film gebildet sei. Der analoge Film, dessen Wiedergabe- und Wahrnehmungsmechanismus wird als Weltmuster gepriesen. Er erweist sich als Meister, aus einfacher Anschauung philosophische Spitzfindigkeiten zu zaubern, höchst unterhaltsam, wie hier im Galopp Systeme zerschmettert und Wohlakzeptiertes der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Immer mit einem Kern Nachvollziehbarem darin. Kubelka hasst die Hintergrundmusik im Film, wobei auch Hitchcock abgewatscht wird.
Wir dürfen von ihm kommentiert seine berühmten Filme „ Adebar“ (ein schwarz-weiß-Silhouetten Tanzfilm), „Schwechater“ (ein minimalistischer „Werbefilm“ für eine Biermarke), „Arnulf Rainer“ (Schwarz-Weiß Rauschen), und „Unsere Afrikareise“ mit versetztem Ton anschauen. Das ist ein absoluter Kontrapunkt zu allem anderen der Biennale, denn hier wird analoges Material mit analoger Projektionsmaschine im Filmmuseum vorgespielt. O-Ton Kubelka: „Was ich hier gemacht habe, kann man nie, nie digital produzieren!“ und weiter „wo Godart hin gekommen ist, da waren schon andere, wo ich angelangt bin, da war noch niemand!“. Also mangelndes Selbstvertrauen ist Kubelkas Sache nicht. Ein weiterer Schlüsselsatz: „Wenn man eine Skulptur aus Stein in Bronze abgießt, dann ist das nicht mehr die Skulptur.“ Gemeint ist wohl, wenn man seine Filme digital produzieren wollte, dann sind es nicht mehr seine Filme.
Ich finde dieses Bild richtig und falsch zugleich. Wenn ich mir Kubelkas Fime in Youtube ansehe (Arnulf Rainer , Unsere Afrikareise) und das mit der Vorführung im Kinomuseum mit Analogprojektor vergleiche, dann ist der Unterschied eklatant.Das liegt allerdings auch an dem Problem, dass ein Film über Youtube am PC betrachtet, nicht mit dem selben Film im Kino betrachtet, verglichen werden kann.

Was aber passiert, wenn ein digitaler Filmfreak Kubelkas Filme nach genau seinem Produktionsmuster digital nachbauen würde? Die moderne digitale Schneidetechnik bedient sich ja auf der grafischen Oberfläche der analogen Zeichen. Man zerschneidet den Filmstreifen, man trennt den Ton von Film, man kann diese Stücken verschieben, überlappen, zusammenkleben. Letztlich geht es auf dem Bildschirm zu wie auf einem realen Schneidetisch. Wo sieht man dann welchen Unterschied auf zwei Leinwänden in einem riesigen Kinosaal? Ich vermute mal, der Unterschied läge im Überschuss an Perfektion, den das Digitale hoch auflösende Bild heute bringen würde. Das Flimmern im Weiß des „Arnulf Rainer“-Films wäre glatter, das Pixelige des 16 mm-Films von „Unsere Afrikareise“ käme zu bunt, zu wenig verschwommen daher. Der Reiz des analogen Films liegt wohl darin, dass die Technik an die Illusion des „realen Bildes“ nur annäherungsweise mit Flimmern und Rauschen begleitet herankam, während die digitale Maschinerie hyperrealistische Welten produziert, die die Illusion übersteigern und damit wieder verfremden.
Und dennoch, nach dem Skulpturenvergleich meine ich, dass eine Plastik von Rodin gewiss der Materialbeschaffenheit von Stein ihre Entstehung verdankt, und die Oberflächlichkeit des Steins einen eigenen Aspekt darstellt, aber auch der Bronzeabguss kann noch einiges vom Gestus des Meisters ausstrahlen, auch wenn die Materialgesetzlichkeit und Oberfläche nun eine ganz andere ist.
Dass der analoge Film ein anderer als der digitale sei, darüber muss man nicht streiten, das kann man stehen lassen. Dass aber mit der Digitalisierung der Film tot sei, das ist dann doch eine Spur überzogen. Alle anderen Produkte der Biennale wären damit dem Mülleimer zugeordnet Ich unterstelle mal, so radikal ist dann auch ein verehrter Herr Kubelka nicht. In seinem Vortrag an der HfbK Hambug stellt er das Dilemma vor, dass aus atheistischer Sicht Johann Sebastian Bach ein Trottel war, der an diesen ganzen Jesusunfug inbrünstig glaubte. Aber die großartige Bachsche Musik, ist ohne diesen religiösen Hintergrund gar nicht zu denken. Kulturprodukte knüpfen immer an das gegebene kulturelle Erbe an. Da der Übergang vom Analogen zum Digitalen eine durchdringende, globale kulturelle Veränderung darstellt, wird auch die Kunst den damit gegebenen Veränderungen nicht mit Ignoranz gegenüberstehen können, soviel Scharlatanerie auch immer damit mag geschehen sein.

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B3 Biennale des Bewegten Bildes – Expanded Senses

Bernd Kracke, HfG, Offenbach

Bernd Kracke, HfG, Offenbach

Im Kulturranking der Städte werden Duftmarken gebraucht. Frankfurt versucht es unter der Ägide von Bernd Kracke, Chef der HfG, Offenbach, zum zweiten mal mit der B3 2015. Viele Kunstinstitutionen hat er im Boot und die Kulturpolitik von Stadt und Land spielt finanziell mit. Zentraler Ort ist das MAK, das sein gesamtes Gebäude für 5 Tage (7.-11.10.2015) zur Verfügung gestellt hat, ergänzt von der benachbarten Villa Metzler und dem nahen Museum für Filmkunst und vielen weiteren dezentralen Anbietern bis nach Wiesbaden. Mit der Berlinale gibt es ein e Kooperation mit dem „Forum Expanded“ unter dem Titel „Film und Performance als dokumentarische Prtaxis“, etc. Indikator für die Vielfalt ist das überwältigende Programm auf der Homepage der B3, das dem Titel entsprechend mit einer Bilderflut und bisweilen wenig aussagenden Texten den Informationssuchenden erschlägt. Nach hilflosem durchzappen habe ich beim ersten Ansatz die Seiten schnell wieder zugeklappt.
Das „bewegte Bild“ ist eine ziemlich nichtssagende Metapher, die uns seit dem Daumenkino lange vertraut ist, und zu „erweiterten Sinnen“ können einem Experimente mit Opiaten oder computergesteuerte Prothesen einfallen. Diese extreme Themenbeliebigkeit birgt die Gefahr eines aktuellen Kunstsammelsuriums ohne Konzept, und zugleich birgt sie die Chance, eine Klammer zu bilden zwischen Film, Videokunst, Computerspiele, um ausgewählten Künstlern, Designern, Filmemachern und Gamesentwicklern eine Plattform zu bieten, wo sie in Austausch treten können, um über den state of the art zu reflektieren. Niemand erwartet endgültige Ergebnisse (Helmut Müller), aber es werden Wegweiser für junge Kreative erhofft (Joachim Becker), und die Region will mit über 15 Museen thematisch am Zeitdiskurs beteiligt sein.

Brian Eno

Brian Eno

Ich kann nicht beurteilen, ob hier die relevanten „Bild“-Akteure eingeladen wurden, mit Brian Eno ist den Veranstaltern jedenfalls ein guter Griff gelungen. Unsereins denkt dabei nur an Roxy Music, aber wer in Wikipedia nachschlägt bekommt ein imposantes Bild einer zentralen Kunstfiugur unseres Jahrhunderts gezeichnet. Überdies fand ich seine Eröffnungsworte am Freitag Abend überaus sympathisch. Der grelle Pop, Mal, Musik und Videokünstler rief zum Innehalten auf. Eine so quirlige Stadt wie Frankfurt kennt keine Ruhe mehr, die Handys (auch sein eigenes während seiner Rede) klingeln ständig. Wir sollten mal für wenige Minuten abschalten, uns auf Ruhe einlassen. Genau das fordert seine Videoinstallation heraus. Expressionistische Videobilder, die sich ganz langsam verfärben, die Form erhaltend, aber die Tönung ändernd. Wer da nur vorbeieilt und abhackt, merkt das gar nicht. Diese Objekte waren vor Jahren in Frankfurt noch mit großen Bildschirmen ausgestellt und wurden glücklicherweise aufbewahrt, so dass sie mit neuer Technik vom Künstler reanimiert werden konnten.

Between Art and Cinema

Between Art and Cinema

Die Vorträge und Workshops im Parterre der Villa Metzler boten eine Fülle interessanter Themen, wo man die Chance hatte, Filmemacher, Gamesentwickler, interaktive Videokünstler, TV-Analytiker, etc. zu hören und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Hier konnte man den Künstlern begegnen, deren Werke im MAK ausgestellt waren, eine sehr gute Idee. Mein Problem war dabei, dass meine Englischkenntnisse für differenziertes Sprechen und Verstehen grenzwertig sind.
Ich habe mich bei meinen Workshopbesuchen vom Titel leiten lassen (der Programmfolder ist übersichtlicher als die Internetdarstellung), ohne enttäuscht zu werden. Z.B. „Between Art and Cinema“ (7.10.) hoch spannend, was die Künstler zu ihren Grenzgängen zwischen Malerei, Autorenkino, Videokunst und Musik aus ihrer Biografie erzählt haben (Igor Simic). Wie die Produzenten die Entwicklung einschätzen (Stephan Hall). Die Moderatorin habe ich leider kaum verstanden. Es war eine geballte Chance, dicht an gute Leute zu kommen, die leider etwas wenig genutzt wurde. Vormittagsworkshops hatten um die 10 Besucher, wovon einer zur Dokumentation abgestellt, und die Hälfte aus anderen internationalen Ausstellungsbeteiligten bestand. Wo waren die Studenten der AfG, wo war das kunstinteressierte Frankfurter Publikum? Im Filmmuseum sah ich den sehr interessanten Film „Out On The Street“ über Rollenspiel spielende streikende Arbeiter in Kairo mit nur 3 Besuchern! Bei Sam Klemke’s autobiografischen Film „Time Machine“ waren wir ein Dutzend Leutchen!

Prof.Günther Sense of Doubt

Prof.Günther Sense of Doubt

Begleitend zur B3 steht neben der Villa Metzler ein Ensemble von Containern an einem Holzblankenweg. Hier wir „Sense of Doubt. Wider das Vergessen. Ein wissenschaftlich-künstlerisches Projekt des Exzellenzcluster „Die Herausbildfung normativer Ordnungen“ der Uni Frankfurt gezeigt. In jedem Container laufen ein bis drei Videofilme, die künstlerische Ausdrücke gegen repressive Systeme darstellen. Jeder Container hat zwei Professoren des Exzellenzclusters zum Paten. An jedem Abend gibt es in der B3 (MAK) einen professoralen Vortrag zu diesen Arbeiten. Hochkarätig, sehr spannende Arbeiten, und es gibt keinerlei Gedränge vor den Containern! Der Vortrag, den ich gehört habe, war allerdings sehr gut besucht.

Brian Eno

Brian Eno

Was sind die Gründe der etwas geringen Nachfrage? Studierende der HfG sagten mir, es gäbe unter den Studies Verärgerung, dass Honorarmittel in die B3 abgeflossen seien. Diesen Ärger vermag ich nicht zu teilen, ein international besetzter Kunstkongress wie die B3 ist allemal ein hervorragender Lernort, der den meisten Vorlesungen an Lernwert überlegen ist. Warum fehlt es an Frankfurter Kunstinteressierten? Vielleicht war die Internetpräsentation zu unübersichtlich. Vielleicht ist Frankfurt zu klein, um ein so breitspektriges Programm zu füllen? Vielleicht ist die B3 noch nicht genügend in den Kulturköpfen verankert? An Marketingbegleitmusik in der lokalen Presse hat es eigentlich nicht gemangelt. Vielleicht sind die Frankfurter mehr an Geld und Automobilmesse als an Kunst interessiert? Vielleicht ist es der Überdruss am bewegten Bild, wer mag die vielen Videoscreens in allen modernen Ausstellungen noch sehen?
Ich meine aber, es lohnt sich, dahin zu gehen! Bis zum Sonntag läuft das noch.

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Freifunk Frankfurt

Klar, das Thema dieser Tage ist die Flüchtlingsfrage. Fast bahnt sich da eine Völkerwanderung an, gäbe es nicht die hohen Mauern um Europa. Aber zur Zeit hat sich unter dem Druck unmenschlicher Bedingungen in den Fluchtländern der Vorhang etwas gelüftet, es kommen Tausende pro Tag. Notunterkünfte und unmittelbare spontane Hilfe ist die einzig humane Antwort, und da die Fliehenden neben allem dringend Informationen brauchen, wissen wollen, wie es Freunden und Verwandten geht, ist das Smartphone das Orientierungsmedium Nummer 1. Aber eine Prepaid-Karte kostet Geld und ist bei Ferngesprächen schnell erschöpft, also müssen für schnelle Hilfe  Internetverbindungen frei geschaltet werden. Das genau ist das Anliegen der Freifunk-Bewegung, das Netz frei zugänglich und frei von Schnüffelei zu organisieren. Die Frankfurter Rundschau berichtete am 4.Sept.15 über ein erstes Projekt der Frankfurter Freifunker, in einer Notunterkunft für Flüchtlinge ein kostenloses, passwortfreies WLAN anzubieten.

Das fand ich eine so gute Idee, dass ich sogleich am Montagstreff der Freifunker im Kanonensteppel in der Textorstrasse vorbei schaute, um mich über die Aktivitäten zu informieren. Gefühlte 50 Leute, meist Männer jüngeren und mittleren Alters plauderten in Gruppen beim Äppelwoi über ihre Anliegen. Es waren Freifunker aus Mainz und Wiesbaden da, die über Kooperationen reden wollten, es war der harte Kern da, und es waren etliche Neulinge da, mit Interesse für den Freifunk und für den freien Netzzugang für Flüchtlinge. Manfredo Mazzaro, Freifunker und Pirat in einer Person setzte uns über das Flüchtlingsprojekt ins Bild. Hilfe wird gar nicht so sehr im technischen Bereich gebraucht, Hilfe ist zu 90% im Kommunikations- und Öffentlichkeitsbereich vonnöten. Die verantwortlichen Betreiber der Einrichtungen müssen gefunden werden, sie und ihre Mitstreiter müssen überzeugt werden, dass Freifunk kein juristisches Risiko bedeutet, dass Sicherheitsbedenken übertrieben sind (z.B. wieso sollte ein „Schläfer“ bzw. ein fanatischer Islamist den mühsamen Flüchtlingsweg gehen, wo es bereits ca. 800 deutsche IS-Kämpfer gibt, die mit deutschem Pass und arabischen Dollars bequem einfliegen können?), und dass so eine WLAN-Station ziemlich einfach zu installierenen ist und wartungsfrei funktioniert, wenn in der Einrichtung bereits ein Internet vorhanden ist. Auch wenn kein Internet vorhanden ist, läßt sich über Richtfunk aus der Nachbarschaft eine Anlage „basteln“, die im bezahl(spend)baren Bereich bleibt. Das leidige „Störerhaftungsproblem“, d.h. die deutsche Gesetzteslage, nach der der Bereitsteller haftet, falls ein Nutzer Illegales im Netz treiben sollte, haben die Freifunker dadurch gelöst, dass die Daten über einen „Tunnel“ nach Schweden geschickt werden, und erst dort ins Internet gehen, wo es eine Störerhaftung nicht gibt.

Über die Philosophie der Freifunker informiert deren „Zentralorgan“ http://freifunk.net. Die Seite der Frankfurter Freifunker ist http://ffm.freifunk.net (oder www.wifi-frankfurt.de). Ein informatives Interview mit den Frankfurter Freifunkern Christof Schulze und Jan Kunkel steht in Informatik Aktuell, in dem auch viele wichtige Links zum Freifunk zu finden sind.

Wer die noch nicht so ganz dichte Freifunkdecke Frankfurts enger verweben will, braucht nur bei den Kollegen einen vorfigurierten Router für 17 Euro  zu erstehen, ihn an den eigenen Router stöpseln und ins Fensterbrett stellen. Die Vision des Vereins besteht darin, die ganze Stadt mit einem dichten freien WLAN-Netz zu überziehen.

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Ex_Machina, Kino und KI

Ein Film zur Künstlichen Intelligenz (KI) und noch dazu ein sehr gelungener, ist immer eine reizvolle Studie für einen Computerfreak. „Ex_Machina“ ist das Regiedebüt des Drehbuchautors Alex Garland, der kammerspielartig die Frage nach der künstlichen Intelligenz ohne Weltuntergangsgedröhne, Ballerei und Straßenverfolgungsrennen einfach mit Dialogen durch und über den berühmten Turing Tests erzählt. Zur Inszenierung kann man die meist lobenden Kritiken nachlesen. Der Plot ist einfach: Der Erfinder Nathan, Besitzer des größten Suchmaschinenkonzerns „Bluebook“ lädt seinen begabtesten, als brav und ohne Freundin lebenden Programmierer Caleb in seine Forschungsfestung ein, damit dieser einen Turing-Test mit der Computerfrau Ava durchführt, um herauszufinden, ob diese wirklich eine menschengleiche Intelligenz besitzt. Ich habe im Abspann keinen Hinweis zu einem wissenschaftlichen Berater gefunden, und vermute auch, dass Garland (im Unterschied zu Kubrick anlässlich seines Science Fiction Films „2001: Odyseee..“) keine eigenen tieferen Recherchen zur KI-Forschung angestellt hat. Insofern spiegeln die kleinen Details im Plot die aktuellen Zukunftsbilder, die sich informierte, kreative Leute heute von zukünftigen technischen Entwicklungen machen. Ein Science Fiction entsteht in der Regel dadurch, dass man die aktuellsten technologischen Neuerungen noch etwas weiter nach vorne denkt, was häufig nur zu sehr mageren Visionen führt.
Die Plotfiguren sind aktuell hoch vertraut, Bluebook steht für Google und Datamining, der Protagonist ist ein liebenswerter Computernerd und Ava ist eine sehr sexy Superfrau, die aus einem beliebigen Modejournal entsprungen sein könnte. Allerdings ist der Erfinder Nathan nicht ein grauhaarig, weise blickender Alter, sondern exzentrisch, etwas sehr körperbetont, dass man ihm seine gigantische Forschungskapazität eigentlich nicht ansieht. Und der Programmierer Caleb ist gar nicht nerdisch verklemmt, sondern in der Lage, sehr lebensnahe, intelligente und einfühlsame Fragen an seine Computerdame zu stellen, um sich, was zu erwarten war, in sie zu verlieben. Auch der Turing-Test erfährt eine Variation (die im Film auch kommentiert wird). Das zu befragende Etwas, das man als Computer oder als Mensch zu identifizieren hätte, wird hier sofort als Computerwesen offenbart. Man sieht der Computerfrau an Hüfte und Beinen deutlich an, dass sie eine Maschine ist. Damit, dass es sich hier offensichtlich um eine computergesteuerte Maschine handelt, ist der Test aber nicht zu ende. Caleb soll herausfinden, ob dieses Computerwesen denkt und empfindet wie ein Mensch – oder eben, ob diese Eigenschaften bloß vorprogrammiert simuliert werden.
Die Handlung soll hier nicht weiter dekliniert werden. Interessant ist, dass wir heute, wo es scheinbar selbstverständlich scheint, dass Computer alles „wissen“, die Menschlichkeitsfrage nicht in der Wissensakkumulation, sondern in der Gefühlsebene suchen. Als Marvin Minsky 1956 den Begriff „artificial intelligence“ kreierte, war es noch wichtig, mit dem Computer die Wissenskraft des Gehirns überbieten zu wollen. Je mehr man lernte, was der Begriff Intelligenz eigentlich umfasst, wie er zu messen sei, desto mehr kam auch der Körper und sensitive Erfahrung von Welt für die Kognition ins Spiel. Die kognitive Psychologie nahm sich der Intelligenzfrage an. Die KI-Forscher glaubten zu Beginn noch, die Hirnfunktionen über programmierbare Regeln abbilden zu können. In Analogie zur Gehirnstruktur wurde die Metapher neuronaler Netze systembildend. Mit Neuroinformatik werden mathematische Modelle künstlicher neuronaler Netze konstruiert, die ähnlich operieren, wie einfache biologische neuronale Netze. In der Mustererkennung und auf anderen Gebieten gibt es durchaus erfolgreiche Anwendungen, aber im Bereich der künstlichen Intelligenz sind die Wissenschaftler mit derart regelbasierten programmierten Strukturen bislang nicht gut vorangekommen. Viel erfolgreiche in Sachen Prognose menschlichen Verhaltens oder z.B. im Bereich der Sprachbildung und Übersetzung war in den letzten Jahrzehnten die geballte Stochastik, bzw. das Durchsuchen riesiger Datenmengen nach Ähnlichkeiten (aktuelles Neudeutsch: Bigdata). Wenn Google heute einen Text übersetzt, dann geschieht das nicht nach syntaktischen und semantischen Regeln, sondern es werden aus Datenbeständen bestehende Übersetzungen durchforstet und nach Sätzen gesucht, die der zu übersetzenden Vorlage entsprechen, das wird noch mit heuristischen Regeln abgeglichen, und dann kommt die Übersetzung heraus, hinter der keinerlei Sprach- und Sinnverständnis steht, die aber heute schon halbwegs funktioniert, und zukünftig wohl noch besser werden wird. Die moderne Form der KI besteht gewissermaßen darin, mit Null-Intelligenz ein Produkt zu erzeugen, das eigentlich nur von einem intelligenten Wesen erzeugt werden kann.
Uns wird in den Filmdialogen erklärt, dass Ave mit Mikromimik die Gefühle von Caleb erkennt. Zu jedem Gefühlsausdruck gibt es je nach Kulturkreis eine bestimmte Gesichtsmimik. Die Gefühlswelten und die zugehörigen Gesichtsausdrücke sind natürlich so vielfältig, dass ein regelbasiertes System der Gesichtsmimik nur sehr beschränkt prognosetauglich ist. In Bluebooks wird aber hierzu Bigdata angewendet, so dass aus Millionen Videoaufzeichnungen mit Sprachspeicherung wie beim Übersetzungsmechanismus aus einem Ähnlichkeitsabgleich auf den Gefühlsausdruck geschlossen werden kann. Hier wird dem Zuschauer angedeutet, das Ava Gefühle erkennen kann, ohne zu wissen, was ein Gefühl ist. Mit der Wahl des Suchmaschinenmoguls als Entwickler der KI-Frau greift der Drehbuchautor auf den aktuellen Wissensstand zurück , dass mit Bigdata die größten Erfolge zu erzielen sind.
Auch die Rechnerarchitektur unterscheidet sich erheblich. Weil zu Kubricks Zeit (1968) noch der Großcomputer dominierte, verstaut er das Computergehirn Hal in eine große Schrankwand im Raumschiff. Mit den extremen Miniaturisierungsfortschritten in der Chiptechnik darf das Gehirn von Ava schon in eine wabernde Biochiphülle schlüpfen, die der menschlichen Gehirnmasse nahe kommt. Das ist heute auch noch lange nicht realistisch, aber zeitgeistlich denkbarer als zu Kubricks Zeiten.
Wo der Film m.E. eine Drehbuschschwäche aufweist, ist die Behandlung des künstlichen Körpers. Einerseits spielt der Film mit dem Paradigma, dass Intelligenz und Körper eine Einheit bilden (was populär damit gestaltet wird, dass die Computerfrau vögeln kann), aber die Frage, wie ist ein künstlicher Körper beschaffen, der diese Einheit leisten kann, spielt im Plot keine bzw. nur eine sehr untergeordnete Rolle. Wir erfahren, dass beim „upgraden“ einer Computerfrauversion wesentlich Software ausgetauscht wird, der Körper aber wiederverwendet wird, weil der so kostbar ist. Dass Nathan nicht nur ein begnadetes Softwaregenie ist, sondern auch noch die Fähigkeit hat, in einem 20 mal 20 Meter Labor einen hoch komplexen Kunstkörper allein zu basteln, scheint mir auch als kühne Vision etwas platt. Der Film sollte ein Kammerspiel sein, da hätten weitere Personen wohl den Rahmen gesprengt, aber die fehlen mir dann doch – schade.
Während der im Vorjahr erschienene Science Fiction Film Interstellar seinen Plot mit einer nicht unumstrittenen Theorie des Wurmlochs relativ theorienah unterfüttert, ist offensichtlich die Affinität von Ex_Machina zur KI weniger strikt, so dass die filmische Darstellung über denkbare Sachzwänge gesetzt wird. Das tut dem Film gut, und dem sinnieren über heutige Auffassungen von KI keinen Abbruch.

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Wem gehört die Zukunft?

Vor fast einem Jahr erhielt Jaron Lanier den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für sein Buch: Wem gehört die Zukunft? Lanier gehört zu den Internetpionieren. Er ist 1960 in New York geboren, hat beim Atari mit gewerkelt, kennt viele Größen des Silkon Vallys oder der Thinktanks vom MIT persönlich, galt mit seinen Dreadlocks als Popstar der Internetgemeinde, nun ist er ihr Dissident. Ich hatte voriges Jahr seine Preis-Rede in der Paulskirche nachgelesen, die mir schon sehr blumig-schwammig vorkam, und war gespannt auf sein Buch, durch das ich mich seit Wochen mühsam quäle. Es wimmelt von eigenen Begriffsschöpfungen, die mehr verstellen, als sie erhellen, es werden wichtige Hypothesen geäußert, für die aber außer einem amerikanischen Buchzitat keine Beweise angeführt werden. Es wimmelt von Passagen, die ich schlicht nicht verstehe, weil sie mehr Nebelkerzen als logische Deduktionen ausbreiten – warum hat dieses Buch den Friedenspreis bekommen? Was sagt eigentlich die Kritik dazu, frage ich mich, als ich etwa die Hälfte der Seitenzahl erklommen habe.
Der von den Kritikern wiedergegebene Plot macht die Verleihung verständlich. Lanier habe das Bild vom Netz als große Demokratiemaschine entlarvt. In Zeiten von NSA und Snowden war eine Abrechnung mit den Datenkraken Google und Facebook überfällig. Lanier entwirft eine Dystopie, nach der die Macht hat, wer über die schnellsten Rechennetze („Sirenenserver“) verfügt und die ganze kapitalistische Entwicklung stehe im Bann der Algorithmenbeherrscher, die mit Big Data eine gigantische Arbeitsvernichtungsmaschine in Gang setzen, welche den Mittelstand liquidiere.
(vgl: David Hugendick Zeit, Gerrit Bartels Tagesspiegel, Andrian Kreye Süddeutsche)

Seine Beispiele sind beeindruckend, aber auch ungenau. Er verweist auf den Kodakkonzern, der z.Zt. der analogen Fotografie über 140000 Mitarbeiter beschäftigte und ca. 28 Milliarden Dollar wert war, während die von Facebook für eine Milliarde gekaufte Fotoplattform Instagram gerade mal aus 13 Mitarbeitern bestand. Der Vergleich spiegelt schön den Wahnsinn der Internetfirmenwerte, aber er ist schief, weil Kodak nicht an BIG Data gescheitert ist, sondern noch ganz klassisch von vielen anderen Anbietern in der innovativen Produktentwicklung und Nutzung überflügelt worden war.
Eindringlich legt Janier bei dem amerikanischen Supermarktriesen Walmart dar, dass dieser wohl als erster mit Nutzung der Großcomputer Kunden- und Lieferantenanalyse betrieb, und mit diesem Informationsvorteil gegenüber den noch analog arbeitenden anderen Märkten erhebliche Konkurrenzvorteile absahnte. D.h., hast Du die größeren Rechner, geht Dein Marktgegner gnadenlos unter. Die selbe Argumentation wird gegen den Börsen-Hochfrequenzhandel angeführt, je mehr Power, du hast, desto mehr Marktmacht, die sich auf immer weniger Leute verteile, ist dir gegeben. Das klingt wie ein Technologiemechanismus. Von agierenden Menschen mit Strategien, von politischen Strukturen, von Lobbyismus, etc. wird gar nicht mehr gesprochen. Aber so automatisch läuft es wohl dann selbst nach Lanier doch nicht. In einem späteren Kapitel wird über den Allmachtswahn der Internetgurus gespottet, und der „Nachweis“ geführt, dass die „Sirenenserver“ keine echten Prognosen leisten können, weil die erhobenen Daten interpretiert werden müssen, was Irrtümern Tor und Tür öffnet. Es gibt auch einen wirtschaftstheoretischen Abschnitt, in dem Lanier wohl darlegen will, dass in einem Markt (bei ihm „Internetökonomie“) mit vielen Anbietern nur Suboptima möglich seien, währen bei einem Monopolisten der Markt langfristig zusammenbrechen muss. Die literarischen Bilder hierzu sind Bergsteiger auf einer gewölbten Fläche mit mehreren Gipfeln, die in Vielfalt innovative Wege fänden, während sie als Schar hinter einem Anführer das weniger können (Lob des Liberalismus). Der Internetmonopolist ist der die gesamte Umwelt aufsaugende Sirenenserver, der an seiner Abwärme kollabiere, wenn diese zur Umwelt gehöre.
Lanier hat (das sagt er sogar freimütig in einer Fußnote) einmal einen Kommentar zu Marx im Radio gehört, er wird sicher bei Wikipedia Rousseau nachgeschlagen haben, und er hat wohl mal ein Kompendium zur Makroökonomie überflogen. Mit diesem Alltagswissen ausgestattet, schäumt er Theoriegebäude auf, schwadroniert über den Marxismus und andere Geistesströmungen, um zu belegen, was er intuitiv an Veränderungen in unserer Gesellschaft spürt. Mich nervt das bei der Lektüre gewaltig. Um z.B. zu erfahren, dass die marktwirtschaftlichen Theorieansätze und die Praxis des Wirtschaftsgeschehens weit auseinanderklaffen, muss ich mich nicht über 20 blumige Seiten bei Lanier quälen, das sagt einem unverblümt jeder Wirtschaftsprofessor zu Beginn seiner Vorlesung.
Wichtige Thesen, wie beispielsweise die Frage, ob mit der Durchdringung des Internets insgesamt Arbeitsplätze entfallen, werden von ihm behauptet, aber leider an keiner Stelle bewiesen, oder auch nur ansatzweise empirisch zu belegen versucht. Die Frage der Roboterisierung, bzw. Durchdringung der früher analogen Technologien mit mehr und mehr computergesteuerten Elementen sollte man nicht ohne weiteres mit Big Data verknüpfen, d.h. mit der massiven Auswertung großer Datenmengen. Das sind zwei Prozesse, die für eine Analyse der Gesamtentwicklung differenziert betrachtet werden sollten. Deutschland ist z.B. stark gegenüber früheren Jahren „roboterisiert“ und uns gehen z.Zt. die Arbeitskräfte aus, wo sind die Freisetzungen, wo ist die reduzierte Mittelschicht? Lanier wird sagen, das kommt noch – vielleicht, vielleicht aber auch nicht!
Am Beispiel der japanischen Pflegeroboter stellt Lanier eine These zur Arbeitsmarktdifferenzierung vor. In etwa 10 Jahren werden die z.Zt. in Japan entwickelten Pflegeroboter für die zunehmende Schar an Senioren Marktreife haben, dann wird seines Erachtens der Pflegeprozess in den Pflegeheimen so organisiert, dass die Roboter die Grundlast fahren und nur noch wenige, schlecht bezahlte Pflegearbeit für das übrig bleibt, was die Roboter nicht leisten können (die Dequalifizierungsthese). Ökonomisch klafft nach Lanier in allen entwickelten Industrieländern die Schere zwischen wenigen, die enorm viel Vermögen haben, und vielen, die wenig Vermögen haben zunehmend auseinander. Aber auch das behauptet er einfach, ohne es belegen zu können. Ich weiß nur, dass es auch Studien gibt, die das nicht belegen.
Schon im Grundtenor (der Stimulus für die Preisverleihung), dass die Sirenenserver Sicherheiten vorgaukeln würden, die es nicht gäbe, dass der Glaube, alles kostenlos im Netz haben zu können naiv sei, etc. wird von Lanier meines Erachtens zu viel polarisiert. Dass Segnungen des Netzes mit ganz erheblichen Kollateralschäden verbunden sind, muss uns nicht ein Internettechnologe erzählen, das wissen wir schon längst. Ich nutze z.B. Facebook, und unter der überschaubaren Zahl meiner „Freunde“ ist niemand, der nicht wüsste, dass Facebook uns ausnimmt und ständig am Randes des Datenschutzes schrammt. Die Problematik des Hochfrequenzhandels ist kaum einem Leser von Tageszeitungen verborgen geblieben, und die Mechanismen, wie Amazon und Google ihre Marktmacht ausweiten, sind zwar den allermeisten unklar, aber dass das eine Bedrohung darstellt, darüber zweifelt kaum jemand. Auch die jüngste Weltfinanzkrise, die wir hatten, ist nicht durch Big Data ausgelöst worden, sondern hier haben Menschen versagt, die die Stellschrauben für Kreditnahme zum Häuserbau zu stark lockerten, und die Finanzpapiere schnürten, die die Risikoverteilung ins Unverantwortliche steigerten. Und weltweit haben Finanzhasardeurte aus Dummheit oder Gewinnsucht das ganze Spiel multipliziert. Jedem einzelnen Täter langte dazu ein lahmer Laptop, mit einem ganz gewöhnlichen Netz als Transfermedium, also ein Minisirenchen.
Die Frage, welchen Stellenwert Big Data in der Gesamtentwicklung überhaupt hat, ist heute nur sehr schwer einzuschätzen, und wird von Lanier nur höchst unpräzise angepeilt. Mit seinem technologischen Bild vom Sirenenserver lenkt er von den Tätern und von gesellschaftlichen Prozessen nur ab. Globalisierung, wie sie heute von global Playern praktiziert wird, ist zwar ohne ein globales Internet gar nicht machbar, aber der weitere Ausbau des Netzes, das weitere Anwachsen von Datenströmen ist nicht die Ursache, sondern die Folge der sozial-ökonomischen Prozesse. Was die nächste schlimme Krise weltweit auslösen könnte, oder was die Lebensbedingungen derer, die heute ständig unter Krieg und Ausplünderung leiden, wirklich verändern könnte, das wird sehr wahrscheinlich eben nicht allein von BIG-Data und Sirenenservern abhängen. Die Faktoren, die unsere Zukunft beeinflussen, scheinen mir weit über den doch etwas zu technologischen Tunnelblick Laniers hinaus zu gehen. Soweit seine Systemanalyse.
Sein Lösungsvorschlag wird in den einleitenden Abschnitten schon mehrfach angedeutet. Im Buch ist es mehr das letzte Drittel, das ich nicht mehr zu lesen beabsichtige. Genial einfach verlangt Lanier schon im Anfangstext, dass wenn die Sirenenserver von uns Daten klauben, dann ist das ja eine Rohstoff für ihren Profit, also sollten sie für die Entnahme dieses Rohstoffes uns entgelten. D.h. wenn ich nach einer Fahrradhose googele, und Googel sich meine IP notiert, sie verknüpft, und mich als Zielperson an die Werbeabteilung der Fahrradbekleidungsindustrie zu 10 Cent verhökert, dann soll mir Google gefälligst für diesen Klick einen Teil des Erlöses zurück überweisen. Wer den ganzen Tag herumgoogelt, hat abends vielleicht 100 Euro Tantiemen ergoogelt, bei der googelnden Mittelschicht kommen dadurch große Geldbeträge an, und Googel ist zukünftig nicht mehr ganz so reich ….
Wer die zweite Buchhälfte liest, wird dazu sicher Genaueres erfahren, aber aus den Buchkritiken Anderer entnehme ich mehrheitlich, dass diese Fiktion, dass Googel zu seiner eigenen Sozialisierung bereit sei, doch wohl eine recht realitätsferne Annahme sei. Immerhin, das muss zur Ehrenrettung des Autors gesagt sein, er offenbart sich nicht als ein Internethäretiker, sondern will Optimismus verbreiten, dass wir es noch in der Hand haben, das Netz zu einer humaneren Entwicklung zu verändern.

Meine bescheidene Meinung zum Internet besteht darin, dass wir mit der Computerisierung und dem Netz ein neues, großartiges Werkzeug haben, das ähnlich wie das Aufkommen der Maschinen (Mechanisierung) nicht „neutral“ ist, es verändert unser Leben, es strukturiert neu. Aber wie diese Veränderung läuft, das ist nicht ein digitaler Determinismus, da gibt es keinen an sich „guten“ oder „bösen“ Pfad, das ist mehr eine evolutionäre Entwicklung, die Veränderungen schafft, die immer wieder neue Herausforderungen betreffen, die gemeistert werden. Auch Big Data ist eine Entwicklung an deren Beginn wir erst stehen. Nach Lanier ist Big Data so gefährlich, weil man sehr viel Kapital braucht, um darüber zu verfügen. Das ist richtig und bedarf entsprechender Regularien. Aber vielleicht gibt es in 20 Jahren nach einer technologischen Chiprevolution ein Speicher an meinem Handgelenk, der es mit einer modernen Serverfarm aufnehmen kann – dann wird das Problem anders aussehen, und wir werden sicher neue Probleme haben.

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Node 15: Eingehüllt in Code, die Zukunft des geprägten Körpers

Als Node-Fan habe ich mich am Crowdfunding zur Ermöglichung der Tagung „Wrapped in Code the Future of the Informed Body“ (27.4.-3.5.2015) beteiligt und bin allein gestern, am Maivorabend großartig „belohnt“ worden.
In diesem Jahr ist der Mousonturm mit Naxoshalle Gastgeber, was für die sehr sehenswerte begleitende Ausstellung viel Raum schafft, aber nicht ganz die gemütlich vertraute Atmosphäre des Frankfurter Kunstvereins birgt, in der bislang das Node Forum tagte. Alle Objekte thematisieren das Spannungsfeld zwischen Körper, Informationstechnologie und künstlerischer Ausdrucksform. Die Rückkopplung über Sensoren, die die Körperbewegung erfassen und entsprechend programmierte Reaktionen provozieren, ergeben eine „Mitmachausstellung“. Was hier als visionäre kreativ-technische Spielerei daherkommt, ist z.B. mit der apple watch in der Realität schon angekommen, und in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen noch kaum verstanden. Inwieweit das Forum diesem Durchgriff der Konzerne auf unseren body gerecht wird, kann ich nicht beurteilen, aus den Objekten erschließt sich das nicht unmittelbar.
Betritt man den Mousonturm, so „flattert“ in der Eingangshalle ein riesiger virtueller Vorhang, der über Sensoren durch die Vorbeigehenden bewegt wird. Auch wer aufmerksam zur Treppe hochgeht, bemerkt, dass er mit seinen Schritten einen aufsteigenden bzw. absteigenden Sound produziert. Am Mittwoch Abend gab es ein „Body-Konzert“, bei dem in einem schwarzen Raum zwei Personen mit bloßem Oberkörper angespannt gebückt am Boden hockten, und bei geringen Körperdehnungen über köpergurtmontierte und andere Sensoren an der Decke rhythmische, am Herzschlag orientierte Geräusche produzierten, die visuell in Form oszillografischer Kurven rundum an die Wände projiziert wurden. Eindrucksvoll, aber schleierhaft, weil der Zusammenhang zwischen Körperbewegung und produziertem Sound nur rudimentär nachvollziehbar waren. Wir haben in kleiner Runde lange über diese Performance diskutiert und dabei sehr Unterschiedliches wahrgenommen. Für mich waren die angespannten Körper (Mann und Frau) wie in einem Korsett gefesselt, die wie im Endspiel von Beckett nur noch geringen Bewegungsraum hatten, der einen Rest von kaum gelingender Kommunikation ermöglichte. Der ganze Tag war dem Thema „Choreographic Coding“ gewidmet (da habe ich nicht teilgenommen).
WorkshopRepetBeatsAm Donnerstag tagsüber Symposium, wo es um Dystopie und Utopie der Thematik ging, da war ich leider nicht anwesend. Abends der letzte Workshop zu „Repetetive Beats, Repetitive Conditionals & the Future of Dance and Music Making“ war sehr spannend. Es präsentierten sich drei unterschiedliche Zugänge:
Sam Aaron. A Communicative Programmer, Forscher und Entwickler in der Newcastle University (England). Er war beim Raspberry Pi Team der Cambridge University beteiligt, wo der Raspberry-Pi als einfacher Computer für Lehrzwecke an Schulen und Universitäten entwickelt wurde, der inzwischen wie der pädagogische Mikroprozessor Arduino Kultstatus im Netz hat. Dort hat er die freie (kostenlose) „Sonic PI“ Anwendung für den Raspberry entwickelt, mit dem Schüler Synthesizer-Musik produzieren können, was normalerweise nur mit teurer professioneller Software und teuren Computern möglich ist. Aaron will auch dem nicht Softwarekundigen über „leicht“ handhabbare open source Tools den Zugang hier zur Musikschaffung ermöglichen. Ihn interessieren pädagogische Fragen, wie kann ich Komplexität reduzieren, wie kann ich den Code nutzen, Kreativität in Bildungsarrangements erwecken. Auch im Node 13 gab es bereits die Live Coding Performance von Alex McLean, der mit professioneller Software und PC das selbe Konzept verfolgte.
Gregor Schwellenbach, Musiker, unterscheidet sich schon im Vortragsstil. Während Aaron furios seine Impressionen auf der Computeroberfläche (ohne Powerpoint) über den Beamer abzieht, sitzt Schwellenbach auf der Couch und hält Papiernoten hoch und erzählt, und geht zum Klavier, um einige Noten zu klimpern, und führt über Knopfdruck Computersound vor. Schwellenbach hört die Technorhythmen an, wie sie aus der Console kommen, und sucht interessante Ton-Schnipsel, die er dann in Notation bringt, und auf klassischen Musikinstrumenten wiedergibt. Er geht gewissermassen rückwärts von der vercodeten Musik zurück zur Notenschrift und zum klassischen Arrangement, wobei er allerdings nur den „Untergrund“ notiert, und beim Klavierspiel Improvisationen zuläßt. Er schien begeistert, von dem, was sich in der Computermusik zu entdecken gibt, um es in klassisches Repertoir zurück zu führen. In Frankfurt gab es vor zwei Jahren ein open Air Konzert von „Brandt Brauer Frick“, die ebenfalls versuchen, sehr reizvoll den Technosound in konzertante Musik mit klassischen Instrumenten umzusetzen.
Robert Henke. Professor für Sounddesign an der Universität der Künste Berlin kontrastierte redegewandt besonders Aarons Ansatz. Henke hat noch die Großcomputer erlebt und scheint etwas traumatisiert zu sein, von dem Verwaltungs- und Detailkenntnisaufwand, den die Universalmaschine Computer als Desktop oder Laptop dem Anwender abfordert. Wenn er Musik programmieren will, dann will er nicht durch Mails und Internetgeklicke abgelenkt werden. Er prognostiziert dem klassischen PC den Tod und glaubt, die Zukunft besteht in lauter kleinen Einzelgeräten, die domainspezifisch einen Fokus ausfüllen, so dass man sich mit Booten, Programm wählen, anklicken, etc. nicht mehr befassen braucht. Es arbeitet zwar in diesen Geräten ein Mikroprozessor, aber der ist nicht mehr sichtbar, er muss nicht mehr explizit ins Laufen gebracht werden. In dieser Konsequenz verabscheut er den Code und liebt mehr den Fingerwisch (Smartphone) oder die analogen Drehknöpfe am Synthesizer. Aus dem Publikum kam der Einwand, ob es nicht gefährlich sei, nur mit Blackboxen zu arbeiten? Das schmetterte er ab mit dem Hinweis, dass man im High-Tech-Bereich immer an eine Blackbox gerät, ab der der eigene Durchblick zu ende sei. Ich mag dem Professor in diesem Punkt auch nicht folgen. Wer ein Smartphone-Foto macht, das automatisch in die Clowd gebeamt wird, wo es den Datenfressern zum Fraß vorliegt, ist entmündigt. Da ist es doch besser, man lernt, wie man das eigene Foto auf einem Pfad auf der eigenen Festplatte speichert. Diese Computerverwaltung macht mich zum Hausherren meiner Aktivitäten, und das möchte ich mir nicht nehmen lassen. Diskutiert wurde in diesem Kontext über den Fluch und Segen von Beschränkungen. Ein geschlossenes System hat im Gegensatz zur Universalmaschine PC mehr Beschränkungen. Hier waren sich Aaron und Henke einig, auch der Raspberry hat wegen seines schwachen Prozessors und dem beschränkten Speicher nur begrenzte Mögflichkeiten, die einen Reiz darstellen, viel herauszuholen.
Die Frage, wie Code und Musik und body zusammenhängen, war im moderierten Gespräch angestimmt, aber ich habe das wahrscheinlich mangels Englischkenntnisse nicht richtig verstanden, eine Antwort fehlt mir da noch.
Eine Antwort gab das furiose Livespektakel des anschließenden Konzertes, das aus von Aaron mit dem Raspberry Pi gekodetem Sound und der Klavierbegleitung von Schwellenbach bestand. Die Bühne war mit zwei riesigen Leinwänden, einem Rednerpult und einem Flügel bestückt, der Saal war von Stühlen befreit. Am Rednerpult werkelte Aaron auf der Tastatur mit dem Raspberry Pi. Man konnte den in Realtime verfassten Code auf der linken Leinwand sehen, und hörte dazu den mächtigen, beatigen Technosound aus den Verstärkern. Nach einer sich in der Sound-Komplexität steigernden Soloperformance von Aaron kam Schwellenbach dazu, er wünschte einen kurzen knackigen Beat als Hintergrund und schlug dazu seine Riffs in die Tasten. Allmählich codete Aaron komplexere Sounds dazu und es entstand hörbar ein Duett zwischen beiden. Jeder Body im Publikum spürte die Beats und kleinen Variationen über die Grundmuster und wippte entsprechend der eigenen Musikalität im Takt, der für zwei Stunden später angesagte Tanz in den Mai war damit eingeleitet. In der Klavierperformance war deutlich zu erkennen, dass Schwellenbach keine Jazzimprovisationen spielte, sondern eng an den Beatriffs des Raspberry Soundtracks blieb, vertonter Techno gewissermaßen.
Der – sagen wir ruhig – primitive Computer-Beat des Techno wird durch den lebendigen Klaviersound durchaus bereichert, ich konnte das als sehr groovig eine ganze Weile gut hören, bis mir doch die Monotonie zu langweilig/nervig einging. Ich bin kein Technofan, und sehe in dieser Musikform mehr das Opium für die hart arbeitenden Juppies, die sich nächtens mit Alkohol und Speed-Stoffen in einer Traumwelt wegtanzen, um montags wieder brav auf der Matte zu stehen. Könnte man mit dem Sonic Pi Code nicht auch „andere“ Musik machen, die die Kontraste und Widersprüche, differenziertere Klangwelten zum Muster haben und nicht nur bum, bum bum als Grundgerüst? Das junge Publikum war jedenfalls sehr zufrieden, tanzte und jubelte.

Node15-Fazit: Spannende Ausstellung, viele Anregungen, ein Muss für nerdige Kunstfreunde.

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