Padlet – mehr als eine virtuelle Pinnwand

Um 1999 herum im DIE-Projekt „Multimedia in der Umweltbildung“ habe ich einen Workshop zu einer virtuellen Zukunftswerkstatt mit anschließender Erprobung durchgeführt. Für die Kritikphase fiel mir schmerzlich auf, dass wir keine Möglichkeit hatten, die Kärtchenmethode (Metaplantechnik) online zu gestalten. Kritikpunkte auf Kärtchen schreiben, an die Pinnwand heften, sie dann „clustern“ (Zusammengehöriges zusammen stecken) und schließlich zu bewerten, um ein Ranking der wichtigsten Kritikpunkte gemeinsam zu erarbeiten, ist ein wesentlicher Teil der ersten Phase einer Zukunftswerkstatt.

Jetzt gibt es eine Software, die das virtuell leistet und in den Schulen in der Coronaphase gut angenommen wurde (vgl. etliche Links z.B. https://unterrichten.digital/2020/05/25/padlet-praxisbeispiele-unterricht/ ). Padlet stammt aus Vietnam und wird rechtlich in San Francisco, USA, vertreten. In der Datenschutzerklärung wird behauptet, dass es mit der Europäischen Datenschutzlinie übereinstimmen würde.

Bei der Nutzung öffnet sich ein Browserfenster, auf dem einfach Karten (Posts) erzeugt und verschoben werden können. Eingeladene Teilnehmende brauchen keine Software zu laden und werden nicht über eine Anmeldeprozedur abgefragt. Mit einem Link sind sie „drin“.

In der kostenlosen Version (www.padlet.com) kann man nur drei Pinnwände verwalten, wer mehr will, muss 10 Euro monatlich berappen.

Für mich ist Padlet ein spannendes Beispiel, wie beim Übergang von einer analogen Anwendung zur digitalen Variante etwas Neuartiges entsteht, das mit dem Ursprung fast nicht mehr vergleichbar ist.

Auf dem analogen Kärtchen schreibt man eine Aussage, kann die mit Punkten bekleben (bewerten), kann sie an einer beliebigen Stelle auf der Pinnwand anpinnen.

Auf dem virtuellen Kärtchen (Post) wird ebenfalls ein Aussagetext geschrieben, es kann optional der Name des Schreibenden erscheinen, man kann einen Link zur Aussage einfügen, man kann ein Foto anbringen, man kann eine Zeichnung anbringen, man kann ein Video oder Audioaussage anheften, man kann eine geografische Position anbringen, es gibt eine Kommentarfunktion, die alle Beteiligten nutzen können.

D.h. hinter dem virtuellen Kärtchen steht eine Werkzeugkiste unterschiedlicher medialer Modalitäten, die ein gemeinsames Reflektieren zum Kärtcheninhalt entweder simultan oder aber zeitversetzt ermöglichen. Kleiner Nachteil für zeitversetztes kollaboratives Arbeiten ist, dass bei der Erstellung einer neuen Karte oder Kommentars die anderen Teilnehmenden nicht benachrichtigt werden, d.h. man muss ständig aufs Padlet schauen, um zu sehen, was neu ist, was bei größeren Sammlungen schnell unübersichtlich wird. Auch dass es keine „undo“-Option für versehentliches Löschen gibt, kann ärgerlich sein.

Im Anwendungsfall „Zukunftswerkstatt“ wären diese „Zusatzmöglichkeiten“ gar nicht erwünscht. In der Kritikphase will man z.B. noch nicht diskutieren, es soll nicht „gelabert“ werden, und es sollen keine „Killerphrasen“ den Sammlungsprozess irritieren. D.h. weder Links, noch verbale Kommentare sind erwünscht. Das lässt sich mit den Teilnehmenden verabreden, und die Kommentarfunktion kann man zum bepunkten der Kärtchen benutzen. D.h. mit einem „gebremsten“ Padlet lässt sich einfach die Moderationstechnik mit Karten virtualisieren. Allerdings kann hier ein Nachteil hervortreten.

Bei einer präsenten Moderation mit Kärtchentechnik wird in der Sammelphase nur minimal kommuniziert, während erst danach über die aus der Moderation gewonnenen Zentralaussagen ausgiebig diskutiert werden kann. In dem ganzen Prozess lenkt ein Moderator das Geschehen. Er soll sich zwar inhaltlich heraushalten, aber er bestimmt den Lerntakt. D.h., wenn das Kartensammeln stockt, oder wenn der Moderator sieht, dass die Kartentexte „falsch“ angelegt sind, dann wird er unmittelbar intervenieren und dafür sorgen, dass der Sammelprozess in der richtigen Richtung fortgeführt wird. Im virtuellen Fall sind die Beteiligten selbst verantwortlich für den Lerntakt. Wenn das Sammeln z.B. stockt, dann tut sich nichts mehr auf dem Padlet, dann verstreichen u.U. drei Tage, der Flow ist weg. Der Padlet-Moderator wird eine Rundmail an alle schicken, mit der er zu intervenieren versucht, aber das kommt in der Regel schlechter an, als wenn spontan neben der Pinnwand ein paar aufmunternde Anstöße verlautbart werden. Sammlung unbefriedigend beendet! Man könnte dazu sagen, die virtuelle Pinnwand funktioniert nicht, sie ist dem präsenten Moderieren unterlegen.

Dieser mögliche Reinfall liegt aber m.E. nicht an Padlet, sondern daran, dass sehr viele Schüler und Studierende aus ihrer Lernsozialisation gewöhnt sind, einem vorbestimmten Lerntakt durch die Lehrenden zu folgen. Selbstgesteuertes Lernen im Internet heißt aber, dass die Lernenden nicht ständig auf Anweisungen warten, die sie zu Lernausführenden machen, sondern dass sie den ganzen Lernprozess mit reflektieren und notwendige Lernschritte so selber erkennen und eigenständig ausführen. Meine These: Wer das Lernen mit Online-Tools gelernt hat, wird mit der virtuellen Pinnwand gute Ergebnisse erzielen können.

Kommen wir zum Mehrwert dieses Tools gegenüber den Papierkärtchen. Nehmen wir an, auf einer pädagogischen Fortbildung wird das Thema „Eröffnungsspiele zum Kennenlernen“ diskutiert. Da könnte man an der Pinnwand mit Karten Beispiele sammeln. Dann steht aber immer nur das Beispiel auf der Karte. Und wenn man jede Karte im Detail diskutiert, dann langweiligen sich die, die dieses Beispiel schon gut kennen. Wird diese Sammlung im Laufe einer Woche mit Padlet organisiert, dann steht da am Ende nicht nur eine stattliche Sammlung, es befinden sich an den meisten Karten Links, die auf Internetquellen verweisen, so dass direkt an der Karte ausführliche Informationen zur Methode eingeholt werden können. Die KollegInnen werden untereinander über die Kommentare Fragen und Einschätzungen zu den Methoden äußern. D.h. es wurde nicht nur quantitativ sehr effizient mehr Information gehäuft, es konnte auch qualitativ ein besserer zielgerichteter Interessensaustausch über die Kommentarfunktion stattfinden. Letzteres ist besonders wichtig, denn normalerweise haben die Workshopteilnehmenden nicht jede/r an allen Beispielen ein gleich hohes Interesse. Anhand der eigenen Lehrbiografie sind in der Regel für jeden nur ein oder zwei Beispiele spannend und verfolgenswert. Diese gezielt zu diskutieren, ist im präsenten Plenum nur selten möglich, im zeitversetzten virtuellen Raum kann das aber exzessiv betrieben werden. Aus einer lehrzentrierten Moderationssituation im Präsenzfall entwickelt sich im virtuellen Padlet-Raum ein kollaborativer Lernprozess, wo alle Beteiligten auf Augenhöhe miteinander kooperieren.

Zur Arbeitserleichterung kann man in Padlet Formate wählen. Z.B. entweder eine leere Pinnwand, oder Spalten, oder eine Zeitachse, oder .. Ebenso kann per einfachem Klick die Farbe einer Karte verändert werden. Man kann den Teilnehmenden unterschiedliche Rechte geben, man kann das Padlet mit einem Passwort schützen, etc.

Nicht zuletzt ist die Lesbarkeit aller Informationen über Padlet viel besser als bei einer Pinnwand. Karten auf der Pinnwand, deren Inhalte ja für das Plenum gesammelt wurden, können aber nur gelesen werden, wenn alle Lernenden sich vorne an die Pinnwand begeben. Die Informationen des Padlets sind vom Lernerplatz zu lesen. Nachteilig ist allerdings das Lesen mit dem Smartphone, da der kleine Bildschirm eine größere Kartensammlung schwer lesbar macht.

Auch ökologisch und kostenmäßig ist das Padlet von Vorteil. Bei ausgiebigen Kärtchenmoderationen fällt ein hoher Papiermüll von Kärtchen, Flipcharts und Packpapier an und die Teilnehmenden produzieren Verkehrsemissionen, während bei Padlet ökologisch nur die Stromverbräuche gegengerechnet werden müssen (die liegen erheblich unter denen von Videokonferenzen).

Fazit: Padlet ist eine starke Stütze unter den E-Learning-Werkzeugen.

 
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