Zukunftswerkstatt „Die fantastische Universität“

Folgend wird über drei Zukunftswerkstätten an der Universität Gießen im Fachbereich Erziehungswissenschaften berichtet, deren Durchführung die These bekräftigt, dass die Verfahrensschritte des Moderators ergebnislenkende Wirkung haben kann.

Seit drei Jahren führe ich im Rahmen eines Methodenseminars an der Universität Gießen mit Studierenden mittleren Semesters der Erziehungswissenschaften eine Zukunftswerkstatt mit der doppelten Zielsetzung durch, die Methode kennenzulernen, und aber gleichzeitig über die Realisierung einer „optimalen“, bzw. sehr wünschbaren Universität aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen nachzudenken.

Die Zukunftswerkstatt ist eine von Robert Jungk in der Hochzeit der Bürgerinitiativen gegen Atomkraft und andere Großprojekte entwickelte „Konferenzmethode“, die in den drei Phasen Kritik, Fantasie und Realisierung durchgeführt wird, und deren Ergebnisse in eine permanente Werkstatt zur Umsetzung der gewonnenen Lösungen einfließen sollen. Die Methode richtet sich gegen Expertenwahn, die Betroffenen sollen ihre Probleme selber lösen, sie lebt vom Geiste der kritischen Schule, d.h. ein Problem wird über Kritik entlarvt, und in der Lösungssuche vermeidet sie mithilfe kreativer Methoden, dass die Problemsuche an den vermeintlichen Sachzwängen scheitert. Die Fantasiephase wird frei von Realitätsdruck durchgeführt, es darf – es soll – gesponnen werden in der Hoffnung, dass dadurch Lösungen erscheinen, die bei rein rationaler Betrachtungsweise verborgen blieben. Um die Funktion der Fantasiephase zu erklären, greife ich gerne auf meine Studienzeit zurück, in der ich als Mathematiker programmieren gelernt habe, wo häufig das Problem auftritt, dass man sein Programm zig mal von Anfang bis Ende schrittweise durchdenkt und dabei keinen logischen Fehler findet. Aber der Computer gibt einem bei der Ausführung eine Error-Meldung. Aus Erfahrung wissen wir, ein Computer irrt in diesem Punkte nie, d.h. im Programm muss noch ein Fehler sein. Dann liege ich z.B. entspannt in der Badewanne, genieße das wohlige Wärmegefühl, und plötzlich schießt ein Gedanke durch meinen Kopf, im 3. Unterprogramm ist eine Schleife, die keinen Ausgang hat! Ich merke mir das sofort, verändere den Programmpunkt, und siehe da, das war der logische Fehler, gefunden in einer „unlogischen“ ganz entspannten, computerfremden Situation. Diesen „Badewanneneffekt“ soll eine Fantasiephase in einer ZW auslösen. Zukunftswerkstätten werden auch im Kontext von Organisationsentwicklung eingesetzt, wenn es darum geht, innovative Ideen für eine Neustrukturierung der Einrichtung zuz finden. In der Literatur wird diese Methode in der Regel als sehr erfolgreich beschrieben. Eine etwas kritischere Sichtweise finden Sie bei Apel H. ; Günther B. (1999): Mediation und Zukunftswerkstatt : Prozeßwerkzeuge für die Lokale Agenda 21. Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Frankfurt /M. Z.B. der „Badewanneneffekt“ lässt nicht einfach erzwingen, man kann ihn nur methodisch befördern, oder durch eine schlechte Durchführung auch geradezu verhindern.

Bei der Präsentation der Fantasiegruppenarbeit (z.B. Rollenspiele, Talkshow, Reportage, Märchen, Collage, etc.) ist es die Aufgabe des Moderators mit dem Plenum Ideen „heraus zu kitzeln“, die hinter den fantastischen Darbietungen liegen können, selbst wenn das den Repräsentierenden gar nicht bewusst war. Diese Ideen sind auf einem Ideenspeicher festzuhalten. Aus diesen wird der Moderator Arbeitsaufträge zur Realisierung ableiten, d.h. jetzt sollen die fantastischen Ideen auf den Prüfstand der Realität bzw. der herrschenden Sachzwänge und Rahmenbedingungen gelegt werden. Das kann dazu führen, dass man wieder weit hinter die Fantasie zurückfällt (Realitätsfalle). Optimalerweise kommen hier neue Einfälle heraus, die sich auch realisieren lassen. Anschließend werden die Highlights der „Realisierungen“ jeweils Verantwortlichen für die permanente Werkstatt überordnet. Soweit, so kurz die Theorie einer ZW.

Unserer Werkstätten haben in der Realisierungsphase viele interessante Verbesserungspunkte hervor gebracht, die ohne den Dreierschritt der Werkstatt so wohl nicht erzielt worden wären. Die Studierenden haben mit großem Engagement und auch Spaß an der Methode teilgenommen und wir haben gemeinsam bedauert, dass wir keine permanente Werkstatt eingerichtet haben, um den Ideen zum Durchbruch zu verhelfen – es war eben „bloß“ eine Bildungswerkstatt.

Nach der Theorie spiegelt eine Werkstatt die Expertise und die Zukunftswünsche der Beteiligten. Im Vergleich der drei Werkstätten deutet sich aber an, dass die Moderationsführung durchaus ergebnisbeeinflussend wirken kann. Das zeigte sich besonders an der Einführung in die Fantasiephase. Man kann dazu eine „Fantasiereise“ vorlesen, die die Funktion hat, die Gedanken der Teilnehmenden wegzubringen von der Welt der Sachzwänge. In den ersten beiden ZWs hatte ich die Fantasiephase mit einer sehr technologiegetränkten Phantasiereise eingeleitet, wobei auch das transmedial erfolgende Lernen und fachübergreifende Themenangebote eine Rolle spielten. Entsprechend tauchten in der Fantasiegruppenarbeit (Rollenspiel, Talkshow, Märchen,..) Themen wie „Hyperuniversität“, „Wanderuniversität“, „Innovation im Universalstudium“, „interaktive Bildungsbrille“, aber auch Fragen zum sozialen Lernen: Talkshow „haste nix, biste nix“ auf. In der 3. Werkstatt habe ich auf eine Fantasiereise ganz verzichtet und die Leute zu Beginn nur erklärend darauf hingewiesen, dass sie bitte fantastische, nicht realitätsgebremste Bilder entwerfen sollten. Dieser kleine methodische Unterschied blieb nicht folgenlos für die 3. Werkstatt.

1. Die Fantasiegruppen entwarfen kaum fantastische Bilder, sie blieben in Ihren „Utopien“ realitätsbefangen und entwickelten eher optimale Bedingungen.

2. Die Suche nach einem besseren Lernen ging verloren, dafür dominierte die Suche nach einer „Wohlfühl-Uni“.

3. Der Technologiedrive verschwand bis auf die Forderung von e-Learningangeboten als Ersatz für überfüllte Seminare und als Möglichkeit für zeitverhinderte Studierende.

Bei genauerer Betrachtung kommt heraus, dass die Teilnehmenden in der dritten ZW als Fantasiepunkte wesentlich die Umkehrungen der in der Kritikphase gefundenen Mängel benutzten, während in den vorigen Zws fantastische Überhöhungen der Stimmung aus der Kritikphase eingeflossen sind.

Nach jeder Vorführung einer AG aus der Fantasiephase diskutiert der Moderator mit dem Plenum, was an deren Darbietung Spannendes für eine Realisierungsphase enthalten ist. Wichtige Gedanken werden auf dem „Ideenspeicher“ festgehalten. Zum Vergleich ist folgend der Ideenspeicher der 1. und 3. Werkstatt dokumentiert:

Ideenspeicher 1. ZW (die Zahlen sind Bewertungspunkte):

  • Studieren ohne Eintrittsbarrieren (19)
  • Anerkennung von Lernleistung durch Praxistauglichkeit (16)
  • Bonuspunkte für studentische Hilfe (11)
  • Studiengänge sozial gerechter gestalten (8)
  • Persönliche Betreuung der BeginnerInnen (6)
  • Wissen en passent erwerben (6)
  • problemorientiertes Lernen (5)
  • selbstgesteuert (ohne Dozent) in Gruppen lernen
  • Erweiterung der Praktika (als Jobs) (3)
  • Lebenslanges Lernen (2)

Ideenspeicher 3. ZW (ohne Bewertungen)

  • Wohlfühl-Uni
  • leichte und transparente Zugänglichkeit zu den Seminaren zum Semesterbeginn
  • Schnellere Notengebung, transparente Prüfungsleistungen für Haupt- und Nebenfächer
  • bessere Planung/Verwaltung der Seminarangebote bzgl. deren Nachfrage
  • mehr Videovorlesungen (interaktiv), mehr E-Learningangebote
  • permanente Mensa mit biologischem Essensangebot
  • mehr Sozial-/Entspannungsräume, naher, bezahlbarer studentischer Wohnraum
  • persönliche Begegnungskultur
  • ÖPNV besser abstimmen auf die Angebotszeiten

Überdeutlich steht im Fokus der 1. Werkstatt das Lernen, während die 3. Werkstatt mehr auf die Rahmenbedingungen des Lernens, die Universität als einen wohl organisierten, angenehmen Studienort zielt. In der 3. Werkstatt wird in der Kritikphase auch nur eine Karte zu Lehrinhalten formuliert, die die Praxisferne der Seminare kritisiert, d.h. die Absenz des Lehren/Lernens kommt bereits in der Kritikphase zum Ausdruck.

Man darf einen Vergleich von drei Werkstätten mit nicht repräsentativen Teilnehmenden nicht überstrapazieren, aber das beobachtete Ergebnis einer „Moderationslenkung“ stimmt mit früheren Erfahrungen überein. Auch bei der Kärtchenmethode in der Kritikphase kann ein mitdenkender Moderator durch mehrfaches Nachbohren (Haben wir jetzt wirklich alle Kritikpunkte erfasst?) den Fächer für weitere Kritikpunkte öffnen, die ohne die intensive Nachfrage nicht erschienen wären. Wenn somit die Ergebnisse einer Zukunftswerkstatt steuerbar erscheinen, darf man aber nicht übersehen, dass die formulierten Aspekte selbst nicht vom Moderator, sondern von der moderierten Gruppe kommen. Eine gewisse Authentizität haben sie also dennoch.

 
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