Wir sind dran – jüngster Bericht des Club of Rome

Soll man angesichts der täglichen Horrormeldungen in den Medien sich noch mit einem Bericht des Club of Rome befassen, der eine bekannte Stimme im Konzert der Umweltmahner ist? Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkmann (Co-Präsidenten des Club of Rome) erstellen mit 33 weiteren Mitgliedern des Club of Rome 2018 den Bericht „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“. Der Klappentext verspricht, dass wir nicht mit einem Katastrophentext konfrontiert werden, sondern es wird „eine Agenda (formuliert) für alle gesellschaftlich relevanten und möglichen Schritte der nächsten Jahre: faktenorientiert und debattenstark.“

Der Bericht beschreibt im ersten Teil die nicht Nachhaltigkeit der heutigen Trends. Das ist der Katastrophenteil, der aufzeigt, dass nach dem 1. Bericht des Club of Rome, „Grenzen des Wachstums“ (1972), und nach der ersten Weltkonferenz in Rio 1992 die nicht nachhaltige Entwicklung in den meisten Sektoren weiter gelaufen ist. Als verantwortlich wird hier bereits das Wachstum in einer begrenzten Welt gemacht. Eine Abkoppelung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist nicht in Sicht. Effizienzsteigerungen werden vom „Bumerangeffekt“ eingeholt. Der Rohstoffabbau und die schädlichen Emissionen steigen ungebremst. Vieles weiß man schon, aber die Zusammenschau der in gedrängter Form sehr disziplinübergreifenden und aktuellen Aufbereitung mit vielen Quellenangaben belegten Entwicklungen macht den Lesenden betroffen. Die Botschaft lautet: es ist spät aber noch nicht zu spät, allerdings haben wir nicht mehr viel Zeit zum Gegensteuern.

Im zweiten Teil versuchen die Autoren die bisherigen Philosophien als überholt oder revisionsbedürftig darzustellen. Mit dem Modell der leeren und der vollen Welt verfolgen sie die These, dass die klassischen Philosopheme heute nicht mehr adäquat seien. In der Zeit als die drei Buchreligionen entstanden und später in der Zeit der Liberalisierung der Märkte gegenüber dem Zunftzwang lebte die Menschheit in der „leeren Welt“, d.h. das Wirtschaftsgefüge, bzw. der Produktions- und Konsumptionsprozess schädigte noch nicht die Regenerationsfähigkeit der Natur. Heute aber leben wir in der „vollen Welt“, d.h. die Auswirkungen der Mensch-Naturprozesse sind global und gefährden die für die Menschen lebenswichtigen Zustände. „Macht euch die Erde untertan“, oder das mechanistische Weltbild der Aufklärung ist heute nicht mehr wirklichkeitsgerecht. Wir müssen nach Balance suchen, uns als Teil des Ganzen mit empfinden. So sollte die Neoklassik, der Keynsianismus und schon ganz dringend der Neoliberalismus neu überdacht werden. Der aktuelle Kapitalismus ist mit der auf Konkurrenz und Wachstum ausgerichteten Stoßrichtung nicht nur ein Antrieb zur Ressourcenausplünderung, sondern auch eine Triebkraft zu sozialer Ungerechtigkeit. Beides bedarf einer auch ethisch fundierten Regulierung. Die 2015 von der UN in New York verabschiedeten Milleniumsziele werden kritisch analysiert. Es seien wesentlich Wachstumsziele und die ökologischen Ziele darunter werden nicht erreichbar sein, solange sich das Denken in Konkurrenz, Profitstreben und Konsumerismus nicht verändert. Am Ende wird eine „neue Aufklärung“ angemahnt, die eine Philosophie der Balance und nicht des Ausschlusses sein soll.
Man muss den Beschreibungen und Lösungsandeutungen der Autoren nicht in allen Punkten folgen, aber die Hoffnung, dass allein durch technologischen Wandel das Raumschiff Erde auf einen nachhaltigen Kurs zu bringen sei, wird durch die Entwicklung nach Rio ziemlich widerlegt. Dass sich etwas am Weltbild ändern muss, was über eine platte Antikapitalismuspolemik hinausgeht, wird in diesem Bericht zu Recht dringend angemahnt.

Der 3. Teil („Eine spannende Reise zur Nachhaltigkeit“), der so lang wie die beiden ersten Teile ist, zählt auf, welche Konzepte im Sinne einer „neuen Aufklärung“ bereits vorliegen. Die Themenpalette ist weit: regenerative Wirtschaft, Blue Economy, Vormarsch der erneuerbaren Energien, landwirtschaftliche Erfolgsgeschichten, regenerative Urbanisierung, Neues zum Klima, Kreislaufwirtschaft, Ressourcenproduktivität, Informationstechnologien (positive Disruption), Reform des Finanzsektors und des Wirtschaftssystems, Nachhaltiges Investieren, die Bruttoinlandsdebatte, Zivilgesellschaft, Weltweite Regelung und zuletzt Bildung für eine nachhaltige Zivilgesellschaft. Ob hier die richtige Auswahl getroffen wurde, und wie wirklichkeitstauglich diese Ansätze tatsächlich sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Ansicht, dass dieses Buch voller Optimismus sei, wie Klaus Töpfer als Rezensent im Klappentext zitiert wird, kann ich allerdings nicht ganz teilen, denn gegen die schönen Konzepte im 3. Teil gilt die bange Frage, warum wurden sie bislang nicht umgesetzt? Und auch bei den Beispielen praktizierter Nachhaltigkeitsprojekte bleibt ein Unbehagen. Z.B. wird im ländlichen Indien das Großprojekt „Development Alternatives“ beschrieben, das in seinem 30-jährigen Bestehen „eine transformative Agenda zur Umstrukturierung von institutionellen Systemen sowie zu eine Verschiebung von Konsum- und Produktionsstrukturen“ geschafft habe. „Kern der neuen Agenda ist die Neudefinition von Wirtschaft als Subsystem der Gesellschaft sowie der Natur und damit als Mittel für eine sozial- und umweltgerechte Zukunft.“ (S.215) Gleichzeitig lesen wir die Tage in der Zeitung, dass Neu Delhi die Hauptstadt der Vergewaltigung ist, und die Feinstaubbelastung das 40-Fache des WHO-Grenzwertes beträgt. Die Chinesische Transformation zum Einsatz der Erneuerbaren wird mit imposanten Zahlen belegt, aber dass in China ein Ökoaktivist sofort ins Gefängnis kommt, wenn er z.B. ein Staudammprojekt kritisiert, ist die andere Seite der Medaille. Geht von grünen Projekten doch keine Strahlkraft in die Gesellschaft aus?

Der Abschnitt 3.10 „Positive Disruption“ diskutiert die Gefahren und Chancen der Informationstechnologien. Hier sehen die Autoren ebenfalls mehr Chancen als Gefahren. Diese Einschätzung habe ich früher auch in etlichen Beiträgen geteilt, sehe inzwischen aber auch hier dunkle, nichtnachhaltige Wolken die Sonne verdecken. Dass in den letzten 10 Jahren nur noch wenige IT-Konzerne die umsatzstärksten, und börsenmäßig hoch dotiertesten in der Welt mit ungeheurer Marktmacht sind, dass deren Geschäftsmodelle auf BigData-Algorithmen basieren, die undurchschaubar unsere Suchanfragen und eigene Informationskanäle massiv beeinflussen, dass immer mehr autonom entscheidende Systeme menschliches Einwirken zurückdrängen, etc. – das läßt die Alarmglocken schrillen. Die sozialen Medien verstärken den rechten Populismus in unserer Gesellschaft, weil schlechte (populistisch-angsterheischende) Nachrichten sich besser verbreiten als seriöse. Die Autoren bieten zur Bändigung die Bitsteuer  an. Da diese Superkonzerne ja bislang nicht einmal ihre „normale“ Steuer entrichten müssen, wie sollten sie zu einer zusätzlichen Steuer gezwungen werden können, die am Geschäftsmodell nichts verändern würde. Da scheint mir Laniers Vorschlag, dass die Konzerne uns, den Produzenten von Information jeweils etwas zahlen sollten, viel weitgehender (vgl. mein Beitrag dazu). Nein, der IT-Bereich, ist genau wie der Finanzsektor ein weiterer Kandidat, der kräftig reguliert werden muss, was im Abschnitt 3.16 „Weltweite Regeln“ diskutiert wird.

Mein Meckern an den Schwächen der Konzepte und der guten Beispiele ist freilich nicht zielführend. Die Lektüre dieses Berichts ist wichtig, sie stellt kompakt den Ernst der Lage dar, und enthält den richtigen Impuls, dass neben den technologischen Effizienzsteigerungen dringend neue politische Steuerungswege, neue Lebenskulturen und neue Wertschätzungen erwachsen müssen, wenn wir den Planeten bewohnbar halten wollen. Nicht zufällig ist der letzte Abschnitt im 3. Kapitel „Nachhaltigkeitsreise“ der Bildung gewidmet. Der Rio-Gedanke von der Transformationskraft der Kommunen mit den „lokalen Agenden“ erfährt mit diesem Buch eine Wiederbelebung.

Effizienzsteigernde Erfindungen produziert das System nebenbei an Universitäten und in der Wirtschaft, weil sie in der Regel auch mit Kostensenkungen verbunden sind. Aber die notwendige Veränderung im Denken, das Wegkommen vom Wachstumsdogma, vom Konsumerismus, vom harten Konkurrenzkampf muss als Druck aus der Zivilgesellschaft kommen, weil die Menschen auf Dauer keine Lust am Hamsterrad verspüren, das stressig ist, und kein verweilendes Glück beschert. Mehr orientierende Bildung zum Begreifen der Zusammenhänge ist geboten. In Schule und Hochschule und in der beruflichen Bildung fehlt es an der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Z.B. Volkshochschulen können mit ihrem breiten Themenspektrum sich zu Nachhaltigkeitskommunikationszentren entwickeln, die lokale Diskurse mittels Podiumsdiskussionen, Arbeitskreise, etc. führen, bei denen lokaler Wandel und neue Lebensentwürfe reflektiert werden. Museen und Theater erreichen eine aufgeklärte Öffentlichkeit, sie können Orte sein, an denen die Frage, wie wollen wir in der Zukunft leben, massiver angegangen werden kann. Auch die sozialen Medien können wie die Kampagne #Aufschrei oder #metoo Impulse setzen, die öffentliche Diskurse auslösen.

Leider schläft die Zivilgesellschaft noch. Das zeigt z.B. die NOX-Belastung der Großstädte, wir kennen das Problem seit Jahren, es gibt EU-Erlasse dazu – und (fast) nichts ist geschehen. Die Lokalpolitiker handeln nicht, die Bürger fordern aber auch nicht. Neben dem nicht ganz einfachen Dieselfahrverbot, auf das jetzt alle starren, gibt es eine Palette kreativer Strukturmaßnahmen, die aus einer Drecksinnenstadt eine verkehrsärmere, urbane, grüne Stadt entstehen lassen können, man muss das nur wollen, und man muss so etwas langfristig angehen.

2. Beispiel: Es dämmert der Politik und der Öffentlichkeit, dass bezahlbarer Wohnraum fehlt. Die marktwirtschaftliche Antwort lautet, erhöht das Angebot, dann fallen die Preise. Ob das stimmt, sei dahingestellt (wer z.B. mehr Straßen baut, zieht auch mehr Verkehr an). Was mich ärgert ist, dass bei der Vorstellung neu auszuweisender Siedlungsgebiete immer ein heftiges Für und Wider entbrennt, aber niemand darüber diskutiert, wie diese neuen Stadtteile nachhaltig zu gestalten sind, d.h. ressourcenarm, geringe Zersiedlung, fußläufige Infrastruktur, Genossenschaftsmodelle, Nutzgärten, etc.

Sieht man auf die Wahlkampfparolen der Parteien, und auf die Ergebnisse der GroKo-Verhandlungen, dann erweisen sich Nachhaltigkeitsthemen im Politbarometer (noch) als ziemlich irrelevant. Die Umsetzung neuer Wertemodelle, eines neuen Mensch-Naturverhältnisses wird letztlich in Politik gegossen werden müssen, aber dazu braucht es den Druck von den Betroffenen. Wir sind dran!

 
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