B3 – Biennale des bewegten Bildes – eine Wahrnehmungsüberforderung?

Die Zuschauersicht
Bei einem Museumsbesuch, wo ich von Objekt zu Objekt schreite (meist Bilder, weniger Statuen, sehr wenige Videoinstallationen), gibt es meist einen „ersten Eindruck“, wenn der positiv ausfällt, schaue ich etwas genauer nach, und dann habe ich innerhalb gefühlt einer Minute den Eindruck, etwas Interessantes, oder aber Langweiliges gesehen zu haben. Häufig gehe ich einfach vorbei und scanne einen Raum beim langsamen Durchgehen. Das wird irgendwie abgespeichert, weiter geht’s, und nach zwei Stunden tut mir der Rücken weh, das Gehirn ist overloaded. Ich habe das Gefühl, die ganze Ausstellung gesehen zu haben, und etwas Spannendes davon mitgenommen zu haben. Ab zum Café. Auf großen Kunstausstellungen, wie z.B. der Dokumenta ist das nicht grundsätzlich anders, es dominieren statische Installationen, die mit dem „ersten Eindruck“ wahrnehmbar sind. Man schiebt sich durch das Fridericianum, weiß so ungefähr, was drin ist, und legt in einem Café mit Auenblick erst mal eine längere Ruhepause ein.

Auf der B3 Biennale 2017 in Frankfurt (im Folgenden beziehe ich mich nur auf den Videoteil im 1. Stock und den Fulldome im Nebengebäude) schreitet man schon einmal nicht durch große lichtdurchflutete Hallen, sondern man befindet sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank mit langen Fluren die rechteckig einen Innenhof umsäumen, und geht von Büroraum zu Büroraum. Die braunen Holztüren und die Wandschränke assoziieren die Macht des großen Geldes, die hier noch mehr über Schreibtische und weniger über Computer dirigiert wurde. Das Mobiliar ist allerdings weg. In einer oder mehreren Ecken stehen auf Alugestellen von Canon gesponsorte Industriebeamer für den Dauerbetrieb, die ein oder mehrere Leinwände in dem relativ engen Raum bespielen. Hier werden aber nicht mehrere Filme eines Künstlers gezeigt, sondern den technologischen Möglichkeiten entsprechend, finden sich hier Multiscreen-Installationen, die das Spiel mit mehreren Sichtfeldern mehr und weniger gekonnt ausloten. Die mediale Botschaft, der künstlerische Kern, vermittelt sich kaum mehr durch einen „Ersteindruck“. Was man zuerst sieht, ist ein relativ enger, abgedunkelter „Kino“-Raum, und man nimmt das mediale Arrangement wahr: nur eine Leinwand, zwei nebeneinander, drei Leinwände auf eine Blickachse gestellt, oder die Leinwände rechtwinklig getrennt voneinander, so dass der Blick springen muss, um dem Gesamtkunstwerk folgen zu können. Es flimmern Bilder über die Schirme, die sich beim ersten Blick kaum erschließen. Und man hört schon vom Flur her meist sphärisch, modernistische Soundtracks. Nase  reinstecken, kurz gucken und hören, und weitergehen, geht nicht, denn es fehlt ein bleibender Eindruck der sich zu einem Ganzen addieren könnte, aus dem man schließt, die Ausstellung halbwegs gehen zu haben. Nach so einem unergiebigen Hineinschnuppern befindet man sich wieder im Flur, dessen Architektonik langweilig, monoton und wegen des Alters des Baus auch etwas vergammelt wirkt.

Also musst Du umschalten, Du bist hier nicht in einem Museum, Dir wird mediale Kunst präsentiert, die eine eigene Wahrnehmungslogik hat. Am ehesten ist das vergleichbar mit einem Filmfestival, bei dem aus aller Herren Länder Filme laufen. Allerdings werden die Filme dann nur auf eine Leinwand projiziert und man geht in der Regel zum Filmbeginn „ins Kino“. Auf den B3-Fluren springt man auf den fahrenden Zug, nur durch Zufall betritt man einen Raum, in dem gerade ein Film beginnt. Was Du beim Betreten eines Raumes siehst, hat schon eine Geschichte, hat eine Gestaltungslogik, die erst erschlossen werden muss. Sich einlassen auf das Arrangement, in die Handlung eintauchen, die Formsprache und Soundunterlegung aufspüren, etc. Es braucht da schon mehrere Minuten, bis ein erster Eindruck sich formt, der einen zum Verbleiben oder zum Verlassen des Raumes rät. Wer sich nicht häufig mit experimentellen Kurzfilmen befasst, der hat die Gestaltungsform des modernen Kinofilms als Muster im Kopf. Der Kinofilm erzählt eine Story, die Protagonisten sprechen, d.h. ohne die Sprache würden wir ihn kaum verstehen. Genau diese Erfahrung, eine gut bebilderte Geschichte erzählt zu bekommen, wird in der medialen Kunst in der Regel zertrümmert. Nur die Bilder „erzählen“. Ihr Auftauchen, Ihr Verschwinden, Ihr Überblenden sind die Geschichte. Der Soundtrack verstärkt oder kontrastiert die Gefühlswelt. Das bewegte Bild ist die Erzählung.
Das heißt nicht, dass die Bilder keine Inhalte transportieren wollen. Bei einem einzigen Bild (Kunstfoto) wird in großartiger Weise ein Moment festgehalten bzw. erst zum Ausdruck gebracht. Beim bewegten Bild hat man dazu ein Doppeltes, es wirkt in seinem momentanen Arrangement wie ein Foto und bringt eine Szene zum Ausdruck (zur Bedeutung). Aber dann kommt das Weitere, es findet in der Zeit ein Übergang zu einem veränderten Bild statt, wobei uns die Art des Übergangs, die Art des Wechsels der im Bild zu sehenden Objekte eine zusätzliche Botschaft vermittelt. Liegt nun ein Multiscreeninginszenierung vor, hat man noch eine dritte Botschaftsebene, nämlich was spielt sich zwischen den Schirmen ab, welche Zusammenhänge entstehen in der vergleichenden Betrachtung und sich ändernden Bewegungen?
Ein B3-Erstwahrnehmungsbeispiel
In einer 3er-Installation („The Winter of 13 Storms“ von Clare Langan) taucht eine junge Frau mit fliegenden Haaren und flatternden Rockstoff meist zusammengekauert oder in einer schiebenden Bewegung auf einem Schirm relativ groß am Boden wühlend, dann wieder auf einem anderen Schirm mehr in einer Ecke, hinter ein Tür auf. Der Raum, der auf allen drei Schirmen zu sehen ist, ist schwer definierbar, irgendwie eine schrottige Gartenlaube, Haken an der Decke. Dann fliegen Blätter über die Wände von einem Schirm zum nächsten, die selbe Frau taucht wieder auf. Schließlich die Frau mittig im Zimmer, Schleier wild um sich wedelnd. Die Botschaft, die bei mir ankam, war eine schöne Frau, die auch aus einem Modejournal kommen könnte, in gekauerter Haltung irgendwie verloren, einsam, bedroht. Die Herbstblätter könnten Vergänglichkeit bedeuten, etc. Das empfand ich lyrisch, milde Grautöne, eine Verzweiflung, die mehr gezeichnet ist, nicht schreierisch, nicht kitschig, eine ernste Beklemmung auslösend. Die Bilder spannend, nicht langweilig, neugierig, wie es weitergeht, der Künstler hat mich in seinen Bann genommen. Dann geht es aber weiter die Musik bedeutungsschwanger. Der Schleier stellt ein Bindeglied zur nächste Szene (Wintersturm?) dar, es taucht ein Partner auf. Er und sie meist rechts oder links im Triptychon versuchen vor dunklem Felsgestein zusammenzufinden, wobei ihre Körper mit der Gravitation und einer unbändig drohenden Natur kämpfen, und das Zusammenkommen ausweglos, verzweifelnd erscheint. Das Widernatürliche wird teils mit Rückwärtsfahrten oder verdrehter Kamera erreicht. Sicher ist hier kunstvoll geschnitten worden, aber in meiner Wahrnehmung kam zu viel Pathos rüber, um nicht zu sagen Gefühlskitsch. Und die politische Botschaft, die Natur beherrsche uns, halte ich für reaktionär, wir sind es die die Natur beherrschen und zunichte machen. Zu den Anforderungen einer Wahrnehmung bewegter Bilder im Multiscreening kommt noch das Voranschreiten einer Story, die meine persönliche Bewertung gekippt hat.

Nächstes Beispiel:
„An den Saal“. Ich habe inzwischen kapiert, dass ich nicht im Museum bin und erwarte hinter jeder neuen Tür eine Videoinstallation, bei der eine oder mehrere Leinwände bespielt werden. Aber hinter besagter Saaltür ist etwas anders, es sieht im Dunkeln wie ein Kino aus mit Polstersitzreihen, die nach hinten ansteigen. Eine Großprojektion wirft ein Bild an die Frontwand, das über die Vorhänge geht (falsch eingestellt?) und gleichzeitig wird passgenau in drei hohe Seitenfenster projiziert und vorne wird ein Podest getrennt bespielt, das sich später als der Aufbau erweist, hinter dem die Vorstandsvorsitzenden residierten. Hier laufen (Kinoassoziation) mehrere verschiedene Filme hintereinander, die aber auf diese spezielle Anordnung zugeschnitten sind. Ein Film „Der Zug“ macht den Raum zum Zugabteil, an den Fensterprojektionen flitzt die durchfahrene Landschaft vorüber, die Front hat eine andere Erzählung. Zufällig werden wir Zuschauer, nachdem ich drei Filme durchrauschen sah, aufgefordert zu bleiben, es findet eine Diskussion mit den Produzenten der Filme statt (Filmuniversität Babelsberg). Ich erfahre, dass diese Filme ausschließlich für diesen Raum produziert wurden, dass es sich um den Plenarsaal des Vorstandsgebäudes handelt. Zuerst war der Raum mit seiner historischen Trächtigkeit da, dann wurde überlegt, welche Flächen wieviel kanalig dabei sinnvollerweise bespielt werden können, und das ist nun dabei herausgekommen. Die sich ergebende Projektionsstruktur zwingt den Filmen, bzw. ihrer Komposition den Rhythmus der Raumanordnung auf. In der Wahrnehmung wird also noch eine weitere Dimension abverlangt, dass diese Filme sich in die Raumstruktur einfügen sollten. Dieses Kriterium war mir zu Beginn so nicht bewusst. Ich habe mir einen Tag später noch weitere Filme in dem Saal angeschaut, da hatte ich das „richtige“ Kriterium, fand aber auch, dass einige Filmchen schwächelten. Nicht nur die Wahrnehmung ist anspruchsvoller, auch die Produktion findet hier eine hohe Herausforderung, wenn das überzeugend gelingen soll.
Letztes Beispiel
Die Fulldome Filme. In einer mobilen leicht schrägen Kuppel wird mit mehreren Beamern eine 360 Grad Projektion im Horizont (rundum) und 180 Grad im Zenith (Kuppelwölbung) realisiert und gleichzeitig kann ein 360 Grad Soundteppich ausgebreitet werden (auf der B3 im Bankgebäude war es leider nur 2-kanalig). Diese Technik wurde wohl in den USA zuerst entwickelt und wird besonders in Planetarien angewendet, weil man dort die Kuppel schon hat (Das Planetarikum Jena hat diese Technik und ist berühmt für seine FulldomeFestivals). Man liegt am besten unter der Kuppel, und schaut in sie hinein, um dann Bilder von unglaublicher Tiefenwirkung, stärker als bei 3 D-Animationen zu erfahren. Am stärksten wirken rein computerisierte Realisierungen, wo Hochhäuser in schwindelnde Höhen wachsen, und man im Schwenk aus dieser Höhe wieder in die Tiefe blicken kann. Galaxen sausen in die Ferne und Kometen fliegen einem entgegen. Unsere Sehgewohnheit fährt Karussell bei dieser Technik. Produzieren hier Computernerds Vexierbilder? Geht es bloß um die optischen und akustischen Effekte, oder haben wir hier eine neue mediale Kunstform? Neben den Computeranimationen (z.B. „Isometric“) gibt es aber auch „Realfilme“. Wenn gefilmt wird, kommen sehr weit winklige Objektive zum Einsatz, dass sich die Bilder wölben. Wenn in der Bildmitte ein Pfosten noch senkrecht nach oben zeigt, beginnt er sich bei einem Schwenk zur Seite stark zu biegen. Der Rundumblick ist offensichtlich nur mit einem Verzerrungseffekt zu haben. Wenn das mediale Modewort „immersiv“ eine Bedeutung hat, dann hier, weil über das Medium natürliche Wahrnehmungen von Raumtiefe und dreidimensionaler Objektrepräsentation in einer „eindringenden“ Weise übersteigert werden. Realer als real wird ein Drohnenflug aus einem gefühlt 1000 Meter hohen Haus in die Tiefe, obwohl unsere Kuppel vielleicht nur 6 Meter hoch war. Spannend sind Mischformen, wenn halb Realfilm mit Computeranimation kombiniert wird. Ein Film versuchte den Terror der NSU-Mörder zu zeigen, Täter- und Opferperspektive waren bedrohlich reaslisiert, d.h. auch im Fulldome gibt es bereits nicht nur ästhetische Spielereien sondern auch politische Filme.
Mein Fazit
Der riesige Aufwand an technischem Gerät hätte mehr Zuschauer verdient, damit die vielen spannenden, natürlich nicht alle gleich aussagekräftigen internationalen Videoinstallationen den Stellenwert erhalten, den sie verdienen. Dieser mediale Schub wird nicht das klassische Kino mit seiner 2-dimensionalen, einzigen Leinwand verdrängen, aber am Rande und über den Rande unserer Sehgewohnheiten hinaus entwickelt sich eine Kunstform, die unserer Zeit entspricht. Die Modernisierung des Medium Film bleibt nicht beim Wandel von der Filmrolle zur digitalisierten Festplatte stehen, es passiert noch mehr, und davon konnte man in Frankfurt einiges wahrnehmen.

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