Nachhaltig campen?

Als Kind habe ich mehrere Baumhäuser gezimmert, die mir außerhalb unserer Wohnung ein kleines eigenes Reich bescherten. Die Kombination aus Höhle, Schutzraum und autonomen Heim erzeugten Glückshormone von vielleicht phylogenetischen Ursprungs. Als Jugendlicher bis zum Eltern-mit-Kind-Alter war Zelten die „natürliche“ Urlaubsform, die mit größer werdenden Kindern zum Ferienwohnungsurlaub sich veränderte. Den Wunsch nach eigener Domaine außerhalb des Wohnraums verlegte ich aufs Wasser. Ein allmählich größer werdendes Gummiboot mit Motor, das noch in den Kofferraum passten musste, versprach das Gefühl von Freiheit und Inselerschliessbarkeit. So, wie uns das Zeltaufbauen mit dem ganzen lebensnotwendigem Krempel zu viel geworden war, so wurde mir auch der ganze Stress des Bootsaufbaus und des Ankerplatz Findens irgendwann zu viel – Ade, du schöne Küstenbootsfahrzeit. Mein persönliches mobiles Reich wurde dann das Fahrrad, mit dem sich weite Gelände erschließen lassen.

Irgendwie lebte meine Kindheitserinnerung ans enge, kuschelige Häuschen im Rentenalter wieder auf. Das Zelt, das man nicht auf- und abbauen muss, und dennoch an naturnahen Stellen flexibel verorten kann, ist das Wohnmobil. Für dessen Anschaffungskosten hätte ich viele, viele Hotel- und Ferienhausurlaube verbringen können, aber das wäre nicht mein Kindertraum gewesen.

Was sagt das Nachhaltigkeitsexpertengewissen zu dieser Anschaffung? Am ressourcenschonendsten ist der Urlaub auf Balkonien, und die geringste Ökobilanz hat die am Existenzminimum lebende Rentnerin. Nachhaltigkeit lebt man nicht im totalen Verzicht. Dieser Begriff versucht gerade in der Erweiterung des reinen Naturschutzgedankens den Lebensraum nicht nur ökologisch, sondern auch sozial und kulturell austarierend zu erhalten. Wenn man daher das Reisen mit Fernaufenthalten als eine wichtige Form des kulturellen Austauschs in den modernen Gesellschaften akzeptiert, akzeptiert man auch die damit einhergehende Ressourcenbelastung. Allerdings, im Sinne des Austarierens, darf diese nicht das Gesamtsystem gefährden. Wer nach China reist, um dieses aufstrebende Land in Augenschein zu nehmen, hinterlässt einen sehr viel massiveren CO2-Abdruck als jemand, der sich den Spessart mit Zug und Rad erschließt. Nachhaltig leben heißt, die eigenen Ansprüche, die mit Umweltverzehr verbunden sind, so abzuwägen, dass man das Gefühl hat, noch im grünen Bereich zu sein, mehr ist eigentlich nicht drin. Denn wenn man mit Ökobilanzen beginnt, ist das nur sehr grob kalkulierbar, und man muss immer auf Überraschungen gefasst sein.

Zum Wohnmobilurlaub habe ich z.B. einmal eine Ökobilanzrechnung im Vergleich zum Hotelurlaub gelesen (und finde leider diese Quelle nicht mehr). Da wurde so argumentiert, dass zwar das Wohnmobil inklusive seiner Innenausstattung bei der Produktion eine höhere Materialbilanz ausweist als der PKW, mit dem man in Urlaub fährt, aber im Urlaubsverbrauch sei der Ressourcendurchsatz im Hotel (Infrastruktur erhalten, ständig neu Wäsche und Geschirr waschen, hoher Stromverbrauch, Essen wird nicht weiter verwertet, etc.) sehr viel höher als im Wohnmobil, wo man die eigene Bettwäsche viel länger nutzt, im Wasserverbrauch sparsam ist, weil es knapp ist, man bewusst regional einkaufen kann, etc. Nach meinen bisherigen Erfahrungen bin ich solchen Berechnungen gegenüber skeptisch, denn wie viel Ressourcendurchsatz tatsächlich erfolgt, hängt eben doch sehr vom Lebensstil und den Verhaltensweisen der Beteiligten ab. Wer mehrere Jahre meist autonom übernachtet, eine Solaranlage auf dem Dach hat, seine Einkäufe lokal auf Märkten mit dem mitgebrachten Rad erledigt, der hat im Saldo sicher eine bessere Bilanz als ein Hotelurlauber, der vor Ort vielleicht noch etliche Besichtigungstouren mit dem eignen PKW unternimmt. Die Ressourcenrücksicht kommt dabei über die Knappheit zustande. Man lernt bei nur 100 Liter Frischwasser für mehrere Tage im Tank sehr sparsam zu spülen, sich spärlich zu waschen, den Kühlschrank sofort wieder zu schließen, die Ledlampen mäßig zu brauchen, und bei Kälte die Heizung nur moderat zu nutzen. Wer natürlich die großen Campingplätze mit Stromzugang anfährt, sich ebenso häufig duscht, wie im Hotel, üppig sein Geschirr spült, etc. , der wird kaum einen Hotelurlauber ressourcenmäßig schlagen, wenn dieser sich vor Ort ebenfalls umweltschonend verhält. Wie man ökologisch etwas sanfter campieren kann, ist hier  gut nachzulesen.

Ich gehöre mit einem knappen Jahr Praxis und ca. 6000 km Campingerfahrung zu den Anfängern der Zunft. Es gibt nicht „den Campingplatz“ oder „den Stellplatz“. Wie ich lernen konnte, prägt die Landschaft, die Anlage oder ein lokales Ereignis den Typus und die Nutzerstruktur eines Platzes. Vorigen Herbst an einem kleinen Ortsrand am Mont Ventoux dominierten die meist jugendlichen bis mittelalten Radfreaks den Platz. Morgens um halb neun, als ich noch auf den Klappstühlen am Campingtisch das köstliche Frühstück mit meiner Frau genoss, setzten sich schon die edel gedressten Nachbarn auf ihren Rennrossen oder Mountainbikes in Marsch. An den braunen muskulösen Waden war der Tagestripp von ca. 1700 Höhenmetern zu erahnen. Schweizer, Briten, Niederländer, natürlich Franzosen, kaum Deutsche. Wer hier war (außer uns), war nicht zum ersten mal da, um den berühmten Berg zu bezwingen. Da wird die steile Route genommen, während wir den flachsten Anstieg wählten, und dennoch scheiterten.

Eine andere, ziemlich homogene Zielgruppe wies der Campingplatz in den Fuldaauen in Kassel zur Dokumenta14 auf. Die meisten Camper trafen wir in den Ausstellungen wieder.

Liegt ein Platz an großen Achsen, wo man auf der Strecke zum Süden, oder Norden nur übernachtet, um am nächsten Tag weiter zu fahren, dann ist das Publikum natürlich inhomogener und internationaler. Es wird ein Stück Europa gelebt. Allerdings fehlt der Ostblock. Ich habe noch kein Wohnmobil mit polnischem oder rumänischem Kennzeichen gesehen. Das ist wohl mehr eine Geld- als eine Neigungsfrage. Gefühlt sind die Niederländer die stärkste Campingnation (was nicht stimmt), dünner bestücken sie nur die Campingplätze in der Provinz der neuen Bundesländer.

Es gibt auch den Campingplatz an der Loreley, wo man sich fragen mag, was hier noch schön sein soll, wenn in der Hochsaison das gesamte Rheinufer dicht an dicht zugepflastert ist mit den weißen Kisten. Ein Blick in den Reisemobil-Stellplatz Führer 2017, lässt den Verdacht aufkommen, dass der Durchschnitscamper den voll gestellten Platz mit Kiste an Kiste ohne größere Zwischenräume zu lieben scheint, sonst würden die Anbieter nicht so viele Abbildungen von eng gefüllten Plätzen (im Sonnenschein) darin zeigen. Vielleicht frönt das der Philosophie, dass ein volles Lokal ein gutes Lokal sein soll – mich schreckt das ab, und ich habe dafür keine Erklärung.

Neben dem mobilen Campertyp, der seine Kiste nur als Bed & Breakfast nutzt, um im selteneren Falle abends auch eine Kleinigkeit zuzubereiten, gibt es häufig auch das immobile Rentnerpaar, das von morgens bis abends unter der Markise vor dem Mobilteil sitzt, und das soziale Treiben vor seinen Augen verfolgt. Die haben sehr komfortable Klappsessel, freuen sich, wenn sie gegrüßt werden, und verbreiten das angenehme Gefühl, dass immer einer aufpasst, wenn die anderen weg sind.

Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass die Wohnmobildichte am größten in Finnland ist, gefolgt von Schweden, Frankreich, Deutschland, Niederlande, Italien und Großbritannien. International dominiert Nordamerika mit doppelt soviel Zulassungen wie Europa im Jahre 2013. Das Durchschnittsalter des deutschen Wohnmobilisten beträgt 51 Jahre (Prof. Lohmann, ReiseAnlyse, 2015 ).

Die soziale Seite stellt sich auf dem Campingplatz sicher positiver dar, als im Hotel. Man kommt sehr leicht ins Gespräch, und es dominiert eine hilfsbereite, kumpelige Grundeinstellung zwischen den Campern. Mir scheint auch eine Zuordnung zum „Spießer“ nicht zu funktionieren, zu unterschiedlich waren die Menschen, die ich bislang getroffen habe. Als Novize frage ich gerne meine Nachbarn nach ihren Erfahrungen, und lerne so ständig dazu. Ist ein Stellplatz ohne Umzäunung klausicher? Da habe ich z.B. überwiegend positive Antworten erhalten. Wie geht man mit der Bordtoilette um? Wer macht wie Wintercamping?

Sieht man den Campingplatz als eine geborgene Nische an, wo einem die Platzstruktur eine eigene, bisweilen durch Büsche abgeteilte Enklave bietet, ist der Stellplatz meist ohne sanitäre Anlagen, seltener aber auch an Wiesen gut mit Grün bestückt, in der Regel ein offenes Gelände, wo man sich ohne jemanden fragen zu müssen, da hin stellt, wo es einem gefällt. Und anschließend muss man an einer Parkuhr seinen Tagesobulus entrichten. Ich frage nach den Modalitäten, wie ist es mit den Stellplätzen, und erfahre, dass gerade die Freiheitsgeister, die den Platzwart mit Anmeldeprozedur und Ausweisnummernnennung nicht mögen, den Stellplatz bevorzugen. Morgens leeren sich die Stellplätze zügig und abends füllen sie sich wieder, diese Fluktuation ist am Campingplatz weniger ausgeprägt. Ein Stellplatz ist wegen der fehlenden sanitären Anlagen preiswerter als ein Campingplatz. Ich hatte mich immer gewundert, dass extrem teure Wohnmobile auf Stellplätzen an lauten Verkehrsstraßen stehen, nur um vielleicht die Differenz von ca. 10 bis 15 Euro zum Campingplatz zu sparen. Nun weiß ich, es ist auch die schnellere Erreichbarkeit, die Unverbindlichkeit für einen Eintagesstopp, die dem Stellplatz den Vorzug einräumt.

Kommen wir zur Nachhaltigkeit zurück. An den meisten Plätzen, die ich besucht habe, gibt es im Abfallbereich getrennte Tonnen. Das ist gut so, das ökologische Denken ist angekommen. In meinem Mobil ist es aber sehr eng. Ich stolpere schon immer gegen den einen kleinen Müllbehälter. Sollte ich drei davon unterstellen? Was wir noch schaffen, ist die getrennte Entsorgung von Zeitungen, Wein- und Wasserflaschen. Mit dem Solarstrom habe ich auch noch nicht die optimale Lösung gefunden. Ich habe auf meinem Dach eine 140 Watt Panel montiert, das lädt kräftig nach, wenn die Sonne drauf scheint. Aber wenn es viel Sonne gibt, will man lieber unter einem Baum stehen, und schon sinkt der Ladenachschub beträchtlich. Der größte Verbraucher ist unser Kühlschrank mit 45 Watt, auch der zieht bei Wärme mehr als wenn es kühler ist. Zu Beginn hatte ich ein mobiles Panel, das ich mit einem 15 Meter Kabel immer dahin stellen konnte, wo die Sonne gut hin schien. Aber dieses Verfahren birgt das Risiko, dass nach einer Radausfahrt das teure Panel nicht mehr da ist, und außerdem hat man zusätzlichen Räum- und Stauaufwand. Da der Abwassertank bei der Wärme leicht wegen seiner organischen Bestandteilen stinkend zu gären beginnt, spülen wir auf Plätzen immer in den Sanitärräumen, oder wir wischen das Geschirr mit Papier sauber, bevor es dann im Wagen gespült wird. Das gemeinschaftliche Spülen auf dem Platz gibt Einblicke in das bürgerliche Spülverhalten. Gefühlt mehrheitlich wird dabei Wasser verschwendet. Besonders Männer spülen gerne jedes Einzelteil unter laufendem Hahn, auch wenn dieser sich nach einer Weile von selbst abstellt, und wieder gedrückt werden muss. Dank des Kühlschrankes und praktischer verschließbarer Kleinbehälter verrotten bei uns keine Nahrungsmittel, was übrig bleibt wird eingepackt und weiter verwendet.

Zur Chemie im Mobilteil. Bei mir gibt es eine Chemietoilette mit 25 Liter Volumen, einen Frischwasser- und einen Abwassertank mit je 100 Liter Fassungsvermögen. Der reine Campingplatznutzer kann diese Utensilien minimal nutzen, und verhält sich damit am umweltverträglichsten. Die Chemietoiletten brauchen fäkalienlösende Zusätze, die beim Ausleeren der Tanks verhindern, dass Fäkalienklumpen die Rohre verstopfen und den Gestank reduzieren. Wir brauchen die Toilette besonders nachts, und vermeiden das „große Geschäft“, wodurch man mit der Dosierung herunter gehen kann, was auch schon umweltschonend ist. Es gibt „Bio“-Zusätze, die rührend vom Blog camping-checker  getestet wurden, wobei die getesteten Produkte alle nicht von einer wissenschaftlich unabhängigen Institution analysiert wurden, und die Hersteller mit den Angaben der Wirkungsweise der Zusatzstoffe hadern. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass bei höheren Außentemperaturen angeblich die Biozusätze mit den „harten“ Zusätzen nicht mithalten könnten. Grundsätzlich sollte man, so der Blogbetreiber, die Tanks auch mit Biozusätzen niemals in der freien Landschaft entleeren, der Weg über die Kläranlage durch die Toilette zuhause oder die Entsorgungsstation an den Plätzen ist ein Muss.

Leider neigt auch unser Abwassertank in letzter Zeit zu Geruchsbildung im Fahrzeug und besonders stinkt er beim ablassen, d.h. auch hier ist eine chemische Reinigung nötig, bei der ich wieder auf die Suche nach umweltverträglich(eren) Mitteln gehen muss. Selbst das Frischwasser kann zu keimen beginnen, wenn längere Zeit bei warmen Wetter das Wasser im Tank steht – wieder eine Chemiekeule zur Lösung. Fazit, im sanitären Wohnmobilbereich ist Umweltbelastung angezeigt, wobei aber auch hier der Vergleich zum Hotel zu relativieren ist, denn mit welchen chemischen Mitteln da geputzt und gewaschen wird, wissen nur die Götter.

Zur Chemie gehört auch der Spritverbrauch. Dafür, dass ich einen 3 Tonner mit einer Höhe von 2,80 Meter bewege, liege ich mit 9 ½ Liter bei moderater Fahrweise (um die 110 km/h) nicht zu schlecht im Vergleich mit anderen motorisierten Fortbewegungen. Leider habe ich einen Diesel mit der Euronorm4, d.h. da kommt noch einiges NOX heraus, was geringer sein könnte, wenn ich die neueste, nicht gemogelte Technik hätte.

Nicht zu vergessen, die Kiste steht mehr auf unserer Straße vor unserer Tür ungenutzt herum, als dass sie bewegt wird. Das ist eine Beeinträchtigung des freien Innenstadtraums.

Also eine doch heftige Umweltbelastungsbilanz. Steht sie im Verhältnis zu dem „sozial-kulturellen“ Gewinn, muss das sein? Natürlich nicht. Ich kann mich aber weiter rechtfertigen, und feststellen, dass die Wohnmobile den Besuchsraum lokal einschränken. Man fährt nicht nach Ägypten oder Nordafrika. Ich stelle fest, wie viel schöne Gegenden Deutschland hat, und wenn ich ein Land Europas aufsuche, dann bedingt die lange Fahrt dahin auch das Verhalten, dort länger zu weilen. Zeit für die lokalen Angebote zu haben, Kultur und Menschen besser kennen zu lernen. Und wenn wir weiterziehen, haben wir die lokale Ökonomie unterstützt, unser Stellplatz ist ein minimaler Eingriff in die Landschaft, nicht vergleichbar mit Ferienhaussiedlungen oder Hotelketten, die ganze Uferregionen verschandeln. Die Balance, aus spartanischer Einrichtung, leben (und schlafen) auf engstem Raum bei gleichzeitig selbst zubereiteter bester Essenskultur, wunderschönen Radtouren, Flussfahrten auf geliehenen Kajaks, beim Winzer gekaufte Weine für die Rückfahrt – all das lässt uns bei der Sache bleiben mit dem Versuch, dabei im gegebenen Rahmen die Umwelt zu schonen.

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