Online Lehren – Eindrücke 2016

In sozialwissenschaftlichen Fachbereichen sind Onlineseminare immer noch die Ausnahme. Auch der Hype um „blended learning“ hat da wenig verändert. Ich habe auf meinem Blog etliche, mehr durch Frust gezeichnete Erfahrungsberichte zum Onlinelehren vorgelegt. Rückblickend kann ich sagen, der Netzkompetenzgrad hat sich über die große Verbreitung der Aktivitäten in Sozialen Netzen weiter gesteigert. Das „Learning 2.0“ ist Realität. Meine Teilnehmenden organisieren ihre Gruppenarbeit durchweg über WhatsApp. Sie probieren Facebook-Seiten als Gruppenbasis und kommunizieren über Google Docs und Etherpad, das sind Werkzeuge außerhalb der Moodle-Plattform.

In meinem Onlineseminar im Sommersemester zum Thema „Selbstgesteuerets Lernen“ habe ich 9 ausführlich formulierte sehr positive Feedbacks zur Veranstaltungsform und deren Durchführung erhalten. Es gab kein negatives Feedback. Meine zeitnahen Rückmeldungen zu jeder eingesendeten Aufgabe wurden am meisten geschätzt, gefolgt von der Einsicht, dass eine kontinuierliche Mitarbeit zwar etwas arbeitsintensiv, aber doch sehr viel lernintensiver sei, als das gelegentliche Mitmachen in Präsenzseminaren. Auch meine fast wöchentlichen Videofeedbacks zum jeweiligen Gesamtergebnis kamen gut an. Kritisiert wurde meine offene Aufgabenstellung, als bisweilen verwirrend. Etlichen hat die häufige Gruppenarbeit nicht geschmeckt, und eine Teilnehmerin bekannte, dass sie keine Onlinelernerin sei, es wäre eine interessante Erfahrung gewesen, aber sie wird zukünftig Präsenzen bevorzugen. Bei 39 Teilnehmenden hat zwar nur ein Viertel rückgemeldet, aber da es dafür keine Noten gab, die Lehrveranstaltung schon zu ende war, und gerade zu Semesterende die Studierenden unter Prüfungsstress stehen, ist das ein gutes Ergebnis.

Gefühlt hatte ich den Eindruck, dass – wie üblich – ca. 1/3 sehr gut bei der Sache war, und der Rest gerade mit reflexiven Anforderungen, Positionen vergleichen, Texte einzuordnen, etc. ziemlich beschäftigt war. Im Notenbild spiegelt sich das nicht so ganz wider. Ich habe die schwächeren Kandidaten immer etwas mehr mit Gnade ausgestattet, weil ich denke, dass die Lernmotivation sinkt, wenn man den Lernenden ihre Schwächen zu stark spüren lässt. Gerade im selbstgesteuerten Lernen finde ich Notengebung heikel. Ich frage ja nicht vorgekautes Wissen ab, sondern ich muss den Prozess der Wissenserarbeitung der Studierenden bewerten, wo Irrtümer und Missverständnisse mit zum positiven Lerneffekt gehören. Es gab 17 „Einsen“ und 22 „Zweien“, wobei jeweils mehrheitlich, schwache Einsen (13 Punkte) und mittlere Zweien (11 Punkte) vergeben wurden.

Neues Spiel: im Wintersemester zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung mit meist Erstsemestern eines Bachelors. Ich habe folgenden Kompetenzspiegel erfragt:

onlinekompetenz

nachhaltigkeit

 

 

 

 

 

 

bne

Die Onlinekompetenz (Selbsteinschätzung) moderner Studierender ist relativ hoch. Insbesondere aus dem Umgang mit Sozialen Netzen ist die virtuelle Kommunikation, das Empfangen und Senden von Dateien geschult. Bei dem Wissensstand zur Nachhaltigkeit erweist sich, dass dieser Begriff natürlich von allen schon mal gehört wurde, und eine ungefähre Vorstellung vorliegt. Zur Bildung für nachhaltige Entwicklung, das eigentliche Seminarthema, liegt nur wenig Wissen vor. 14% der Studies hat etwas davon in der Schule gehört – das spricht nicht gerade für einen Bildungserfolg der BNE an deutschen Schulen. Wie mir von einer Studentin versichert wurde, sind die meisten nicht wegen des Themas, sondern wegen der Lernform, oder weil nichts anderes mehr frei war, zu mir gekommen.

Ob wirklich die Lernform ein großer motivationstreibender Faktor war, bezweifele ich etwas. An einem Freitag Vormittag gab es eine Präsenzveranstaltung zur Einführung in das Thema und in die Lernform. An diesem Tag haben die Studierenden erst den Zugang zur Plattform (Moodle) erfahren. Man könnte ja vermuten, dass noch am Nachmittag oder doch zumindest bis zum Wochenende jeder mal schnell die Anmeldedaten eintippt, um zu schauen, wie diese Plattform, auf der sie das ganze folgende Semester tätig sein sollen, denn nun aussieht. Gerade mal 30% haben sich noch am selben Tag angemeldet, und selbst eine Woche später, bei der zweiten Präsenzsitzung, waren immer noch 7 von 30 Teilnehmenden nicht eingetragen. Als kleine Einstiegsaufgabe war gewünscht, dass sich die Eingeschriebenen in ihrem Profil kurz vorstellen, und vielleicht ein Foto hochladen, damit wir gegenseitig sehen können, wie unsere Kommunikationspartner und Mitstudierende aussehen. (Auf die Plattform hat Google keinen Zugriff, Geschlossenheit ist gewahrt). Nur 6 haben sich in ihrem Profil beschrieben und 8 haben ein Foto von sich hochgeladen. Als große Onlinebegeisterung kann man diese Daten nicht interpretieren. Andererseits halte ich es mit Karlheinz A. Geißler, „Anfangssituationen. Was man tun und besser lassen sollte“, der sehr schön beobachtet, wie Anfangssitzungen von Seminaren Unsicherheitsräume sind, wo die Lernenden zögern, erst einschätzen wollen, was passiert. Meist weiter hinten sitzen und nicht sofort aktiv werden. Das lässt sich ganz bestimmt ebenso auf eine Anfangssituation im Onlineseminar übertragen.

Die 30%-Klausel bestätigt sich auch im Aktivitätsprofil der ersten Woche. Es ist Gruppenarbeit für 14 Tage Abgabetermin angesagt, und ich hatte bei der Einführung sehr deutlich auf die Herausforderung des Zeitmanagements beim Onlinelernen hingewiesen. Zwar gibt es die Freiheit, sich die Zeit des Arbeitens im Abgabezeitraum selbst zu wählen, aber im Falle einer Gruppenarbeit sollte man montags, bis spätestens dienstags auf die Plattform schauen, die Aufgabenstellung überfliegen, und einschätzen, was da auf die Gruppe zukommt, und wie man das über die 14 Tage gut verteilen kann. Die Plattform Moodle meldet in der Teilnehmerliste immer den letzten Zugriff eines Teilnehmers, woran ich ablesen kann, dass erst 10 Leutchen von 30 Teilnehmenden vom Montag bis zum Dienstag Abend die Plattform besucht haben. Hinter dieser Beobachtung steht das Standardstudiendilemma: was nicht unmittelbar gemacht werden muss, wird nach hinten verschoben. Aus der Freiheit, die Arbeitszeit in der Woche auswählen zu können, wird so der Zwang, sie an den letzten beiden Tagen vor der Abgabe schnell erledigen zu müssen. In allen Onlineseminaren, wo ich eine Endabgabe meist samstags 18 Uhr vorgebe, werden auch ca 80% der Arbeiten erst samstags hochgeladen.

Inzwischen urteile ich solche Erfahrung nicht mehr als Frust. Was für den Lehrenden spannen ist, kommt dem Lernenden als ein Angebot unter vielen entgegen. Ich biete selbstbestimmt an, die Studierenden müssen fremdbestimmt abnehmen, da ist es schon gut, wenn 30% darunter gesteigertes Interesse zeigen.

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