Peter Kubelka – analog vs. digital?

Kubelka mit Filmschnitzel im Filmmuseum Ffm

Kubelka mit Filmschnitzel im Filmmuseum Ffm

Auf der Biennale Expandes Senses 2015 (vgl. voriger Beitrag) in Frankfurt war auch Kubelka im Filmmuseum als Referent geladen („Peter Kubelka presents his movies“). Kubelka packte Filmrollen aus und ließ gleich einen 36mm-Zelluloidstreifen durch seine Hände gleiten. Als Einstieg erklärte er uns die im Filmstreifen materialisierte Zeit einer Sekunde, die fast einen Meter langer Streifen bedeutet. Da fallen nebenbei Aussagen wie: es gibt keine Zeit, und es gibt keine Bewegung. Bewegung geschieht im Kopfe, was er anschaulich mit den Bildsequenzen vorführt. Er bietet einen sehr knappen Diskurs, dass eigentlich die ganze Welt so wie der Film gebildet sei. Der analoge Film, dessen Wiedergabe- und Wahrnehmungsmechanismus wird als Weltmuster gepriesen. Er erweist sich als Meister, aus einfacher Anschauung philosophische Spitzfindigkeiten zu zaubern, höchst unterhaltsam, wie hier im Galopp Systeme zerschmettert und Wohlakzeptiertes der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Immer mit einem Kern Nachvollziehbarem darin. Kubelka hasst die Hintergrundmusik im Film, wobei auch Hitchcock abgewatscht wird.
Wir dürfen von ihm kommentiert seine berühmten Filme „ Adebar“ (ein schwarz-weiß-Silhouetten Tanzfilm), „Schwechater“ (ein minimalistischer „Werbefilm“ für eine Biermarke), „Arnulf Rainer“ (Schwarz-Weiß Rauschen), und „Unsere Afrikareise“ mit versetztem Ton anschauen. Das ist ein absoluter Kontrapunkt zu allem anderen der Biennale, denn hier wird analoges Material mit analoger Projektionsmaschine im Filmmuseum vorgespielt. O-Ton Kubelka: „Was ich hier gemacht habe, kann man nie, nie digital produzieren!“ und weiter „wo Godart hin gekommen ist, da waren schon andere, wo ich angelangt bin, da war noch niemand!“. Also mangelndes Selbstvertrauen ist Kubelkas Sache nicht. Ein weiterer Schlüsselsatz: „Wenn man eine Skulptur aus Stein in Bronze abgießt, dann ist das nicht mehr die Skulptur.“ Gemeint ist wohl, wenn man seine Filme digital produzieren wollte, dann sind es nicht mehr seine Filme.
Ich finde dieses Bild richtig und falsch zugleich. Wenn ich mir Kubelkas Fime in Youtube ansehe (Arnulf Rainer , Unsere Afrikareise) und das mit der Vorführung im Kinomuseum mit Analogprojektor vergleiche, dann ist der Unterschied eklatant.Das liegt allerdings auch an dem Problem, dass ein Film über Youtube am PC betrachtet, nicht mit dem selben Film im Kino betrachtet, verglichen werden kann.

Was aber passiert, wenn ein digitaler Filmfreak Kubelkas Filme nach genau seinem Produktionsmuster digital nachbauen würde? Die moderne digitale Schneidetechnik bedient sich ja auf der grafischen Oberfläche der analogen Zeichen. Man zerschneidet den Filmstreifen, man trennt den Ton von Film, man kann diese Stücken verschieben, überlappen, zusammenkleben. Letztlich geht es auf dem Bildschirm zu wie auf einem realen Schneidetisch. Wo sieht man dann welchen Unterschied auf zwei Leinwänden in einem riesigen Kinosaal? Ich vermute mal, der Unterschied läge im Überschuss an Perfektion, den das Digitale hoch auflösende Bild heute bringen würde. Das Flimmern im Weiß des „Arnulf Rainer“-Films wäre glatter, das Pixelige des 16 mm-Films von „Unsere Afrikareise“ käme zu bunt, zu wenig verschwommen daher. Der Reiz des analogen Films liegt wohl darin, dass die Technik an die Illusion des „realen Bildes“ nur annäherungsweise mit Flimmern und Rauschen begleitet herankam, während die digitale Maschinerie hyperrealistische Welten produziert, die die Illusion übersteigern und damit wieder verfremden.
Und dennoch, nach dem Skulpturenvergleich meine ich, dass eine Plastik von Rodin gewiss der Materialbeschaffenheit von Stein ihre Entstehung verdankt, und die Oberflächlichkeit des Steins einen eigenen Aspekt darstellt, aber auch der Bronzeabguss kann noch einiges vom Gestus des Meisters ausstrahlen, auch wenn die Materialgesetzlichkeit und Oberfläche nun eine ganz andere ist.
Dass der analoge Film ein anderer als der digitale sei, darüber muss man nicht streiten, das kann man stehen lassen. Dass aber mit der Digitalisierung der Film tot sei, das ist dann doch eine Spur überzogen. Alle anderen Produkte der Biennale wären damit dem Mülleimer zugeordnet Ich unterstelle mal, so radikal ist dann auch ein verehrter Herr Kubelka nicht. In seinem Vortrag an der HfbK Hambug stellt er das Dilemma vor, dass aus atheistischer Sicht Johann Sebastian Bach ein Trottel war, der an diesen ganzen Jesusunfug inbrünstig glaubte. Aber die großartige Bachsche Musik, ist ohne diesen religiösen Hintergrund gar nicht zu denken. Kulturprodukte knüpfen immer an das gegebene kulturelle Erbe an. Da der Übergang vom Analogen zum Digitalen eine durchdringende, globale kulturelle Veränderung darstellt, wird auch die Kunst den damit gegebenen Veränderungen nicht mit Ignoranz gegenüberstehen können, soviel Scharlatanerie auch immer damit mag geschehen sein.

Dieser Beitrag wurde unter Medien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.