Node 15: Eingehüllt in Code, die Zukunft des geprägten Körpers

Als Node-Fan habe ich mich am Crowdfunding zur Ermöglichung der Tagung „Wrapped in Code the Future of the Informed Body“ (27.4.-3.5.2015) beteiligt und bin allein gestern, am Maivorabend großartig „belohnt“ worden.
In diesem Jahr ist der Mousonturm mit Naxoshalle Gastgeber, was für die sehr sehenswerte begleitende Ausstellung viel Raum schafft, aber nicht ganz die gemütlich vertraute Atmosphäre des Frankfurter Kunstvereins birgt, in der bislang das Node Forum tagte. Alle Objekte thematisieren das Spannungsfeld zwischen Körper, Informationstechnologie und künstlerischer Ausdrucksform. Die Rückkopplung über Sensoren, die die Körperbewegung erfassen und entsprechend programmierte Reaktionen provozieren, ergeben eine „Mitmachausstellung“. Was hier als visionäre kreativ-technische Spielerei daherkommt, ist z.B. mit der apple watch in der Realität schon angekommen, und in seinen gesellschaftlichen Auswirkungen noch kaum verstanden. Inwieweit das Forum diesem Durchgriff der Konzerne auf unseren body gerecht wird, kann ich nicht beurteilen, aus den Objekten erschließt sich das nicht unmittelbar.
Betritt man den Mousonturm, so „flattert“ in der Eingangshalle ein riesiger virtueller Vorhang, der über Sensoren durch die Vorbeigehenden bewegt wird. Auch wer aufmerksam zur Treppe hochgeht, bemerkt, dass er mit seinen Schritten einen aufsteigenden bzw. absteigenden Sound produziert. Am Mittwoch Abend gab es ein „Body-Konzert“, bei dem in einem schwarzen Raum zwei Personen mit bloßem Oberkörper angespannt gebückt am Boden hockten, und bei geringen Körperdehnungen über köpergurtmontierte und andere Sensoren an der Decke rhythmische, am Herzschlag orientierte Geräusche produzierten, die visuell in Form oszillografischer Kurven rundum an die Wände projiziert wurden. Eindrucksvoll, aber schleierhaft, weil der Zusammenhang zwischen Körperbewegung und produziertem Sound nur rudimentär nachvollziehbar waren. Wir haben in kleiner Runde lange über diese Performance diskutiert und dabei sehr Unterschiedliches wahrgenommen. Für mich waren die angespannten Körper (Mann und Frau) wie in einem Korsett gefesselt, die wie im Endspiel von Beckett nur noch geringen Bewegungsraum hatten, der einen Rest von kaum gelingender Kommunikation ermöglichte. Der ganze Tag war dem Thema „Choreographic Coding“ gewidmet (da habe ich nicht teilgenommen).
WorkshopRepetBeatsAm Donnerstag tagsüber Symposium, wo es um Dystopie und Utopie der Thematik ging, da war ich leider nicht anwesend. Abends der letzte Workshop zu „Repetetive Beats, Repetitive Conditionals & the Future of Dance and Music Making“ war sehr spannend. Es präsentierten sich drei unterschiedliche Zugänge:
Sam Aaron. A Communicative Programmer, Forscher und Entwickler in der Newcastle University (England). Er war beim Raspberry Pi Team der Cambridge University beteiligt, wo der Raspberry-Pi als einfacher Computer für Lehrzwecke an Schulen und Universitäten entwickelt wurde, der inzwischen wie der pädagogische Mikroprozessor Arduino Kultstatus im Netz hat. Dort hat er die freie (kostenlose) „Sonic PI“ Anwendung für den Raspberry entwickelt, mit dem Schüler Synthesizer-Musik produzieren können, was normalerweise nur mit teurer professioneller Software und teuren Computern möglich ist. Aaron will auch dem nicht Softwarekundigen über „leicht“ handhabbare open source Tools den Zugang hier zur Musikschaffung ermöglichen. Ihn interessieren pädagogische Fragen, wie kann ich Komplexität reduzieren, wie kann ich den Code nutzen, Kreativität in Bildungsarrangements erwecken. Auch im Node 13 gab es bereits die Live Coding Performance von Alex McLean, der mit professioneller Software und PC das selbe Konzept verfolgte.
Gregor Schwellenbach, Musiker, unterscheidet sich schon im Vortragsstil. Während Aaron furios seine Impressionen auf der Computeroberfläche (ohne Powerpoint) über den Beamer abzieht, sitzt Schwellenbach auf der Couch und hält Papiernoten hoch und erzählt, und geht zum Klavier, um einige Noten zu klimpern, und führt über Knopfdruck Computersound vor. Schwellenbach hört die Technorhythmen an, wie sie aus der Console kommen, und sucht interessante Ton-Schnipsel, die er dann in Notation bringt, und auf klassischen Musikinstrumenten wiedergibt. Er geht gewissermassen rückwärts von der vercodeten Musik zurück zur Notenschrift und zum klassischen Arrangement, wobei er allerdings nur den „Untergrund“ notiert, und beim Klavierspiel Improvisationen zuläßt. Er schien begeistert, von dem, was sich in der Computermusik zu entdecken gibt, um es in klassisches Repertoir zurück zu führen. In Frankfurt gab es vor zwei Jahren ein open Air Konzert von „Brandt Brauer Frick“, die ebenfalls versuchen, sehr reizvoll den Technosound in konzertante Musik mit klassischen Instrumenten umzusetzen.
Robert Henke. Professor für Sounddesign an der Universität der Künste Berlin kontrastierte redegewandt besonders Aarons Ansatz. Henke hat noch die Großcomputer erlebt und scheint etwas traumatisiert zu sein, von dem Verwaltungs- und Detailkenntnisaufwand, den die Universalmaschine Computer als Desktop oder Laptop dem Anwender abfordert. Wenn er Musik programmieren will, dann will er nicht durch Mails und Internetgeklicke abgelenkt werden. Er prognostiziert dem klassischen PC den Tod und glaubt, die Zukunft besteht in lauter kleinen Einzelgeräten, die domainspezifisch einen Fokus ausfüllen, so dass man sich mit Booten, Programm wählen, anklicken, etc. nicht mehr befassen braucht. Es arbeitet zwar in diesen Geräten ein Mikroprozessor, aber der ist nicht mehr sichtbar, er muss nicht mehr explizit ins Laufen gebracht werden. In dieser Konsequenz verabscheut er den Code und liebt mehr den Fingerwisch (Smartphone) oder die analogen Drehknöpfe am Synthesizer. Aus dem Publikum kam der Einwand, ob es nicht gefährlich sei, nur mit Blackboxen zu arbeiten? Das schmetterte er ab mit dem Hinweis, dass man im High-Tech-Bereich immer an eine Blackbox gerät, ab der der eigene Durchblick zu ende sei. Ich mag dem Professor in diesem Punkt auch nicht folgen. Wer ein Smartphone-Foto macht, das automatisch in die Clowd gebeamt wird, wo es den Datenfressern zum Fraß vorliegt, ist entmündigt. Da ist es doch besser, man lernt, wie man das eigene Foto auf einem Pfad auf der eigenen Festplatte speichert. Diese Computerverwaltung macht mich zum Hausherren meiner Aktivitäten, und das möchte ich mir nicht nehmen lassen. Diskutiert wurde in diesem Kontext über den Fluch und Segen von Beschränkungen. Ein geschlossenes System hat im Gegensatz zur Universalmaschine PC mehr Beschränkungen. Hier waren sich Aaron und Henke einig, auch der Raspberry hat wegen seines schwachen Prozessors und dem beschränkten Speicher nur begrenzte Mögflichkeiten, die einen Reiz darstellen, viel herauszuholen.
Die Frage, wie Code und Musik und body zusammenhängen, war im moderierten Gespräch angestimmt, aber ich habe das wahrscheinlich mangels Englischkenntnisse nicht richtig verstanden, eine Antwort fehlt mir da noch.
Eine Antwort gab das furiose Livespektakel des anschließenden Konzertes, das aus von Aaron mit dem Raspberry Pi gekodetem Sound und der Klavierbegleitung von Schwellenbach bestand. Die Bühne war mit zwei riesigen Leinwänden, einem Rednerpult und einem Flügel bestückt, der Saal war von Stühlen befreit. Am Rednerpult werkelte Aaron auf der Tastatur mit dem Raspberry Pi. Man konnte den in Realtime verfassten Code auf der linken Leinwand sehen, und hörte dazu den mächtigen, beatigen Technosound aus den Verstärkern. Nach einer sich in der Sound-Komplexität steigernden Soloperformance von Aaron kam Schwellenbach dazu, er wünschte einen kurzen knackigen Beat als Hintergrund und schlug dazu seine Riffs in die Tasten. Allmählich codete Aaron komplexere Sounds dazu und es entstand hörbar ein Duett zwischen beiden. Jeder Body im Publikum spürte die Beats und kleinen Variationen über die Grundmuster und wippte entsprechend der eigenen Musikalität im Takt, der für zwei Stunden später angesagte Tanz in den Mai war damit eingeleitet. In der Klavierperformance war deutlich zu erkennen, dass Schwellenbach keine Jazzimprovisationen spielte, sondern eng an den Beatriffs des Raspberry Soundtracks blieb, vertonter Techno gewissermaßen.
Der – sagen wir ruhig – primitive Computer-Beat des Techno wird durch den lebendigen Klaviersound durchaus bereichert, ich konnte das als sehr groovig eine ganze Weile gut hören, bis mir doch die Monotonie zu langweilig/nervig einging. Ich bin kein Technofan, und sehe in dieser Musikform mehr das Opium für die hart arbeitenden Juppies, die sich nächtens mit Alkohol und Speed-Stoffen in einer Traumwelt wegtanzen, um montags wieder brav auf der Matte zu stehen. Könnte man mit dem Sonic Pi Code nicht auch „andere“ Musik machen, die die Kontraste und Widersprüche, differenziertere Klangwelten zum Muster haben und nicht nur bum, bum bum als Grundgerüst? Das junge Publikum war jedenfalls sehr zufrieden, tanzte und jubelte.

Node15-Fazit: Spannende Ausstellung, viele Anregungen, ein Muss für nerdige Kunstfreunde.

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