Kingsman gegen Ökomonsterman

Kingwenn ein kulturangehauchter Oldy popcornumringt sich unter jugendliches Publikum mischt, um einen Blockbuster zu schauen, kann das natürlich nicht ganz gut gehen. 20:10 Einlass. Ich bin etwas verspätet ca. 20:20 drin, die Werbung schrillt noch schnellschnittig über die Leinwand, darunter andere Blockbuster, ca. 20:35 folgen die Trailer der kommenden Filme, wobei sich Trailer wiederholen, die schon im Werbeblock gezeigt wurden. Was da abläuft ist ein unsägliches Dolby Surround Gedröhne mit finster blickenden Machos, die entweder gerade gefoltert werden, durch Fensterscheiben fliegen, an Hubschraubern hängen, aus Autos ballern. Waffen, Waffen, einige martialische, gutfigürlich, gutbebuste, sexy Frauenkörper dazwischen, Waffen oder Peitsche oder Bikini tragend. Die Filmwelt, die einem hier eingehämmert wird, strotzt voll Gewalt- und Mordeinstellungen in düsteren Braun-Schwarztönen angereichert mit synthetisch aufgeblasenem Sound. Der Film läuft die zweite Woche, die Reihen sind noch halb gefüllt und die vielen Lacher und sogar Szenenapplaus zeigen, dass der Film ankommt. Ich bin im falschen Kino – oder ist das Kino richtig, und ich nicht mehr zeitgemäß gepolt? Ich weiß, dass die Rechnung Gewalt im Medium gleich Gewalt auch im realen Leben nicht so einfach aufgeht. Untersuchungen dazu sind zwiespältig. Aber dass das Kino als Ort des Nichtalltages, der Traumwelt und Entspannung, so gewaltaufgeladen ist, berührt mich so unmittelbar doch unangenehm. Vor 30 Jahren gab es die Schnulzenpackung mit Adligen-Gesülz, Lederhose und Alpenbäurin – war das besser??
Weshalb schreibe ich über diesen Film Kingsman – The secret service? Die Macher bedienen sich tagespolitischer Themen. Was als Killerkommödie daherkommt braucht einen Stoff, braucht den Bösen und die Guten, und der Böse ist hier ein Internetmogul im Stile Zuckerbergs, der um den Klimawandel aufzuhalten, die Dezimierung der Weltbevölkerung im Plan hat, was über eine Chipkarte, die den kostenlosen Zugang zum Internet ermöglicht, arrangiert werden soll. Weltretter sind die Kingsman, eine Art Super-Secret-Service, der als James Bond Persiflage seine Leute als snobistische Gentelmen mit den üblichen Waffenspielzeugen stylisch gedresst ausstaffiert. Neben dem antiquierten Messer, das aus der Schuhsole springt und hochgiftig ist, gibt es auch Nanotechnologie, mit der ein Gift im Körper des Opfers ferngezündet werden kann.
Als Genreliebhaber von Actionkino, und dies noch als Komödie verpackt, wird man wohl auf den Plot wenig Rücksicht nehmen, schließlich haben auch gute Opern bescheuerte Libretti, warum soll das hier anders sein? Die marktnahen professionellen Kritiken loben diesen Film aufgrund seiner technischen Stärken. Die dramaturgische Verzahnung der Prüfungs- und Ausbildungsequenzen für einen würdigen Nachfolger eines in Aufklärungsaktion ermordeten Kingsman mit der Entwicklung der Weltverschwörungsaktionen wird gelobt. Die Kirchentotschlagsequenz, bei der der Böse die Wirkungsweise seiner Chipkarten testet, wird wegen ihrer grandiosen Dynamik der Verfilmung des gegenseitigen Umbringens mit sämtlichen Kirchenutensilien gelobt, die zahlreichen filmischen und literarischen Zitate werden hervorgehoben und der stetige Spannungsbogen, der nur am Schluss etwas nachlasse, erhält Pluspunkte. Ja, ich habe mich auch nicht gelangweilt, war auch in den Bann der Aktionen gezogen, nur teilweise getrübt, wenn mir der Gag zu dämlich erschien und irritiert über die grandiosen politischen Inkorrektheiten, die ganz nebenbei den Stoff durchziehen.
Es mag sein, dass das Ausschwitzgedenkjahr sensibel macht, aber wenn ich staatlich verordneten Massenmord mit pittoresk, Lacher provozierenden Prügelszenen in Großstädten und an Stränden der Welt abgefilmt sehe, finde ich, dass hier die Komödie geschmacklos und opferverhönend angesichts der realen Mörderei in der ganzen Welt wird. (Im Plot wird unterstellt, dass die verschenkten Chipkarten mit aktivierbarerer Frequenz das Gehirn bestrahlen, und dort einen ungebremsten Agressionstrieb entfalten, bei dem die Menschen gegeseitig übereiander herfallen)
Die Metaphern von der Klimabedrohung und dem irrwitzigen Lösungsweg der Bevölkerungsdezimierung, auch die an Circle erinnernde Metapher des guten Netzbetreibers, der es den Leuten mit der kostenlosen Chipkarte nur angenehm macht, und dann verbirgt sich das Schlimme dahinter, sind gut gewählt, gar nicht blöde, aber der Film macht daraus bloße Unterhaltung, die das Nachdenken darüber abschaltet. Auch die Frauenrollen sind in den Nebensträngen idiotisch dämlich. Da turnt zwar eine sexy Sufragette mit den Stahlstelzen des gescheiterten australischen Laufidols an ihren hübschen Beinen wild kämpfend an der Seite des Bösen. Eine keifende weibliche Mordmaschine, wie wir sie von Bond- und anderen Filmen zuhauf kennen. Aber jeglicher Plotlogik entbehrend ist ausgerechnet die weibliche Kandidatin unter dem Kingsmannachwuchs schwächelnd beim Fallschirmabsprung und ängstelnd beim Raumflug, wo sie den ermutigenden Zuspruch des Mannes bedarf. Eine norwegische Prinzessin wird als Opfer des bösen Weltverbsseres zunächst noch standhafter und tapferer als der diplomatische männliche Counterpart gezeigt, aber am Schluss, wo die Autoren zur Bondparodie ein hübsches blondes Fickfrauchen für den Helden brauchen, nehmen sie ausgerechnet die Prinzessin, die sich mit dem Satz entblöden muss, „wenn Du die Welt rettest, dann darfst Du mich von hinten ..“. Die männlichen Lacher im Publikum sind garantiert. Neben diesen Entgleisungen hat der Film Spießbürgermoral. Er will zeigen, dass die Guten gut prügeln können, dazu müssen im Plot böse Buben erfunden werden, die man auch verprügeln darf. Das ist einerseits die Feindesgang im Jugendmilieu des Protagonisten, der die Welt retten wird, und das sind Widerlinge, die mit seiner Mutter befreundet sind. Den Schurken eins ballethaft über die zu Rübe geben, spricht auch meine Instinkte an, aber will ich das? Ganz nebenbei ist unser Protagonist ein Tier- und Kinderfreund, kommt aus einfachen Verhältnissen, was auch eine emotionale Gutbindung garantiert. All diese Muster mögen Standards in Blockbustern sein, aber wie nach einer fetten Sahnetorte, lag mir diese Kost danach doch etwas schwer im Magen.

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