Industrie 4.0 – Worthülse, Vision, Euphemismus?

In Wissenschaftssendungen, Feuilletons und Wirtschaftsteilen tauchen die Begriffe „Industrie 4.0“ oder „Internet der Dinge“ zunehmend auf. Das klingt geheimnisvoll und zunächst einmal unverständlich. Der Begriff Industrie 4.0 ist wohl als Propagandaslogan der Merkelregierung zur Rationaliserungsförderung der Industrie auf der Herbstmesse 2011 in Hannover kreiert worden. Die 4 deutet auf die Anzahl stattgefundener industrieller Revolutionen, wobei die 1 für die Mechanisierungsphase, die 2 für den Eintritt der Massenfertigung, die 3 für die digitale Revolution stehen. Nach der Erfindung des Mikrochips und all seiner Anwendungen soll es noch einmal einen revolutionären Schub gegeben haben (oder geben) für den die 4 steht, wobei 4.0 unschwer mit dem Internet zu assoziieren ist.
Letztlich geht es um weiteren Rationalisierungsdruck, der auch auf dem ökonomischen Musterknaben Deutschland im globalen Maßstab weiter lastet. Und Rationalisierung wird nicht zu Unrecht mit Arbeitsplatzverlust und Arbeitsintensifikation assoziiert, da klingt eine „Industrie 4.0“ dann doch etwas unverfänglicher. Folgerichtig betont Franz Fehrenbach (Vorsitzender des Aufsichtsrats der Robert Bosch GmbH) im Interview in der FAZ vom 15.12.13 zum „Internet der Dinge“, dass die Industrie nicht weiß, ob die Menschen im „Internet der Dinge“ einen Nutzen sehen werden, oder ob in der Wahrnehmung die Risiken mehr überwiegen. Deshalb müsse rechtzeitig für Akzeptanz gesorgt werden.

Der Lenkungskreis der „Plattform Industrie 4.0“ definiert den Begriff wie folgt:
Der Begriff Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, einer neuen Stufe der Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten. Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und erstreckt sich von der Idee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, die Auslieferung eines Produkts an den Endkunden bis hin zum Recycling, einschließlich der damit verbundenen Dienstleistungen.
Basis ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen sowie die Fähigkeit aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten und Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und selbst organisierende, unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach unterschiedlichen Kriterien wie bspw. Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch optimieren lassen.

Diese offizielle Definition stellt die individualisierten Kundenwünsche als Orientierung in den Vordergrund, was man den Autoren schwerlich abnehmen kann, es ist selbstverständlich der Wunsch, über mögliche weitere Rationalisierungen Kosten zu senken, um im Konkurrenzkampf vorne zu bleiben. Wenn schon die 3 für die digitale Revolution steht, dann wirkt die 4 doch etwas aufgesetzt. Was soll die „neue Stufe“ sein? Was mit 4.0 beschworen wird, ist eigentlich die bloße Fortentwicklung der Steuerungskompetenz der Mikrochips und der Ausweitung der Logistik über die Internetdatenströme.Aufgeblasene Worthülsen finden sich unter „I 4.0“. Was ist z.B. eine „digitalisierte Wertschöpfungskette“? Das kann eigentlich nur bedeuten, dass alle Produkte einer Firma mit einer Kennung versehen sind, die in einem Softwaresystem mindestens nach Ist und Soll und weiteren Kennungen abgeglichen werden können. Ich bin kein Industrieexperte, aber ich kann mir schwerlich vorstellen, dass z.B. in den BMW-Werken noch jemand mit einem Papierformular im Lager herum läuft und Schrauben zählt. Seit dem Aufkommen von Rechnersystemen in Betrieben gibt es eine stetige Tendenz, die Warenstromerfassung papierlos, also „digital“ abzuwickeln. Wo ist die neue Stufe?

Im Online-Unternehmermagazin wird am 23.11.14 verkündet, dass deutsche Unternehmen pro Jahr 40 Milliarden Euro pro Jahr in Industrie 4.0 investieren. Diese Summe ist deshalb so hoch, weil ganz normale Güter, wie z.B. Antiblockierbremsanlagen als „digitale Produkte“ gezählt werden (in selben Beitrag). Wenn man ein E-book als digitalisiertes Buch zählt, kann jeder zustimmen, aber ein Bremsanlage, die eine elektronische Steuereinheit als Antiblockiersystem integriert hat, als „digitales Produkt“ zu bezeichnen, ist reine Worthülsentümelei. Auch ein Pkw, der voll gerammelt ist mit Zusatzmotoren, Kabelsträngen, Sensoren an jedem beweglichen Teil und mehreren Mikroprozessoren, ist kein digitales Produkt, sondern eine idiotische Ingenieurfehlleistung, die über eine Tonne Material benötigt, um ein Männchen von 80 Kilo von A nach B zu bewegen. Wenn dieser PKW einen ernsthaften Defekt hat, und zufällig in der Nähe nur Werkstätten anderer Firmen sind, werden sich die spezialisierten Monteure ratlos über die Motorhaube beugen und nicht helfen können, denn es bedarf dazu ein diagnoseeigenes Wartungssystem. Auch als Oldtimer hat dieser PKW keine Zukunft mehr, denn die upgedateten Wartungsanlagen werden seine Elektronik nach zwei Jahrzehnten nicht mehr verstehen. Eine lineare oder gar exponentiell unbegrenzte Steigerung der „Sensorisierung“ (was letztlich hinter dem Wort Digitalisierung steht) ist schwerlich vorstellbar. Nie gingen Trends beliebig weiter, immer erfolgte ein Strukturbruch, bzw. ein Systemwandel, der dem Explodieren eine Grenze setzte.
Es gibt viele denkbare Querschläger, die einer Vision einer ausufernden Industrie 4.0-Entwicklung in die Quere kommen können:

  • Sozial gesehen gilt immer noch der simple Einwand, wer soll den produzierten Krempel zahlungsfähig konsumieren, wenn auf der Produktionsseite kaum noch Arbeitseinkommen entsteht?
  • Automatisierte Produktionsstraßen mit automatisierter Logistik und „digitalisierten“ Verkaufssystem funktionieren ökonomisch nur mit dem Gesetz der großen Zahl, d.h. ohne riesigen, auf Weltmarkt konzipierten Durchsatz ist so etwas nicht finanzierbar. Was aber, wenn politisch die Lust am Weltmarkt, aus welchem Grunde auch immer einbricht?
  • Was ist, wenn eine auf Nachhaltigkeit orientierte Gesellschaft mehr Ressourcenschutz, mehr Sozialschutz, mehr Regionalität, mehr Reparierbarkeit wünscht?
  • etc.

In den kommenden Jahren werden immer mehr Geräte und Systeme so ausgestattet sein, dass sie automatisch Daten über das Internet versenden und empfangen können“ schreibt BOSCH auf seiner Seite zum Internet der Dinge. In dieser Aussage sollte man das Adjektiv „automatisch“ sehr infrage stellen. Plaudern da die Dinge nach Gutdünken miteinander?

Das viel gebrauchte Modell des selbst einkaufenden Kühlschranks, der seine Fehlbestände automatisch nach ordert, habe ich immer als das blödsinnigste Beispiel der 4.0-Apologeten empfunden. In einer sozialistischen Planungsdiktatur wäre das denkbar, aber im Kapitalismus wird ein Einkaufschef für die einzukaufenden Vor- und Zwischenprodukte immer ein Auge auf den Markt haben müssen. Bei einer Bestellung müssen Preis und Leistung stimmen, das überlässt man den Algorithmen? Wer das glaubt, überschätzt die Potenz von Algorithmen oder unterschätzt die Wirksamkeit der Märkte.

Bleiben wir beim privaten Kühlschrank. Der ist nicht einfach ein Zwischenlager für den Nahrungsnachschub einer Familie (so denkt vielleicht ein sozial unfähiger Ingenieur), sondern ein individuell bestückter Puffer des kulturellen Einkaufs- und Verbrauchsverhaltens. Ein mündiger Konsument entdeckt auf vielerlei Wegen etwas Ess- und Trinkbares. Er/sie entscheiden sich spontan, das entweder am gleichen Tag zu verzehren, oder es potentiell später zu nutzen, und dazu braucht es einen Aufbewahrungsort. Die Impulse für Füllen und Entleeren sind halbwegs selbst bestimmte Kulturakte, die mit Konvention, Spaß oder auch Stress besetzte sein können, aber keine logistischen Lagerhaltungsprobleme.

Wenn in 4.0 die „Dinge miteinander kommunizieren“ gibt es ein Transparenz-, bzw. ein Datengeheimnisproblem. Nehmen wir einmal an, 10 Firmen bestellen bei einem Zulieferer. Wenn die „digitalisierte“ Warenkommunikation klappen soll, müssen die Produktionsautomaten des Zulieferers tief in die Dynamik der Nachfrage der 10 Abnehmerfirmen blicken können, um eventuellen Nachfrageschüben gewachsen zu sein. Das kann nur funktionieren, wenn der Zulieferer sehr viel Datenwissen über die Interna seiner Kunden hat. Wo bleibt da (ganz ohne NSA) das Betriebsgeheimnis?

Optimierende Algorithmen laufen aus dem Ruder, wenn alle die gleichen nutzen, wie die Finanztransaktionssysteme gezeigt haben. Unterstellen wir einmal, die Sparbrötchenfamilien haben alle den gleichen „Kühlschrank-Algorithmus“, der am Markt die billigsten Anbieter pro gewünschtem Produkt aussucht und ordert. Das hätte zur Folge, dass das billigste Angebot der Region sofort alle Kaufbestellungen anziehen würde. Die Anbieterfilialen kommen dann in die Situation, dass ihre Billigstangebote sofort eine stoßhafte Nachfrage erfahren, alle anderen Produkte kaum noch gehen, weil die bei einer anderen Filiale als Lockvogel angepriesen sind. Für den Ersatz des Ganges zum Einkaufsladen um die Ecke wird dann im Endeffekt so viel technologischer (Erfassungssysteme) und ökonomischer Aufwand (Vertriebssysteme) geschaltet, dass die Gesamtbilanz schwerlich zum Nutzen des Verbrauchers ausfällt. Der Warenbezug verteuert sich letztlich unter Beachtung aller Komponenten, der lokale Händler geht Pleite, und der Stadtteil des Verbrauchers ist wieder um eine Infrastruktur ärmer geworden – schöne neue 4.0-Welt!

So weit wird es aber gar nicht kommen, denn ich halte Vieles der I 4.0-Visionen für informatische Schwärmerei, die an den sozialen, kulturellen und ökonomischen Grundfragen vorbei geht. Dass dennoch in den Industrie internen Abläufen noch eine Menge Rationalisierungspotential vorhanden ist, und dass das sowohl die unqualifizierten, wie die qualifizierten Arbeitsplätze bedroht, und zu weiteren Verwerfungen zukünftiger Berufsbilder führen wird, steht außer Zweifel.

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