Selfie – Versuch einer Ehrenrettung

„Stoppt den Selfie-Wahn“  schreibt Axel Vornbäumen am 6.11.14 im Spiegel und polemiseiert damit vor allem gegen die Politiker, die zur Steigerung ihres Popularitätsgrades gerne das Selfie nutzen. „Seht her, ich bins“ lautet der gehlatvollere Artikel der FAZ  von Hans-Heinrich Pardey vom 25.6.14. Hier wird mehr beschrieben als bewertet. Z.B. der Oxford Dictionary hat den Begriff 2013 zum Wort des Jahres gekürt. Smartphons und Kameras folgen dem Selfie-Trend, indem die Auflösung der Frontkamera erhöht wurde, schwenkbare Displays und WLAN in die preiswerteren Kameras integriert wurden, damit diese Bildchen sofort ins Netz transportiert werden können.
Wikipedia definiert „ein Selfie ist eine Art Selbstporträt, oft auf Armeslänge aus der eigenen Hand aufgenommen. Selfies sind oft in sozialen Netzwerken wie Facebook, Snapchat oder Instagram zu finden und bilden eine oder mehrere Personen (Gruppenselfies) ab.“ Die Seite geht historisch auf die ersten Selbstprortraits zurück, und kommt dann im 2. Kapitel auf Soziologie und Gesellschaft, wo vor allem die Problematik der ungefilterten Verschickung in die Netze betont wird, der Genderaspekt (Vermarktung des Frauenkörpers) und schließlich Pornografie zitiert wird, weil die Menge der geposteten nackten Selbstdarstellungen zumindest ein exibitionistisches Massenverhalten signalisiere. (Stand 7.11.2014)
In vielen Gesprächen mit Freunden und in etlichen Feuilletonartikeln wird beim Stichwort Selfie sogleich „Selfiemanie“ assoziiert, meist wird Kulturkritisches, Dümmliches oder krankhaft Narzistisches damit impliziert. Selfietypen sind die Anderen, von denen man sich bewußt abgrenzt.

Ich liebe es aber selber, meinen langen Arm auszustrecken, und mich z.B. auf einer Pause meiner Radtouren in solcher Pose aufzunehmen, dass ich mit dem Kopfe noch drauf bin, drapiert entweder von meinen geliebten Kaffee-Kuchen, oder meinem Rad, oder einer markanten Fluß- oder Landschaftsstelle. Dieses Zeugnis, des Ich-bin-hier und trinke gerade Kaffee, oder genieße gerade eine Landschaftsentdeckung, geht nicht in die Netze. Noch nie habe ich ein Selfie von mir auf Facebook gestellt, ich schicke es dem engeren Familienkreis, meist nur einer Person. Ist das Narzissmus? Teile ich selbstverliebt meinen Ort mit, um ungesagt mitzuteilen, dass ich mit meinen 72 noch locker am Nachmittag 30 Kilometer weg und wieder zurück flitzen kann? Ein Angeberfoto, schaut her, wer ich bin? Oder will ich mitteilen, schaut, wie schön es hier ist, und es wäre noch schöner, wenn Du (der Adressat) auch hier wärest? Oder bin ich schreibfaul und komprimiere auf einem Foto, was in vier Sätze gepackt werden müßte?
Was auch immer, nach der Kommunikationstheorie eines Watzlawicks sende ich mit dem Selfie einen Inhalt und zugleich eine Botschaft, mit der ich dem Empfänger etwas mitteilen möchte. Der Beziehungsaspekt (die Botschaft des Bildes) kann Narzissmus sein, muss aber nicht. Dies sei schon mal gegen die simplen Narzissmuskritiker gesagt.

Und überhaupt sehe ich im Selfie eine innovative Nutzung vorhandener Technologie. Ein Selbstportrait in der Zeit vor der Fotografie konnte nur von einem Maler gehaltvoll produziert werden. Aber selbst noch zur Zeit des analogen Fotoapparates, war ein Selbstportrait, das man selber ausführen wollte, ein sehr diffiziler Akt. Man musste die Kamera auf einem Stativ befestigen, im Sucher den Ausschnitt bestimmen (wobei man sich selber nicht sah), Blende, Zeit und Fokus einstellen, den Selbstauslöser aktivieren, und sich schnell im gewünschten Bildausschnitt positionieren. Mit den digitalen Kameras, die automatisch fokussieren und belichten, konnte man den Apparat im Arm so halten, dass das Objektiv auf einen blickt, und beim Auslösen hoffen, dass der Bildausschnitt dem entsprach, was man sich vorgestellt hatte. Das war der eigentliche Vorgänger des „Selfies“. Mit der Frontkamera im Smartphone, oder dem schwenkbaren Display auf der Kamera war es zum ersten mal möglich, dass der sich selbst abbildende Fotograf auch unmittelbar sehen konnte, was er fotografieren wollte. Die Technologie hat damit ein Fenster für eine neue Gestaltungsmöglichkeit eröffnet, sich selbst im Bereich einer Armlänge bewusst in Szene zu setzen, um somit Inhalt und Botschaft bestimmen zu können. Dass den Leuten das massenhaft Spass macht, und ein solcher Schnappschuss nicht automatisch zum Kunstwerk gerät, kann man dem Selfie nicht vorwerfen, das gilt für jeden digitalen Schnappschuss.

Allerdings bleibt noch die Frage, warum eine neue technologischen Möglichkeit so intensiv benutzt wird? Da muss es noch einen Reiz geben. Ein „Nicht-Selfie“ ist ein Bild, bei dem ein nicht sichtbarerer Betrachter eine ästhetisch, formal aufbereitete Botschaft vermittelt. Das Bild erzählt uns eine Geschichte aus dem realen Blickwinkel des Beobachters. Beim Selfie beobachtet der Beobachtende sich selbst. Sein Blickwinkel ist über eine Apparatur vermittelt. In der analogen Zeit war das das Spiegelbild. Die Welt wird als Spiegelung erfaßt, bei der der Beobachter sich selbst beobachtet. Nicht nur die Welt sehen wollen, sondern sich selbst in der Welt sehen können, macht den Reiz des Selfies aus. Wenn man so will, ist das eine weitere Steigerung der Individualisierung der Gesellschaft. Das Individuum läßt sich nicht mehr nur einfach ablichten, es will sich selbst in Szene setzen.

 
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2 Antworten auf Selfie – Versuch einer Ehrenrettung

  1. Rainer Erd sagt:

    Liebe Heino,

    ich habe mein ganzes Leben noch auf keinem Blog geschrieben. Hier die Premiere.
    Ich empfehle Dir einen selfiestick zum selfiemachen. Habe ich aus Seoul mitgebracht und zeige ich Dir gerne.

    Liebe Grüße
    Rainer

     
    • HApel sagt:

      Lieber Rainer,
      danke, das war gleich eine produktive Premiere mit hilfreicher Empfehlung. Den Selfiestab hatte ich bislang immer noch vermieden, weil die damit agierende Person irgendwie noch lächerlicher ausschaut, als der sich durch seine Kamera Fotografierende. Aber die Gespräche über diesen Blogbeitrag mit Freunden hatten mich bereits ermutig, mir auch so einen Stab zuzulegen. Und was den technologischen Fortschritt dieses Gadgets anbelangt, mit der beträchtlichen Armverlängerun ermöglicht es Aufnahmen von einem selbst (und mit anderen), zu denen man früher einen beweglichen Schwenkkran oder ein mitfahrendes Aufnahmefahrzeug gebraucht hätte. Ich habe meinen Selfiestab auf dem Rad ausprobiert, das ergibt eine Frontalaufnahme mit Begleitperson und fließender Landschaft, die vergleichseweise ziemlich stabil ist, also recht brauchbare Bilder liefert.
      Herzlichen Gruß
      Heino

       

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