Der Circle – Roman von Dave Eggers

Literatur lebt in den Medien so ca. einen Monat um die Neuerscheinung. Im August wurde „Der Circle“ von Dave Eggers gehypt. FAZ, Neue Züricher und Süddeutsche loben wesentlich mit Vergleichen von Huxleys „Schöne neue Welt“ (reloaded) oder als Orwellsches 2084. Die FR hält sich mehr bedeckt und lobt die gesellschaftspolitische Brisanz und tadelt die etwas zu undifferenzierte Sichtweise. In der taz verreißt Dirk Kniphals am 10.8.2014 das Buch: „Groß angekündigt als eine brillante Analyse der Kehrseiten der digitalisierten Welt. Herausgekommen ist ein flacher Roman über simple Menschen.“ Und der Literaturkritiker Denis Schack nennt jüngst den Circle einen „bitter notwendigen Roman“.

Ich hatte das 558 Seiten starke Buch auch schon seit August in der Hand, bin aber lesend nicht hineingekommen – langweilig, langatmig und zu viele alltagssprachliche Dialoge, thematisch aber interessant. Ich bin dann lieber aufs Rad gestiegen und hatte andere Abwechslungen.

Eine Dystopie über die digitale Welt ist für mich aber fast schon Pflichtlektüre, so war das schlechte Wetter in der 2. Oktoberhälfte Anlass genug, es endlich zügig durch zu lesen.

Der Plot ist relativ einfach: man vermenge Amazon, Facebook, Google und Apple zu einem Superkonzern und potenziere nur etwas die bereits bestehenden Tools der Datenschnüffelei, der sozialen Netze, etc und schon entwickelt sich das zu einem totalitären System, von dem die Stasi nur träumen konnte und die NSA schon viel näher dran ist. Der scheinbare Reiz dieser Konstruktion besteht darin, dass das alles auf einer Folie von Freiwilligkeit unter frenetischem Beifall der Mittäter und Mitopfer geschieht. Die Haupt-Protagonistin ist eine junge intelligente und ehrgeizige Frau namens Mae, deren Einstieg in der Firma ausführlich beschrieben wird. Der Konzern wird von einem Trio geleitet, wobei zunächst Harmonie zwischen den Leitenden zu bestehen scheint, und ganz am Schluss entpuppt sich einer als böser Machtmensch, ein anderer als naiver Idealist und der Dritte als flippiger Aussteiger. Die Arbeitsbedingungen sind changierend, einerseits ein Paradies, was soziale Leistungen, Kulturangebote, ästhetisch kühn gestaltete Infrastruktur anbelangt, andererseits, man merkt es mehr indirekt, eine Arbeitshölle, die an (intrinsisch gesteuerter) Intensivierung kaum mehr zu toppen ist. Z.B. auf Maes Schreibtisch stehen erst zwei Monitore, einer für die Arbeit, und einer für das betriebsinterne Social Networking. Dann kommt ein 3. Schirm für das private Networking hinzu, ein weiterer kleiner Schirm für eine Sonderaufgabe, etc. Alle Tätigkeiten werden gemessen und unterliegen einem Ranking, das alle einsehen können. Das Ganze wird vom Autor als Ideologiegetrieben (und leider nicht als Profitgetrieben) dargestellt. oberstes Leitprinzip heißt totale Transparenz, Geheimnisse sind Lügen, und je mehr man über alles weiß, desto weniger kann sich Böses ausbreiten. Genau in diesem Muster liegt eine nervende Plattheit des Romankonzeptes. Für wie dumm hält Eggers die Bürger? Selbst die Amis sind nicht so blöd, dass sie nicht ein mulmiges Gefühl bekommen, wenn allerorten Kameras auf sie gerichtet sind. In der Welt kennt man die Kehrseiten der Gadgets, die im Circel abwesend sind. Jedes noch so blöde Tool, wird im Circle frenetisch beklatscht. Es braucht 148 Seiten, bis zum ersten Mal ein Kritiker, der frühere Freund von Mae, auftaucht, der fettleibig, unsympathisch gezeichnet wird, und dem Mae keinerlei Verständnis entgegenbringt, sie stempelt ihn als Spinner ab. Was will der Autor damit sagen? Sind wir alle blind gegenüber dem, was sich da zusammenbraut? Wenn gesellschaftlich eine Blindheit herrscht, gegen die anzuschreiben wäre, dann eben nicht gegenüber den Zuspitzungen der Netztechnologien im Roman.

Als in Deutschland die Chipkarte für alle Krankenkassenpatienten eingeführt werden sollte, gab es massenhaften Protest. Die Karte wurde so entschärft, dass man sich heute fragen kann, wozu der Aufwand, wenn auf dem Ding nichts Krankenrelevantes steht? Das Problem, das wir mit der digitalisierten Gesellschaft haben, besteht nicht darin, dass Datenkonzerne im Frontalangriff Trackingtools (Personenverfolgungswerkzeuge) kreieren, wie das in Circle geschieht, sondern dass viele kleine sehr unscheinbare, und isoliert gesehen sehr harmlose „Spurenhinterlasser“ den digitalen Konsummarkt überschwemmen, die dann von den Konzernen oder den Geheimdiensten mittels immer mächtiger werdenden Algorithmen zu ähnlicher Treffsicherheit zusammen geführt werden können, wie der implantierte Chip in jedem Kind im Circle-Land. Einen datensendenden Chip als Implantat in jedem Neugeborenen kann man sehr einfach politisch bekämpfen, den wird es in unserem Kulturkreis absehbar so nicht geben. Aber gegen ein so wunderbares Gadget wie z.B. Whats App, das beim Nutzer der Inbegriff der privaten Kommunikation darstellt, kann man nicht so einfach politisch zu Felde ziehen, wenngleich auch Whats App ein potentielles Glied in einer potentiellen Überwachungskette darstellen kann, die wir heute in Umrissen erahnen können.

Im Circle wird ein Gesundheitsarmband entwickelt, das alles scannt, was von der Haut abgreifbar ist, und es wird noch ergänzt durch einen körperinneren Sensor. Wir haben solche Technologien bereits, sie werden ständig verbessert, und über 1000 Gesundheitsapps erfreuen sich wachsender Beliebtheit und werden freiwillig verwendet, die Daten werden ins Netz gestellt. Wer mit welchem Pulsschlag wo geradelt ist, kann man heute schon auf öffentlichen Plattformen einsehen. Ins Schwarze getroffen, Herr Eggers? Nein, eben nicht. Während im Circle undiskutiert immer gleich klar ist, dass alle auf alles Zugriff haben, geht der reale Nutzer von der Hypothese aus, dass er über die Optionen auf seiner Plattform verfügt, was er öffentlich macht, und was er für sich behält. Den sich selbst messenden Sportler treibt kein Trasparenzwahn (das Elixier im Circle), sondern er empfindet zurecht eine Erweiterung seiner Möglichkeiten, ohne ärztliche Hilfe Trainingsprogramme zu definieren, und durchzuführen, und diese mit Freunden im Netz zu teilen, was so anspornend ist, wie ein realer Wettlauf, wo der Schnellere den Langsameren beflügelt. Wenn die Datenplattform von den Sportlern selbst programmiert und verwaltet, und damit selbst bezahlt würde, gäbe es kein Dystopieproblem. Das Problem entsteht erst durch das Geschäftsmodell, das der Betreiber der Plattform verfolgt. Er investiert in die Plattform, weil sie Daten sprudelt, die gewinnbringend am Datenmarkt veräußert werden können, und da beginnt das Metatracking, wenn über Verkäufe diese Daten mit anderen Daten zusammengeführt werden können. Diese Zusammenhänge werden in Circle nicht thematisiert.

Beim penetranten Herumpochen auf den Segnung der Transparenz im Roman sollte jedem deutschen Leser die Piratenpartei einfallen (die taz-Kritik erwähnt das). Während im Circle die freiwillige Totaltransparenz eines Senators, der mit laufender Körperkamera und allen seinen Äußerungen ständig online ist, innerhalb eines halben Jahres dazu führt, dass 80% aller Politiker sich ebenfalls der totalen Transparenz verpflichten, führte der ehrliche Anspruch der Piraten, Politik transparent für alle zu machen, sehr schnell zur Selbstzerstörung der Bewegung. Den Gegenargumenten, bzw. deren anderen Seite der Medaille fast aller hoch gepriesenen Tools im Circle gibt der Autor keine Stimme.

Sex sells, die Hauptperson eines Erfolgsromans braucht Liebesgeschichten. Aber die erotischen Affären mit dem verklemmten Programmierer Francis und die explosiven Vögelszenen in Toiletten mit dem mysteriösen Typ Kalden sind simple Männerfantasien, literarisch eingespeiste Spannungstreiber, die im Sinne einer sich entwickelnden Person Mae nur schwer nachvollziehbar sind. Alle Figuren sind eigentlich nur Schablonen, an deren Funktionsweise die fantastischen Tools des Circels demonstriert werden.

Die Unterkomplexität des Buches mag ein literarischer Kunstgriff sein, es dem einfachen Leser schmackhaft beibringen zu wollen. Aber wer alle Farben heraus nimmt, erzeugt ein graues, nichts sagendes Bild. Die Faszination Internet, das extreme Potential offenen Zugangs zu unermesslichen Informationsbeständen einerseits und die soziale Gefährdung, der absolute Datendurchgriff andererseits, sind ein solches Ambivalenzpaar, das einen Autor herausfordern, von ihm aber nicht unterdrückt werden sollte.

Hat mir auch etwas gefallen am Buch? Wenn nicht immer alles so glatt durchginge, so ist die Zusammenstellung dessen, was heute bereits technisch möglich ist, und dessen mögliche Auswirkungen in einer Brave New Stasiworld schon beeindruckend. Wer das Netz kennt, weiß das im Prinzip, aber wie das am Arbeitsplatz konkret durchschlägt, zum persönlichen Fall werden kann (Mercer, der dem System den Rücken kehren will), wie Mitarbeitergespräche zu beängstigenden Stasiverhören geraten, und das alles im Unterton, wir sind ja so besorgt um Dich, das hat mich bei der Lektüre gehalten, weil ich dann wissen wollte, wie der Autor seine Gebäude weiter ausbaut, und welche Register er noch alle ziehen kann, und wie das Ende gestaltet würde – das aber hat mich dann wieder enttäuscht.

 
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