Bildung für nachhaltige Entwicklung – Definitionen

Vor gut einem Jahr habe ich mich hier kritisch mit der Begriffsbestimmung von BNE in Wikipedia auseinandergesetzt. Wie ich sehe, ist auf Wikipedia der Beitrag inzwischen  überarbeitet. Die Autoren zählen mehr zum „Nicht-de Haan-Umfeld“, es wird relativ breit zitiert. Ich kann dem nun halbwegs zustimmen. Was ist meine Position zur Definitionsfrage?

Es gibt weder national noch international ein einheitliches Begriffsverständnis. Am ehesten eint die Definitionsmenge die Forderung, die Lernenden mit ökologischen, ökonomischen, sozialen und teilweise zusätzlich kulturellen Interdependenzen bei einer zukünftigen Entwicklung vertraut zu machen. Wie in Agenda 21,  Kapitel 36 (der Ursprung für BNE), postulieren viele einen normativen, erzieherischen Ansatz (Bewußtseinsweckung) mit einem deutlichen Kompetenzverweis, d.h. die Lernenden sollen befähigt werden, nicht nur einzusehen und bewusst zu werden, sondern auch nachhaltig zu handeln. Auch ein partizipatives Element liegt in den meisten Ansätzen, wobei in der Agenda21 sehr stark eine politische Partizipation gefordert wird (Allianzen mit Stakeholdern der Gesellschaft bilden), während in der Mainstream-BNE de Haanscher Prägung häufig nur Partiziaption an den Lerninhalten versprochen wird. Wer BNE zum Gestaltungskompetenzerwerb für nachhaltiges Handeln erklärt,  schreibt den Lernenden vor, was sie zu tun haben, d.h. er vertritt ein angebotsorientiertes, für die formale Bildung passendes Konzept. Dass man es in der non-formalen (Erwachsenen)bildung den Teilnehmenden überlässt, welche Kompetenz sie sich aus ihrem Lebenskontext aneignen wollen, ist in der reinen Gestaltungs-BNE-Ortodoxie nicht vorgesehen.

Es ist müßig, bzw. unsinnig, von „richtigen“ und „falschen“ Definitionen zu sprechen. In der Ursprungsquelle, dem Text von Rio,  sind mit stark normativen Touch die Mehrdimensionalität, das Politische und die Kompetenzförderung angelegt. Die Länder wurden später in Johannesburg beauftragt, sich ihre BNE jeweils zu konkretisieren. Und dass dabei in einem Lande mit Bildungsförderalismus und einer breiten Einrichtungsvielfalt unterschiedliche Definitionen in Umlauf kommen, ist selbstverständlich.

Unabhängig vom BNE-Diskurs glaube ich nicht daran, dass Pädagogen bei Lernenden Bewusstsein, bzw. Werteeinstellungen „installieren“ können. Ob sich jemand entscheidet, sich politisch oder persönlich für ein „nachhaltiges Handeln“ einzusetzen, hängt von vielen Faktoren ab, wobei das Wissen über nachhaltige Entscheidungswege meist nicht ausschlaggebend ist. Die Aufgabe der Pädagogik besteht m.E. darin, Handelnde zu stärken, und nicht darin, Leute zum Handeln zu überzeugen. Wer z.B. ein Bildungsangebot über „Nachhaltige Mobilität in der Stadt“ plant, kann sich die Überzeugungsarbeit schenken, es werden nur die Teilnehmenden kommen, die bereits eingesehen haben, dass nachhaltige Mobilität ein sinnvolles und notwendiges Verkehrslenkungskonzept ist. Insofern sind mir normative BNE-Konzepte suspekt. Ich halte mit Hinblick auf Teilnehmerorientierung auch nichts davon, in ein Angebot alles packen zu wollen: generationsübergreifend, global interdependent, sozial, ökonomisch, kulturell und ökologisch – nein, ein solches Angebot wird m.E. an seiner Überfrachtung scheitern.

Beispiele:

Wikipedia (15.3.2014):

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine Bildungsoffensive.
– Sie soll es dem Individuum ermöglichen, aktiv an der Analyse und Bewertung von Entwicklungsprozessen mit ökologischer, ökonomischer und sozio-kultureller Bedeutung teilzuhaben,
– sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren
– und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen.

BNE-Portal (15.3.14):

Was ist BNE?
„Bildung für nachhaltige Entwicklung“ vermittelt Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nachhaltiges Denken und Handeln.
Sie versetzt Menschen in die Lage, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und abzuschätzen, wie sich eigene Handlungen auf künftige Generationen oder das Leben in anderen Weltregionen auswirken.“

UNESCO

Education for Sustainable Development allows every human being to acquire the knowledge, skills, attitudes and values necessary to shape a sustainable future.

Kommentar: Die Wikipediadefinition hat alles: kompetenz-, handlungs- kongnitiv und etwas normativ orientiert. Die BNE-Portaldefinition ist ein ziemliches Wischi-waschi, da sollte mal jemand nach schärfen. Die UNESCO-Definition ist kurz und knackig, aber auch eine Eier legende Wollmichsau.

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