Sharing Economy ein Flop?

Neben den Lobpreisungen der Sharing Economy häufen sich, besonders in FAZ-Artikeln, Kritiken an diesem Deal. Das ist gut so, denn nichts ist törichter, als unreflektiert jedem neuen Trend zu folgen. Mit seiner Tirade gegen die Sharing Kultur in dem Beitrag „Der Terror des Teilens“ von Harald Staun in der FAZ vom 22.12.13 wird aber m.E. das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die journalistische Methode, zu der leider auch der berühmte Internetkritiker Morozow etwas neigt, besteht darin, das meist noch unentwickelte Gedankengebäude der neuen Begriffswelt als Ideologie (bei Morozow: Wohlfühl-Welt“) zu brandmarken und Einzelbeispiele überhöht aus dem Kontext zu ziehen. Sharing Economy bedeute, so der Journalist, dass das Eigentum seinem Ende zuneige. In Zukunft wird alles zum Wohle der Umwelt geteilt. Und das Internet senke die Kosten dieser Transaktionen auf ein rentables Niveau. Carsharing wird so interpretiert, dass es rentabel würde, weil man sich nicht mit Tanken, Reparaturen und Versicherung nerven muss, man steigt irgendwo mit seinem Chip ein und verlässt es sorgenfrei, das sei doch nur eine Potenzierung des Mobilitätskonsum. Und bei Airbnb, der Wohnungsagentur, gibt es in New York schon Großverdiener, die sich weder um Hotelauflagen sorgen, noch Steuern zahlen wollen. Mitfahrdienste sind nur neue Einmann-Jobs, die gegen wehrlose Taxiunternehmen konkurrieren. Etc.

Etwas differenzierter beschreibt die FAZ-Redakteurin Melanie Mühl in „Geteiltes Glück als gutes Geschäft“ (22.10.13) genau die Fälle, wo Sharing Economie nichts anderes als ein neues Geschäftsmodell ist. Wann Amazon bei Airbnb finanziell einsteigt, muss man dazu auch kaum noch etwas sagen. Fazit: Wie steht es mit dem Teilen?

Schauen wir aufs Car Sharing, das ist nicht aus der Idee des sorgenfreien Auto-Hoppings entstanden. Das Auto von Otto Normalbesitzer steht über 90% parkend auf der Straße. Es hat bei der Produktion extrem viel Energie verbraucht. Wenn 10 Leute sagen, ich verzichte auf einen Autobesitz, und leihe mir in der Tauschbörse eins aus, wenn ich es brauche, dann sind 9 Autos weniger parkend auf der Straße, und das Leihauto wird intensiver genutzt. Der statistisch nachgewiesene Nebeneffekt, diese Autoleiher fahren nach dem Übergang ins Kooperationsmodell insgesamt weniger Auto als früher. Weil das so ist, darf man auch nicht einfach die großen Autovermieter mit dem Carsharing gleich setzen, denn die Vermieter sprechen vor allem die Zielgruppe an, die kein oder gerade kein Auto (im Urlaubsfall) besitzt, womit überhaupt nicht weniger Autos auf der Straße sind, sondern im Prinzip mehr. Diese wesentlichen Feinheiten sollte man bitte schön doch beachten, wenn man gegen Sharing pauschal wettert. Dass mit dem Leiheffizienzzuwachs durch das Internet die Carsharer zu Vielfahrern werden, scheint mir mehr der Fantasie von Herrn Staun zu entspringen, als real nachgewiesen. Selbst wenn dann gleichviel, wie mit Autobesitz gefahren würde, wären dadurch immer noch viele Ressourcen wegen des geringeren Autobestandes eingespart.

Und was ist so schlimm dabei, wenn über das Teilen der Markt nicht ausgehebelt ist? Sind alle Anhänger der Sharing Economy Kommunisten? In Frankfurt wird der Sperrmüll so entsorgt, dass man einen Abholtag beantragt, und am Abend zuvor seine nicht mehr gebrauchten Gegenstände auf den Bürgersteig stellt. Ganz ohne Internet fahren da am besagten Abend private Kleinlaster durch die Straßen, nicht um persönlich eine Zweitnutzung anzutreten, sondern das sind Händler, die dieses Dinge auf dem nächsten Trödelmarkt gegen Geld verhökern. D.h. fast immer wenn ich ein Gut freigebe, gibt es in unserer kapitalistischen Gesellschaft jemand der den Tauschwert entdeckt, und diesen zu Geld zu machen versucht. Mir gefällt diese Option, weil meine entsorgtes Gut jemandem zu einen Kleineinkommen hilft, und das Gut letztlich weiter verwendet wird. Was einen Neukauf erspart.

Wenn es denn wirklich einen Wertewandel zu weniger besitzen wollen gibt, dann ist das im Sinne einer nachhaltigeren Lebensweise zu begrüßen. Gegen den Raubbau an den Ressourcen, auf die auch kommenden Generationen gerne noch zugreifen wollen, hilft wesentlich, weniger konsumieren. Da sind wir noch lange nicht beim Kommunismus, wenn das Teilen von Gütern als eine Lösung betrachtet wird.

Fraglich ist aber leider, was die Motive für diesen Wandel sind. Wenn es nur Mangel an Kaufkraft ist (prekäre Arbeitsverhältnisse, Einkommensumverteilung, Krise, etc.), hat es gar nichts mit Ideologie zu tun. Und wenn die Autobegeisterung zurückgeht, weil die Straßen verstopft und gewünschte Plätze damit kaum zugänglich sind, und man dafür sein Geld lieber in Smartphones und Internetdienste steckt, dann ist das leider auch nicht besonders nachhaltig.

Ob da jeder Ansatz immer vernünftig ist, und dem nachhaltigen Ziele wirklich nutzt, muss gegebenenfalls geprüft werden. Wer eine Kaffeetasse gegen einen Korkenzieher auf einer Internetbörse tauscht, und dafür zwei Päckchen durch die Republik schickt, der hilft vielleicht dem Transportgewerbe aber gewiss nicht der Umwelt. Wenn das Auto, wie Untersuchungen belegen, bei Jugendlichen an Attraktivität einbüßt, dann ist zu prüfen, ob der Alternativkonsum, in den das nicht verwendete „Autogeld“  wandert, ressourcensparender und sozial verträglicher ist.

Immerhin – den Kritikern sei Dank, die Sharing-Kultur ist kein Blankocheck in eine Wohlfühl-Welt.

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