Lehrfrust – oder normales Lernverhalten?

Meine letzte Rundum-Mail an meine Onlinestudierende:

Liebe Studierende,
nach der großartigen Beteiligung bei der Gruppenaufgabe 4 sind viele von Ihnen offensichtlich in die Ruhephase gegangen. Auch das Videofeedback dazu  haben sich bislang nur wenige angeschaut. Bei der letzten Aufgabe 5 vorige Woche gab es 7 eingereichte schriftliche Lösungen. Für mich ist das angenehm, ich brauchte dann nur 7 Feedbacks zu verfassen. Aber Sie hatten doch den schönen Vorsatz, auch ohne Aufgabenpflicht in dieser „selbstgesteuerten Übung“ am Ball zu bleiben. Ich ermuntere Sie, schauen Sie wenigstens mal die neue Aufgabe 6 für diese Woche an, es ist wirklich nur etwas, das man auch so machen sollte, wenn man einen Text liest. Ich erinnere Sie an unser Rechenspiel: mindestens 1 1/2 Stunden würde Ihnen die Präsenz kosten – und die sollten Sie unbedingt auch online investieren.

Das Resultat dieser papahaften Ermahnungsmail waren 8 eingereichte Aufgaben bei 27 Seminarteilnehmenden.
Hintergrund: Es geht um das Thema „Selbstgesteuertes Lernen“. Jede Woche gibt es dazu ein bis 3 kurze Texte, die gelesen werden sollen, und eine Reflexionsaufgabe (oder Gruppenaufgabe), die am Ende der Woche hochgeladen werden kann. Die letzte gestellte Aufgabe kann auch als Unterforderung interpretiert werden, es ging darum, die Aussagen eines Textes in einer Tabelle zu visualisieren, was für mich der Nachweis war, dass der Text gelesen wurde, und für die Studierenden eine Erinnerungsstütze an den Text sein sollte.
Rahmenbedingungen: Es ist ein Masterstudiengang, wobei für dieses Seminar nur 3 Creditpoints vergeben sind, was der Anforderung der Abgabe eines Seminarprotokolls entspricht. Formal ist es möglich, wenn es ein Präsenzseminar wäre, einmal zu erscheinen, und dazu ein Protokoll hinknäulen, und schon hat man ein weiteres Seminar „hinter sich gebracht“. Die Studentenschaft hat die Anwesensheitspflicht abgelehnt, was nach Entschulung klingt, ob das aber gut ist?
Ich könnte ja vermuten, dass die Studierenden hohen Arbeitsdruck wegen der übrigen Seminare, wo mehr verlangt wird, haben. Und dass sie deshalb nur die Texte lesen, ohne zu einer kleinen Ausarbeitung dazu zu kommen. Aber auch diese Vermutung ist falsch. An den Logfiles der Lernplattform (Big Brother is waching) kann ich sehen, wie viel Leute sich die Aufgabenstellung angeschaut, und wie viele die Aufgabentexte angeklickt, oder herunter geladen haben. Unb siehe da, die Aufgabenstellung haben sich nur 6 Leute angeschaut und 11 Leute haben die Texte dazu angeklickt. Das heißt, die große Mehrheit ignoriert das Angebot schlichtweg.

Nach meinen früheren Erfahrungen im Fachbereich Erziehungswissenschaften interpretiert eine Mehrheit das Studium als eine Scheinerwerbsveranstaltung, wo man versucht, mit geringem Einsatz möglichst viele Punkte zu sammeln. Auf die Einstiegsfrage, „warum kommen Sie in mein Seminar?“ wird mit gesenkten Blicken reagiert. Sie kommen, weil sie den Schein brauchen, aber ob Sie das Thema interessiert? Mal sehen!

Ich habe in einem anderen Onlineseminar (Bachelor-Studiengang), wo die Teilnahmepflichten gößer waren, zu jeder Wochenaufgabe ein persönliches Feeedback mit Verbesserungsvorschlägen geschrieben. Am Ende des Semesters sollten alle Einzelbeiträge mit Inhaltsverzeichnis und Literaturangaben zu einer Datei verarbeitet werden mit dem Hinweis, wer seine Note verbessern will, sollte die Texte entsprechend den Anmerkungen korrigieren. Damit leistet der Studierende seine Hausarbeit, und er hat zugleich auf seinem Rechner eine reflektierte Dokumentation des ganzen Seminars. Diese gewünschten Verbesserungen der eignen Texte haben nur ein Bruchteil (10-20%) ausgeführt, der große Rest hat einfach die unkorrigierten Beiträge zusammengestellt. Da frage ich mich natürlich als Lehrender, wozu gebe ich eigendlich die Feedbacks, wenn diese ignoriert werden? Viele Studierende beklagen sich zu recht, dass sie bei den meisten abgegebenen Arbeiten nur spät eine Note erhalten aber keine weiteren Rückmeldungen, aus denen sie etwas lernen könnten. Wenn ich nun die Feedbacks gebe, werden sie nur von wenigen geschätzt – das kann schon frusten, denn für 40 Arbeiten Feedbacks schreiben, kostet einen Teil des Wochenendes, den ich als Lehrbeauftragter überhaupt nicht vergütet bekomme.

Die Frage bleibt, ist das das „normale“ Lernverhalten der Studierenden? War das früher anders? Liegt es an den strukturell sehr schulisch gelegten Leitplanken der Studieningänge? Haben die Studies schon in der Schule das selbständige, mit Interesse ausgestattete Lernen verlernt? Habe ich die Aufgabenstellungen, die ausgewählten Texte pädagogisch unzureichend erstellt (langweiliger Lernraum animiert nicht zum Lernen)? Ist es die Massenuniversität, wo in vielen Elternhäusern meiner Studierenden keine Bücherschränke stehen, keine geistig interessanten Tischgespräche geführt werden?

Etc. Es ist sicher von allem etwas. Immerhin, der engagierte Teil der Studierenden kann selbständig arbeiten und bringt auch gute und kreative Ergebnisse zutage. In meinem Beitrag Erfahrungsbericht haben „die 20%“ spannende Kommentare geschrieben. Pauschale Studentenschelte ist unangebracht – aber die Aufgabe bleibt, Qualität an den Universitäten zu halten, wir brauchen keine paukende Lernmaschinen, wir brauchen mehr die selbstverantwortlich Lernenden, denn ohne Motivation am Stoff, ohne den Wunsch, sich mit Inhalten/Theorien auseinanderzusetzen, wird auch kein Engagement im Berufsleben entfaltet werden können. In den Fitnessstudios steht niemand am Rande und schaut einfach zu, und sagt, komm, mach mal für mich. Wer seinen Body trainieren will, geht selbst in die Bütt. Wenn in der Schule einer mehr tut, als der Lehrer verlangt, wird er als Streber beschimpft – ist es diese Altlast, die unsere Studierenden beim selbstgesteuerten Lernen ausbremst??

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