Wolf Singer, der Freiheitshäretiker ganz lieb

Singer1Die Talkshow zum Anfassen ist die Gersprächsrunde in der in Sachsenhausen gelegenen „Fabrik“, in der regelmäßig die vom Rundfunk bekannte Ruth Fühner  meist frankfurter Persönlichkeiten interviewt. Kein Geringerer als Wolf Singer, Neurophysiologenstar und noch dazu ein sehr guter Wissenschaftskommunikator stellte sich am Mittwoch, 2.10.13, zum Disput. Wir hörten viel Biografisches. 1943 geboren , was er zugleich in den Kontext des schrecklichsten Deutschen Jahres brachte. Evangelisch getauft, katholisch umgetauft, Messdiener auf dem Lande, und schließlich aus selbst gestellter Versuchsanordnung nach einem unchristlichen Erlebnis der Kirche abgewandt. Freude am Basteln, Transistorradio mit Kopfhörerempfang, usw. 2 Töchter, die von des Vaters Forschung eigentlich ferngehalten wurden, wobei die Tanja aber doch Hirnforscherin und die Nathalie Medienwissenschaftlerin wurde.

Als 68er in München kannte er Gudrun Enslin und einige andere Szene-Figuren persönlich, fand den Vietnamkrieg empörend, aber sah nicht so sehr das Nazideutschland, und war nirgends involviert. Die Gewaltattitüde der Linken war nicht sein Ding. Dass Gudrun Enslin , die er als unbescholtenes intelligentes Mädchen kannte, der Gewalt verfiel, hat er nie verstanden.

Eine Litfasäulenankündigung der Aida, Inszenierung Hans Neuenfels in Frankfurt, veranlasste die Singers, die überhaupt nicht in das häßliche Frankfurt (zur Zeit des U-Bahnbaus) wechseln wollten, die Oper zu besuchen. Das war ein so großartiges Erlebnis, dass sich Singer sagte, eine Stadt, die eine solche Oper hat, kann nicht schlecht sein – und nahm von seinen Absageintentionen Abstand – so haben wir ihn nun hier.

Singer bleibt in seiner Darstellung sympathisch  bescheiden, die biografischen Höhepunkte mit weltweiter Anerkennung und vielen Vorsitzen werden nicht weiter erwähnt. Ab der Halbzeit gehts kurz zur Sache. Was macht so ein Wissenschaftler eigentlich? Die bildgebenden Verfahren sind offensichtlich passee. Affen erhalten Gehirnimplantate an genau vorbestimmten Stellen (was nicht weh tun soll, weil das Gehirn schmerzunempfindlich ist), dann werden sie ein halbes Jahr lang für Computerspiele trainiert. Sie müssen leichte Aufgaben lösen, kombinieren, merken , etc. Das können sie nach entsprechendem Training recht gut. Sie lassen das mehrere Stunden mit sich ergehen, werden belohnend gefüttert, wenn sie gut waren, und der Computer speichert in dieser Zeit immense Datenmengen. Dann beginnt nackte Mathematik, statistische Prozeduren, Heuristiken, Algorithmen, wie immer man die Auswertungsprogramme an denen Informatiker und Mathematiker intensiv beteiligt sind, nennen mag. Gesucht werden Ähnlichkeiten in den Neuronendaten, die bestimmten „Denk“handlungen der Affen entsprechen, so dass eine Hypothese über Gehirnfunktionen gefunden oder wiederlegt werden kann.

Forschung beschreibt Singer als Kunst. Man hat einen Wissensstand über Studium, Lektüre und Fachkonfgerenzbesuchen, und erkennt dabei Lücken im Wissen. Und mit Kreativität wird nach möglichen Lösungen für diese Lücken hypothetisch gesucht, die dann experimentell spezifiziert, durchgeführt, und bestätigt werden sollten. Und meist bestätigen sich Hypothesen nicht. Forschung ist ein tiefer Frustrationsvorgang. Erhellend kann dann das Unerwartete sein, aber das tritt natürlich nicht ständig ein.

Die Sache mit der Freiheit – soweit ich das verstanden habe – klingt eigentlich banal. Alles, was wir denken und was unseren Handlungen vorausgeht, läuft zwischen den Synapsen unseres Gehirns ab. In der Verschaltung liegt der Schlüssel für alles Tun, es gibt keine Metaschwingung eines entäußerten Ichs, die auf die Synapsen einwirken könnte.  Als Beispiel nennt er einen Amerikaner, der sich an seiner minderjährigen Tochter vergangen hatte und in den  Knast kam. Da stellte sich heraus, dass er einen Tumor hatte, der auf die Region drückte, wo wir unseren Sozialisations- und Werteteil haben. Nach Entfernung des Tumors wurde er wohl entlassen und war mehrere Jahre straffrei. Dann wurde er rückfällig, und man stellte fest, dass auch der Tumor wieder da war. Die Krankheitsdiagniostik entlastete den Mann. Aber was ist mit den Gehirnen der anderen Vergewaltiger, wo wir nicht wissen, wo was worauf drückt? Singer sagt, wer etwas abartig böses tut, muss ein krankes Hirn haben. Einen freien bösen Willen erkennt er nicht an.

Ich kann da nur dagegenhalten, wenn die Kriminalitätsrate in Unterschichten höher ist, als in gebildeten Schichten, dann müssten die unteren Schichten mehr deformierte Gehirne haben! Ist das nicht klassischer Biologismus? Aber Zuhörerfragen wurden nicht gestellt.

Bescheiden geht Singer  mit dem Wissen über das Gehirn um. Man weiß sehr viel über motorische Funktionen, über das Auge, etc. aber man weiß nichts darüber, welcher Prozess hinter einem Denkakt oder auch nur hinter einem gesprochenen Wort steht. Durch Forschung wisse man heute, dass man weniger weiß, als man vor zwanzig Jahren dachte zu wissen. Die Metapher der komplexen Systeme, die nicht steuerbar, nicht prognostizierbar seien, sagt ihm am ehesten zu. Zu Merkels 50ten eingeladen, empfahl er der Politik, es der Evolution gleich zu tun, man verzichte auf das Wissen über Erklärungsansätze, und würfele einfach zwischen ihnen. Damit war die Evolution sehr erfolgreich. Das soll den anwesenden Politikern nicht gefallen haben.

Zur Religion befragt, sagte Singer, das sind die großen Kinderfragen, auf die wir keine Antworten haben. Wohin breitet sich das Weltall aus, was war vor dem Anfang? Diese Fragen legen es ihm nahe an etwas Übersinnliches zu glauben. Da gibt es etwas, von dem wir nichts wissen, aber das ist sicher nicht der Mann mit Bart, der für jeden von uns zuständig sein soll.

Zum Lernen kam noch eine irritierende Äußerung. Das Gehirn wachse nur bis ungefähr dem 25ten Lebensalter. Danach geht es mit den Synapsen nur noch bergab. Allerdings entscheide die Sozialisation, welche Synapsen zerstört, und welche bleiben – sprich, man muss nicht unbedingt altersverblöden, aber schlauer wird man nach Singer auch  nicht mehr.

Alles in Allem menschelte es. Der Tabus einstürzende Wissenschaftstitan war heuer  mehr der liebe Oldy mit eigentlich ganz sympathischen Ansichten.

 

 
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2 Antworten auf Wolf Singer, der Freiheitshäretiker ganz lieb

  1. Manfred Nüchter sagt:

    Ein guter Aufsatz, der den Diskurs mit Herrn Singer gut beschreibt. Zu meiner Schande muss ich gestehen – ich kenne ihn nicht.
    Was mir aufgefallen ist, wie kann man “Denk”handlungen der Affen beurteilen?
    Könnte man dies nicht auch als Basiswissen der Menschheit werten? Vielleicht haben die Menschen durch die Evolution die Möglichkeit erhalten, ein ausbaufähigeres Hirn zu entwickeln? Daraus aber so skurile Spekulationen zu entwickeln, halte ich für sehr bedenklich. Die Entwicklung des Gehirn hängt von so vielen Punkten ab, dass eine Vorhersage über Fähigkeiten sehr frag- und menschenunwürdig ist.

     
    • Heino Apel sagt:

      Hallo Manfred,
      danke für Deinen Kommentar. Die Affenexperimente hat Singer nur en passant beschrieben. Ich nehme an, dass der Affe mit einem Joystick vor einem Bildschirm sitzt, und z.B. von einem Mitarbeiter gelernt bekommt, wie man drei verschieden große Klötze mit der Maus zu einer Pyramiede auftürmt. Jedesmal, wenn ihm das gelingt, gibts eine Belohnung, und dabei werden die Gehirnströme gemessen. Wenn der Affe das dann gelernt hat, könnte man als „Transferaufgabe“ einen Klotz auf der Bildschirmansicht in ein Nebenzimmer mit schmaler Tür positionieren, so dass der Affe zur Lösung der Aufgabe selbständig auf die Idee kommen muss, diesen Klotz erst zu den anderen zu schieben. Wenn er das löst, hat er eine „Denk“leistung vollbracht, und die Forscher versuchen aus den Datenmengen zu analysieren, wo dabei was im Gehirn passiert ist.
      Mühsam nährt sich das Eichhörnchen, ist das die Forschungsperspektive 😉

       

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