Das schleichende digitale Hiroshima

Joseph Weizenbaum hat in seinem ersten computerkritischen Buch „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“ (1978) – wenn ich mich recht entsinne – das Heraufkommen der Computer mit der Entwicklung der Atombombe verglichen. Damals dachte ich, hier übertreibt der alte Herr etwas, aber aus heutiger Sicht lag er mit seiner Gefahreneinschätzung gar nicht so falsch. Er befürchtete, dass Expertensysteme menschliche Entscheidungen abnehmen werden, und damit eine Entmündigung der Gesellschaft, ein inhumanes Abhängigwerden von automatisierten Entscheidungen eintreten könne. Wenn Prisma oder andere Programme den Datenheuhaufen nach Stecknadeln durchsuchen, dann wird das nach heutiger Terminologie mittels „Algorithmen“ vollzogen, die sind nichts anderes als Expertensysteme zur Datenanalyse.

Dass heute die informationstechnische Durchforstung aller privaten Datenbestände global von allen Ländern letztlich befürwortet wird, und dass  z.B. in den USA nicht einmal in den großen Medien protestiert wird, und dass auch bei uns niemand auf die Straße dagegen geht, das ist schon ein Desaster der größeren Art. Später wird man rückblickend einmal sagen, ein schleichendes digtales Hiroschima! Sofortige Verstrahlungen wurden kaum bemerkt, aber die Halbwertszeit der angehäuften Datenbestände langt allemal für viele schlimme Verstrahlungen in der Zukunft.

Eine Ursache für die Datenspähtoleranz liegt in der assymetrischen Betroffenheit. Wie bei der Stasi kann der unpolitische, kulturell kaum interessierte Bürger – und das ist die wahlentscheidende überwältigende Mehrheit – zu recht sagen, ich habe nichts zu verbergen, mich juckt das nicht! Kritiker der herrschenden Regierungsformen, kulturelle Innovateure müssen das anders sehen. Aber es geht um noch mehr, als den Schutz der Privatsphäre. In der aktuelle Debatte werden vier Bedrohungen deutlich.

  • Aushebelung der Privatsphäre (Angebliche Terror- und anderer Kriminalitätsabwehr)
  • Aushebelung des Schutzes der Wirtschaftsbetriebe (Industriespionage)
  • Abschöpfung politischer Informationen großer politischer Organe (Parlamenarier, EU-Gremien, etc.) (Politspionage)
  • Vorbereitung möglicher Cyberwars (Systemspionage)

Die Daten eines Googleimperiums werden aus Wirtschaftsinteressen verwaltet. Dabei geht es nicht um den persönlichen Herrn Meier, sondern es geht um das Cluster Meier mit seinen Informationspräferenzen. Google saugt Daten und verkauft Zielgruppen. Oder wer bei Google Umsatzstärke zeigt, kann sich auch im Suchmaschinenindex hochkaufen, etc. Das ist alles schlimm genug und ist hinreichend beklagt worden. Sowie bei Google der Geheimdienst mit am Tisch sitzt, beginnt eine ganz andere Dimension. Herr Meier wird jetzt über IP-Adressinformation als Person von außen fassbar. Aus seinem persönlichen Datenprofil läßt sich vielleicht eine denunzierende Geschichte drehen. Falls er kritischer Blogger ist, kann die Adresse in der Suchmaschine liquidiert, oder nach hinten verschoben werden (virtuelle Hinrichtung), etc.

Das Prachtbeispiel des Cyberwar ist Stuxnet, hier hat der israelische und amerikanische (und andere?) Geheimdienst über massive Industriespionage einen Computer“wurm“ erzeugt, der die Maschinerie einer iranischen Urananreicherungsanlage zum Zusammenbruch führte. Im öffentlichen Bewusstsein steht damit Stuxnet für ein Schadprogramm gegen das böse Verlangen Irans nach Atombomben. Dass man mit dem selben Mechanismus Wasserwerke, Eisenbahnsysteme, Flugleitsysteme, etc. – alles zivile Anlagen – ausser Kraft setzen könnte, wenn man einen Cyberschlag gegen ein Land führt, scheint in den Köpfen weniger präsent zu sein. Diese Cyberwaffen zielen zentral gegen zivile Einrichtungen, es sind Flächenbombardements gegen überlebenswichtige Infrastrukturen der  Zivilbevölkerung, kann man das wollen!!?

Sollte aus der europäischen, und besonders deutschen Aufgeregtheit über diese Datenmacht in Geheimdiensthänden wirklich poltisches Handeln folgen, so muss unbedingt die Massendurchforstung privater Daten verboten werden. Nicht das Schleppnetz, sondern nur die Harpune mit richterlicher Genehmigung darf den Geheimdiensten gewährt werden. Und der Cyberwar, insbesondere die Vorbereitung potentieller Angriffe, gehört international sanktioniert.

Die individuelle Forderung, schützt Eure Daten besser, damit sie nicht so leicht abgegriffen werden können, halte ich für keinen massenhaft gangbaren Weg. Oder, zeige Dich nicht mehr in der virtuellen Öffentlichkeit, kann auch keine gute Empfehlung sein, zu sehr ist Netzpräsenz auch ein Ausweis für gesellschaftliche Teilhabe.

Gegen alle zu erwartenden Verfehlungen bleibt eine Hoffnung, dass die Algorithmen nicht das leisten, was ihre Auguren von ihnen hoffen. Denn das Heuhaufenprinzip heißt eben auch, astronomisch hohe Datenbestände automatisch auswerten zu müssen, weil es anders nicht geht. Das Kartell der „Bösen“ weiß das, und braucht nur in seiner Datennutzung intelligente Nebelbomben zu werfen, und schon sind die Algorithmen blind.

 

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