Bildung für nachhaltige Entwicklung auf Wikipedia

Wikipedia gilt als das populärste Lexikon. Es ist eine tolle Sache, dass hier Fachwissen von der „Allgemeinheit“ zusammengetragen wird. Es hat höchste Aktualität, denn kaum hat sich etwas verändert, kann es sofort nachgetragen werden. Das hat aber auch einen Preis. Bei Themen, die öffentlichkeitsrelevant sind, gibt es politische Scharmützel, und die Lobbyschreiber sind an vorderster Front, um PR für die Sache zu machen.

In unserem Fall besteht die Lobby aus den offiziellen Repräsentanten der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), die ein Interesse daran haben, dieses politisch gewollte Konzept gut dastehen zu lassen.  Warum beginnt die Darstellung auf Wikipedia nicht mit einer Erklärung, was BNE ist, oder damit, wie es zustande kam? Z.B. findet man sehr weit unten, versteckt im Text: „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) versetze Menschen in die Lage, die Werte, Kompetenzen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, die heute für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft im Einklang mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung erforderlich seien.“ Das wäre doch schon mal was zum Erstverständnis gewesen. Nein, es wird unvermittelt die UN-Dekade „BNE“ beschrieben mit der Datierung 2005 bis 20014, so dass die schnellen Kopierer (SchülerInnen, StudentInnen) schon mal denken, BNE gibts erst seit 2005. Die UN-Dakade ist das Flaggschiff der deutschen BNE-Implementation, innerhalb der UN sind wir auch Musterknabe, kaum ein anderes Land macht so (relativ) viel dazu. Also muss es offensichtlich an die erste Stelle.

Als nächstes folgt eine lange Liste von Konferenzen, die mit 1972 beginnt, was eine reine Umwelterziehungskonferenz war. Ein unvoreingenommener Leser dürfte kaum wissen, was er mit diesen Konferenzen anfangen soll, solange er noch nicht weiss, was BNE ist.

Dann erst geht die Darstellung auf den Entstehungshintergrund ein. Dem ersten Absatz kann man zustimmen. Dann folgt allerdings eine sehr deutsche Begründung für die Notwendigkeit von BNE, die sich wesentlich auf das Programmpapier zum Bund-Länder-Programm der BNE aus dem Jahre 1999 stützt. BNE wird als Modernisierungskonzept der angeblich katastrophenlastigen Umweltbildung und der elendsszenarioverhafteten entwicklungsorientierten Bildung dargestellt. Das ist gängige Mainstreaminterpretation, wo ausgeblendet wird, was hinter Rio stand.

Zum Ursprung von BNE gehört der Brundtland-Bericht, in dem als Kompromiss der Begriff des  „Sustainable Development“(SD) formuliert wurde zwischen der damaligen „3.Welt“, die Wachstum und technologischen Fortschritt wollten, und den Industrienationen, die die Gefahr weltweiten Ressourcenverbrauchswachstums erkannt hatten, und Mäßigung wollten. Die folgende Konferenz in Rio 1992 startete also mit einer höchst brisanten Entwicklungsformel. Die in Rio mit starker Beteiligung internationaler Nichtregierungsorganisationen (NGO) entstandene und unterzeichnete Agenda 21 ist ein Konvolut, wo die Atomenergie genau so gefordert wird, wie erneuerbare Ressourcen, an vielen Stellen dominieren Thesen zur weiteren industriellen Entwicklung. In dem Papier werden Ökologie, Wirtschaft und Soziales abgehandelt, die jeweils auf ihre Berechtigung im Ringen um SD setzen. Daraus ist in der Deutschen BNE-Entwicklung die Rede vom „Agenda-Dreieck“ geworden, nach dem Ökologie, Ökonomie und Soziales im Einklang zu stehen haben. Im Wikipediatext (letzter Absatz des Abschnitts Entstehungshintergrund) dominiert etwas der Gerechtigkeitsaspekt, was aber nicht zum Verlust von ökonomischer Prosperität führen soll.  Das scheint die Feder eines Autors zu sein, der mehr hinter dem „Globalen Lernen“ steht (dazu später). Im Kapitel 36 der Agenda 21 wird der Bildung eine überagende Beutung für die Umsetzung der Gestaltung der Welt zu einem Sustainable Development (nachhaltige Entwicklung) zugewiesen. Man muss diese Zuordnung ganz deutlich vor dem Hintergrund sehen, dass hier zum ersten mal  Regierungschefs und Umweltminister fast aller Länder zu einem so wesentlichen Zukunftsthema versammelt waren, dass sie keinerlei Legitimation hatten, geltende Beschlüsse z.B. zum Ressourcenschutz, zur CO-Reduktion, zu Sozialstandards, etc. zu fassen. Man denke, wie schwer und wenig es bei allen späteren Welt-CO2-Konferenzen voran geht. Wenn man weder Schutzstandards noch Entwicklungsgelder beschließen kann, so kann man aber beschließen, die Bildung solls lösen, da gab es keinen Widerspruch, das tut nicht weh, da schaut man auch nicht so auf die Details. D.h. die Geburtsstunde der BNE hatte von Anfang an einen gewaltige Hypothek, das Problem wurde weg von der Politik zum Individuum delegiert.

Pädagogisch gesehen, gründet das Kapitel 36, auf die Umwelterziehungskonferenz von Tiflis (1977), wo die Grenzen des Wachstums auch schon bekannt waren, und wo der Impetus darin bestand, dass in den Schulen die Schüler zum umweltbewußten Verhalten erzogen werden sollen. Das nennen wir heute altbackene Pädagogik, denn dass die Erziehung so nicht funktioniert, weiss man spätestens nach Bildungsminsterin Margot Honeckers hoffnungslos gescheitertem Versuch, aus den DDR-Bürgern wahre Kommunisten zu machen.

Wohl aus der Feder der beteilgten NGOs werden aber im Kapitel 36 der Bildung gesellschaftspolitische Impulse aufgenötigt wie Partizipation am gesellschaftlichen Geschehen. Schulen sollen sich öffnen, die Bildung soll Allianzen mit anderen Akteuren eingehen. Forschungsprogramme sollen eigens zu Entwicklungsfragen aufgelegt werden, etc. Im Text steht auch, dass die klassische Umweltbildung mit der entwicklungsorientierten Bildung unter ein Dach, nämlich der BNE zusammengeführt werden solle, und dass im Laufe weniger Jahre das gesamte Bildungssystem unter die Prinzien der BNE-Entwicklungsorientierung gestellt werden soll. Wer die Bildungstanker Schule und Hochschule in aller Welt kennt, musste hier ob soviel Naitvität schmunzeln, oder irrirtiert sein. So weit (und kurz) die Intention des Kap.36 der Agenda 21. Wozu in Wikipedia kaum etwas zu finden ist.

Der folgende Abschnitt Entwicklung von BNE in Deutschland beschreibt im ersten Absatz äußere Entstehungsdaten und widmet der Frage, wo liegen die Unterschiede der deutschen Realisierung zum Rio-Kapitel 36 keine einzige Zeile! Dazu kann man kurz sagen, die deutsche Realisierung ist pädagogisch moderner. In den späteren 90ern kam in der Bildung die Kompetenzdebatte auf, man qualifizierte nicht mehr, weil das so schnell veraltete, sondern man befähigte, man entwickelte besonders Selbstlernkompetenzen. Ein wesentliches Merkmal der deutschen BNE besteht im Erwerb von Gestaltungskompetenzen. Damit  setzen sich die Begründer ganz deutlich vom Erziehungsansatz in Rio ab. Allerdings handeln sie sich auch ein Problem ein, man kann Kompetenzen eigentlich nicht allgemein formulieren. Z.B. heißt eine Teilkompetenz „Empathie für andere zeigen können“. Ich kann eine große Empathie für meinen Haustierchen haben, und gleichzeitig blind gegenüber sozialer Unterdrückung in Schwellenländern sein.

In Punkto Partizipation ist die deutsche wesentlich für Schulen entwickelte  BNE ein politisches Kastrat. Man will in der Schule keinen Ärger. Partizipation am Lernprozess ja, aber an der Gesellschaft? Nein. In vielen Publikationen wird vom Individuum gesprochen, dass sich verändern soll, ein Aufruf, die lokalen Verhältnisse anzupacken, und dort zu wirken, findet sich nicht. Druck von der Strasse auf diePolitik auszuüben, soziale Netze zu nutzen – Fehlanzeige.

Schließlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Umsetzung der BNE in Deutschland  (und in allen anderen Ländern vielleicht noch mehr) – gemessen an dem, was Rio wollte – extrem gering vollzogen ist. BNE ist eine Nische, die im allgemeinen Bewußtsein überhaupt nicht vorhanden ist. Es gibt gerade mal eine Professur für BNE an allen deutschen Universitäten! In den Schulen dürften reine BNE-Angebote sich im einstelligen %-Bereich bewegen, in der beruflichen Bildung unter 1 % , etc…

Der 2. Absatz in diesem Kapitel geht vollends in die Vertuschung des an sich aberwitzigen deutschen BNE-Sonderwegs. In Rio hieß es, Umweltbildung und entwicklungsorientierte Bildung unter ein Dach zu bringen. In Deutschland hat der „Umweltflügel“ über das Bildungsministerium Ende der 90er die BNE kreiert, während der entwicklungspolitische Flügel (Eine-Welt, VENRO) emsig daran arbeitete, ein eigens Konzept, das Globale Lernen zu erhalten. Persönliche Animositäten, und eine frühe Kritik an der zu unpolitischen und zu ökolastigen BNE führten zum Sonderweg. So hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) die Entwicklung eines Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung voran getrieben, in dem ebenfalls der Kompetenzansatz vorherrscht, nur der Schwerpunkt mehr auf Eine-Welt ausgerichtet ist, und in dem an keiner Stelle auch nur eine Literatur zum BNE-Konzept zitiert wird, obwohl man sich verbal auch auf BNE bezieht. Wikipedia verschweigt die Ministerienkonkurenz und schiebt die KMK als beschließendes Organ vor, denn das Papier hat Wirkung auf die Schulcurricula der Länder. Fazit, wir haben kein Dach, sondern zwei Häuser in Deutschland, eine Ressourcenverschwendung und Irritation für alle, die sich in diesem Lernfeld bewegen.

Also ein Ruhmesblatt ist der BNE-Eintrag in Wikipedia nicht, aber fairerweise muss man dazu sagen, dass die gesamte BNE-Mainstreamliteratur unterreflexiv ist, weil der Ursprung von Rio in aller Regel nicht reflektiert wird.

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3 Antworten auf Bildung für nachhaltige Entwicklung auf Wikipedia

  1. wee sagt:

    Nun ist ja jeder frei, Einträge bei Wikipedia zu ändern. Die Koordinierungsstelle der UN-Dekade in Deutschland hat keinen Anspruch auf einen wie auch immer gearteten Eintrag in Wikipedia. Hier können die Akteure also gern ansetzen und den Artikel zu BNE entsprechend ändern, so dass ggf. andere Ansichten auch zu Wort kommen. Das würde dem Ganzen auch mehr Stimme verleihen als ein Eintrag in einem Blog.

  2. Uncas sagt:

    Ja, das fände ich spannend, einen echten ehemaligen Professor bei und in wikipedia, sozusagen BSE pardon, BNE in der Praxis. Ich würde das ja in WNE umbenennen, weil die Bildung, aber seit die 68er eine Mittelstandskulturrevolution durchgeführt haben, haben wir nicht eine Margot Honnecker sondern tausende und abertausende und irgendwie hat jeder den wahren Bildungsauftrag. Eigentlich muss einen das Fürchten und das Grauen überkommen, aber stimmt ja, die Kinder und Kindeskinder werden’s richten. Nur irgendwie ist die Welt dann nie so nach dem Schul- und Bildungsabschluss, nicht so heile, nicht so grün, nicht so schön und nicht so paradies…

    Wie steht’s denn nun mit den Widersprüchen, Herr Apel? Und darf ich weiterkommentieren oder verflacht das zu sehr? Oder hält das eventuell von enormen Footprint-Flügen nach Rio oder Jakarta oder Honolulu ab?

  3. HApel sagt:

    Hallo wee,
    danke für die Aufforderung. Ich habe sogar 2006 und 2011 als Autor an diesem Wikipediaeintrag mitgemischt. Aber jetzt geht es nicht um ein zwei Sätze, sondern ich würde aus meiner Position den ganzen Riemen völlig umschreiben, und da machen wohl die Korrektoren von Wikipedia (vielleicht zu recht) nicht mit. Wenn einmal eine Begriffbeschreibung längere Zeit steht, nimmt sie für sich Akzeptanz in Anspruch. Mir ist das jetzt nur aufgefallen, weil ich mit Studierenden ein Seminar über BNE mache, und da wurde ich stutzig, als mehrfach BNE mit der Dekade definiert wurde.

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