Konnektivismus und Lernen

Im Zusammenhang mit dem neuesten Modekonstrukt MOOC (Massive Open Online Course) im e-Learning Markt wird die neue Lerntheorie Konnektivismus beschworen. Ihr Begründer ist George Siemens, der 2005 im International Journal of Intructional Technology & Distance Learning seine in der Szene Aufmerksamkeit erregende Arbeit „Connectivism: A Learning Theory for the Digital Age“ verfasste. Sein Argument: Die bekannten Lerntheorien Behaviorismus, Kognitivismus und Konstruktivismus haben angesichts des technologischen Wandels und angesichts des extremen Wissensverfalls, bzw. ständigen Wissenserneuerung ausgedient. Den Konstruktivismus hält er für brauchbar, so lange neues Wissen nur daherplätschert. Wenn es aber in einem Strom über uns hineinbricht, dann brauchen wir eine neue Theorie des Lernens.

Schon das leider häufig gebrauchte Argument mit der Halbwertszeit des Wissens ist brüchig. „Knowledge“ würde in 10 Jahren die Hälfte verlieren! Wenn das Lernen z.B. eines Programmierers darin bestünde, dass er zur Prüfung die Kommandos und Parameter von drei Programmiersprachen auswendig lernt, dann wäre sein Wissen nicht erst in 10 Jahren zur Hälfte geschrumpft, sondern er wäre von Anfang an untauglich für jegliche Betriebspraxis. Lernen heißt im Programmierfall, ein Verständnis von der Funktionsweise des Programmierens zu entwickeln, die Prinzipien und Strukturen von Programmiersprachen verstanden zu haben. Wenn das nach seinem Lernen der Fall ist, dann wird er mit entsprechender Praxis in 10 Jahren seine volle Programmierkompetenz entfaltet haben, völlig unabhängig davon, wie stark und schnell sich die Programmierumgebungen, in denen er sich bewegt, verändert haben. Das zu meistern – und da hat George Siemens eine treffende Sichtweise – geht heute natürlich nicht mehr damit, dass der Programmierer ein kleines Handbuch führt, in dem er Neuerungen festhält. Er muss sich in Netzwerken bewegen, wo Neuerungen diskutiert werden, er folgt dabei nicht nur einem Journal oder einem Lehrer, sondern an vielen Ecken wird global weiterentwickelt, es gibt Trends, die von Modeströmungen unterschieden werden müssen etc. Mit einer in der Ausbildungsphase erworbenen Kompetenz „am Ball“ zu bleiben, heißt an ihr zu arbeiten, neue Sichtweisen zu integrieren, und ständig für neue Werkzeuge und neues Material offen zu bleiben. Man könnte sagen, der Wissensarbeiter von heute macht ständiges Updating. Es können aber auch Umbrüche in seiner Berufsbiografie erfolgen. Vom Programmieren wechselt er in die Abteilung Marketing und muss nun Kunden akquirieren und Anwender von Software beraten. Seine Softwarekompetenzen sind dafür sehr nützlich, aber sie sind nicht hinreichend. Jetzt muss neu gelernt werden. Dieses neue Lernen hat nichts mit der Halbwertzeit des Wissensverfalls zu tun, sondern mit der hohen Dynamik in den Betrieben. Und seine „alten“ Netze bedienen dieses neue Feld nicht, und wenn er sich in Netze der Personalführung oder des Marketings begibt, versteht er erst einmal deren Code nicht. Lernen ist angesagt, sei es selbstgesteuert, sei es eine kollegiale Einführung, seien es Lehrgänge in welcher Form auch immer. Einen Lernvorgang, der zu einem neuen Kompetenzlevel, bzw. zu einer neuen Fähigkeitsdomaine führt, sollte man unterscheiden vom Gebrauch der „Wissens“-Werkzeuge in sozialen Netzen.

Wie wenig Siemens vom Lernen, und wie viel er vom Wissensorganisieren spricht, sieht man an seinen Prinzipien seines Konnektivismus:

  1. Lernen und Wissen beruhen auf der Vielfältigkeit von Meinungen.
  2. Lernen ist der Prozess des Verbindens von spezialisierten Knoten oder Informationsquellen.
  3. Lernen kann in nicht-menschlichen Apparaten stattfinden.
  4. Die Kapazität, mehr zu wissen ist wichtiger als das, was man bereits weiß.
  5. Das Erhalten und Pflegen von Verbindungen ist notwendig um kontinuierliches Lernen zu ermöglichen.
  6. Die Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen Wissensfeldern, Ideen und Konzepten zu erkennen ist eine Grundkomepetenz (skill).
  7. Aktualität (genauer up-to-date Wissen) ist das Ziel eines jeden konnektivistischen Lernens.
  8. Entscheidungen zu treffen ist ein Lernprozess an sich. Die Auswahl, was zu lernen ist und die Bedeutung der aufgenommenen Information muss aus der Sicht einer sich ständig verändernden Realität gesehen werden. Während es heute eine richtige Antwort gibt, kann sich diese morgen aufgrund von Veränderungen im Informationsklima, welches die Entscheidung beeinflusst, als falsch herausstellen.
  • Nr 1 verstehe ich nicht so ganz. Wenn ich lerne, muss ich mir aus verschiedenen Meinungen ein Bild machen – trivial?
  • Nr. 2 bestreite ich, Informationsquellen verbinden ohne Sinn und Verstand, was soll das??
  • Nr. 3 bestreite ich ebenfalls vehement. Lernen kann nur im Kopf stattfinden, alles andere ist Zutragen von Inhalten. Ich lerne nicht im Klassenzimmer, nicht im Buch, nicht in einem Video, nicht in einem Tweet. Das sind Lernmittel, Lernumgebungen, die erst über meine Rezeptoren im Gehirn zu einem Lernprozess führen können.
  • Nr. 4 und 5 sind Wissensmanagementaussagen.
  • Nr. 6 ist der Schlüssel zu allem, ja ohne diese Grundkompetenz läuft gar nix. Und die wird durch Lernen erworben.
  • Nr. 7 ist Wissensmanagementaussage.
  • Nr. 8 scheint mir unpräzise formuliert zu sein. Eine Entscheidung kann ich nur fällen, wenn ich etwas weiß, d.h. wenn ein Lernprozess vorher stattgefunden hat (ansonsten muss ich würfeln). Aber, heute sind wir meist bei Entscheidungen, die wir aus unseren Vorwissen fällen, nicht ganz sicher, ob sie richtig sind, sie können sich morgen als falsch herausstellen.

2010 charakterisiert Siemens den Konnektivismus folgend:

  • Knowledge is distributed and networked.
  • Learning is the process of forming and pruning connections through social and technological networks

Auch hierzu würde ich sagen, erster Spiegelstrich ok, und beim zweiten kann man „Learning“ mit „Using a learning environment“ ersetzen. Aus meiner Sicht kann man Siemens gut folgen, wenn man bei Ihm nicht von einer Lerntheorie sondern von einer modernen Lernumgebungstheorie spricht.

Eine Umsetzung davon das hat er mit Stephen Downes gemacht, als sie das erste große Lernevent zum Thema „Connectivism and Connective Knowledge“ (CCK08) ausführten. Es wurde eine Lernumgebung geschaffen, die den Prinzipien des Konnektivismus gerecht werden sollte. Lern-Anlaufstellen waren: ein Kurswiki, eine Moodle-Plattform, wöchentliche Video-Zusammenfassungen, ein Kursblog, einen Twitter-Stream, Live-Sessions mit Referenten; aber vor allem einen täglichen Newsletter, der alle Beiträge mit dem Tag „CCK08“ im Netz einsammelte, zusammenfasste und in die Community zurückspielte. Genauso vielfältig aber waren die Beiträge der Teilnehmenden selbst: zum einen bildeten sie selbst Gruppen auf Google, Facebook und Second Life, um den Kurs oder einzelne Fragen zu vertiefen. (nach Jochen Robes in: Edith Blaschitz, Gerhard Brandhofer, Christian Nosko und Gerhard Schwed (Hrsg.): Zukunft des Lernens: Wie digitale Medien Schule, Aus- und Weiterbildung verändern. Hülsbusch: Glückstadt 2012, S. 219-244.)

Da insgesamt über 2000 Teilnehmer eingeschrieben waren, und das Angebot offen und kostenlos, hatte man es mit einem massive open online course (MOOC) zu tun.

Ich habe überhaupt keine Schwierigkeit, dieses Ereignis unter der Flagge Konstruktivismus segeln zu lassen. Es ging darum, eine für die Teilnehmenden attraktive Lernumgebung zu schaffen, in der sie selbstgesteuert sich ihre Inhalte, Methodiken, und Tools wählen, und sich in Untergruppen oder autonom an einem kollektiven Lernprozess  beteiligen konnten. Dass man miteinander, bzw. voneinander lernt, und dass man zu erstrebende Lernziele/Kompetenzlevel selbst bestimmt, gehört zu den Prinzipien im Konstruktivismus – wo ist das Problem für eine neue Lerntheorie?

Dass Lernmittel zur Lernsubstanz verklärt werden, äußert sich z.B. auch in der Modehülse vom „mobile learning“. Selbst ein Mönch im 13 Jahrhundert noch vor Gutenberg konnte ein (handgeschriebenes) Buch unter den Arm nehmen, sich vom Kloster einen Tagesmarsch entfernen, und unter einem Eichenbaum nachdenkend-reflexiv ein paar Seiten studieren, und dabei ein christliches Aha-Erlebnis haben. Durch mobiles Lernen wurde ihm plötzlich klar, wie das mit der Versuchung des Fleisches zu interpretieren ist. Wer heute mit seinem Smartphone in der S-Bahn einen spannenden Text durchgeht oder ein Video studiert, macht lerntheoretisch nichts anderes, als der Mönch 700 Jahre vorher. Seine Augen fliegen über Zeichen, die müssen im Gehirn dekodiert und mit Sinn versehen, und in einen neuen Sinnzusammenhang gebracht werden, wenn Lernen stattgefunden haben soll. Was, bitteschön, ist hier mobile learning??? Ganz außer Frage liegen Welten zwischen den handgeschriebenen ersten Büchern im frühen Mittelalter und dem digitalisierten Text, der von einer Plattform über Provider und Telefonnetze ins Smartphone wandert. Und auch der Umstand, dass der Smartphoneleser sofort an seine Lerngruppe twittern kann, dass es hier einen spannenden Text gibt, dass es also einen Knoten mit weiteren Verknüpfungen und neue „Wissens“konten geben kann, in denen Kommentare gespiegelt, etc. weiter reflektiert werden können, das ist revolutionär bzgl. der Wissensverbreitung, bzw. des Wissensmanagements, aber das Lernen hat sich dadurch mitnichten geändert.

 

 

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