Manfred Spitzer – der Sarrazin des Internet

Die Verrisse sind zahlreich geschrieben, aber Manfred Spitzers Buch „Digitale Demenz“ ist unbeschadet auf der Sachbuch-Bestseller Liste an 2. Stelle und hat sicher auch viele Sympatisanten im grünen Umfeld. Der kulturelle Übergang von einer früher analogen Gesellschaft, bei der Hänsel und Gretel sich noch auf dem Dorfplatz kennen lernten und Hand in Hand im Wald spazieren gegangen sind, zu einer Generation, die auf den Strassen keine Spielgelegenheit mehr findet, sondern ihre Events sehr technologiegetrieben arrangiert, fällt vielen  konservativen Bildungsbürgern schwer. Die Krokodilsträne über den Verlust der Mitte (Adorno) wird heute über die Zunahme internetbasierter Kommunikation in sozialen Netzwerken geheult. Und wenn dann einer kommt, und sagt, da sei sehr viel im Argen, hütet Euch davor, es macht Eure Kinder dumm, dann ist die Freude groß, es wird doch einmal gesagt werden dürfen!

Wie Spitzer es sagt, habe ich etwas nach gelesen, und bin da verwundert, wie hier ein Professor, der explizit die Wissenschaft anruft, mit merkwürdigen Attitüden  und sorry – auch mangelndem Sachverstand – zu Werke geht. Da ist einmal die pauschale Schelte gegen die Medienpädagogen. Wer sind diese böse Spezies, Kinderverderber?? Wenn man gegen Fachkollegen polemisiert, ist das völlig in Ordnung, aber gegen eine ganze Innung pauschal zu wettern? Was soll das?

Die Einführung heißt, „Macht Google uns dumm?“ Die simple Logik von Spitzers Argumentation besteht darin, dass er die Nutzungsform, einfach in Google etwas zu suchen, es heraus zu kopieren, und als Text zu gebrauchen, für verdummend hält. Eine andere Form der Googlenutzung wird ausgeblendet, es gibt sie nicht, oder Herr Spitzer ist ahnungslos? Spitzers Beispiel eines unreflektierten Abkupferns aus einer Suchmaschine des Internets, ist aus pädagogischer Sicht zu beklagen, aber hieraus abzuleiten, dass Google der Dummacher sei, ist schlicht irrig. Sein Beispiel belegt eine „dumme“ Nutzungsform des Internets, mehr nicht. Kritisches Recherchieren im Netz, was eine pädagogische Standardforderung an Lernede ist, bedeutet, dass der Suchende einige geistige Klimmzüge vollziehen muss. Wie formuliere ich meine Suchfrage? Wie entscheide ich bereits an der URL, ob die Quelle mir nützt, als seriös angesehen werden kann, etc. Wie entscheide ich dann beim ersten Hineinlesesen, ob das Niveau des Textes dem entspricht, was ich suche? Wie merke ich, dass das eine originale Reflexion, oder auch nur etwas Wiedergekautes ist? Und schließlich wenn ich es übernehme, zitiere ich oder entlehne ich nur die Argumentation? Etc. Wer so mit Google beim Recherchieren umgeht, wird seine Synapsen kräftig ins Schwingen bringen, d.h. er absolviert ein geistiges Training, fern ab jeglicher Verdummung. Im Abschnitt über Navigation, wird dem Leser eindringlich das gute Beispiel der Londoner Taxifahrer vorgeführt, die das Volumen ihres Hippocampus im Gehirn nachweislich ausweiten, wenn sie die vielen Strassen auswendig lernen (ohne Navi). Geschenkt, auch das kompetente Recherchieren ist Gehirnjogging, und mag vielleicht eine spannendere Vernetzung der Zellen ergeben, als wenn ich mir einen Stadtplan merke. Gerade weil ich viel Reflexionskraft aufbringen muss, um aus dem riesigen Datenangebot für mich Brauchbares zu holen, haben wir das Problem, dass Google den „Dummen“ nichts nutzt, und hier eine große Gefahr des „Digital Gap“ entsteht. D.h. für die Wissenden ist das Internet ein gewaltiges Werkzeug, und die Unwissenden werden weiter abgehängt. Diese Überlegungen gelten  keineswegs als Ausnahmenutzung für Wissenschaftler. Selbst wenn man „nur“ ein Hotel an seinem Reiseziel im Internet aussuchen möchte, ist derjenige, der mit Reflexion und guter Recherchekenntnis an diese Aufgabe geht, einem ahnungslosen Sucher weit überlegen, er wird ein Hotel finden, das preiswert und akzeptabel ist, aber das ist gar nicht so einfach. Wo, bitte macht hier Google dumm?

An einer Stelle beschwert sich Spitzer über Schüler, die ihm per Mail Fragen stellen. Er zitiert dann die Frage „Herr Spitzer, erklären Sie mir bitte, wie das Gehirn funktioniert“. Auch in diesem Beispiel ist es doch naheliegend festzustellen, dass der Schüler eine saublöde Frage gestellt hat. Einen hochrangigen Experten kann ich nicht bitten, er möge mir mal die Welt erklären. Was tut Spitzer? Er schimpft auf die Lehrer, die ihre Schüler zum Mailanfragen bei Experten zuraten, und fordert, dass die keine Experten fragen sollen, sondern sich erst einmal in Bücher vertiefen und einen Sachverhalt intensiv studieren sollen. Die Methode: der alte  Lernstil wird gepredigt (so als ob kein Lehrer mehr die Schüler zum Studium von Texten anregen würde) und Neue Medien werden gescholten. Warum sollen Schüler nicht auch mal eine Mail an einen Experten schreiben? Über den Tellerrand eines in die Jahre gekommenen Lehrbuchs zu schauen, ist doch eine gute Schüleraktion. Und klar, da muss  etwas mehr überlegt werden. Fragenstellen, das hatten wir oben bei Google, will gelernt sein. Wenn schon, sollte man die entsprechenden Lehrer nicht tadeln, dass sie zur Expertenfrage aufrufen, sondern dass sie dann auch die Kompetenz vermitteln müssen, welche Fragen sinnvollerweise an einen Experten gestellt werden können, damit sie eine Chance auf Antwort erhalten.

Im Navigationskapitel werden Gehirnfotos gezeigt, wei sie beim Training von Musizieren, oder bei Medizinstudenten, wenn sie die Knochen für die Prüfungen auswendiglernen müssen, anwachsen. Ja, Herr Spitzer, wir hören die Botschaft, das klassische Lernen ist prima, es wirkt gehirnerweiternd. Schade nur, dass keine Gehirn gezeigt wird, wo ein Computernerd im Vergeleich zu einem Computerlaien analysiert wird. Ich vermute mal, dass wir hier die selbe Wirkung sehen werden. Wo sich Kompetenzen und Fähigkeiten, die täglich trainiert werden, bündeln, wächst die Performanz. Es ist dann eben nicht der musische Teil der beim Nerd anwächst, aber Demenz? Nein, so einfach ist das mit dem Internet dann wohl doch nicht, Herr Spitzer.

 

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2 Antworten auf Manfred Spitzer – der Sarrazin des Internet

  1. RKeller sagt:

    Klingt interessant. werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen, um qualifiziert mitdiskutieren zu können. Mfg, Rainer

  2. Pingback: Zur Verflachung des Internet | Heinos Netzblog

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