Nachhaltigkeit +20

Rio+20 gibt Anlass, die Begriffshülse „Nachhaltigkeit“ rückblickend zu würdigen.

Zur Definition

Das Konzept Nachhaltigkeit definiert Wikipedia mit Bezug auf die Enquetkommission „Globalisierung der Weltwirtschaft“ als: die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise regeneriert werden kann. In dieser abstraktesten Definition ist jede Ausformulierung einer menschengerechten Zukunft eliminiert. Die primäre Quelle für das, worauf sich der Nachhaltigkeitsdiskurs heute bezieht, ist die World Comission on Environment and  Development, die 1987 den Begriff  Sustainable Development geprägt hat, zu dem in Rio 1992 auf der Erdgipfile die Agenda 21 verfasst wurde, und  der  mit folgender Formel rezipiert wird: Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können. (Our common future, 1987). Diese gebräuchlichste Definition kommentiert Wolfgang Sachs (Nach uns die Zukunft, Frankfurt 2003, S.85) so: „maximiert wurde hier nicht die Eindeutigkeit, sondem die Zustimmungsfähigkeit. Wie für jeden anständigen Formelkompromiss ist das ist nicht wenig, denn die Definition wirkt wie ein Alleskleber, von dem kein Teil mehr loskommt, weder Freund noch Feind“.

Noch läuft es nicht richtig

Es ist klar, dass der Versuch der Nationen, über die zukünftige Entwicklung der „Menschheit“ zu reflektieren, Herausforderungen zu finden, und Visionen und Stratgien zu entwickeln, nur ein sich wandelnder Suchprozess sein kann. 1992 herrschte kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Bush als USA-Präsident die Zeit des ungebrochenen Neoliberalismus. China war auf dem Weltparkett noch unbedeutend und nicht einmal in Rio dabei. Der Staat als Regulator war eine fremde Idee, weshalb in der Agenda die diversen Akteure neben dem Staat eine herausragende Rolle bekamen.  20 Jahre nach Rio hat durch das Freihandelsabkommen und durch die Liberalisierung der Finanzmärkte der Globalisierungsprozess die Welt verändert. Der Rionachfolgeprozess hat viele Konferenzen und mehr, meist weniger gelungene Resolutionen zum nachhaltigen Handeln produziert, aber wenn wir auf die beiden wichtigen Parameter: Soziale Entwicklung und Reduktion der Treibhausgase schauen, so haben sich diese weltweit in den 20 Jahren in einem Maße verschlechtert, dass „Rio+“ mehr als Rethorikveranstaltung, denn als politisches Handeln zu verstehen ist. Wie die neben stehende Tabelle zeigt, ging die Treibhausentwicklung von 1950-2010 ungebrochen weiter. Nach einem FAO-Bericht wird jährlich eine Waldfläche von der Größe der Schweiz gerodet. Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten sowohl innerhalb vieler Länder als auch zwischen den Ländern vergrößert. (Rio+20 Report)

Man darf deshalb fragen, lag bereits in Rio ein Fehler, dass die reale Entwicklung ganz anders verläuft, als ein Leitbild für nachhaltige Entwicklung erwarten würde, oder sind es die Rahmenbedingungen, die den Gang verändert haben?

Ohne Gerechtigkeit keine Ökologie?

Wolfgang Sachs (2004) weist darauf hin, dass Rio eigentlich kein Umweltgipfel, sondern ein Entwicklungsgipfel war. An vielen Stellen in der Agenda 21 finden sich Passagen, dass eigentlich das westliche Wachstumsmodell als Entwicklungsmotor in die damalige 3. Welt gepflanzt werden sollte. Und schon damals gab es weniger den „Nord-Süd-Konflikt“ als vielmehr einen Konflickt zwischen den globalen Eliten und konsumierenden Mittelschichten mit den Entrechteten und Armen in allen Ländern. Wenn in der Sustanability Definition nicht gesagt wird, welche Bedürfnisse von wem befriedigt werden sollen, ist der Weg offen, dass es die Bedürfnisse nach mehr Fernflügen, nach starken Autos, nach großem klimatisierten Wohnraum, nach Fleischkonsum, etc. der Mittelschichten sein werden, und nicht die Überlebensbedürfnisse der Milliarden Armen der Welt. Der über materielles Wachstum ausgeübte Druck auf die Ressourcen führt in den rohstoffexportierenden Ländern dazu, dass die indigene Bevölkerung aus ihren angestammten Lebensräumen verdrängt werden und zur Elendsurbanisierung und oder Proletarisierung gezwungen werden. Der Mangel an Demokratie und das Vorherrschen von Korruption wird durch den Rohstoffhunger befördert. Wolfgang Sachs argumentiert, wenn die Indigenen ein unangefochtenes Recht auf ihre Böden und ihre Wirtschaftsweise hätten, wären der Naturausplünderung Grenzen gesetzt. D.h. Gerechtigkeit und Demokratie seien Voraussetzungen für eine nachhaltige Umweltnutzung. Danach vertragen sich Gerechtigkeit und Wohlstandsmehrung nicht. Ob das ein zwingender Mechanismus ist, wage ich anzuzweifeln, es hat auch schon brasilianische Stämme gegeben, die munter am Waldverscherbeln teilnahmen, als sie das Recht dazu hatten. Man kann m.E. den indigenen Bevölkerungen nicht zumuten, auf Subsistenzniveau ihre Wälder und Böden zu schützen, während ihre Landsleute in den Metropolen in klimatisierten Räumen und Autos den materiellen Wohlstand genießen.

Ist Effizienz die Lösung?

Bereits in Rio 92 wurde auf Effizienz gesetzt, d.h. mit wirksameren Technologien kann der Umweltverbrauch erheblich reduziert werden. Ein moderner Motor stößt pro erzeugten PS heute erheblich weniger CO2 aus als vor 20 Jahren. Das ist die Effizienzsteigerung. Aber die Autors wurden schneller, schwerer, und es wurden sehr viel mehr, das nennt man den „Rebound-Effekt“, der die Effizienzsteigerung zunichte macht.

Der Glaube an eine technologische Lösung dominiert auch Ri0 12, dessen Kernanliegen die „Güne Ökonomie“ ist. Eine Wirtschaftsweise, die in großem Maße erneuerbare Energien fördert und nutzt, und damit vielleicht zu einer gewissen „Dekarbonisierung“ führt, wird immer noch in den „Rebound-Effekt laufen, wenn sie auf ständiges Wachstum und globalisierter Wohlstandmehrung setzt. Wie bei der Nachhaltigkeitsdefinition muss auch bei der Grünen Ökonomie präziser beschrieben werden, was das heißen soll, ob hier wirklich nur noch geschlossene Stoffkreisläufe unter Nutzung der Erneuerbaren vorliegen und wie in dieser Ökonomie die Gerechtigkeitsfrage gelöst wird, etc. Das ist natürlich nicht geleistet worden.

Internalisierung der Umweltkosten, die Marktwirtschaftslösung?

Grüne Ökonomen sagen, dass die „Ökodienstleistung“, d.h. z.B. die Fähigkeit der Luft, dreckige Gase weg zu blasen, von der Ökonomie unberücksichtigt bleibt, bzw. zum Nullpreis genommen wird. Jeder Restaurantbesitzer muss seine Müllentsorgung teuer bezahlen, aber die Ölindustrie, die Autofahrer, die Wohnungsheizer blasen ihre schädlichen Gase kostenfrei in die Luft. Das kann man über Auflagen ändern, so dass diese Entsorgungsdienstleistung auch auf den Preis eines Produktes kommt. Diese Internalisierung der Umweltkosten führt nach marktwirtschaftlicher Theorie dazu, dass wir versuchen, diese Kosten zu vermeiden, bzw. sie gering zu halten, und damit wirkt ein Entwicklungsdruck auf Technologien, die die Umweltbelastungen reduzieren. Methoden hierzu wurden schon in den 70er Jahren in den USA entwickelt. In Deutschland war es besonders Weizsäcker, der mit Einfluß auf die Grünen von den Preisen sprach, die die ökologische Wahrheit ausdrücken sollen. Leider haben diese Methoden auch Probleme. Diese den Schadenskosten entsprechenden Aufpreise bilden sich nicht über einen „realen“ Markt, sie müssen berechnet, politisch festgelegt, staatlich reguliert werden. Umweltschäden durch Luft- und Wasserverschmutzung sind schwer messen. Der Preis sollte aber den Schadenskosten entsprechen, damit nicht fehlgelenkt wird. Wenn die Preise verordnet werden  (wie z.B. bei den CO2-Zertifikaten), setzt Lobbyismus diese Festlegung unter Druck, dass im Zweifelsfall keine Steuerwirkung mehr entsteht. Weil über den Preis gearbeitet wird, kommt es leicht zu einer sozialen Schieflage. Eine Verdopplung des Benzinpreises stört den Porschefahrer wenig, aber er wäre für einkommenschwache Pendler, die ihren Arbeitsplatz nur mit dem PKW erreichen, eine extreme Belastung. Umgekehrt, wer öklogisch „richtig“ gehandelt hat, und z.B. seine Ersparnisse in die energetische Sanierung investiert hat. Der kann mit den für „normale“ Energiekosten eingespartem Geld neue Konsumprodukte erwerben, Fernflüge machen, etc.

Die Krux mit der Suffizienz

Die linksökologischen Kritiker an Nachhltigkeitsmogelpackungen, wie das Wuppertalinstitut, bestreiten nicht die Sinnhaftigkeit von Effizienzmaßnahmen und marktwirtschaftlichen Hebeln zur Ressourcenlenkung, aber dieses muß ergänzt werden durch eine Bremse in der materiellen Entwicklung. Mit ständigem Wachsum läßt sich auf einem endlichen Planeten auf Dauer nicht überleben ist ihr Credo. Man kann darauf verweisen, dass jahrtausendlang Arme und Reiche sich in etwa gleichbleibend reproduziert haben. Besser, schneller, weiter, höher, mehr, .. das sind keine Naturkonstanten sondern Erwatungen, die großzügig bemessen erst seit ca. 200 Jahren  eine Rolle spielen. Aber wer wollte, mit wessen Zustimmung ernsthaft das Rad zurückdrehen? So wenig wir hinter die Ergebnisse der Aufklärung zurück wollen, so wenig kann man wollen, dass eine Italienreise nur noch für Leute vom Format Dürers oder Goethes möglich ist. Es gibt schöne Beispiele für „weniger ist mehr“ aber weltweit betrachtet leidet die Mehrheit unter „zu wenig“ zum Überleben. Suffizienz oder eine „Ökonomie des Genug“ kann eigentlich erst aus der Perspektive des „Zuviel“ gesagt werden, und das ist weltweit eine Minderheitenperspektive. Während man die Effizienzsteigerung der Industrie nahelegen kann, trifft der Suffizienzhinweis auf die Konsumenten. Wer hört schon gerne: „kaufe weniger“, „fahre wenbiger Auto“, „fliege weniger“? Das Nischendasein für eine Suffizienzkultutr ist damit vorgezeichnet. (vgl. hierzu „Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz„)

Nachhaltigkeit eine Panikmache?

Untergangsprognosen waren bislang immer unzutreffend. Eine Zukunftsvision kann nur von dem ausgehen, was aktuell gedacht und gewußt wird. Auch Ökokatastrophen, wie das Waldsterben, diverse Ölpests, der vergiftete Rhein, erwiesen sich im Nachhinein als weniger dramatisch. Dem Schwall an Bedrohungen steht immerhin entgegen, dass die Menschen noch nie so lange lebten, wie heute, wir haben weniger Kriegstote als früher, selbstbestimmen, und  frei entscheiden können mit wachsendem Prozentsatz immer mehr Menschen. Hat hier nur der erste heftige Clash zwischen kapitalistischer Entfaltung und Naturaneignung, dessen Wucht aktuell ist, unsere Zukunftssicht eingetrübt? Gibt es nicht unendlich viel Energie von der Sonne, und unbegrenzte Kreativität des menschlichen Forschungsgeistes, um eine Überlebensfähigkeit der Spezies Mensch auch unter weiteren Wachstumsbedingungen zu ermöglichen?

Wenn man an die wahnsinnige Geschwindigkeit des jüngsten wissenschaftlichen Fortschritts im IT-Brereich denkt, hat man Grund zum Technikoptimismus. Aber Technik ist kein Selbstläufer, sie unterliegt dem Primat der Wirtschaft. D.h. die tollste Erfindung bleibt in der Schublade, wenn sie sich nicht rechnet. Der Enbergiebedarf der Welt könnte heute schon carbonfrei durch erneuerbare Energie gedeckt werden, aber  die Reichen Länder wollen den Preis dafür nicht zahlen, und die Armen können ihn nicht zahlen. Also wird das billig vorhandene Zeugs auch verbrannt werden, falls nicht heftig gegen den freien Markt gesteuert wird. Wenn das Verbrennen passiert ist, gibt es kein Zurückholen mehr. Eine Erderwärmung um durchschnittlich 5 Grad Celsius in kurzer Zeit kennen wir nicht. Als über Hamburg eine Eisdecke von 200 Meter lag, war die Durchschnittstemperatur nur um 5 Grad kälter als heute. 5 Grad, das ist kein Pappenstiel! Der Glaube, dass dann die Reichen mit Technik überleben, und die Armen in den Küsten und Slums einfach absaufen werden, ist angesichts der wachsenden Vernetzung und Interdependenz der globalen Wirtschaft irrig.

Optimismus hin, Pessimismus her, es führt eigentlich kein Weg daran vorbei, mit dem Wissen der Zeit den kommenden Herausforderungen entgegen zu arbeiten. Die Effizienz ist schon im Vormarsch. Die Sonne anzuzapfen beginnt sich zu rechnen und ist technologisch längst in Angriff genommen. Mit der Suffizienz hapert es noch, aber auch das kann sich ändern, es wird bislang zu wenig daran gearbeitet. Bei allem, auch von mir angestimmten Gemosere über den Eigennutz der Nationen und die mageren Ergebnisse der internationalen Schutzkonferenzen, bleibt doch festzuhalten, dass es sie gibt, und dass Verständigungsprozesse laufen.  Wir haben keine einzelne Weltmacht mehr, die ihren Stempel aufdrückt, aus G8 ist bereits G20 geworden. Wenn es weiterhin oben klemmt, muss eben von unten der Druck erhöht werden. Effizienz, Suffizienz und ökologische Preise sind keine Wunderwaffen, aber Gestaltungsmittel, die immer wieder neu zu justieren sind. Es ist gut, dass in Rio 2012 der Grünen Ökonomie das Wort geredet wurde. Unsere Aufgabe besteht darin auch die grüne Kultur zu stärken. Vielleicht erzwingt die Eurokrise in den südlichen Ländern mit schrumpfenden BIP neue Lebensmodelle, die jenseits von Nischen aufzeigen, wie ein Leben mit geringerer materieller Individuialausstattung dennoch zu mehr Lebensqualität führen kann. Aus Not geborene Suffizienz? Mehr Verteilungsgerechtigkeit und kein Zusammenbruch der Sozialsysteme unter den Bedingungen einer Wirtschaftsschrumpfung?

 

 
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Eine Antwort auf Nachhaltigkeit +20

  1. RKeller sagt:

    Ich bin auf diesen Artikel gestoßen, nachdem ich bei Google über die Schattenseiten des Nachhaltigkeitsstrebens recherchiert habe. Ich habe einen weiteren Blogtext gelesen in dem der Rebound-Effekt sehr anschaulich dargestellt wird. (nachzulesen unter: http://www.stuttgart-solar.org/der-mythos-von-der-nachhaltigkeit/ ). Mit erschrecken habe ich mein eigenes Verhalten widergespiegelt gefunden.

    Danke für diesen erhellenden Beitrag! LG, Rainer

     

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