Mit den Öl- (und Kohle)Konzernen in die Katastrophe?

Hartmut Graßl, ein Klima-Mahner der ersten Stunde hat 1991 auf den Toblacher Gesprächen zum Thema Energiewende einen Vortrag zur Klimaentwicklung gehalten, der mich damals sehr berührt hat. Die Botschaft lautete: Die überwältigende Mehrzahl der Klimaforschungscommunity ist sich darin einig, dass wir mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einer menschgemachten Klimakatastrophe entgegen gehen, wenn wir weiterhin ungebremst CO2 emittieren. Noch nie in der Geschichte hat eine Zunahme der Konzentration klimaschädlicher Gase in so kurzer Zeit stattgefunden, so dass ein Anpassungsprozess für Mensch und Tierwelt schwierig wird. Unwetterzustände werden massiv zunehmen, Temperaturanstiege mit Trockenheit werden das Landwirtschaften in großen Teilen der Erde extrem erschweren, der Wasserspiegel der Ozeane wird steigen. Diese Forschungsergebnisse sind heute zigfach bestätigt, auch wenn immer wieder mal im Spiegel oder in der Zeit ein Wissenschaftler auftaucht, dessen Arbeiten entweder direkt von der Ölindustrie gesponosrt sind, oder weil er sich einfach wichtig machen will, und versucht, von natürlichen Zyklen, von Gegenbewegungen, von Sonneneruptionen etc. zu sprechen, die das  Ganze als entweder ohnhin unveränderbar, oder eben als übertriebene Panikmache hinstellt.

Es liegen 20 Jahre Forschung zwischen diesen frühen Warnungen und heute. Es gibt global ca. 40  Klimagroßmodelle, die unabhängig voneinender zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen. Wenn der republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney im Wahlkampf 2012 verkündet, man müsse noch messen, es sei nichts bewiesen, dann ist das ein Desaster, wenn man bedenkt, dass die USA für 40% aller CO2-Emissionen verantwortlich sind. Fakt ist, wir wissen Bescheid, aber die politischen Beschlüsse, um die Emission von CO2 zu reduzieren, werden auf den Konferenzen seit Kyoto immer schlechter als besser, und der CO2-Ausstoß steigt weiter an, fern weg vom Reduktionsziel.

Die Krise des Finanzsystems und die Eurokrise stehen in unser aller Bewußtsein an erster Stelle, denn wenn der Euro den Bach runter geht, ist am nächsten Tag mein Ersparniskontostand dahin. Wenn es mit dem Klima den Bach runter geht, dann verläuft das zwar heute schon schneller, als die Experten es vermuten (z.B. Arktisschmelze), aber die volle Wucht  schlägt andernorts ein und trifft das klimatologisch relativ stabile und wirtschaftlich reiche Europa erst in Jahrzehnten.

Bei mir hat nun jüngst ein Artikel von Bill McKibben zum Global Warming Thema aus dem mobilen Rolling Stones Magazin eingeschlagen. Er diskutiert (als Neue Mathematik) drei Zahlen:

  • 2 Grad Celsius
  • 565 Gigatonnen
  • 2.795 Gigatonnen

2 Grad Celsius: Auf der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen beschloss die internationale Klimaschutzgemeinde, dass man 2 Grad zusätzliche durchschnittliche Erderwärmung als maximal hinehmbare Größe ansehen kann. Das war eine rein politisch austarierte Zahl, denn niemand weiss genau, was diese Erwärmung bedeuten wird. Es gibt keine ökologische Formel, die berechnen könnte, was ein „noch richtiges“ Temperaturniveau darstellt. Aus diesem Grunde ist es auch unsinnig, ein „ökologisches Primat“ in der Frage des sustainable development zu verlangen. Argumentationsreich legt McKibben in seinem Artikel dar, dass wir heute zusätzliche o,8 Grad Celsius Erwärmung haben, und dass die bereits gravierende Phänomene zeitigen, die eigentlich schon nicht mehr hinnehmbar seien. Die Wahrscheinlichkeit von Hurricans und Überflutungen hat zugenommen, Gletscher- und Eisschmelze in der Arkis ist extrem, Lange Dürreperiode mit riesigen Ernteausfällen nehmen zu, etc. In heutigem Licht muss man anzweifeln, dass die 2 Grad Celsius eine gute politische Option waren – und es gibt bislang noch keinen Konsens, sich auf Maßnahmen zu einigen, die die Einhaltung dieser Zahl entgegenkommen!

565 Gigatonnen: Die Wissenschaft hat berechnet, dass 565 mehr Gigatonnen CO2 in einem halben Jahrhundert von der Atmosphere gerade noch verkraftet werden kann, um mit der weiteren Erwärmung unter 2 Grad Celsius zu bleiben. Die Klimahauptkommission, das Intergovernmental Panel on Climate Change, hat in der letzten Dekade diese Zahlen immer wieder bestätigt, so dass man dem glauben kann. Die jüngsten Erhebungen des Panels zeigen, dass wir weltweit einen Anstieg von ca. 3% CO2-Emissionen jährlich haben. Danach sind bereits in 16 Jahren die 565 zusätzlichen Gigatonnen in der Luft! D.h. der aktuelle Trend ist viel zu hoch, und die Politik findet keine Verfahren, wie sie ihn stoppen soll.

2.795 Gigatonnen: Es gibt eine Carbon Trucker Initiative, die als Beratung für die Finanzindustrie über Risiken im Energiesektor fungiert und auch Expertiesen zum Öl- und Kohlevorkommen erstellt. Die Experten haben voriges Jahr die hebbaren Reserven zusammengerechnet, die die Öl- Gas- und Kohlekonzerne weltweit bereits in der Planung haben. Sie kommen dabei auf die Zahl von 2795 Gigatonnen CO2-Emissionsäquivalent. Diese Zahl ist sicher ungenau, und verändert sich auch in dem Masse, in dem der Druck auf neue Vorkommen zunimmt. Aber das Drama besteht darin, dass diese Zahl 5 mal größer ist, als was man eigentlich maximal emittieren wollte! Und da diese Menge einen Wert von ca. 27 Billionen $ hat, muss man  unterstellen, dass die auch umgesetzt wird. Anders gesagt, in dieser Branche, die natürlich auch Klimaexperten in ihren Gremien hat, wird bewußt kriminell und menschenverachtend investiert, um den Profit, der mit den vorhandenen Ressourcen erwirtschaftet werden kann, einzustreichen.

Was tun? McKibben sieht in Verhaltensänderung (man denke an Bildung für nachhaltige Entwicklung) keine Chancen. Wir alle profitieren vom billigen Ölpreis, lieben einen energieverzehrenden Lebensstil, und solange die anderen das tun, tut es auch der Einzelne. Auch von der Politik hält er nichts. Obama hat im Wahlkampf aggresiv auf das global warming hingewiesen, und in der Nacht des Wahlerfolges gesagt, seine Wahl würde den Moment markieren, wo der Anstieg der Ozeane gestoppt und der Planet geheilt werde. Durchgesetzt hat er gegen die Automobilindustrie, dass der Treibstoffverbrauch stetig gesenkt werden müsse. Als Kohlevorkommen in Wyoming erschlossen werden sollten (67,5 Gigatonnen CO2), hat Obamas Innenminister im März dieses Jahres gesagt: „You have my word that we will keep drilling everywhere we can… That’s a commitment that I make.“ Dieses widersprüchliche Handeln, Umwelktschutz predigen, und dann der Carbon-Industrie die Türen öffnen belegt er noch mit weiteren Beispielen.

Während bislang nur graduelle Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung vorgenommen wurden, fehlt es an einer breiten Bewegung, die richtig Druck machen könnte, um ein zeitnahes massives Klimaschutzhandeln einzuleiten. Eine solche Bewegung brauchte ein Feindbild.  Der „Public Enemy Number One“ gegen das Überleben der planetarischen Zivilisation sei die Karbon-Industrie, deren Geschäftsagrundlage in der Zerstörung der Welt liege. Wenn allein Exxon seine derzeitigen Reserven verbrennt, nimmt es über 7% des verbleibenden „CO2-Raums“ (die 565 Gigatonnen). Gefolgt von BP, Gasprom, Chevron, ConocoPhillips und Shell (jeder zwischen 3 und 4 %). Die Milliardärsbrüder Koch, die ca. 50 Milliarden Dollar wesentlich an Öl- und Kohlekonzernanteilen besitzen, würden ihre Profite verlieren, wenn die Carbonnachfrage gesenkt würde. Folglich fördern sie massiv die „Klimaleugnungs“-Regierungen (Bush) und unterstützen z.Zt.  den Kandidaten Romney mit 200 Millionen $.

Umweltschützer haben wegen des gewaltigen Einflusses der Ölindustrie Angst, diese zum Feind auszuwählen. Man versuchte, die Konzerne zu überzeugen, den schädlichen Ölpfad zu verlassen, um mit den Erneuerbaren Profit zu machen. BP machte einen kurzzeitigen Versuch, sich ein neues Profil zu geben (Beyond Petrolium). Aber ihre Investitionen in alternative Energien blieben nur einen Bruchteil von dem, was in die Erforschung und Ausbeutung von Öl- und Kohlevorkommen fließt. Und die jüngeren BP-Manager bestehen darauf, dass BP zu seinem „Kerngeschäft“ zurückkommen solle. Die 5 größten Ölkonzerne haben seit der Jahrtausendwende ca 1 Billion $ Gewinn erzielt. Das sei einfach zu viel Geld, das mit Öl, Gas und Kohle gemacht werden kann, um auf andere Dinge umzuschwenken, sagt McKibben. Ein wesentlicher Grund für die hohen Profite besteht darin, dass alle Industriezweige für die Entsorgung ihrer Abfälle zahlen müssen, außer eben der Fossiltreibstoffindustrie, die ihre Schadstoffe (CO2) zum Nullpreis emittieren kann (Externalisierung von Kosten). Das sei ein historischer Unfall, meint McKibben, denn als dieses Gewerbe sich entwickelte, wußte niemand, das CO2 ein gefährliches Treibhausgas ist, und warum sollte man etwas bepreisen, das keine Probleme macht?

Anti-Karbonindustriekampagne. Sowie eine Emissionssteuer auf Öl, Gas und Kohle gelegt wird, steigen die Preise, und wenn der Anstieg die wirtschaftliche Schmerzgrenze erreicht, erhalten die Konsumenten ein starkes Signal, nach alternativen Energiequellen zu suchen, so dass deren Entwicklung vorangeht. Mit steigendem Ölpreis sinkt die Nachfrage, was zu einer Entwertung der vorhandenen Ölreserven führt. Um den Bürgern diese Steuer schmackhaft zu machen, soll das Steueraufkommen, nicht wie in Deutschland die Ökosteuer zur Förderung der Ernbeuerbaren verwendet werden, oder gar zum stopfen der Haushaltslöcher, sondern typisch amerikanisch, sollte per monatlichem Scheck das erzielte Aufkommen an die Bürger zurück überwiesen werden. Eine Bewegung, die sich für eine Emissionssteuer stark macht, wird mit starkem Widerstand rechnen müssen, aber angesichts der hohen Bedrohng, meint McKibben, könnte ein moralischer Druck in der Öffentlichkeit aufgebaut werden, der diese Forderungen durchsetzt. Als Beispiel führt er die Anti-Apartheit Kampagne in den 80ern gegen das Apartheit-Regime von Südafrika in den USA an, wo über öffentlichen Druck kampagnenartig nahezu alle größeren amerikanischen Firmen ihre Investitionen aus Südafrika abzogen, und so die rassistische Regierung zu Fall brachten. Die Steuer sollte in den USA beginnen mit der Hoffnung, dass das dann auch auf andere Staaten überschlägt.

McKibbens Darlegung der Katastrophengefahr durch die übermäßige Nutzung der Nichterneuerbaren ist sehr beeindruckend, aber seine Lösungsidee finde ich dann doch etwas weniger überzeugend. Die Methode der Internalisierung externer Kosten wurde von Umweltökonomen in den USA in den 70er Jahren entwickelt, da gibt es ein ganzes Bündel von Möglichkeiten, wie man den Verursacher an seinen externen Kosten beteiligen kann. Die Emmissionszertifikate in der EU sind z.B. ein Instrument, das in die selbe Richtung wirken soll, wie McRibben das wünscht, aber die Lobby der entsprechenden Industrien ist immer so starkt, die notwendige Preishöhe soweit herab zu drücken, dass eine Lenkungswirkung kaum noch erfolgt. Die sgn. „Ökosteuer“ in Deutschland wurde gerade für die stark energieverbrauchende Branche so mit Ausnahmeregelungen gemixt, dass dort eine Lenkunswirkung nicht erfolgte. Als die Partei der Grünen einmal leichtsinnigerweise wagte, einen Spritpreis von 5 DM pro Liter zu verfolgen (das wäre eine Emissionssteuer), haben sie danach drei Landtagswahlen verloren, bzw. Stimmenverluste eingefahren, ohne dass die Öllobby den CDU-Wahlkampf besonders gefördert hätte. Diese Erfahrungen weisen darauf hin, dass es vielleicht doch etwas zu einfach ist, die Ölindustrie zum „Enemy Number One“ zu erklären. Die Lobbyarbeit der „Karbonindustrie“ kann nur so wirkmächtig sein, wenn sie auch überzeugende Argumente hat. D.h. der Bürger macht die Lobby stark, wenn er nicht bereit ist, auf einen Teil seiner Auto- und Flugmobilität zu verzichten, und wenn er sofort in die Knie geht, wenn man mit hohen Strom- und Gaspreisen droht. Solange also in der Masse keine Bereitschaft besteht, einzusehen, dass echter Klimaschutz einen Preis hat, und richtig weh tun kann, wird es keine große Kampagne gegen die „Karbonindustrie“ geben.

Meine Hoffnung war bislang, dass die Ökonomie das Problem von selbst erledigt. D.h. die Förderkosten von Öl und Gas und die weltweit wachsende Nachfrage danach sollten bald den Preis so hoch treiben, dass die Erneuerbaren im Kontext ihrer Förderung und Entwicklung letztlich billiger sind, und sich dann durchsetzen, so dass wir vom Öl abkommen. Das ist mit der Kernenergie der Fall gewesen, sie ist ohne echte Zukuft, weil sie im Saldo teurer ist als Öl und Gas. Aber leider gibt es offenbar so viel Vorkommen in der Welt, und die Technologieen, sie preiswert zu heben, wachsen auch, so dass meine Hoffnung bislang nicht aufzugehen scheint. D.h. an dem zu viel Öl, das wir haben, könnten wir zugrunde gehen.

 
Dieser Beitrag wurde unter Nachhaltigkeit veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.