post privacy – Generationenfrage?

Im 6. Kapitel, Post Privacy Taktiken, versucht Heller mit Beispielen der sexuellen Revolution zu zeigen, dass die Devise, „Du bist nicht der Einzige“ ein befreiendes Element hat. Das coming out für Schwule sei zwar in manchen Umständen nicht ungefährlich, aber es erhöht das Selbstbewußtsein, sichert die Rechte der Minderheit, etc. In diesen Ausführungen versucht uns der Autor schmackhaft zu machen, dass die Entprivatisierung positive Potentiale hat, und dass die so „offene“ Gesellschaft letzlich ein Gebot zu mehr gegenseitiger Toleranz enthalte. Der Verweis auf die diversen coming outs scheint mir etwas gemogelt. Wenn sich ein Schwuler geoutet hat, oder eine „Mein Bauch gehört mir“-Demo erfolgte, dann geschah das erfolgreich nur im Kontext einer politischen Bewegung. Durch ein konzertiertes Auftreten der Minderheit wurde erreicht, dass ein Merkmal aus der privaten Feuchtzone ins Öffentliche gezogen wurde. Das war im Effekt keine Demontage von Privatheit, sondern nur ihre Korrektur in Richtung einer aufgeklärteren gesellschaftlichen Kultur.

Wir erleben diesen Prozess der Veränderungen dessen, wo die Grenzziehung zwischen Privatem und Öffentlichem sich verschiebt, in säkularisierten, westlichen (vielleicht auch östlichen?) Gesellschaften. Die Ursachen dafür liegen aber sicher nicht darin begründet, dass uns die Allgorithmen ohnehin entblößen würden. Ich sehe das eher als ein Vermarktungsphänomen in der Konsumgesellschaft an. Man muss sein „Profil“ zu Markte tragen, um Käufer zu finden, um sich als Selbst besser positionieren zu können, etc. Jede Ware schreit mit Werbung, damit sie gekauft werde, und die Subjekte nähern sich dem Warencharakter an, in dem sie sich ebenfalls schreierisch entäußern, um bemerkt zu werden.

Das Verhältnis, wie man zu diesem Prozess steht, ist sicher auch eine Generationenfrage. Die Alten wollen da viel weniger mitmachen als junge Menschen. Wenn ich in meiner Altersriege über post privacy rede, geht Entsetzen um. Wie kann man das Private ablegen, das ist doch Schutz vor Draußen, Kreativitätshort, Selbstbestimmung, etc. Vielleicht wird unterschiedlich bewertet, weil die Alten heute unter dem Jugendlichkeitsdruck  mehr zu verbergen haben. Sie verstecken ihr wahres Aussehen hinter Schönheitsoperationen, sie wollen nicht, dass man ihr Einkommen sieht (was offensichtlich nur die Schweden nicht stört, worauf Heller hinweist), und den Körper bedecken sie mehr, weil der nicht mehr jugendlich ist. Wie auch immer, dem unbekümmerten Twittern, dem privaten fotounterlegten Nachrichtenstrom in Netzwerken wird mit Unverständnis begegnet. Ich bin da (allerdings ohne Schönheitsoperation) wohl auch ein typischer Vertreter dieser Richtung. Mich intressieren die Privatspären meiner Arbeitskollegen, meiner Bekannten, meiner Studierenden ziemlich wenig. So ist mir schon peinlich, dass ich mir kaum die Namen der Kinder meiner Freunde merken kann. Auf einem Worksohp hatte ich mich sehr angeregt mit einer Referentin unterhalten. Promoviert, im Entwicklungsbereich global tätig, gut aussehend, und wir kamen nebenbei auf Facebook zu sprechen. Ja, da sei sie auch drin, und ich war damals frisch drin, und schon tauschten wir unsere User-IDs. Zuhause stelle ich dann zwei Tage später fest, dass sie eine sehr aktive Userin ist, die fast täglich mindestens einmal posted, wo sie sich gerade befindet, und was sie gerade tolles (und nicht tolles) macht. Wie kann man so einen Schrottel posten, und gleichzeitig so intelligent sein? Ja, da hatte Heino ein Problem.

Ich habe das dadurch gelöst, dass ich von unerwünschten frührenen Newsstreamings gelernt hatte, dass es einen „hide“ Button gibt, mit dem sich diese privaten Ergüsse stoppen lassen. Da war ich wieder bei der post privacy Theorie, man will nicht das Senden unterdrücken, man braucht Filterkompetenz, um sich in der Bubble oder außerhalb ihr wohlig einrichten zu können.

 
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