Zum Hype um learning 2.0

Wer an Universitäten, Weiterbildungseinrichtungen, betrieblichen Fortbildungszentren nach e-learning sucht, findet eine hohe Verbreitung von e-administration (oder e-support), d.h. die meisten Bildungsangebote ausserhalb der Schule sind auf entsprechenden Plattformen der Anbieter registriert, die Lernenden finden dort ihre Studientexte, per Mail oder auch per Plattform werden Aufgaben bereitgestellt. Der Unterricht und die Prüfungen dagegen sind in aller Regel „präsent“. D.h. das ganze Drumherum wird heute über das Netz administriert, aber die eigentliche Lehre fiundet in den „realen“ Lernräumen statt. An einigen Unis wird als e-Schmankerl die aufgezeichnete Vorlesung als Video zum download bereitgestellt. Das ist praktisch, wenn Hörsäle überfüllt, oder die Lerner abwesend sind. Diese Lernformen sind im Prinzip noch ganz traditionell, während Angebote, die den Namen e-learning verdienen, wo z.B. über die Inhalte im Netz diskutiert wird, die große Ausnahme sind. Niemand läßt sich da gerne in die Karten gucken. Nach meinem Überblick an deutschen Universitäten dürfte ein „echtes“ e-Learning bei maximal 2-3 Prozent aller Lehrangebote liegen. Was durchaus bedeuten kann, dass in wenigen Fachbereichen (bei wenigen Professoren) auch mal eine hohe e-Learningdichte auftreten kann. Fazit, das anno dazumal hochgelobte e-learning als moderne Lehrform, die alles alte ablösen wird, gibt es faktisch kaum.

Wer im Internet nach e-learning recherchiert, wird schnell erfahren, dass e-learning im klassischen Sinne tot sei, das nun aber das ganz neue, alles revolutionierende Lernen mit social media, Lernen 2.0, oder Microlearning, oder m(mobile)-Learning und wie die Worthülsen alle noch heißen mögen, angesagt ist. Die lautesten Verkünder von Lernen 2.0 kommen aus dem e-teaching business, d.h. das sind die selben Leute, die vor 5-10 Jahren noch vom Lernen auf Internetplattformen geschwärmt haben, und diese als die größte pädagogische Errrungenschaft feierten. Die Begriffe tauchten zuerst bei den anglo-amerikanischen e-learning Bloggern auf, die meist entsprechende Lehraufträge haben, und zugleich mit der Fortbildung, Coaching und anderem in Industrieunternehmen verbandelt sind. Ein ganz wesentlicher Schub für diese „neuen“ Lernformen kommt sehr wahrscheinlich aus dem anders gearteten amerikanischen Bildungssystem. Training on the job zur Kurzqualifikation auf einem hoch mobilen Arbeitsmarkt ist hier wesentlich gefordert. Und weil der Kostendruck hoch ist, können die Angestellten keine Lehrgänge in der Arbeitszeit wahrnehmen, also sucht man das Lernen aus zu gliedern. Die Verantwortlichkeit liegt beim Angestellten, und damit das überhaupt geht, kriegt er Learn-Nuggets. Und nicht die Firma soll sich um die (teure) Pflege einer Lernplattform kümmern, wir haben ja facebook, auf dem die Angestellten sowieso zuhause sind, also können sie auch darauf lernen. Dieser bildungsökonomische Hintergrund läßt sich lerntheoretisch schön kaschieren, denn seit Ende des letzten Jahrhunderts wird mit dem in der Pädagogik hoch favoriosierten Konstruktivismus das selbstgesteuerte Lernen als effektivste Lernform gepriesen. Danach soll der Lerner selbst entscheiden, was er wann, wo, mit welchen Methoden lernen will. Genau das ermöglicht das Lernen mit social media!

Wie alles IT-Inspirierte meist nicht bei uns entwickelt wird, sondern von den Staaten über den Ozean zu uns schwabbt, wurde auch der Learning 2.0-Optimismus ins Deutsche übersetzt, ohne dass der bildungsökonomische Hintergrund mitbedacht wurde. Die deutschen Jungs aus dem e-teaching Geschäft haben nur magere Aufträge bei den Unternehmen, weil die bislang mit den Konzept keine guten Erfahrungen gemacht haben, da braucht man eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben werden kann, das ist Lernen 2.0! Das sieht dann so aus:

Das Muster läßt sich immer wieder finden: klassisches E-Learning ist out, jetzt kommt das Lernen 2.0!

An den Unis gibt es einige Versuche, Lernformen des web 2.0 in die Lehre zu integrieren, aber vom großen Durchmarsch kann gar keine Rede sein, und Untersuchungen über das Lernverhalten der Teilnehmer solcher Angebote sind sehr rar.

Ich denke, die web 2.0 – Optimisten sollten die Kirche im Dorf lassen. Wenn man nicht absoluter Anhänger der post-rivacy Bewegung ist, dann macht es durchaus Sinn, dass Lernen in einem geschützten Raum stattfindet, dass, wie im klassischen e-Learning der Fall, eine Lernplattform der Ort ist, wo die organisatorischen Fäden zusammenlaufen, wo benotungsrelevante Diskurse in der geschlossenen Lerngemeinde unter Begleitung des Dozenten geführt werden. Wo und mit welchem Tool dann die Lernenden z.B. ihre Gruppen- oder Projektarbeit organisieren, das kann neuerdings auf dem (social) Medium stattfinden, das den Lernenden vertraut ist, das muss selbstverständlich nicht die primäre Lernplattform sein. Und ob die auf facebook organisierte Lerngruppe auch den Dozenten als Berater in ihre Gruppe lassen will, das ist ohnehin die große Frage. Das Private (soweit es das eben doch noch gibt) in der Freundesgruppe bei Google+ oder StudVZ, etc. geht den Dozenten nichts an. Auch wenn man dann extra Circles nur für das Lernen gründet, kommt doch der Zugriff über Freundeskreise schnell zustande, und plötzlich sieht ein Prof ein Partyfoto aus einer Zeit, wo sein Student sich krank gemeldet hatte. Oder er sieh Postings, in denen über die Qualität seiner Lehrveranstaltung gelästert wird. Der „Sozialbetrieb“ der Lernenden und der Lehrbetrieb der Lehrenden sollte letztlich doch besser in getrennten Häusern stattfinden. Wo aber WEB 2.0 mit Sicherheit einen großen Einfluss aufs E-Learning hat, ist die Verbreitung von Netzkultur, von Netzkommunikation und von Netzkompetenz. Das Manko bisherigen E-Learnings liegt nämlich nicht in der „klassischen“ Plattformangebotsstruktur, sondern es ist dem Mangel an Lernerfahrung im Netz geschuldet. Fragen der Zeitorganisation, des Umgangs mit Tools, der Sicherheit, welche Kommunikationssprache im jeweiligen Kontext zu wählen ist, der Selbststeuerung des Lernprozesses, der Umgang mit den Lernmaterialien, etc. das sind die Schwachstellen des E-Learnings. Oder anders gesagt, „präsentes Lernen“ haben alle seit ihrer Kindergartenzeit erfahren, sie kennen die Kontexte, die Riten, die Arbeitstechniken. E-Learning ist heute für Viele eine ganz neue Lernerfahrung, mit einer erheblich anderen Lernkultur. Und daran sind die bisherigen E-Angebote häufig gescheitert. Das verändert sich nun mit dem WEB 2.0, und wie dies akzeptiert wurde, gewaltig. D.h. eine E-Learningkultur kann heute erst auf größere Netzkompetenz gründen, das wird die E-Angebote in den nächsten Jahren gut wachsen lassen, und das WEB 2.0 wird  mit neuen Formen selbstgesteuerten Lernens um das lehrorientierte E-Lehren herum sich produktiv auswirken.

 
Dieser Beitrag wurde unter e-learning veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.