Kreide und Schwamm waren gestern (?)

 

 

 

 

Im zitierte Onlineartikel und stärker noch in der erweiterten Printfassung in der taz vom 16.1.12 ergießt sich Christian Füller in pädagogischer Technikeuphorie. Ja, es gibt die wenigen Schulen und Lehrer, die mit ihrem Avantgardegerät in die Schlagzeilen kommen. Und den Schülern mag das gefallen, und die Ergebnisse dieser Einzelfälle mögen ganz ordentlich sein (dass die Tablets in die Schulen fluten, ist allerdings ein Euphemismus). Das sollte aber nicht den Blick dafür vernebeln, dass es auch einige medial  „konventionelle“ Lehrende gibt, die ebenfalls ihre Schüler begeistern, und die Klasse zu ebenso guten Leistungen führen. Vom Medium allein gehen keine Wunder aus.

Wenn man über die Rolle der Lernmedien reflektiert, dann sollte eigentlich das Prinzip gelten, erst kommt die pädagogische Aufgabe, und dann überlegt man sich ein Lehr-/Lernkonzept und dazu gehört schließlich die Frage, mit welcher medialen Unterstützung diese Aufgabe am besten einzulösen ist. Die um Absatz bemühte IT-Branche verkehrt seit Jahren dieses here Prinzip. Sie präsentiert Hardware, die häufig für ganz andere Zielbereiche konzipiert war, und geht damit auf Bildungsmessen hausieren (weil sie Absatzfelder sucht). Schnell entsteht dann der Eindruck, hier haben wir die modernen Medien, und dort sind die dummen Lehrer, die damit nicht umgehen können.

Der PC z.B. war eine Universalmaschine, deren Umgang erst erlernt werden musste, und die erhebliche Kompetenzen abverlangt, methodischer und technischer Art, bevor damit ein „guter“ Unterricht gemacht werden kann. Das Tablet wurde von Steve Jobs nicht für Schulen konzipiert, es sollte ein Kult- und Spassgerät werden, mit dem der Nutzer in den Applemarkt gezogen wird. Hunderte Millionen Nutzer kaufen mit einem kleinen Appsklick eine Anwandung oder ein Musikstück für wenig Geld, was in der Masse aber gewaltigen Umsatz bringt. Das Tablet ist genial, es hat einen Sog zum rumgucken im Internet. Schüler, die im Prinzip erst mal wenig Bock auf Schule haben, wenn die so ein Gerät vor die Nase bekommen, sollte ihnen niemand verdenken, dass sie in sozialen Netzen spazieren gehen, kultigen Konsumgegenständen nachschauen, trendige Fangemeinschaften aufsuchen, etc. Die arme Deutschlehrerin, die sich engagiert darum bemüht, etwas Zeitgenössisches aus der klassichen Literatur zu destillieren, wird 2/3 ihrer Energie aufwenden müssen, den Ablenkungsgehalt dieses Fungerätes bei ihren Schülerinnen einzudämmen. Und indem sie das tut, wird der Unterricht mit dem Tablet überhaupt nicht mehr spannend, der Reiz ist fort.

Bei einem e-Reader sieht die Sache schon anders aus. Er ist nichts anderes, als die elektronische Form eines Buches mit der Möglichkeit, Annotationen in die Wolke zu schicken, so dass eine Kommunikation über die persönlichen Anmerkungen in Schriftform möglich ist. Wer liest, wird von der Maschine nicht abgelenkt. Man müßte mal eine Ökobilanz aufmachen, ob ein e-Reader über alle  Schuljahre weniger klimaschädlich ist, als der Durchsatz vieler Lehrbücher in den Schuljahren. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass der e-Reader bei den Kids nicht sonderlich gut ankommt, denn man kann mit ihm nicht spielen.

Beim Whiteboard sollte man sich auch fragen, ob der technische und energetische Aufwand dem geringen pädagogischen Mehrwert entspricht. Dass das Geschriebene gleich irgendwo steht, muss kein Vorteil sein, ich habe viel gelernt, als ich meine Vorlesungsmitschriften zuhause noch einmal selbt reformulieren mußte, oder dass ich mir zu Schulzeiten ein Heft anlegte, in das ich das Gehörte und Diskutierte noch einmal eingetragen habe. Dieses Gerät scheint mir im Businessbereich sinnvoll zu sein, hier muss man imponieren, man will Informieren, über ein Produkt oder über Prozesse. Da soll nicht gelernt werden, sondern Anweisungen sollen schnell mit an den Arbeitsplatz genommen werden können.

Es gibt kein „digitales Lernen“. Gelernt wird immer noch durch soziales Handeln, diskutieren, Aneignungen,  Veränderungen, die im Kopf statt finden. Und das Internet ist kein Lehrer, sondern nur ein Abstellraum für Content. Die Erschließung des Kontents muss vom Lerner aus erfolgen. Und der moderne Lehrer als Lernberater steht optimalerweise physisch neben dem Lernenden und suboptimaler weise fungiert er aus der Ferne über Mails oder soziale Netze in Kommentarform.

 
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2 Antworten auf Kreide und Schwamm waren gestern (?)

  1. Tim Fabels sagt:

    Hallo Herr Hapel,

    Von die Niederlande aus folge ich sehr intensiv die digitalen Entwicklungen des Deutschen Unterrichts.

    Ich möchte Sie gerne interessieren für die nächste Weblinks. Bildung ändert stark, auf globaler Umfang. Da ich selbe Lehrer gewesen bin und stark mich verbinde in diese Diskusion kann ich das vereinbaren.

    http://www.ted.com/talks/lang/de/sugata_mitra_the_child_driven_education.html

    http://www.ted.com/talks/lang/de/salman_khan_let_s_use_video_to_reinvent_education.html

    http://www.ted.com/talks/lang/de/sir_ken_robinson_bring_on_the_revolution.html

    Bitte wenden Sie sich mit allen Rückfragen an mich.

    Liebe Grüßen,
    Tim Fabels

    tim@gynzy.com

     
  2. HApel sagt:

    Hallo Tim,
    danke für die Links. Damit wir uns nicht missverstehen, ich bin selbst ein Anwender Neuer Technologien in der Lehre, sogar ein Pionier. Aber es muss der Kontext mit gedacht werden. Zum ersten Beitrag des Inders, der davon schwärmt, wie schnell in den unterentwickelsten Regionen Kids mit einem PC umgehen können, habe ich eine kritische Anmerkung. In den ärmsten Regionen der Welt fehlt es nicht an Computern, sondern an Schulen. Für die Kosten eines PCs (und wehe, von dem geht etwas kaputt, keine Chance für eine Reapatur) kann man mit der Gemeinde eine ganze Schule (zumindest einen überdachten Raum mit Stuhlbänken, Tafel, etc.) bauen. Da ziehe ich das Schulgebäude vor.
    Mit den Lehrvideos, die zuhause anzuschauen sind, und die Schule stellt den Ort des Hausaufgabenlösens dar, habe ich keine Probleme. Prima Idee, die ist sicher eine glänzende Ergänzung zum „Normalunterricht“.
    Und der letzte rethorisch glänzende witzige Beitrag, mit dem Motto „wir brauchen nicht Evolution sondern Revolution“ ist wunderbar, aber das ist eben auch nur eine Forderung, die x-mal furmuliert wurde. Nur die Schulsysteme in aller Welt sind leider Tanker, die sich nicht durch schöne Reden revolutionieren lassen, sondern nur mit sehr viel Aufwand sehr langsam in neue Richtungen zu schieben sind. Auch rotgrüne und schwarzgrüne Landesregierungen in deutschen Bundesländern, die ein bißchen revolutionieren wollten, werden vom Wähler abgestraft, oder sie müssen, wie jetzt in Baden Würtemberg ganz kleine Brötchen backen, um überhaupt Akzeptanzen zu finden.

     

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